Titel: Ueber eine besondere Art der Fadenbildung bei der Glasspinnerei; von E. Tscheuschner.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1885, Band 256/Miszelle 1 (S. 139–140)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj256/mi256mi03_1

Ueber eine besondere Art der Fadenbildung bei der Glasspinnerei; von E. Tscheuschner.

Bis zu welchem Grade von Feinheit und Elasticität Glas versponnen werden könne, hat bekanntlich zuerst Jul. de Brunfaut (vgl. 1868 190 432. 493. 1872 206 242. 1874 211 482) gezeigt, indem er seine Gespinnste in Verbindung mit Seide zu geköperten Kleiderstoffen verweben lieſs, von welchen letzteren ein Anzug einem Werthe von 2000 M. und mehr entsprach. Konnten auch diese Stoffe ebenso wenig, als die aus Fädenbündeln geflochtenen Kragen, Schleifen., Spitzen, Besätze verschiedenster Art u. dgl. bei allem Glänze ihrer äuſseren Erscheinung wegen der unleidlichen Wirkung der beim Gebrauche solcher Gegenstände unvermeidlich sich ablösenden Fadensplitter auf die Haut keines dauernden Erfolges sich erfreuen und ist heute die Herstellung eines wolle- oder watteartigen, zu chemischen Zwecken dienenden Gebildes fast die einzige |140| gröſsere Verwendungsweise, des Glasgespinnstes, so wird doch die Gewinnung des letzteren immerhin zu den interessanteren Arbeiten vor der Glasbläserlampe zu zählen sein.

Man nimmt in der Regel an, daſs zum Spinnen eine besondere Zusammensetzung des Glases nicht erforderlich sei, wenn man von der Forderung eines guten, elastischen Materials als selbstverständlich absieht, und auch die von Benrath (Glasfabrikation S. 365) mitgetheilten Analysen eines böhmischen Flechtwerkes und einer Watte de Brunfaut's sprechen im Allgemeinen dafür. Es sei indessen auf eine Thatsache aufmerksam gemacht, die ich bisher niemals erwähnt gefunden habe. Die Glasfäden lassen sich bekanntlich mittels eines heiſsen Eisens in ähnlicher Weise kräuseln und zu Locken brennen wie das Haar; während nun aber J. de Brunfaut, den ich einmal wochenlang in seiner Werkstätte zu beobachten Gelegenheit hatte, zu schlichten Fäden einfache Glasstäbe von augenscheinlich nicht besonderer Beschaffenheit verspann, wendete er zu lockigem Gespinnste die Verbindung eines Tafel glasstreifens mit einem Rundstabe an, welche letzteren er, wie die Figur zeigt, der Länge nach an einander schmolz. Beim Spinnen vereinigten sich dann beide Gläser zu einem Faden. Daſs J. de Brunfaut auf diese Weise etwa ein Glas von mittlerer Zusammensetzung hätte erzielen wollen, ist kaum anzunehmen, da es ihm ein Leichtes gewesen sein würde, derartige Stäbe sich zu verschaffen. Auch scheint es wenig wahrscheinlich, daſs er einen besonderen, vielleicht ovalen Querschnitt des Fadens erstrebte. Denn wenn auch bekanntlich schlichtes menschliches Haar im Querschnitte fast rund, krauses hingegen flach gedrückt, oval ist, so dürfte doch in dieser Beziehung von der Querschnittsform des Glasfadens kaum etwas zu erwarten sein; auch würde J. de Brunfaut mit Rücksicht auf die Eigenschaft des Glases, beim Ausziehen zu selbst sehr feinen Fäden die Querschnittsform nicht zu ändern, durch Anwendung eines ovalen Stäbchens viel einfacher haben zum Ziele gelangen können. Vielleicht aber wollte er von der verschiedenen durch die Wärme bewirkten Ausdehnung andersartiger Glassorten in der Weise Vortheil ziehen, daſs er einen durch die Vereinigung zweier Fäden von verschiedenen Ausdehnungscoefficienten hervorgegangenen Glasfaden zu erzeugen suchte. Besteht z.B. ein Faden aus zwei Hälften, von denen die rechte einen gröſseren Ausdehnungscoefficienten besitzt als die linke, so wird vom Augenblicke der Erstarrung des neu gebildeten Fadens an bis zur völligen Abkühlung desselben die rechte Seite sich mehr zusammenziehen, also kürzer werden als die linke und daher der ganze Faden sich soweit nach rechts krümmen müssen, bis die innere kürzere Curve der sich mehr, die äuſsere längere Curve aber der sich weniger zusammenziehenden Hälfte entspricht.

Textabbildung Bd. 256, S. 140
Bezeichnet D den Durchmesser des Kreises, nach welchem dergestalt die Mittellinie des Fadens sich krümmt, s aber die Fadendicke, so folgt die äuſsere Fadenlange lt = x α (D + s) und die innere l2 = xα (D – s), woraus das Verhältniſs beider l1 : l2 (D + s) : (Ds) sich ergibt, Nach Lavoisier und Laplace schwankt der Ausdehnungscoefficient zwischen 0,0000081 für englisches Flintglas und 0,0000091 für bleifreies Glas und zwar für jeden Grad des hunderttheiligen Thermometers. Unter der Annahme, daſs J. de Brunfaut ähnliche Gläser verwendet habe, ferner eine Erstarrungstemperatur = 1000° für den neugesponnenen Faden vorausgesetzt, bei welcher beide Hälften des letzteren gleiche Länge l haben, wird man daher:

l1 (1 + 0,0000081 × 1000) = 1,0081 l1 sin. l2 (1 + 0,0000091 × 1000) = 1,0091 l2 = l, also 1,0081 l1 = 1,0091 l1 oder endlich l1 : l2 = (1,0091 : 1,0081) = (D + s) : (Ds) setzen können, woraus D = 2017,2 s = 2017,2 × 0,006 = 12mm,10 folgt, wenn man gleichzeitig die Dicke s der feinsten Fäden nach Kick zu 0mm,006 annimmt. Ein solcher Faden müſste sich somit selbstthätig zu einer Locke von 12mm Durchmesser krümmen, während gröſsere Unterschiede der Ausdehnungscoefficienten entsprechend feinere Kräuselungen bedingen würden. In Wirklichkeit aber dürften die Krümmungsdurchmesser schon deshalb kleiner ausfallen, weil die Ausdehnungscoefficienten nicht constant sind, sondern mit den Temperaturen nicht unbedeutend zunehmen.

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