Titel: Das städtische Wasserwerk zu Remscheid.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1885, Band 256/Miszelle 1 (S. 235–237)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj256/mi256mi05_1

Das städtische Wasserwerk zu Remscheid.

In der Zeitschrift des Vereins deutscher Ingenieure, 1885 * S. 2 ist ein bemerkenswerther Aufsatz von L. Disselhoff über das von ihm gebaute städtische Wasserwerk zu Remscheid enthalten.

Die Einwohnerzahl Remscheids nach der Volkszählung vom 1. December 1880 betrug 21237 Seelen. Dieselben gebrauchen nach Schätzung und unter Zugrundelegung von Städten mit ähnlichen Verhältnissen in 24 Stunden 1000cbm, in 1 Secunde 111,5. Nimmt man nun während 25 Jahren einen stetigen Bevölkerungszuwachs an, so muſs die Stammanlage so gebaut werden, daſs ihre zukünftige Leistungsfähigkeit bis auf 2000cbm in 24 Stunden gesteigert werden kann; letzteren Zahlen entsprechend sind die Rohrquerschnitte gewählt worden.

Das Wasser wird dem Eschbachthale entnommen. In dem käuflich erworbenen Grund und Boden unterhalb der Mebusmühle werden theils durch offene Einschnitte, theils durch unterirdische Strecken, welche bis auf den festen, undurchlässigen Schieferboden herunter gebracht sind, die Geröllschichten und die zerknickten Schichtenköpfe in einer Länge von etwa 800m aufgeschlossen. Die erschrotenen Grundwasserfäden werden mittels guſseisernen Muffenröhren von 250mm lichter Weite, welche auf der oberen Hälfte durchlöchert und deren Muffen mit heiſs eingegossenem und verstemmtem Blei gedichtet sind, aufgesammelt und thalwärts abgeführt. Eine Reihe von Brunnenschächten, welche während des Baues zum Gegenortsbetriebe gedient haben, vermittelt die Zugänglichkeit der Anlagen, in der Nähe des untersten Brunnenschachtes, mit diesem durch ein Rohr von 500mm lichter Weite verbunden, ist ein 3m weiter Pumpbrunnen angelegt, aus welchem die Pumpen das Wasser entnehmen.

Um nun aber auch einen Theil des Wassers aus der nassen Jahreszeit für die trockene aufbewahren zu können, sind an passenden Stellen Vorrichtungen zum unterirdischen Aufstaue des Wassers angelegt. Die Brunnen haben hier Flügelmauern erhalten, welche in gröſserer oder geringerer Länge dicht an das Schiefergebirge anschlieſsen; das Abfluſsrohr im Brunnen ist mit einem Absperrschieber versehen. Wird dieser geschlossen, so muſs sich das Grundwasser oberhalb in den porösen Gesteinschichten ansammeln und aufstauen, so daſs eine treppenförmige Anordnung der Grundwasserspiegel entsteht. Durch langsames Abzapfen werden diese angesammelten Wasservorräthe bei eintretendem Bedarfe nutzbar gemacht. Bei der groſsen und lang anhaltenden Dürre des Sommers 1884 haben die Wassergewinnungsanlagen stets ausreichendes Wasser geliefert. Behufs späterer Vergröſserung der Wassergewinnungsanlagen sind die erforderlichen Grunderwerbungen geschehen und die angestellten Untersuchungen haben ergeben, daſs eine für lange Zeit ausreichende Wassermenge dort zur Verfügung steht. Die Beschaffenheit des Wassers ist eine vorzügliche.

Das Grundstück im Eschbachthale, in welchem sich der Pumpbrunnen befindet, liegt in einer Höhe von 206m, die Sohle desselben 200m, der mittlere Wasserstand im Hochbehälter, wie weiter unten angegeben ist, 380m über dem Amsterdamer Pegel. Die Gesammtförderhöhe, vom niedrigsten Wasserstande im Brunnen an gerechnet, ist somit 180m, wovon 174m als Druckhöhe und 6m als Saughöhe zu rechnen sind.

Die Maschinenanlage besteht aus zwei getrennt arbeitenden Hochdruckdampfmaschinen, versehen mit vom Regulator beeinfluſster Expansionssteuerung nach Rider's Systeme und mit abstellbarer Condensation. Jede der beiden Maschinen ist im Stande, 1000cbm Wasser in 20 Stunden bei 5at Dampfüberdruck im Schieberkasten und ⅛ Cylinderfüllung auf die angegebene Höhe zu fördern. Die Dampfcylinder haben 500mm Durchmesser, die doppeltwirkenden Plungerpumpen, unmittelbar hinter den Dampfcylindern liegend, 135mm Plungerdurchmesser und beträgt der gemeinschaftliche Hub 750mm. Die Kolbengeschwindigkeit kann bis Im in der Secunde gesteigert werden, wobei der Gang der Maschinen ein ruhiger ist. Die Dampfcylinder und deren Deckel sind mit angegossenen Dampfmänteln versehen und diese durch Holz- und Blechmäntel mit Filzhinterfüllung vor Wärmeausstrahlung geschützt, Der abgehende Dampf wird von den Cylindern zum Condensator durch einen unter Flur liegenden |236| Kupferröhrenvorwärmer geleitet und das von der Kesselspeisepumpe aus dem Ausguſskasten der Luftpumpe angesaugte Speisewasser durch diesen zur Erwärmung hindurchgedrückt. Auſserdem kann die Speisung der Kessel auch aus der Druckrohrleitung erfolgen. Das Einspritzwasser für die Condensation wird unmittelbar aus dem Sammelbrunnen entnommen. Bei etwa eintretendem Wassermangel wird die Condensation abgestellt und mit Volldruck gearbeitet. Die Hochdruckpumpen sind mit Ringventilen mit Lederstulpdichtung versehen, welche bei einer freien Durchströmungsöffnung vom 1,66 fachen Querschnitte des Plungers einen Hub von nicht mehr als 10mm haben.

Jede Maschine hat ihre besondere Saugrohrleitung mit Windkessel, jedes Druckventil einen kleinen guſseisernen Windkessel und beide Pumpmaschinen einen gemeinsamen gröſseren schmiedeisernen Windkessel mit der nöthigen Ausrüstung (Vacuummeter, Manometer, Wasserstandsglas u.s.w.). Dem Hauptwindkessel wird mittels eines Luftfüllapparates gepreſste Luft von jeder Maschine aus zugeführt.

Die Kesselanlage besteht aus 2 Cornwallkesseln für 6at Ueberdruck mit einseitig angeordneten Feuerrohren von Wellblech nach der Bauart von Schulz, Knaudt und Comp. in Essen (vgl. 1881 239 * 256. 1883 250 * 72). Der Mantel hat 1800mm im Lichten und eine Blechstärke von 14mm bei 8m Länge. Die aus einem Stücke hergestellten 18mm starken Kopfplatten sind mit dem Mantel vorn durch auſsen liegenden Winkelring, hinten durch Umkrempeln verbunden und mit je 3 Eckversteifungen versehen. Das gewellte Feuerrohr hat 1100mm gröſsten Durchmesser und 11mm Wandstärke; es ist gegen Auftrieb durch eine in der Mitte der Länge desselben angebrachte Stütze gesichert. Sämmtliche Längsnähte sind doppelt genietet. Der Dampfdom hat 750mm Durchmesser, 900mm Höhe bei 11mm Wandstärke im Mantel und 13mm im Boden; in letzterem ist das Mannloch angebracht.

Die Maschinen und Pumpen sind von der Friedrich-Wilhelmshütte zu Mülheim a. d. Ruhr erbaut.

Das Kessel- und Maschinenhaus ist in Ziegelsteinrohbau ausgeführt und mit Falzziegeln gedeckt. Mit der Verwaltungskanzlei ist die Pumpstation telegraphisch verbunden.

Durch Berechnung wurde festgestellt, daſs die Kosten für die Steigrohrleitung sich am niedrigsten gestalten, wenn der Durchmesser 250mm gewählt wird. Die Leitung hat von der Pumpstation bis zum Hochbehälter eine Länge von etwa 3700m. Entsprechend dem nach oben abnehmenden Drucke betragen die Wandstärken der Rohre:

für den Druck 18at bis 14at 18mm
14 11 16
11 8 14
8 und weniger 12

Um die Festigkeit der Muffendichtungen zu erhöhen und um ein etwaiges Heraustreiben des eingestemmten Bleiringes zu verhindern, erhielten die Muffen eine conische Form, so daſs die Bleifuge vorn 8mm, hinten 11mm breit wurde. Da die Leitung abwechselnd ansteigt und fällt, so ist an den hohen Punkten ein Luftventil, an den tiefen eine Entleerungsvorrichtung angebracht. Durch 4 Absperrschieber wird die Leitung in 4 Abschnitte getheilt, von denen jeder für sich abgesperrt und entleert werden kann. Auſserdem sind an den betreffenden Stellen Sicherheitsventile und Manometer angebracht und sind diese Apparate in 4 Schächten angeordnet.

Der Druckrohrstrang endet in dem auf dem höchsten Punkte der Stadt angelegten Hochbehälter, dessen mittlerer Wasserstand 380m über dem Amsterdamer Pegel liegt, damit auch die höchst gelegenen Stadttheile in den obersten Stockwerken noch mit Wasser versehen werden können. Der Wasserthurm ist nach Prof. Intze's System gebaut (vgl. 1883 249 * 485). Die Rohrleitungen sind in folgender Weise angeordnet: Das Druckrohr, welchem eine eingeschaltete Stopfbüchse kleine Bewegungen gestattet, mündet in der Behältersohle ein. Am Fuſse des Thurmes, im Kellergeschosse, befindet sich im Druckrohre ein Absperrschieber nebst Sicherheitsventil. Mit dem bis zum höchsten Wasserstande geführten Ueberlaufrohre verbindet sich, durch einen Schieber getrennt, |237| das Entleerungsrohr; letzteres kann auch mit dem Druckrohre mittels eines Schiebers in Verbindung gebracht werden, damit, wenn der Behälter entleert werden muſs und das Wasser von den Pumpen unmittelbar in die Stadt gehoben wird, der unterhalb des Behälters liegende Theil des Druckrohres als Standrohr wirken kann. Ein elektrischer Wasserstandszeiger von Siemens und Halske zeigt den Wasserstand in der Pumpstation an. Der Behälter selbst faſst 400cbm und hat im cylindrischen Theile, welcher 7m,80 hoch ist, einen Durchmesser von 7m,50; der sich unten an den cylindrischen Theil ansetzende kegelförmige Theil ist 2m,60 hoch und unten 2m,30 im Durchmesser. Der sechsseitige Mauerpfeiler, auf welchem der Behälter ruht, hat einen inneren Durchmesser von 1m,60 oben, von 1m,27 unten und eine obere Wandstärke von 0m,64, eine untere von 1m,03. Der Pfeiler ist 8m,90 über dem Boden hoch.

Das Stadtrohrnetz besteht aus folgenden Rohren:

Durchmesser 250mm Länge 3926,40m Absperrschieber 1
125 4202,00 6
100 1807,90 5
90 1086,95 2
80 15765,45 61

mit 166 Wasserpfosten.

Die Rohre sind sämmtlich von der Friedrich-Wilhelmshütte in Mülheim an der Ruhr. Die Zuleitungen zu den Häusern sind von geschwefelten Bleiröhren hergestellt mit Wandstärken von 6mm,5 bis 4mm. Die Gesammtlänge derselben betrug bei etwa 800 Anschlüssen am 1. April 1884 9743m,9. Die Baukosten der ganzen Anlage betragen 609754,93 M.

Das Wasserwerk ist nach 5/4 jähriger Bauzeit am 1. März 1883 dem Betriebe übergeben worden. Die Zutheilung von Wasser an Private geschieht nur mittels Wassermesser.

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