Titel: Zur Bildung von Anthracen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1885, Band 256/Miszelle 10 (S. 240)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj256/mi256mi05_10

Zur Bildung von Anthracen.

Bei der Verarbeitung der hochsiedenden Antheile der rohen Carbolsäure, der sogen. Cresylsäure, wurde von H. Köhler (Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft, 1885 S. 859) ein guſseiserner Kessel mit den von etwa 205° an aufwärts siedenden Rückständen beschickt. Das verwendete Product war völlig frei von Kohlenwasserstoffen. Bei der Destillation gingen etwa ⅔ desselben ohne auffällige Erscheinungen als schwach gelb gefärbtes Oel über. Dann aber stieg das im Helm des Kessels angebrachte Thermometer plötzlich Ms über 300° und aus dem Kühler wurden mit Heftigkeit dicke, weiſse Dämpfe ausgestoſsen, während das Destillat in der Vorlage eine butterartige Beschaffenheit annahm. Die Entfernung des Feuers vermochte den Verlauf der Reaction nicht mehr zu mäſsigen. Beim Oeffnen des Kessels fand sich derselbe bis fast zur Hälfte angefüllt mit einer schwammigen, aufgeblähten Kohle. Das Destillat, welches während der heftigen Reaction erhalten worden war, bestand aus einem Krystallbreie, welchem durch Behandeln mit Natronlauge leicht der flüssige Antheil (Phenole) entzogen werden konnte. Der feste Antheil erinnerte in seinem Aeuſseren lebhaft an das Rohanthracen, wie es in Theerdestillationen gewonnen wird, und enthielt 35 Proc. reines Anthracen. Danach wird man nicht fehl gehen, wenn man die anderen Bestandtheile desselben ohne weiteres als die Kohlenwasserstoffe des Rohanthracens: Methylanthracen, Phenanthren u.s.w., anspricht, was auch durch ihr Verhalten im Allgemeinen bestätigt wird. Bei späteren Destillationen desselben Productes im gleichen Kessel ist diese Erscheinung nie mehr beobachtet worden und Köhler ist geneigt, die Ursache der Zersetzung einer örtlichen Ueberhitzung des Kessels zuzuschreiben. Jedenfalls ergibt diese Beobachtung, daſs aus phenolartigen Verbindungen des Steinkohlentheeres, welche sich schon in den leichter siedenden Antheilen desselben vorfinden, unter geeigneten Umständen Anthracen gebildet werden kann.

Von verschiedenen Chemikern wird die Ansicht vertreten, daſs die Hauptmenge des aus dem Steinkohlentheere dargestellten Anthracens während der Destillation des Theeres gebildet wird, weil man gefunden haben will, daſs die Ausbeuten wesentlich verschieden sind, je nachdem die Flamme die Destillationsblase ganz oder nur zum Theile umspült. Diese Ansicht wird durch die genannte Beobachtung unterstützt.

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