Titel: Lunge, über neue Anwendungen des Nitrometers.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1885, Band 258 (S. 361–364)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj258/ar258124

Neue Anwendungen des Nitrometers.

Mit Abbildung.

Wie G. Lunge in mehreren Abhandlungen1) im Anschlusse an die Ausführungen Allen's (vgl. 1885 256 331. 257 112) zeigt, ist das Nitrometer der mannigfachsten Anwendung fähig.

Um das Nitrometer zu einem Reductionsapparate von Gasmengen für Temperatur und Druck zu machen, füllt man das mit oberer Erweiterungskugel versehene, für Salpeter bestimmte Nitrometer durch Senken des Standrohres bei offenem Hahne mit atmosphärischer Luft bis zu der Grenze, daſs nach Umrechnung für den dann herrschenden Barometer- und Thermorneterstand auf 0° und 760mm das Volumen genau 50 bezieh. 100cc sein müſste, worauf man den Hahn schlieſst. Da man für die meisten Fälle Gase im feuchten Zustande zu messen hat, so ist es am besten, gleich etwas Wasser mit einzuführen; man hat dann ein für allemal diese Berichtigung mit angebracht. Da indessen auch der umgekehrte Fall vorkommt, wie z.B. gerade bei der ursprünglichen |362| Anwendung des Nitrometers, wo man über concentrirter Schwefelsäure abliest, so wird man, wenn man nicht besondere Reductionsapparate für feuchte und trockene Luft einführen will, sich leicht in der Weise helfen können, daſs man im Reductionsinstrumente feuchte Luft anwendet, aber den äuſseren Quecksilberstand um so viel höher stellt, als dem Feuchtigkeitszustande der Luft für die betreffende Temperatur entspricht, also für 15° 12mm,7 u.s.w. Lunge schichtet auf das äuſsere Quecksilber eben so viel Wasser, als im Inneren befindlich ist, stellt auf die Quecksilberkuppen ein, liest aber am Wassermeniskus ab.

Zur Untersuchung von Natriumnitrit ist der Apparat nicht geeignet, da dasselbe oft Nitrat enthält.

Die von Davis vorgeschlagene Bestimmung von Wasserstoffsuperoxyd mit Kaliumdichromat ist ungenau. Allen miſst dagegen den mit saurer Chamäleonlösung entwickelten Sauerstoff: 2 KMnO4 + 5H2O2 + 3H2SO4 = K2SO4 + 2MnSO4 + 8H2O + 5O2. Nach Lunge ist es bequemer, wenn man die Zersetzung in einem mit dem Dreiwegehahne verbundenen Kölbchen a vornimmt und den entwickelten Sauerstoff miſst.

Textabbildung Bd. 258, S. 362
Lunge beschreibt ferner die mit diesem Apparate auszuführende Bestimmung von Harnstoff bezieh. Ammoniaksalz, sowie der Kohlensäure in den Carbonaten. Man hebt das Standrohr des Nitrometers bis das Quecksiber im Meſsrohre m bis dicht unter den Hahn oder bis 1cc steigt, klemmt das Standrohr fest und dreht den Hahn um 45°, so daſs Schlauch s und Trichter t verbunden sind. Man beschickt nun das Kölbchen mit einer genügenden Menge von Bromnatronlauge, das Röhrchen mit einer passenden Menge Ammoniaksalz u. dgl., stellt das Röhrchen hinein und steckt das Kölbchen auf den Kautschukpfropfen, welcher mit den Verbindungsröhren schon am Nitrometer hängt. Nun dreht man den Hahn um 180° und zwar so, daſs die Drehung des Schlüssels innerhalb des Schlauches stattfindet, das Kölbchen a also in derselben Stellung bleibt. Jetzt rückt man das Standrohr bis ungefähr an die Stelle, welche es später einnehmen wird, dreht das Kölbchen so, daſs der Inhalt des Röhrchens ausflieſst, und schüttelt, wobei man stets mit der anderen Hand den Hahn festhält, damit derselbe nicht seine Stellung ändert. Wenn nach wiederholtem Schütteln der Stand des Quecksilbers im Meſsrohre sich nicht mehr ändert, so hält man inne und läſst abkühlen, was man natürlich durch Einstellen des Kölbchens in ein Glas mit Wasser von der Zimmertemperatur beschleunigen kann. Man stellt dann den Stand des Quecksilbers in beiden Röhren gleich, wartet noch etwas ab, ob nicht durch weiteres Erkalten das Gasvolumen noch kleiner wird, und |363| liest endlich ab. Es ist zu bemerken, daſs nur etwa 91 Procent des Harnstoffes zersetzt werden, so daſs 1cc Stickstoff bei 0° und 760mm 2mg,95 Harnstoff entspricht. – Ob sich in dieser Weise auch Diazoverbindungen bestimmen lassen, müssen weitere Versuche lehren.

In gleicher Weise verfährt man zur Bestimmung der Kohlensäure, wobei man jedoch die Löslichkeit der Kohlensäure in der Flüssigkeit berücksichtigen muſs. Lunge zeigt, welche grobe Fehler durch ungenügende oder keine Beachtung dieses Umstandes bei Verwendung der Apparate von Scheibler, Bauer u.a. gemacht werden. Soll bei Verwendung des oben beschriebenen Reductionsapparates 1cc des entwickelten Gases = 1 Gew.-Proc. CO2 sein, so würde man bei 0° und 760mm Druck 0g,1971 Substanz abwägen müssen. Bei anderen Temperatur- und Druckbedingungen, z.B. wenn der Reductionsapparat auf 112,0 steht, wird man nur 0,1971 : 1,120 = 0g,1760 Substanz abwägen, damit je 1cc des abgelesenen Gasvolumens, mit Hinzurechnung des Absorptionscoefficienten, gleich ohne weitere Berichtigung je 1 Gew.-Proc. CO2 bedeute. Soll aber das Gasvolumen den kohlensauren Kalk in geraden Zahlen anzeigen, also z.B. jedes Cubikcentimeter = 0,5 Proc. CaCO3 sein, so wäre das Einheitsgewicht für 0° und 760mm = 0g,224 Substanz zu nehmen. Dieses Verfahren eignet sich zur Analyse von Soda und Potasche (wenn diese nicht Aetznatron enthalten, oder aber durch Abdampfen und Glühen mit Ammoniumcarbonat davon befreit worden sind), von Natriumbicarbonat im festen Zustande oder in Lösungen (für welche Zwecke diese Bestimmung, in Verbindung mit einer Titrirung mit Methylorange, besonders zu empfehlen ist) von kohlensaurem Natron in Aetzlauge, z.B. Seifensiederlaugen, von Kalkstein, Mergel (für Cementfabrikation), Aetzhalk (auf ungebrannten Kalkstein), von Säuren aller Art, von Braunstein und regenerirtem Mangandioxyd mittels Oxalsäure, von Oxalsäure und deren Salzen mittels Braunstein, von Chlorzink, Manganchlorür, Kupfersulfat und vielen anderen Metallsalzen auf überschüssige Säure (nicht anwendbar auf Thonerde- und Eisenoxydsalze) sowie zur Titerstellung der Chamäleonlösungen mit Wasserstoffsuperoxyd ohne Wage und Gewicht. In entsprechender Weise kann auch Braunstein untersucht werden: MnO2 + H2O2 = MnO + H2O + O2.

Lunge hat ferner gefunden, daſs Wasserstoffsuperoxyd sich gegen eine Lösung von Chlorkalk genau wie gegen das Chamäleon verhält, d.h. beide Substanzen geben ihren activen Sauerstoff zu gleichen Theilen her, um freien inactiven Sauerstoff zu liefern, und gibt daher die Hälfte des entwickelten Gases stets das Maſs des activen Sauerstoffes, welchen der nicht im Ueberschusse vorhandene Bestandtheil zu liefern im Stande ist. Man kann mithin mittels überschüssigen Wasserstoffsuperoxydes den Gehalt des Chlorkalkes, mittels überschüssigen Chlorkalkes denjenigen des Wasserstoffsuperoxyd es sofort bestimmen. Die Reaction geht beim Zusammentreffen der Substanzen augenblicklich und völlig |364| glatt vor sich; die Ergebnisse stimmen vollkommen genügend mit den Gehaltsbestimmungen beider Stoffe auf anderem Wege. Nur darf das Wasserstoffsuperoxyd, wie natürlich, keine irgend gröſsere Menge freie Säure enthalten, damit nicht Chlor frei wird.

Um andererseits die Menge des Indigotins im Indigo durch Reduction zu Indigoweiſs und Messen des zur Oxydation erforderlichen Sauerstoffes zu bestimmen, kann man den fein geriebenen Indigo mit Kalk und Zinkstaub, oder mittels der Fritsche'schen Küpe in einem geschlossenen, bis zur Marke aufgefüllten Literkolben reduciren, absetzen lassen, einige Cubikcentimeter mittels einer Pipette herausnehmen und in den Becher des Nitrometers bringen, welches inzwischen bis zur Grenze seiner Theilung mit Luft gefüllt war. Natürlich muſs man die Menge des Indigos dem Inhalte des Nitrometers entsprechend wählen. 1cc Sauerstoff von 0° und 760mm wiegt 0g,001433 und kann Indigoweiſs entsprechend 0g,02347 Indigotin (C16H10O2N2) oxydiren. Wenn man also z.B. 46g,94 Indigo in einer Küpe von 1l auflöst und davon 5cc = 0g,2347 zu jeder Prüfung verwendet, so wird jeder 0cc,1 verschwundener Sauerstoff immer 1 Proc. Indigotin in der Probe anzeigen. Dies kann man in einem gewöhnlichen Nitrometer mit Theilung bis 50cc bei der Benutzung von atmosphärischer Luft vornehmen. Man könnte genauer arbeiten, indem man das Nitrometer durch den Dreiwegehahn mit Sauerstoff füllt und die 5 fache Menge Indigo verwendet, wo natürlich je 0cc,5 Sauerstoff = 1 Proc. Indigotin ist. Die Lösung des Indigos muſs natürlich während des Einlaufens vor Berührung mit der äuſseren Luft möglichst geschützt sein; dies kann man im Nitrometer leicht erreichen, indem man den Becher des Instrumentes mit Kohlensäure füllt- man läſst die Pipette in der Kohlensäureatmosphäre ablaufen und saugt die Indigolösung sofort in das Meſsrohr, ehe die Kohlensäure aus dem oberen Theile des Bechers herausdiffundirt ist, was bekanntlich sehr langsam geschieht.

Lunge bestätigt schlieſslich, daſs man das Nitrometer – richtiger wohl Gasbürette – auch zur technischen Gasanalyse verwenden könne, für welche es geeigneter ist als die bekannten Apparate von Bunte und Hempel.

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Chemische Industrie, 1885 S. 161. Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft 1885 S. 1872 und 2031 (vgl. D. p. J. 1878 228 * 447. 1882 243 * 420).

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