Titel: Einfluſs der Gebirge auf Wärmevertheilung, Niederschläge und Winde.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1885, Band 258/Miszelle 4 (S. 92–93)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj258/mi258mi02_4

Einfluſs der Gebirge auf Wärmevertheilung, Niederschläge und Winde.

Wie J. Hann in der Wochenschrift des österreichischen Ingenieur- und Architektenvereins, 1885 S. 102 zeigt, haben die Berggipfel im Allgemeinen wesentlich mildere Winter als die Thäler, aber kühlere Sommer. Daſs die Wärmeabnahme mit der Höhe im Winter geringer ist, erklärt sich dadurch, daſs man mit der Erhebung über die Thalsohle nicht selten in mildere Luft kommt, und zwar hat sich gezeigt, daſs diese Erscheinung dann eintritt, wenn sich das betreffende Alpengebiet in einem sogen. Barometermaximum befindet. Ein solches Gebiet ist immer durch vollkommene Windstille ausgezeichnet; die Luft |93| sinkt langsam aus der Höhe herunter und flieſst nach allen Seiten ab. Die Temperatur ist dann im Alpengebiete höher als in den umliegenden Niederungen. So hatte im December 1879 Wien in der zweiten Kälteperiode – 17°, während die Temperatur auf den Höhen der Raxalpe beim Carl Ludwigs-Hause 0° betrug.

Die Ursache der gröſseren Regenmengen im Gebirge ist darin zu suchen, daſs die Berge als mechanisches Hinderniſs wirken und die Luftströmungen zwingen, in die Höhe zu steigen. Beim Aufsteigen der Luftmasse dehnt sich dieselbe aus, leistet dabei eine Arbeit und erkaltet. Diese dynamische Erkältung ist die Hauptursache der Niederschläge und nicht, wie früher geglaubt wurde, die Mischung kalter und warmer Luftschichten. Je höher die Temperatur der aufsteigenden Luft ist, eine desto ausgiebigere Verdichtung der Wasserdämpfe und Abkühlung findet beim Aufsteigen statt. Wo sich die Luft zuerst abkühlt, dort wird die Niederschlagsmenge am stärksten sein, und je mehr die Luft abgekühlt ist, desto geringer ist der Niederschlag.

Damit hängt wohl der Umstand zusammen, daſs in den hohen Lagen der Alpen der Schnee nur in feinen Eisnadeln fällt. Das Zunehmen der Regenmenge mit der Höhe verursacht die gröſsere Häufigkeit der Niederschläge. Während die Menge mit der Höhe abnimmt, steigert sich die Häufigkeit und dies kommt daher, daſs fast alle Luftmassen genöthigt sind, ihren Wasserdampf in den hohen Lagen abzusetzen.

Gebirge erzeugen aber auch eigene Luftströmungen in Folge der Lufterwärmung, Nachts thalabwärts, am Tage thalaufwärts und dadurch örtliche Niederschläge.

Im Arlbergtunnel steht die Luft von etwa 9 bis 11 Uhr Vormittags still, dann aber bricht Westwind durch. Das Thal, in welches sich der Tunnel gegen Westen öffnet, hat eine Seehöhe von 560m, das Rheinthal, von welchem aus die Winde hereinbrechen, hat eine Höhe von nur 430m und die Achse des Tunnels liegt ungefähr in einer Höhe von 1300m. Dagegen liegt die Ostseite des Tunnels bei Landeck 800m hoch und senkt sich das Innthal nur langsam gegen Innsbruck, welches 600m hoch liegt. Es dehnt sich daher auf der Westseite eine Luftsäule von 800m aus, auf der Ostseite dagegen eine solche von nur 500m.

Die durch die Temperaturerhöhung dt einer Luftsäule von der Höhe h und Temperatur T bewirkte Drucksteigerung berechnet sich aus . Diese Formel gibt für die Westseite dp = 0,212 dt, für die Ostseite dp = 0,133 dt. Rechnet man mit den gröſsten Unterschieden, welche für die Temperaturzunahmen zwischen 7 Uhr und 2 Uhr auf. beiden Seiten beobachtet wurden, nämlich 5,7° für die West-, 7,7° für die Ostseite, so ergibt sich noch immer ein Ueberdruck von 0mm,2 Quecksilbersäule für die Westseite, so daſs sich daraus das Auftreten eines wesentlichen Luftzuges wohl erklärt. In Wirklichkeit dürfte die Erwärmung beiderseits in der Regel nicht so verschieden sein und daher auch ein stärkerer Druck mit erschied auftreten.

Es erscheint sonach für die natürliche Lüftung eines Tunnels im Allgemeinen als ein günstiger Fall, wenn sich derselbe in zwei verschieden hoch gelegene Thäler öffnet.

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