Titel: Ueber die Geschichte des Ammoniaksodaprozesses.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1885, Band 258/Miszelle 8 (S. 334–336)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj258/mi258mi07_8
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Ueber die Geschichte des Ammoniaksodaprozesses.

Als Erfinder des Ammoniaksodaprozesses werden gewöhnlich die beiden englischen Chemiker H. G. Dyar und J. Hemming anerkannt. Dieselben erhielten zuerst am 30. Juni 1838 ein englisches Patent für dieses Verfahren (vgl. 1839 74 129). 16 Jahre später (1854) erhielt der französische Chemiker Schloesing ein Patent in Frankreich für ein auf der gleichen Reaction beruhendes Verfahren. Diesem folgte ein weiteres französisches Patent von Schloesing und Rolland im J. 1858. Gestützt hierauf haben verschiedene französische Schriftsteller versucht, die Ehre der ersten Erfindung des Ammoniaksodaprozesses den beiden Landsleuten Schloesing und Rolland zuzuwenden.1) Da diese irrthümliche Angabe von drei bedeutenden französischen Schriftstellern ausgeht, fühlte sich L. Mond zur Richtigstellung derselben im Journal of the Society of Chemical Industry, 1885 S. 524 veranlaſst.

Schloesing und Rolland geben selbst in mehreren Veröffentlichungen zu, daſs die chemischen Vorgänge des Prozesses, welchen sie zu verbessern suchen, schon in einem französischen Patente von Delaunay (27. März 1839) beschrieben sind; dieses Patent ist aber nur eine genaue Uebersetzung des englischen Patentes von Dyar und Hemming und es unterliegt keinem Zweifel, daſs Delaunay nur Patentagent von Dyar und Hemming war. Vom 18. Mai 1840 datirt ein zweites französisches Patent von Delaunay, welches sehr viele wichtige Verbesserungen enthält. Ein ähnliches englisches Patent findet sich nicht vor, jedenfalls weil nach dem damaligen englischen Gesetze die Erlangung eines Patentes mit bedeutenden Kosten verbunden war. Der ursprüngliche von Dyar und Hemming in ihrem englischen Patente beschriebene Prozeſs ist so roh und unvollkommen, daſs seine Anwendung in dieser Form nie von technischem Erfolge begleitet gewesen wäre. Erst durch die im zweiten französischen Patente von Delaunay im J. 1840 beschriebenen Verbesserungen wurden Dyar und Hemming zur Ehre der ersten Erfindung des Ammoniaksodaprozesses vollkommen berechtigt. Das zweite Patent von Delaunay enthält eine genaue Beschreibung aller Arbeiten, wie sie heutzutage im Groſsen ausgeführt werden, und es muſs der Aussage von Schloesing und Rolland, daſs die Chemie des Ammoniaksodaprozesses in Dyar und Hemming's Händen schon einen solchen Grad von Vollkommenheit erreichte, daſs späteren Erfindern nicht mehr viel überlassen wurde, vollkommen beigestimmt werden. Aber trotzdem schlugen alle vom J. 1840 bis 1865 angestellten Versuche, den Prozeſs auch in pekuniärer und technischer Hinsicht erfolgreich zu machen, vollkommen fehl (vgl. R. Wagner 1876 222 77).

Es war schon lange vor Dyar und Hemming's Untersuchungen bekannt, daſs durch Mischung von Kochsalz- und Ammoniumcarbonatlösungen Natriumbicarbonat erhalten wird, aber die Thatsache war nie vorher veröffentlicht. A. Vogel (Chemisches Centralblatt, 1874 S. 98) erwähnt, daſs er die Reaction schon in einem Notizbuche seines Vaters vom J. 1822 vorfand. A. Smith theilte L. Mond mit, daſs ihm J. Thom den Versuch im J. 1838 zeigte. Aus Briefen von J. Thom geht hervor, daſs er wirklich in der Fabrik von Turnbull und Ramsay in Camlochie schon im J. 1836 Soda aus Ammoniumcarbonat und Kochsalz darstellte, Das Natriumbicarbonat verwendete er zur Darstellung von Sodakrystallen (täglich 100k). Nach einjähriger Arbeit wurde diese Darstellung aufgegeben. Es war dies aber jedenfalls der erste ernstliche Versuch, das Verfahren technisch zu verwenden. Die Arbeitsweise war aber so roh und unvollkommen, daſs die Ehre der Erfindung des Arbeitsverfahrens für den Ammoniaksodaprozeſs, wie er heutzutage ausgeführt wird, ungeschmälert Dyar und Hemming zugeschrieben werden muſs. Nach Mittheilungen, welche L. Mond von R. Muspratt zukamen, errichteten Dyar und Hemming bald nach Herausnahme des Patentes eine kleine Fabrik in Whitechapel. Im J. 1840 baute J. Muspratt in seiner Fabrik in Newton eine Anlage unter Leitung von J. Joung. Er arbeitete nach |336| dem Verfahren ungefähr 2 Jahre. Aber auch hier wurde es, nachdem etwa 160000 M. geopfert worden waren, wieder aufgegeben.

Zu gleicher Zeit wurden von Kunheim in Berlin, von Seybel in Wien und einige Jahre später von Bowker in Leeds Versuche angestellt, die Schwierigkeiten des Prozesses zu überwinden. Im J. 1854 erhielten W. Gossage, Türck (26. Mai), Schloesing (21. Juni), H. Deacon (8. Juli) Patente auf bestimmte Arbeitsverfahren. H. Deacon beschäftigte sich mit dem Prozesse wärend 2 Jahren im Groſsen und stellte täglich mehrere Tonnen Soda dar. Aber auch hier hatte das Verfahren das gleiche Schicksal und nach Opferung von etwa 100000 M. wurde es aufgegeben und eine Leblanc-Sodafabrik erbaut.

Schloesing und Rolland begannen im J. 1858 mit dem Baue einer Ammoniaksodafabrik in Puteaux bei Paris; sie erzeugten im Ganzen 316t Soda im Laufe von 2 Jahren und waren dann ebenfalls genöthigt, die Versuche einzustellen. Als Hauptgrund des Miſslingens erwähnen sie in den Annales de Chimie et Physique, Bd. 14 die hohen Salzpreise in Frankreich. Wie aber aus ihren eigenen Zahlen hervorgeht, ist es wahrscheinlicher, daſs der Grund nicht hierin, sondern wie bei ihren Vorgängern in der Unvollkommenheit ihrer Apparate lag.

Vom J. 1858 bis 1863 wurden keine ernstlichen Anstrengungen mehr gemacht, die technischen Schwierigkeiten des Prozesses zu überwinden. Erst der Energie Solvoy's war es vergönnt, die von Dyar und Hemming schon lange beschriebenen Versuchsweisen technisch erfolgreich zu gestalten. Letzteren gebührt die Ehre der Erfindung des Prozesses, Solvay aber der Erfindung der nöthigen Apparate, um dieselben technisch auszuführen.

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Vgl. Frémy: Presidental Adress to the French Association for the Advancement of Science, 1878. Bouley (vgl. Comptes rendus, 1885 Bd. 100 S. 926). Scheurer-Kestner: Conférence à la Société d'Encouragement sur Nicolas Leblanc, 28. März 1885.

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