Titel: Rettungsapparate bei Feuersgefahr.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1885, Band 258/Miszelle 1 (S. 526–527)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj258/mi258mi11_1

Rettungsapparate bei Feuersgefahr.

In neuerer Zeit sind verschiedene Versuche gemacht worden, den bekannten, im Seerettungswesen üblichen Raketenapparat auch für Feuerrettungszwecke zu verwenden; da hierbei in der Regel nur mit verhältniſsmäſsig kleinen Entfernungen zu rechnen ist, so sind auſser der Rakete noch mancherlei andere Beförderungsmittel des Geschosses in Vorschlag gebracht worden.

Vor Kurzem hat die Société industrielle du Nord de la France, wie aus ihrem Bulletin, 1885 S. 56 hervorgeht, einem Hrn. Bondues eine silberne Medaille für einen Rettungsapparat zuerkannt, welcher im Wesentlichen aus einer starken Armbrust besteht, die durch einen besonderen Hebel gespannt wird. An dem Pfeile ist eine starke, aber dünne Schnur befestigt, welche zum Zwecke des leichten Abwickelns auf eine kegelförmige Spule aufgewunden und zum Nachziehen eines stärkeren Seiles bestimmt ist. Ein kleiner eiserner Wagen trägt die ganzen Bestandtheile des Apparates, zu welchem noch Seile, Haken zum Anhängen, Rollen, ein Rettungskorb u. dgl. gehören.

Merkwürdiger Weise soll die über das Dach weggeschossene Schnur durch einen zu diesem Zwecke aufgestellten Feuerwehrmann gefangen, das Rettungsseil, die Haken, Rollen u. dgl. durch diesen aufgezogen und die zu rettenden Personen durch denselben Feuerwehrmann in den Korb gesetzt werden. Wie dieser Feuerwehrmann auf das Dach gelangt, ist nicht gesagt; wenn er aber auf anderem Wege emporgelangt, so ist nicht recht einzusehen, warum er nicht einfach die Rettungsleine mit sich nimmt. Uebrigens meint auch die Société industrielle, daſs der Apparat sich noch in der Praxis zu bewähren habe.

Nach Ansicht des Referenten sind solche Raketenapparate eben für jene Fälle angezeigt, in welchen kein Feuerwehrmann mehr zu den Bedrohten gelangen kann, auch andere Mittel, wie Leitern u.s.w. nicht anwendbar sind. Von diesen Gesichtspunkten scheint das Fire-Department in New-York ausgegangen zu sein, als es zur Construction solcher Apparate aufforderte. Wie das Scientific American, 1885 Bd. 52 * S. 325 mittheilt, fand kürzlich in New-York eine Probe mit den eingegangenen Apparaten statt und zwar am Fuſse einer hohen Klippe, auf welche mittels der Apparate dünne Schnüre geschossen werden sollten. Die sämmtlichen vorgeführten Apparate, mit Ausnahme eines einzigen, benutzten Pulver als Triebkraft, entweder für eine Rakete, oder für ein Geschoſs aus einem Rohre; nur ein Apparat verwendete Preßluft.

Benj. F. Morris stellte einen Raketenapparat aus, welcher ein Rohr von 1m,065 Länge und hinreichender Weite besaſs, um die Rakete leicht einführen zu können; derselbe war auf einem verstellbaren Dreifuſse angebracht, so daſs leicht der Rakete die erforderliche Richtung zum Schusse gegeben werden konnte. Zum Abfeuern der Rakete diente eine Zündkapsel ungefähr in der Mitte des Rohres.

Von R. Mac Donald wurde eine Büchse eingesendet, welche etwa 50mm Bohrung und gezogenen Lauf besaſs. Die Spitze des Geschosses, welches ungefähr wie ein gefiederter Pfeil (Armbrustbolzen) aussah, besaſs spiralförmige Vertiefungen (Züge) und das hintere Ende war mit radialen Flügeln und kreisförmigen Scheiben versehen, welche genau in den Lauf paſsten. Die Büchse wurde nach Art einer gewöhnlichen Flinte an die Schulter gesetzt, um zu zielen und abzufeuern.

Otto Regl führte eine Windbüchse vor, deren cylindrische Windkammer einen Druck von 20at aushielt; auf dieselbe wurde ein Rohr geschraubt. Das Geschoſs hatte die Form eines Hohlkegels, an welchem noch mit Gelenk ein Stab befestigt war, welcher anfangs nach oben (vorn) gelegt wurde, so daſs die an seinem Ende befestigte Schnur oben aus der Mündung des Rohres austrat. Zum Laden der Windkammer diente eine kleine Pumpe; mit jeder Ladung konnten 3 Schüsse gethan werden.

Fr. J. Gray brachte einen Rakenapparat, aus einer Rinne bestehend, die zwischen zwei Schnurbehältern angebracht war; derselbe ruhte auf Zapfen in einem einfachen Gestelle, um ihm die erforderliche Neigung geben zu können. Hier, wie bei allen Raketenapparaten, war zunächst an der Rakete ein kurzes Stück Draht befestigt, an dessen Ende sich dann die Schnur anschloſs.

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Patrick Ryan's Apparat bestand in einer kleinen Kanone, aus deren Mündung das lange zugespitzte Geschoſs noch hervorragte. Die Schnur an demselben war wieder in der Art angebracht, daſs sie zunächst an das Ende einer dünnen Stange geknüpft wurde, welche beim Laden des Geschützes taschenmesserartig in eine Längsrinne des Geschosses eingeklappt und so nach vorn gelegt werden konnte. Zum Richten des Geschützes dienten zwei in -Gestalt verbundene parallele Stangen, deren eine in die Bohrung des Laufes paſste, während längs der anderen visirt wurde.

Alle diese Apparate, bewährten sich als gut; es wurden mit denselben eine gröſsere Anzahl Schnüre von 60 bis 200m Länge völlig sicher über die etwa 45m hohe Klippe geschossen.

Es wird abzuwarten sein, welchen dieser Apparate das New-Yorker Amt annehmen wird. Dasselbe verlangt, daſs der Apparat möglichst einfach gebaut, leicht zu handhaben, gegen Witterungseinflüsse unempfindlich, nicht zu schwer und unter allen Umständen zuverlässig sei. Der Apparat muſs im Stande sein, eine Schnur über die höchsten Gebäude wegzuschieſsen, und so sicher treffen, daſs jedes beliebige Fenster erreicht werden kann. Aller Wahrscheinlichkeit nach dürfte der betreffende Apparat auch in anderen groſsen amerikanischen Städten zur allgemeinen Einführung gelangen.

Für amerikanische Verhältnisse mögen diese an und für sich sehr lehrreichen Versuche sicher ihre volle Berechtigung haben. Die auſserordentliche Höhe der Häuser, die beliebte Benutzung von Aufzügen (lifts) an Stelle der Treppen, die feuergefährliche Bauart, die groſse Trockenheit des Klimas stellen dort der Menschenrettung bei Brandfällen weit umfänglichere und schwerere Aufgaben, als dies bei uns der Fall ist. Es läſst sich deshalb erwarten, daſs wir, wie in vielen anderen Dingen, kaum Veranlassung haben werden, auf dem Gebiete der Menschenrettung in Brandfällen in die Fuſstapfen unserer erfindungsreichen Nachbarn jenseits des Oceans zu treten.

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