Titel: Neuer Zuckerersatz.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1886, Band 259/Miszelle 9 (S. 382–383)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj259/mi259mi08_9

Neuer Zuckerersatz.

Auf der Erfindungsausstellung in London war von C. Fahlberg in New-York unter der Bezeichnung Saccharin ein ungemein süſs schmeckendes weiſses Pulver ausgestellt, welches den Zucker ersetzen soll. Diese neue Verbindung wird als Anhydroorthosulfaminbenzoesäure, C6H4.CO.SO2NH, bezeichnet. Nach Angabe einer Flugschrift: Saccharin, Patent Dr. C. Fahlberg in New-York und A. List in Leipzig (New-York 1885)“ löst sich dieser Stoff schwer in kaltem Wasser, leichter in heiſsem Wasser. Der Geschmack soll viele Hundertmal süſser sein als der von Traubenzucker. Stärkezucker, mit 0,05 bis 0,1 Procent dieser Verbindung versetzt, soll den Rohrzucker in jeder Beziehung vertreten.

Damit soll also der Rübenzucker beseitigt, der chemischen Industrie dagegen |383| durch die Lieferung von Schwefelsäure, Salzsäure, Chlorkalk und Soda aufgeholfen werden, der Kohlentheerindustrie durch Nachfrage nach Toluol, der Landwirthschaft durch Lieferung des zur Beschaffung des Stärkezuckers erforderlichen Getreides. Als sehr schätzenswerth werden überdies die groſsen antiseptischen Wirkungen des Stoffes bezeichnet.

Referent hatte kürzlich Gelegenheit, diesen wunderbaren Stoff zu kosten. Etwa 1mg desselben, auf die Zunge gebracht, entwickelte anfangs einen an Benzoesäure erinnernden, dann einen eigenthümlich süſsen Geschmack, welcher mehrere Stunden anhielt und dadurch schlieſslich SO unangenehm wurde, daſs zur Beseitigung desselben etwas China genommen werden muſste. Diese Eigenschaft erscheint wenig geeignet für die Einführung dieses Süſsstoffes an Stelle von Zucker. Welche Wirkungen ferner der tägliche Genuſs eines stark antiseptischen Stoffes auf den menschlichen Körper haben wird, müssen erst noch Versuche zeigen. Zu berücksichtigen ist ferner, daſs dieses sogen. Saccharin bestenfalls lediglich ein Genußmittel sein würde, während Zucker zugleich ein Nahrungsmittel ist. 100k Rohzucker von 96 Proc. kosten zur Zeit 46 M. oder nach Abzug der Steuer rund 28 M., während nach König (Nahrungsmittel, S. 210) der Nährwerth von 100k solcher Stickstoff freier Extractstoffe 25 M. beträgt, so daſs auf Rechnung des „Süſsstoffes“ nur 3 M. kämen (vgl. S. 219 d. Bd.).

F.

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