Titel: Ein neues Tintenfaſs, zugleich als Tuschfaſs dienend; von Prof. Meidinger.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1886, Band 259/Miszelle 1 (S. 471–472)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj259/mi259mi10_1

Ein neues Tintenfaſs, zugleich als Tuschfaſs dienend; von Prof. Meidinger.

An ein Tintenfaſs lassen sich folgende Anforderungen stellen: 1) Es soll eine gleichmäſsig hohe, der Federbeschaffenheit entsprechende Füllung besitzen oder leicht herstellen lassen, so daſs das Eintauchen rein mechanisch, ohne die Flüssigkeit weiter ins Auge zu fassen, erfolgen und die Feder nicht mehr als die erforderliche Menge Tinte aufnehmen kann, wodurch das Flecken machende Abspritzen eines Ueberschusses vermieden und Zeit erspart wird. 2) Der Halter darf sich nicht beschmutzen können, indem er an Stellen, welche Tinte aufgenommen haben, anstreift. 3) Die Tinte soll nicht oder doch nur wenig verdunsten; sich bildender Satz soll nicht in die Feder kommen dürfen. 4) Es soll sich der gesammte Vorrath Tinte verbrauchen lassen.

Das gewöhnliche einfache Tintenfaſs kommt diesen Anforderungen nach keiner Richtung nach; eine Anzahl verschiedener Constructionen erfüllt sie mehr oder weniger gut, jedoch keine derselben die Gesammtheit der Anforderungen. Das im Nachstehenden beschriebene, vom Verfasser ersonnene Tintenfaſs (vgl. * D. R. P. Kl. 70 Nr. 26104 vom 5. April 1883) entspricht denselben vollständig.

Textabbildung Bd. 259, S. 471
Das Tintenfaſs besteht aus einem eigenthümlich geformten Porzellankörper A mit besonderem Tauchnapf a und Vorrathsraum b, welche beide durch eine feine Oeffnung verbunden sind. Der Boden des Behälters b ist durch eine von der Tinte nicht angreifbare Gummihaut c gebildet, welche an den Rand fest anschlieſst; durch Aufdrücken derselben wird die Tinte in den Napf a getrieben. Dieses Aufdrücken erfolgt durch Drehen der Schraube s, welche mittels des Winkelhebels trg die Blechscheibe g bezieh. die Gummihaut c aufwärts drückt und damit die Tinte aus dem Vorrathsbehälter b in den Tauchnapf a hebt.

Der Napf hat eine solche Höhe, daſs bei ganzer Füllung die gewöhnliche Feder beim Anstoſsen auf den Boden gerade die richtige Menge Tinte erhält; durch geringe Bewegung der Schraube s läſst sich der Tintenstand der besonderen Feder entsprechend leicht regeln. Der Halter kann nie in die Tinte gelangen, auch keine Stelle in der Mulde anstreifen, welche etwa mit Tinte bespritzt worden sein sollte; er bleibt dauernd rein.

Da der Spiegel der Tinte nur eine geringe Ausdehnung besitzt, so ist das Verdunsten während des Schreibens gering; durch Niederlassen der Tinte in den unteren Behälter b mittels Rückdrehen der Schraube s läſst sich das Verdunsten nach Beendigung des Schreibens fast vollständig unterdrücken, so daſs selbst nach mehrmonatlichem Nichtgebrauche die Tinte eine unveränderte Beschaffenheit zeigt. Sich etwa bildender Satz bleibt in dem Vorrathsbehälter b auf der Gummihaut und wird nicht in dem Tauchnapfe aufgedrückt.

Der Fassungsraum des Behälters b ist nicht sehr groſs im Vergleiche mit Gen meist gebräuchlichen Tintenfässern, immerhin so groſs, daſs eine Person, Welche den ganzen Tag schreibt, 14 Tage Zeit für den Aufbrauch bedarf; es läſst sich eben nahezu der vollständige Inhalt des Vorrathsbehälters in den Tauchnapf hinaufdrücken und daselbst der Feder zuführen. Durch diesen Umstand eignet sich das Tintenfaſs sehr gut für die Verwendung von kostspieligeren oder in kleineren Mengen häufig frisch bereiteten Färbmitteln, wie insbesondere der Tusche. Die Tusche wird fast allgemein auf den Zeichensälen täglich frisch angerieben; in offenem Gefäſse kann sie nicht aufbewahrt werden, da sie beim Verdunsten des Wassers Schuppen bildet und in der Reiſsfeder |472| unverwendbar wird; alles bis zum Abend nicht Verbrauchte ist anderen Tages werthlos, es läſst sich nicht von neuem fein verreiben. Ein nicht kleiner Theil der für Tusche erforderlichen Summe steckt in dem durch Eintrocknen als unverwendbar täglich beseitigten Material. Keines von den seither gebräuchlichen Tintenfässern erwies sich als Tuschbehälter tauglich. Nach den längere Zeit fortgesetzten Versuchen entspricht das oben beschriebene Tintenfaſs allen Anforderungen, welche an ein Tuschfaſs zu stellen sind, in vorzüglicher Weise.

Was das als beweglicher Boden des Tintenfasses dienende Gummi anlangt, so hat die Erfahrung gezeigt, daſs es von der Tinte nicht angegriffen sowie auch die Tinte nicht verändert wird, und daſs es seine Elasticität vollkommen erhält; es ist als dauernd brauchbar, des Ersatzes nicht bedürftig anzusehen. Einmal aufgezogen, braucht es nie mehr abgenommen zu werden. Die Füllung des Vorrathsbehälters b erfolgt, indem man die Gummihaut c ganz aufhebt, dann Tinte in die Mulde a gieſst und die Gummihaut niederläſst; die Tinte flieſst jetzt in den Behälter b ein. Aehnlich verfährt man beim Reinigen, das höchstens einmal im Jahre erforderlich erscheinen dürfte; man läſst Wasser ein und spritzt es wieder aus, mehrmals hinter einander, eine Arbeit von 1 bis 2 Minuten.

Zu Gunsten des neuen Tintenfasses kann noch seine hübsche bequeme Form, sowie sein gefälliges Aeuſsere (Masse vom feinsten Porzellan) angeführt werden. Es ist verhältniſsmäſsig schwer, von breiter Grundfläche, so daſs ein Umfallen unmöglich ist. Es läſst sich, da es einen massiven Körper bildet, als unzerbrechlich ansehen. Die etwas schwierige Porzellanform, die Metallausrüstung und die Gummihaut gestatten nicht, das Tintenfaſs zu einem sehr billigen Preise zu fertigen; es kostet 3 M.

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