Titel: Zur Herstellung des sogen. Saccharins.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1886, Band 261/Miszelle 11 (S. 95–96)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj261/mi261mi02_11

Zur Herstellung des sogen. Saccharins.

Nach C. Fahlberg in New-York und A. List in Leipzig (D. R. P. Kl. 12 Nr. 35211 vom 16. August 1884) wird zur Herstellung des fälschlich Saccharin (vgl. 1886 259 382) genannten Benzoësäuresulfinides Toluol mit Schwefelsäure bei einer Temperatur, welche 100° nicht übersteigen darf, sulfurirt. Die Sulfosäuren werden über das Calciumsalz in das Natriumsalz übergeführt.

Das trockene Natriumsalz wird mit Phosphortrichlorid gemischt und ein Chlorstrom unter beständigem Umrühren über das Gemisch geleitet. Nach Beendigung der Umsetzung wird das gebildete Phosphoroxychlorid abdestillirt und das Gemisch der entstandenen Chloride stark abgekühlt. Das Paratoluolsulfochlorid krystallisirt aus, das Orthochlorid bleibt flüssig und wird durch Schleudern u. dgl. abgesondert. Durch Ueberleiten von trockenem Ammoniakgas oder durch Mischen mit Ammoniumcarbonat oder Bicarbonat wird das Orthochlorid in das Orthotoluolsulfamid übergeführt, welches, in Wasser schwer löslich, vom Chlorammonium durch Auswaschen befreit wird. Durch Oxydation, indem man das Amid in ein stark verdünntes Kaliumpermanganat einträgt, und in dem Grade, wie freies Alkali und Alkalicarbonat entsteht, letzteres durch vorsichtigen Zusatz von Säuren abstumpft, wird das Amid in das Benzoësäuresulfinid übergeführt. Es entsteht zunächst eine Lösung des orthobenzoësulfaminsauren Kaliums, welche von Mangandioxydhydrat getrennt wird. Auf Zusatz von Säure scheiden sich aus der Lösung Krystalle des Benzoësäuresulfinides oder der Anhydroorthobenzoesulfaminsäure ab.

Nach weiteren Mittheilungen von C. Fahlberg und A. List (D. R. P. Kl. 12 Nr. 35717 vom 16. August 1884) gibt ein Gemisch von Ortho- und Paratoluolsulfosäure mit Oxydationsmitteln ein Gemenge der isomeren Sulfobenzoësäuren. Man stellt aus diesem Säuregemische trockene Alkalisalze her und unterwirft dieselben einer Behandlung mit Phosphortrichlorid und freiem Chlor. Es bilden sich Gemische der Dichloride der Orthosulfobenzoësäure und der Parasulfobenzoësäure. Während das Parasulfobenzoësäuredichlorid durch Ammoniak glatt in das entsprechende Diamid übergeht, verwandelt sich unter gleichen Bedingungen das Orthosulfobenzoësäuredichlorid in das Ammoniumsalz der Sulfaminbenzoësäure. Das Parasulfobenzoësäurediamid ist unlöslich in Wasser, das Ammoniumsalz der Orthosulfaminbenzoësäure hingegen leicht löslich. Man scheidet aus dem Gemische beider Verbindungen ersteres durch seine Unlöslichkeit in Wasser ab und zersetzt die Lösung des Ammoniumsalzes der Orthosäure durch eine Mineralsäure.

Stellt man in oben angegebener Weise ein Gemenge von Ortho- und Paratoluolsulfosäuren her und oxydirt, so werden nahezu gleiche Mengen Ortho- und Parabenzoësulfosäure erzeugt. Die abgeschiedenen Säuren werden als Alkalisalze zur Trockene verdampft und nach der für die Toluolsulfosäuren angegebenen Methode mit freiem Chlor bei Gegenwart von Phosphortrichlorid in die Dichloride übergeführt. Nachdem man das in der Reaction der Chlorirung entstandene Phosphoroxychlorid abdestillirt hat, trägt man in das Gemisch der Dichloride in berechneter Menge Ammoniumcarbonat ein. Durch Zuführung von Wärme mittels Dampfschlangen o. dgl. leitet man einestheils die Zersetzung des Ammoniumcarbonates in gasförmiges, trockenes Ammoniak und Kohlensäure, anderenfalls die Reaction des Ammoniaks auf die Dichloride ein, welche durch ein Rührwerk gleichmäſsig gestaltet wird. Es entstehen Chlorammonium, Parasulfobenzoësäurediamid und orthosulfaminbenzoësaures Ammonium. Nach Beendigung der Reaction, welche sich vortheilhaft in einer Kohlensäure-Atmosphäre vollzieht, laugt man das Reactionsproduct mit Wasser aus. Es bleibt unlöslich das Parabenzoësäuresulfamid, während die Orthoverbindung mit dem Ammoniumchlorid in Lösung geht. Ein Zusatz von Salzsäure scheidet das Condensationsproduct, das Benzoësäuresulfinid, aus der Lösung ab; letzteres kann durch irgend eine Filtrationsvorrichtung gewonnen werden.

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Es ist selbstverständlich, daſs dieselben Reactionen auch zu erlangen sind, wenn man z.B. vom Aethylbenzol oder Propylbenzol ausgeht, und daſs auch die Bromide sich zur Umwandlung in die Amidverbindungen eignen.

Bodenbender lobt in der Deutschen Zuckerindustrie, 1886 S. 797 diesen Süſsstoff in überschwenglicher Weise: „Wie in den Anilinfarben gleichsam die Farben einer untergegangenen Pflanzenwelt dem lebenden Geschlechte wieder vor Augen geführt werden, so könnte man sagen, daſs dieser Fortschritt der organischen Chemie den Honig der Nektarien längst dahin gestorbener Blumen neu erstehen lasse. So ist nicht allein der Stoff dem ewigen Kreislaufe unterworfen, nein auch die Formen des Stoffes sind es.“

Nach C. Scheibler (Neue Zeitschrift für Rübenzuckerindustrie, 1886 Bd. 16 S. 209) ist dagegen das einzige Gebiet, worauf das Saccharin sich möglicherweise bleibend behaupten dürfte, das seiner Verwendung als Antisepticum oder als Versüſsungsmittel für Arzneimittel. Für diese Anwendungen aber einen kostspieligen Groſsbetrieb einzurichten, erscheint in keiner Weise angezeigt, da ein irgendwie namhafter Verbrauch hierbei gewiſs nicht zu erwarten ist.

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