Titel: Eigenthümlicher Bruch stählerner Dampfkessel.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1886, Band 261/Miszelle 1 (S. 138–140)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj261/mi261mi03_1

Eigenthümlicher Bruch stählerner Dampfkessel.

Obschon man gegenwärtig nach einer Reihe von Jahren, seit welcher die Verwendung von Fluſsstahl zu Dampfkesseln, namentlich für Marinezwecke, sich eingebürgert hat, das Verhalten dieses Materials bei der Verarbeitung und beim Betriebe genau zu kennen glaubt, kommen doch noch manchmal Fälle vor, |139| in welchen man völlig unerwartete Erfahrungen damit zu machen hat. Ein solches höchst seltsames, geradezu räthselhaftes Verhalten stählerner Schiffskessel ist im Engineer, 1885 Bd. 60 * S. 447 mitgetheilt.

Es handelt sich hierbei um zwei Sätze stählerner Kessel – zu je 3 Stück – sämmtlich von cylindrischer Gestalt mit wagerechten Dampfsammlern. Das hierzu verwendete Material, welches einer angesehenen Bessemerhütte entstammte, war allen vom Handelsamte und Lloyd vorgeschriebenen Proben unterzogen worden und hielt alle die bei der Kesselfabrikation vorkommenden Arbeiten, als Flanschen; Biegen, Schweiſsen, ohne jeden Schaden aus. Beide Kesselsätze waren zu vollständiger Zufriedenheit während 2½ Jahren in Betrieb; alsdann aber ergaben sich Anzeichen, daſs eine vollständige Aenderung der Natur des Materials Platz gegriffen haben müſste. Die Construction der Kessel gab keinerlei Anlaſs, das merkwürdige Verhalten des Materials darauf zurückzuführen; es waren cylindrische Röhrenkessel mit je drei geschweiſsten Feuerbüchsen an jedem Ende, welche zusammen in je eine besondere Verbrennungskammer münden. Bei Inbetriebsetzung der Kessel wurden die gewöhnlichen Maſsregeln beobachtet. Zink wurde nach Vorschrift der Admiralität in Blöcken in den Kessel eingelegt und die Kesselsteinansätze sorgfältig abgekratzt, namentlich an der Rückseite der Verbrennungskammer, da man bei ähnlichen eisernen Kesseln früher die Erfahrung gemacht hatte, daſs sich diese Wände leicht ausbauchten, wenn die Kesselsteinschicht über 1mm,6 stark wurde.

Die erste Beschädigung zeigte sich an der einen ebenen Platte einer Verbrennungskammer, in welcher ein etwa 750mm langer Riſs entstand, welcher 3 bis 1mm,6 weit klaffte; derselbe entstand plötzlich im Monate August, 3 Wochen nach dem Abblasen des Kessels, während an dem Kessel mit Ausnahme des Reinigens keinerlei Arbeit ausgeführt wurde. Die zweite Beschädigung ergab sich, ebenfalls nach 2½ jährigem Dienst, bei dem zweiten Dampfer; es entstand hier, ebenfalls in der Verbrennungskammer, ein ganz ähnlich gelegener Riſs (parallel zu einer senkrechten Nietreihe zur Verbindung der 3 Theile, woraus die Platte bestand), von etwa 680mm Länge, ebenfalls 14 Tage nach Abblasen des Kessels, und zwar mit so lautem Knalle, daſs ein eben dort beschäftigter Kesselschmied davon beinahe taub wurde.

In Folge dieser beiden ganz ähnlichen Brüche beschloſs man, die übrigen Platten durch Schläge mit einem 4k schweren Hammer zu prüfen. Das Ergebniſs war die Entstehung einer Reihe weiterer Risse theils parallel, theils quer zu den Nietreihen, welche aber die Gröſse der ersten nicht erreichten, sondern in der Länge von etwa 100 bis 300mm schwankten. Bei einigen dieser Risse zeigte sich zunächst in deren Richtung ein eigenthümlicher schwarzer Schatten von etwa 13mm Breite und nach einem weiteren Schlage wurde ein schwacher Riſs, wie ein Haar, sichtbar, welcher sich allmählich zur vollen Länge und Weite vergröſserte; andere Risse entstanden sofort bei dem ersten Schlage, alle aber ohne lautes Krachen. Gelegentlich entdeckte man auch Risse zwischen den Nietlöchern von verschiedenen Stirnblechen, Stützen u. dgl.; kurz man erkannte, daſs sich Ungewöhnliches vollziehe, obschon früher niemals Anzeichen von Sprödigkeit des Materials entdeckt worden waren.

Ein paar Monate später erfolgte auf dem Dampfer Nr. 2 ein Riſs in allmählicher Weise, während der Kessel unter Dampf stand; man merkte den Vorgang erst, als das Wasser aus dem Aschenfalle floſs. Fast gleichzeitig entstand auf dem Dampfer Nr. 1 die ernsthafteste aller Beschädigungen, ein 550mm in der Umfangsrichtung um die eine Feuerbüchse laufender Riſs. Der Kessel war seit 14 Tagen abgeblasen und ein Junge saſs gerade auf der betreffenden Stelle der Feuerbüchse, um dieselbe zu reinigen. Der Knall war so laut, daſs man dem Oberingenieur meldete, einer der Kessel sei explodirt, obschon sie abgeblasen seien.

Schon vor diesen Ereignissen hatte man aus allen den zersprungenen Platten in Gegenwart eines Beauftragten des Handelsamtes Probestreifen geschnitten; aber sowohl die damit veranstalteten Prüfungen, wie die chemische Analyse des Materials gaben keinerlei bestimmten Anhalt zur Erklärung des seltsamen Verhaltens desselben. Der untersuchende Chemiker hatte den Stahl als ein Material von mittlerer Güte erklärt.

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Seltsam war auch das Verhalten der zersprungenen Theile. Als man versuchte, das eine Stück einer solchen Platte abzuschlagen, dehnte sich der Riſs beim ersten Schlage ungefähr um 100mm weiter nach dem Rande aus, so daſs nur noch 64mm zusammenhängend blieben; in diesem Stücke aber lieſs sich das Blech nach der Richtung des Risses flach zusammenbiegen und wieder gerade strecken, ohne daſs sich der Riſs irgend verlängerte. Bei einer anderen Platte, deren Riſs sich beim ersten Schlage noch etwa 25mm verlängert hatte, konnte der zusammenhängende Theil in gleicher Art erst umgebogen, dann gestreckt und nach der anderen Seite flach zusammengelegt werden, ohne weiter zu reiſsen, während ein vorstehendes Stück an anderer Stelle beim ersten Hammerschlage abbrach.

In Folge dieser Erscheinungen wurde beschlossen, die Kessel durch neue, ebenfalls von Stahl, zu ersetzen. Als man anfing, die alten Kessel zu zerschlagen, zeigten sich schon beim Abschlagen der Nietköpfe die Stutzen zwischen Kessel und Dampfsammler nach allen Seiten zersprungen; nicht einer derselben konnte als ganzes Stück entfernt werden. Ebenso zersprang bei dieser Arbeit eine der Mantelplatten des Kessels; als man die Feuerbüchsen von den Kesselstirnplatten abschlug, zersprangen letztere nach allen Richtungen, die Flanschen brachen ab und ebenso sprangen von den Feuerbüchsen durch die Nietlöcher hin vollständige Reifen ab. Beim Losmachen einer der Kesselmantelplatten fiel dieselbe von oben auf den Erdboden und brach mitten durch. Die Platte war 19mm stark. Die eine Hälfte wurde auf Unterlagen gelegt und ein Gewicht von 1t aus einer Höhe von 2m,15 darauf herabfallen gelassen. Die Platte brach dabei durch zwei parallele Risse in 3 Stücke, deren eines wieder quer in 2 Theile zersprang.

Bei der Herstellung der Kessel hatte sich das Material, wie schon bemerkt, vorzüglich gehalten; die Löcher in den Mantelblechen und sonstigen runden Theilen (Flanschen) waren gebohrt, in den oberen Platten gestanzt worden, die Feuerbüchsen hatten nach dem Schweiſsen ein sorgfältiges Ausglühen erfahren. Aulserdem war das Material zeitweilig durch die Beamten des Handelsamtes und des Lloyd geprüft worden.

Es wäre zu versuchen, ob sich etwa irgend welche vernünftige Gründe für die Risse in diesen Kesseln finden lassen; ohne solche müſste die unangenehme Thatsache anerkannt werden, daſs es möglich sei, ein Material zu Kesseln zu verarbeiten, welches sich nach einiger Zeit als gänzlich unzuverlässig erweist, obschon es alle die ausgedehnten und strengen Proben trefflich bestanden hat. Allgemein wird zugegeben, daſs weicher Stahl heutzutage längst über Versuchsanwendungen bezüglich seiner Eignung zu Dampfkesseln hinaus sei, und die Besitzer der erwähnten Dampfer haben sich ebenfalls wieder für stählerne Kessel entschieden, trotzdem sie mit den ersteren eine Menge von Unbequemlichkeit und Aufenthalt gehabt haben, abgesehen von den groſsen unvorhergesehenen Kosten der Anschaffung neuer Kessel. (Vgl. Stromeyer S. 46 d. Bd.)

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