Titel: Ueber die Behandlung der Abwasser von Städten.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1886, Band 261/Miszelle 9 (S. 354–356)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj261/mi261mi08_9

Ueber die Behandlung der Abwasser von Städten.

Die Menge des Abfluſswassers von den Straſsen ist je nach dem Zustande derselben und nach dem Verkehre sehr verschieden. Als Durchschnitt vieler Versuche auf verschieden gebauten Straſsen fand C. M. Tidy nach dem Journal of the Society of Chemical Industry, 1886 S. 344 4g Bestandtheile in 1l Abfluſswasser, davon waren 1g,7 gelöst. Auf Holzpflaster fand er während eines heftigen Sturmes 0g,7 Trockensubstanz in 1l Wasser; davon waren 0g,56 in Lösung. Natürlich übt das Wetter bedeutenden Einfluſs auf die Menge und Zusammensetzung des Abwassers aus. Die Menge des verunreinigten Wassers, welches von Fabriken herrührt, lälst sich gewöhnlich gar nicht bestimmen.

Um über die durchschnittliche Zusammensetzung des Abwassers einer Stadt Anhaltspunkte zu erhalten, müssen während mindestens 24 Stunden jede Vo Stunde Proben genommen werden, welche dann mit einander gemischt zur Untersuchung gelangen. Es ist ebenfalls wichtig, daſs an möglichst vielen Stellen in den Abfluſskanälen Proben geschöpft werden. Da Gewitter bedeutenden Einfluſs auf die Zusammensetzung der Abwasser ausüben, müssen auch Proben, welche etwa 1 bis 1½ Stunden nach einem Gewitterregen entnommen wurden, analysirt werden. Als Durchschnitt vieler Versuche enthält nach Tidy das Abwasser der Stadt London nach heftigem Regen 1g,3 Bestandtheile in 1l, davon 0g,9 gelöst. Von den organischen Bestandtheilen sind 0g,2 gelöst vorhanden (vgl. 1874 211 208).

Neben amorphen organischen Substanzen enthalten die Abwasser niedere Thierformen, so Monaden und Vibrionen. Wenn längere Zeit der Luft ausgesetzt, bilden sich höher organisirte Infusorien, so Vorticellen und Rotiferen. Wenn solches Wasser in Zersetzung begriffen ist, entwickelt sich Schwefelwasserstoff und Methan und das thierische Leben verschwindet in denselben. Wird aber solches sich zersetzendes Abwasser mit gewöhnlichem Wasser vermischt und der Luft ausgesetzt, so treten wieder Rotiferen und Vorticellen auf und der schlechte Geruch des Wassers verschwindet. Daraus geht hervor, daſs bei der Analyse von mit Städteabwasser verunreinigtem Fluſswasser je nach der Zeit und dem Orte der Probenahme verschiedene Ergebnisse erhalten werden können. Wasser, welches in der Nähe der Ufer entnommen wird, enthält gewöhnlich nur niedere Thierformen; solches aus der Mitte des Flusses, wo mehr |355| Berührung mit der Luft stattfindet, zeigt dagegen höhere Infusorien. Um ein Durchschnittsergebniſs zu erhalten, müssen daher quer über dem Flusse möglichst zahlreiche Proben genommen werden.

Im Niederschlage, welcher sich beim Stehen von Städteabwasser absetzt, finden sich Reste unverdauter Nahrung, Muskelfasern, Hülsen und Haare von Weizen, Wollfasern und Pflanzengewebe. Weiter finden sich Absonderungsproducte, wie gelbe Gallensubstanzen, Krystalle von Harnsäure und Schutt aus den Straſsen. Zur Erkennung, ob ein Wasser Städteabwasser beigemischt enthält, ist das Vorhandensein von Weizenhaaren und pflanzlichen Spiralen ohne Membran von höchster Wichtigkeit. Wenn pflanzliche Gewebe durch den menschlichen Körper gehen, werden nämlich nur die Membranen gelöst, die Spiralen aber bleiben unverändert.

Der wirkliche Werth von Städteabwasser ist bedeutend geringer, als man es nach seiner Zusammensetzung erwarten sollte. Die Benutzung von Städteabwasser zur unmittelbaren Düngung von Land ist mit sehr groſsen Schwierigkeiten und Uebelständen verbunden. Das Abwasser wird täglich ohne irgend welche Unterbrechung in ungefähr gleichen Mengen erzeugt. Es muſs daher bei allen Jahreszeiten, bei Trockenheit wie auch bei Nässe, und ohne Rücksicht auf das Wachsthum der Pflanzen auf die Felder gelassen weiden. Natürlich muſs durch diese Behandlung ein reines Wasser erzeugt werden und zwar ohne daſs dabei die Nachbarschaft belästigt wird. Es ist daher immer nöthig, daſs die Stadt selbst im Besitze des Landes sei und die Reinigung überwache. Schon die Beschaffung eines geeigneten Stück Landes ist aber in vielen Fällen mit groſsen Schwierigkeiten verbunden. Der Boden muſs einen gewissen Grad von Durchlässigkeit haben, damit das Wasser schnell filtrirt und dabei auch den höchst möglichen Grad von Reinheit erreicht. Das Land muſs in der Nähe der Stadt liegen, um den Verkauf des erzeugten italienischen Raygrases zu ermöglichen. Die Entfernung von der Stadt darf aber nicht zu klein sein, da sonst Verunreinigung der Luft, wie auch des Trinkwassers zu fürchten ist. Das Land muſs auf solcher Höhe liegen, daſs das Abwasser auf dasselbe durch eigene Schwere aufflieſsen und das gereinigte Wasser wegsickern kann. (Vol. 1883 247 458.)

Neben dieser Art der Reinigung von Abwasser kommt namentlich die chemische Reinigung in Betracht. Die benutzten Chemikalien müssen natürlich möglichst billig sein, ferner nicht nur die Unreinigkeiten fällen, sondern zu gleicher Zeit auch den schlechten Geruch entfernen. Es ist wichtig, daſs sich der Niederschlag schnell absetzt und leicht von dem Wasser trennen läſst. Mit möglichst wenig Fällungsmittel soll gröſstmögliche Reinigung erzielt werden. Das Fällungsmittel muſs je nach der Natur des Abwassers verschieden gewählt und auch die Menge desselben durch Versuche im Kleinen festgestellt werden. Eines der ersten Mittel, welches zur Fällung vorgeschlagen wurde, ist Kalk (vgl. 1874 211 211). Tidy fand bei Versuchen mit dem Abwasser einer groſsen Stadt, daſs mit 1g,3 Kalk für 1l Wasser alle aufgenommenen Bestandtheile und auch 25 Procent der gelösten organischen Stoffe entfernt wurden. In einer Stunde setzte sich der Niederschlag von 1m,8 auf 65mm. Diese Verwendung von Kalk zur Fällung ist aber mit Nachtheilen verbunden. Man erhält eine bedeutende Menge Niederschlag, welcher werthlos ist. Das gereinigte Wasser ist alkalisch und geht gern in Zersetzung über. Da freier Kalk im Wasser den Fischen schädlich ist, läſst sich dieses Fällungsmittel nicht überall anwenden. Mit Thonerde als Fällungsmittel hat Tidy ausgezeichnete Erfolge erzielt; die Fällung ist aber bedeutend langsamer als mit Kalk. Auch Eisensalze lassen sich verwenden, wobei sich schwarze Niederschläge bilden. Die Reinigung mit all diesen Mitteln ist aber keine ganz vollkommene, so daſs das Wasser nicht als Trinkwasser benutzt werden kann.

Die beste Reinigung findet nach Tidy statt, wenn man bis zur alkalischen Reaction des Wassers Kalk und dann noch etwas Thonerdesalz zusetzt. Ein Zusatz von Phosphorsäure zur Erhöhung des Dungwerthes des Niederschlages ist zu verwerfen, da Vorhandensein von Phosphorsäure in Wasser die Pilzbildung sehr befördert (vgl. 1874 211 214).

Das Abwasser wird am besten im frischen Zustande gereinigt. Es ist |356| wichtig, daſs eine genügende Menge des Fällungsmittels zugesetzt und daſs dasselbe mit dem Wasser durch langes Rühren möglichst gemischt wird. Um vollständige Absetzung des Niederschlages zu ermöglichen, ist eine genügende Anzahl groſser Absatzgefäſse nothwendig. Die ganze Reinigung muſs genau überwacht werden.

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