Titel: Ursprung der atmosphärischen Elektricität.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1886, Band 261/Miszelle 3 (S. 492–493)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj261/mi261mi11_3

Ursprung der atmosphärischen Elektricität.

In den Comptes rendus, 1886 Bd. 102 * S. 838 ff. bespricht Prof. D. Colladon zwei von ihm nahe an Genf beobachtete Gewitter mit sehr bedeutenden elektrischen Entladungen, wovon das zuletzt beobachtete sich noch dadurch auszeichnete, daſs das Centrum desselben etwa 2½ Stunden lang nahezu unbeweglich blieb. An diese und zahlreiche andere früher gemachte Beobachtungen knüpft Verfasser die folgenden theoretischen Betrachtungen.

„Die von Palmieri gegebene Hypothese des Ursprunges der atmosphärischen Elektricität, wonach die Elektricität durch Condensation der wässerigen Theilchen zu Tropfen erzeugt würde, kann der Wirklichkeit nicht entsprechen; denn die Erfahrung lehrt, daſs bei solcher Condensation keine bemerkenswerthe Elektricität entwickelt wird. Im Einklänge mit Faye und Luvini ist dagegen anzunehmen, daſs aus den oberen Luftschichten – welche bekanntlich um so mehr Elektricität in sich bergen, je weiter sie von der Erdoberfläche entfernt sind, ohne gegenwärtig angebbare Grenze – beständig Elektricität in die Gewitterwolke überströme, so lange das Gewitter andauert. Die Kreisbewegungen, welche jene beiden Forscher ihren Hypothesen zu Grunde legten, dürfen aber nicht als ohne weiteres bestehend angenommen werden; man kann sich vielmehr die Entstehung von Bewegungen folgendermaſsen vorstellen: Läſst man einen Wasserstrahl lothrecht zur Erde flieſsen, so reiſst derselbe Lufttheilchen mit |493| sich und erzeugt eine Luftströmung, welcher Vorgang bei den Wasserstrahlgebläsen praktische Anwendung gefunden hat. Bei Wasserfällen läſst sich die Erscheinung häufig beobachten., ganz besonders bei denjenigen, welche sich in möglichst dichtem Strahle in die Tiefe ergieſsen, ferner auch bei gewöhnlichen Badbrausen (sogen. Douchen). Ganz ähnlich wirken starke Regengüsse. Jeder Wassertropfen zieht die umgebende Luft mit sich; es entsteht eine Luftströmung vom Inneren der Gewitterwolke aus nach unten und dieselbe wird um so stärker, je bedeutender der Regenguſs ist. Bei einer ganz schmalen Regensäule können alle Druckunterschiede durch die seitlich ab- und zuströmenden Luftmassen sich ausgleichen, nicht so bei sehr ausgedehnten Gewittern, bei welchen die obersten, über den Gewitterwolken befindlichen Luftschichten gegen das Innere der Regen ergieſsenden Wolken gezogen werden müssen, wodurch nicht nur fortwährend neue Elektricität, sondern auch groſse Eismengen in Form von feinen Nadeln herbeigezogen werden. Durch solche kalte Luftschichten wird eine bedeutende Wärmemenge gebunden, groſs genug, um in Höhen von 3 bis 5km über dem Erdboden die Hagelbildung zu ermöglichen.“ Diese von Prof. Colladon erläuterte Entstehung von Luftströmungen als Folge der Regengüsse selbst ist zweifellos richtig. Es müssen Strömungen entstehen, entsprechend denjenigen, welche uns auf dem Erdboden in unmittelbarer Nähe eines unbeweglich bleibenden Gewitters fühlbar werden. Palmieri gibt aber eine Hypothese für die ursprüngliche Entwickelung von Elektricität, während Colladon nur die Ueberführung von Elektricität aus höheren Luftschichten in die Gewitterwolken hinein erklärt. Letzterer spricht sich nicht völlig scharf darüber aus, ob er der Erklärung von Luvini beipflichtet, welcher die Reibung der feuchten Luft an den Cirruswolken und an den dort oben befindlichen wässerigen Theilchen als Ursache der Elektricitätsentwickelung ansieht, oder ob er die Annahme vieler gegenwärtiger bedeutender Physiker theilt, nach welcher die Sonne, ähnlich wie das Licht, auch die Elektricität aussenden, die Erde dagegen solche von allen Seiten her in sich aufnehmen würde. Die letztere Anschauung erkennt der Erde eine gewisse merkwürdige Centralisation zu, eine Sonderstellung, und sie setzt überdies voraus, daſs der luftleere Raum die Elektricität in irgend welcher Weise fortzuleiten vermöge, was durch Versuche durchaus noch nicht nachgewiesen werden konnte; im Gegentheile zeigte W. Crookes in den Proceedings of the Royal Society of London, 1879 Bd. 28 S. 347, daſs bei einer Luftverdünnung auf ein Millionstel unseres gewöhnlichen Atmosphärendruckes so zu sagen gar keine Elektricitätsleitung, keine Ueberführung von Elektricität durch die Luftleere stattfinde. Oder theilt vielleicht Prof. Colladon die Anschauung, welche von L. Zehnder in D. p. J. 1883 248 141. 249 * 395 für die Entstehung der atmosphärischen Elektricität erläutert worden ist? Diese Hypothese sieht mit Luvini die atmosphärische Elektricität als eine auf der Erde erzeugte Reibungselektricität an, verlegt aber die Haupterregungsfläche auf die Erdoberfläche selbst und zwar ganz besonders in die heiſse Zone, wo stark Feuchtigkeit haltige Luft durch beständige Strömungen auf der festen, verhältniſsmäſsig gut leitenden Erdoberfläche sich zu reiben gezwungen wird.

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