Titel: Schichau's Hochsee-Torpedoboot.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1886, Band 261/Miszelle 1 (S. 544–546)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj261/mi261mi12_1

Schichau's Hochsee-Torpedoboot.

Trotz der Beachtung, welche die Entwicklung des Torpedowesens findet und trotz der vielfachen Mittheilungen über Torpedoboote herrschen doch über das Wesen und ganz besonders über die Bauart dieser Fahrzeuge noch recht unklare Ansichten. Es muſs jeder sachgemäſsen Aeuſserung über diesen Gegenstand eine erhöhte Aufmerksamkeit um so mehr gewidmet werden, als der Kreis der wirklich Sachverständigen ein ungemein eng begrenzter ist. Wenngleich diese Fahrzeuge zweifellos einen der bemerkenswerthesten Fortschritte im Gebiete des Schiffs- und Schiffsmaschinenbaues kennzeichnen, so sind doch nur wenige Personen in der Lage, genaue Auskunft über dieselben zu geben und noch weniger fähig mit Aussicht auf sicheren Erfolg den Bau derselben zu unternehmen. Ueber Torpedoboote hat nun R. Ziese aus Elbing im Petersburger Polytechnischen Verein einen Vortrag gehalten, welcher um so mehr Beachtung verdient, als der Genannte in seiner Stellung als Ingenieur der Schiffsbaufirma F. Schichau in Elbing über die heutzutage wohl vortrefflichsten Torpedoboote dieses Hauses die zuverlässigste Auskunft zu geben im Stande ist. Im Folgenden ist ein kurzer Auszug aus diesem in dem Protokolle (Nr. 55 vom 26. Oktober 1885) des genannten Vereins veröffentlichten Vortrage wiedergegeben.

Der Erfolg in der Ausführung eines allen berechtigten Anforderungen genügenden Torpedobootes beruht auf der genauen Kenntniſs und Befolgung aus der Praxis entnommener und in der Praxis erworbener Erfahrungen, sowie in der Anwendung der besten Materialien, namentlich des Stahles. Ebenso hängt von der peinlich genauen und sorgfältigen Ausführung der Arbeiten die Tüchtigkeit eines Torpedobootes ab. Da diese Fahrzeuge eine Geschwindigkeit erhalten, welche die der gröſsten Seedampfer bedeutend übersteigt (vgl. 1886 259 379), so müssen rücksichtlich der Kleinheit dieser Boote Dampfmaschinen geschaffen werden, welche für die Gewichts- und Raumeinheit das 8 bis 10 fache mit gröſserer Zuverlässigkeit leisten als die üblichen Maschinen. In dem Vortrage wurden zunächst die Spierentorpedoboote besprochen, welche ihrer geringen Zuverlässigkeit und Brauchbarkeit halber jetzt nur noch in wenigen Fällen benutzt werden. Diese Boote müssen dicht an das feindliche Schiff heranfahren, um an dasselbe einen Torpedo zu schieben, welcher im Bug des |titlePage| [Vorkommen des Titelblattes und der folgenden Werbeseiten hier ist ein Bindungsfehler des Druckexemplars.] |ad| |I| |II| |III| |IV| |V| |VI| |VII| |VIII| |IX| |X| |XI| |XII| |545| Bootes an einer langen Stange, der Spiere, von 8 bis 10m Länge etwa 2m unter dem Wasserspiegel befindlich ist. Die Dampfmaschinen dieser Boote sind meistens zweicylindrig nach dem Compoundsysteme mit Condensation. Die Locomotivkessel, welche für 10at Ueberdruck berechnet sind, arbeiten mit künstlichem Zuge, welcher durch ein Gebläse mit 1000 Umdrehungen in der Minute geschaffen wird. Die möglichst leicht gebaute Dampfmaschine arbeitet mit 400 Umläufen in der Minute und etwa 300m Kolbengeschwindigkeit.

Die Terpedoboote der Jetztzeit sind zum Abschieſsen von Fischtorpedos bestimmt, welche eine eigene rasche Bewegung erhalten. Mit der Ausbildung dieser Fischtorpedos, welche jetzt bereits auf 500 bis 600m mit Aussicht auf Erfolg abgeschossen werden können, hat die Entwicklung der Torpedoboote zu Hochseetorpedobooten Schritt gehalten, d.h. Booten, welche die hohe See bei jedem Wetter halten und wochenlange, ununterbrochene Kreuzungen auf dem Meere vornehmen können. Die ersten tüchtigen Boote dieser Art sind von Thornycroft gebaut worden; doch sind dieselben nunmehr durch die Boote von F. Schichau in Elbing übertroffen, welcher jetzt die deutsche Marine mit seinen Constructionen auf Grund seines Sieges im Wettstreite mit Booten anderer Herkunft, auch der englischen, versorgt. Das Schichau'sche Bootmodell ist selbst von der englischen und amerikanischen Marine angenommen worden.

Diese Fahrzeuge haben eine Länge von 40 bis 45m und eine gröſste Breite von etwa 4m,5. Die Geschwindigkeit beträgt in voller gefechtsklarer Ausrüstung bis zu 21 Knoten in der Stunde.1) Die Dampfmaschine der Fahrzeuge entwickelt dann etwa 1000 Pferd. Die Bunker sind in Folge ihrer geschickten Vertheilung so groſs bemessen, daſs sie zur Aufnahme einer Kohlenmenge hinreichen, welche bei 12 Seemeilen mittlerer Fahrt für fast 14 Tage ausreicht, so daſs das Fahrzeug etwa 3500 Seemeilen, ohne neue Kohlen fassen zu müssen, fahren kann; es ist also die Durchkreuzung der Nord- und Ostsee mit Leichtigkeit ermöglicht. Das Deplacement beträgt etwa 100t.

In der Mitte des Bootes befinden sich die Räume für Maschine und Kessel. Für die Gesammtleistung von etwa 1000 Pferd ist nur ein Kessel nach dem Locomotivsysteme verwendet und gerade in der richtigen Construction desselben waren die gröſsten Schwierigkeiten zu überwinden. Der Arbeitsdruck des Dampfes beträgt 12at und soll bei den neuen Booten auf 14at gesteigert werden, da die Kesselconstruction und Ausführung diesen Druck, wie sich gezeigt hat, mit vollkommener Sicherheit aushält. Die Feuerung ist bei den Schichau'schen Booten mit Gebläsebetrieb angeordnet und zwar kann die Luft entweder unmittelbar unter die Roste oder in den Heizraum, welcher dann luftdicht verschlossen wird, gedrückt werden, oder das Gebläse kann aus dem Heizraume saugen, wodurch bei heiſsem Wetter der Heizraum stets kühl gehalten wird. Beim Aufwerfen von neuen Kohlen wird das Gebläse vor dem Oeffnen der Feuerthüren selbstthatig ausgerückt, um das Herausschlagen der Flamme zu verhindern und den Zutritt der kalten Luft an die erhitzten Rohrplatten zu vermeiden; auch ist eine Vorrichtung getroffen, um beim etwaigen Platzen eines Siederohres die Mannschaft vor dem Verbrühtwerden zu schützen. Mittels des Gebläses läſst sich die Dampfentwickelung regeln und die Kesselbedienung ist dadurch erleichtert. Kessel- und Maschinenraum sind mit einander durch eine während der Fahrt stets verschlossene wasserdichte Thür verbunden. Die Befehle werden durch Sprachrohre und telegraphische Signale vermittelt.

Die dreifache Compound-Maschine des Bootes ist nach Schichau'schem Systeme gebaut. Cylinder und Grundplatte sind aus bestem Guſseisen, alles andere von Stahl bezieh. Bronze. Die Maschinen arbeiten mit 350 bis 370 Umdrehungen in der Minute, was einer Kolbengeschwindigkeit von über 330m entspricht. Der Dampf arbeitet nach einander in allen 3 Cylindern und tritt dann in einen Oberflächen-Condensator, welcher aus Kupferblech von 3mm Stärke gefertigt ist. Die Luftpumpe wird unmittelbar betrieben und arbeitet mit derselben Umlaufszahl wie die Maschine. Die Speisepumpen werden durch |546| Uebersetzung langsamer getrieben. Der Umlauf des Kühlwassers im Condensator wird durch eine von selbstständiger Maschine bethätigte Kreiselpumpe bewirkt, so daſs die Luftverdünnung im Condensator von der Hauptmaschine unabhängig erhalten werden kann; auch kann beim Stillstande der überflüssige Dampf vom Kessel in den Condensator geleitet und dort niedergeschlagen werden. Im Falle eines Lecks kann die Pumpe aus der Bilge des Schiffes lenzen; auſserdem sind für diesen Fall fünf besonders starke Ejectoren in den verschiedenen Abtheilungen des Schiffes aufgestellt. Im Maschinenraume befindet sich noch eine starke Dampfpumpe für verschiedene Zwecke und ein Destillirapparat, um Trinkwasser zu erzeugen.

Die Kajüten für die Officiere befinden sich hinten im Schiffe und sind so geräumig wie möglich eingerichtet. Jeder sonstige Platz ist benutzt, um Schränke und Vorrathsräume zu bilden. Die Küche für die Officiere ist ebenfalls hinten, die für die Mannschaft im vorderen Raume; die Boote führen ein leichtes Takelwerk, welches schnell entfernt werden kann.

Ganz im Vordertheile des Bootes sind zwei Leitrohre für die Torpedos eingebaut und ragen dieselben theilweise aus dem Schiffe heraus. Die Mündungen sind durch wasserdichte Klappen verschlossen, welche vor dem Abschieſsen geöffnet werden. Die zugehörigen Luftpumpen u.s.w. befinden sich ebenfalls dort. Der vordere Raum bildet gleichfalls den Aufenthalt für die Mannschaft, während für den Commandanten und Maschinisten im Hintertheil geräumige Kajüten angeordnet sind. Im vorderen der beiden Thürme befindet sich ein Hand- und Dampfsteuerapparat (vgl. * S. 7 d. Bd.). Das Steuer kann auch vom hinteren Thürme aus bewegt werden. Die Thürme bilden die Niedergänge zu dem Inneren des Schiffes und dienen zum Aufenthalte des Commandanten während des Gefechtes; von dort aus führen Sprachrohre und Telegraphen nach Maschine, Kessel und Geschützapparaten. Auf dem Dache der Thürme sind Hotchkiß' Schnellfeuergeschütze (vgl. 1885 257 * 449) aufgestellt. Das Deck, aus Stahlplatten gebildet, ist mit Gummi überzogen, um Ausgleiten bei schlechtem Wetter zu verhindern. Rund um das Schiff läuft eine leichte Brüstung aus Drahtbau.

Die Probefahrten wurden von 10 Knoten Geschwindigkeit anfangend bis zu 21 Knoten in der Stunde getrieben. Bei 0,08 Füllung im kleinen Cylinder, was einer Gesammtfüllung der Dampfmaschine von 0,017 entspricht, beträgt die Geschwindigkeit noch 14,6 Knoten, die Leistung 321 Pferd, der Kohlenverbrauch 0k,4 für 1 Pferd und Stunde und die Umdrehungszahl 235 in der Minute. Bei 0,6 Füllung im kleinen Cylinder, gleich 0,125 Gesammtfüllung, ist die Geschwindigkeit 21,7 Knoten bei 970 Pferd, 370 Umdrehung und 0k,7 Kohlenverbrauch für Pferd und Stunde. Die für diese Boote gewährleistete Geschwindigkeit ist 19 Knoten in der Stunde mit voller Ausrüstung und Kohlen für 1200 Seemeilen Fahrt an Bord.

Vorkommen des Titelblattes und der folgenden Werbeseiten hier ist ein Bindungsfehler des Druckexemplars.
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Ein solches für die chinesische Regierung gebautes Torpedoboot erreichte nebst voller Belastung am 11. Juni d. J. die höchste bisher bekannte Geschwindigkeit von 24,23 Knoten (12m,454 in der Secunde) trotz bewegter See.

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