Titel: Ueber die Veränderungen der Zugfestigkeit und Dehnbarkeit (Blaubruch) von Stahl und Eisen bei gewissen Erwärmungsgraden.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1886, Band 262/Miszelle 4 (S. 544–545)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj262/mi262is11_05

Ueber die Veränderungen der Zugfestigkeit und Dehnbarkeit (Blaubruch) von Stahl und Eisen bei gewissen Erwärmungsgraden.

Nach Iron berichtet die Zeitschrift des Vereins deutscher Ingenieure, 1886 * S. 137 über einen in Bordeaux von Cornut gehaltenen Vortrag über die Veränderungen der Zugfestigkeit und Dehnbarkeit von Stahl und Eisen bei gewissen Erwärmungsgraden, wonach der Verfasser zu ähnlichen Schlüssen gelangt wie Stromeyer, Ledebur u.a. (vgl. 1886 261 46. 262 166). Interessant ist noch des Näheren auf die Bemerkungen von Walrand, Ingenieur der Stahl- und Eisenwerke der Nord-Ost-Gesellschaft in Valenciennes zu verweisen, welcher in den Industrial Annals vom 11. Juni 1882 mittheilte, daſs Valton auf den Stahlwerken des Fürsten Demidoff Versuche mit erwärmten Stahlstäben anstellte, indem er dieselben rechtwinklig umbog. Wenn die Temperatur des Stabes bis zur Blauwärme gesunken war, bemerkte er, daſs das Metall spröde wurde. Valton schloſs, daſs Stahl zwischen 245° und 350° spröder wäre als bei höheren oder niederen Temperaturen. Walrand unternahm dann selbst Versuche mit verschiedenen Eisen- und Stahlsorten. Er lieſs zwei Stäbe von jedem zu untersuchenden Metalle mit einem Querschnitte von 1qc schmieden; der eine davon wurde kalt gebogen, der andere in blauwarmem Zustande, welcher auf einer blank gefeilten Stelle erkannt wurde. Auch Walrand fand eine gröſsere Sprödigkeit bezieh. Brüchigkeit bei dem warmen Metalle und diese schien ihm von einem Wachsthume der Zugfestigkeit und einer Abnahme der Dehnbarkeit begleitet zu sein. Die Versuche in dieser letzteren Richtung wurden mit Rundstäben von 16mm Durchmesser und 100mm freier Länge ausgeführt.

Auch Huston (vgl. 1878 227 502) hat ähnliche Versuche unternommen, um die Aenderungen der Zugfestigkeit von Stahl- und Eisen-Kesselblechen bei 300 und 500° festzustellen. Die 3 Versuchsstücke, quadratische Stäbe von 25mm,4 Dicke, wurden neben einander von derselben Platte geschnitten und erhielten in der Mitte eine Anbohrung von 5mm Durchmesser. Dieses Bohrloch wurde mit einer Legirung gefüllt, deren Schmelzpunkt bei der in Frage kommenden Temperatur lag. So nahm Huston eine Legirung von 32,3 Zink und 67,7 Blei für 300° bezieh. von 24,5 Silber und 75,5 Blei für 500°. Das Ergebniſs dieser Versuche war dasselbe wie das der Walrand'schen: bei 300° hatten nämlich Eisen und Stahl gröſsere Zugfestigkeit und geringere Dehnbarkeit als bei gewöhnlicher Temperatur.

Gegen den ersten Punkt scheinen wieder die Ergebnisse zu sprechen, welche Greiner bei Versuchen mit Rundstäben von 200mm Länge und 15mm Durchmesser fand. Es wurde hierbei Stahl der vier groſsen Klassen der Seraing-Skala geprüft. Hier ist eine Festigkeitsabnahme von durchschnittlich 20 Proc. begleitet von einer Dehnungsabnahme von 50 Proc. Da jedoch über die |545| Ausführung der Versuche, die dazu benutzten Maschinen u.s.w. nichts angegeben ist, so läſst sich nicht beurtheilen, ob diese Ergebnisse zuverlässig genug sind.

Oberingenieur Barba zu Creusot gibt seine Meinung dahin ab, daſs Eisen und Stahl bei einer Erwärmung auf 300 bis 350° in einen warmbrüchigen Zustand (état rouverain) kommen. Doch sind sich alle Forscher darin einig, daſs neue Versuche nöthig sind, um die genauen Bedingungen für das Auftreten desselben und seinen Einfluſs auf Zugfestigkeit und Lage der Elasticitätsgrenze festzustellen. Die Kenntniſs von dem Vorhandensein dieses „Warm- oder Blaubruches“ genügt aber schon, um manche Vorfälle, die sich mit Metallen ereignen, zu erklären. So schreiben diesem Zustande Barba, Walrand und Kraft den Bruch von Bremsbändern in Folge zu festen Anziehens zu, ferner den Bruch bei Dampfkesseln u. dgl. an stark gekrümmten Stellen u.s.w.

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