Titel: Heiz- und Schmelzversuche mit Wassergas; von H. Röſsler und M. Ehrlich.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1887, Band 263/Miszelle 6 (S. 108–110)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj263/mi263mi02_6

Heiz- und Schmelzversuche mit Wassergas; von H. Röſsler und M. Ehrlich.

Die in Folgendem nach dem Sprechsaal, 1886 S. 747 beschriebenen Versuche sind insofern von ganz besonderem Interesse, als sie für die Beurtheilung des relativen Heizwerthes von Wassergas insbes. im Verhältnisse zum Steinkohlengase bestimmte Anhaltspunkte liefern.

Wie bekannt, erzeugt man Wassergas, indem man in glühendes Brennmaterial einen Strom von Wasserdampf leitet und dadurch sowohl den Kohlenstoff des ersteren, als auch die Bestandtheile des letzteren in brennbare Gase überführt. Theoretisch besteht das Wassergas nur aus Wasserstoff und Kohlenoxyd; aber in der Praxis hält es freilich immer noch gröſsere oder kleinere Mengen von Kohlensäure und Stickstoff, welche herabstimmend auf den Heizeffect wirken. Durch die Zersetzung des Wassers wird die Temperatur vermindert und muſs durch theilweise Verbrennung der glühenden Kohle mit atmosphärischer Luft erhöht werden, um den Prozeſs in Gang zu erhalten. |109| Dies kann nur auf zweierlei Art ausgeführt werden, entweder dadurch, daſs man mit dem Dampfstrahle zugleich atmosphärische Luft eintreten läſst, dadurch die Temperatur und damit die Entwickelung gleichmäſsig erhält, wie dies bei dem Wilson'schen Wassergas-Generator der Fall ist, oder indem man, wie dies Strong und nach ihm Quaglio und Dwight (vgl. 1880 238 * 146) thun, abwechselnd Luft, um die Temperatur zu erhöhen, und dann Wasserdampf zur Zersetzung eintreten läſst und nun die ersteren aus Kohlenoxyd und Stickstoff bestehenden Gase zur Heizung des Dampfkessels benutzt, die letzteren aus Kohlenoxyd und Wasserstoff bestehenden aber nach dem Gasbehälter führt.

In der Scheideanstalt in Frankfurt a. M. war im J. 1883/84 ein Wilson'scher Apparat in Gang, welcher indessen wieder auſser Betrieb ist, weil er sich für die Zwecke der Anstalt weniger geeignet hat.

Das Gas, welches in diesem Apparate erzeugt wurde, hatte im Durchschnitte folgende Volumenzusammensetzung: 18 Kohlenoxyd, 10 Wasserstoff, 68 Stickstoff, 4 Kohlensäure und bewährte sich sehr gut zum Heizen des Dampfkessels, welcher während eines ganzen Jahres damit gefeuert wurde, wie man denn auch an anderen Orten damit Muffeln heizt, Druckgeschirr damit verglüht und andere Arbeiten verrichtet, welche keine sehr hohe Temperatur verlangen. Die Zuführung der Luft war leicht zu regeln und die Verbrennungsgase enthielten 12 Kohlensäure, 8 Sauerstoff, 80 Stickstoff.

Der eigentliche Zweck der Scheideanstalt aber, die Edelmetall-Schmelzungen in Tiegelöfen mit dem Wilson-Gas auszuführen, konnte nicht erreicht werden, da, abgesehen von den Schwierigkeiten einer regelmäſsigen Zuleitung des unmittelbar aus dem Apparate (nicht aus einem Gasbehälter) kommenden Gases nach den verschiedenen Schmelzöfen, die nothwendige Temperatur nicht zu erzielen war. Es war kaum möglich, auf Silberschmelzhitze zu kommen, was übrigens durch die so auſserordentlich starke Verdünnung mit Stickstoff zur Genüge erklärt wird.

Was die Kosten der Feuerung betrifft, so stellte sich die Heizung des Dampfkessels ebenso theuer als mit anderem Brennmaterial; es würde aber zweifelsohne eine wesentliche Ersparniſs stattgefunden haben, wenn man die Gasentwickelung näher bei der Verbrennung gehabt hätte, um die Erzeugungswärme des Gases von etwa 400° ganz auszunutzen, und wenn man auſserdem. was das Wesentlichste ist, die Verbrennungsluft vorgewärmt hätte. Mit letztgenannter Verbesserung hat man in der That auch den Wilson'schen Apparat mit groſsem Vortheile zum Glasurschmelzen und zu ähnlichen Arbeiten verwendet, ja man versichert, daſs damit in England auch Stahl geschmolzen wird (vgl. 1885 258 * 404).

Seit 1885 wird nun in der Scheideanstalt zum Schmelzen von Flüssen und Metallen, zum Glühen von Farbkörpern und zu allen Laboratoriumsarbeiten Wassergas benutzt, welches auf der benachbarten Frankfurter Gasfabrik dargestellt, im sogen. Gasometer angesammelt und zu 6 Pf. für 1cbm geliefert wird. Dieses Gas, welches allen Anforderungen entspricht, hat die folgende Zusammensetzung: 36 Kohlenoxyd, 51 Wasserstoff, 7 Stickstoff, 4 Kohlensäure, 2 Wasser und ist selbstverständlich viel heizkräftiger als das durch Stickstoff so stark verdünnte Wilson-Gas; es gibt, obwohl es kalt aus dem Gasometer strömt, also die ursprünglich vorhanden gewesene Temperatur von etwa 600° wieder verloren hat, auch ohne Vorwärmung der Verbrennungsluft zu allen vorliegenden Arbeiten die gewünschte Hitze. So lassen sich leicht Silber, Gold, Kupfer schmelzen und es hat keine Schwierigkeit, die zur Erzeugung von Porzellanfarben nöthigen Temperaturen zu erreichen. In dem kleinen Rößler'schen Patent-Gasöfchen (vgl. 1884 253 * 79) schmilzt die Legirung von 70 Gold und 30 Platin. Bei richtiger Ausnutzung der ursprünglichen Wärme und Vorwärmung der Verbrennungsluft aber, wie z.B. auf dem Werke von Schulz, Knaudt und Comp. in Essen, lassen sich mit Leichtigkeit weit höhere Temperaturgrade erzielen, wie sie zum Schweiſsen von Schmiedeisen und zum Schmelzen von Stahl nothwendig sind. Dort findet das Wassergas übrigens auch zugleich für Leuchtzwecke Verwendung, indem man damit kammförmig zusammengestellte Magnesiastäbchen glühend macht (vgl. 1886 259 * 413. 261 * 526).

Zur Vergleichung des Heizeffectes und der Kosten wurde in der Scheideanstalt |110| eine groſse Anzahl von Versuchen angestellt, deren Durchschnittsergebnisse unten folgen. Dabei wurden alle Heizungsbrenner angewendet, wie sie für Leuchtgas üblich sind; nur wurden die Luftöffnungen an den Ausströmungsröhren geschlossen, um Rückschlagen der Flamme zu vermeiden und weil beim Wassergas eine vorherige Mischung mit der Luft nicht nöthig ist;

1) Ein kupfernes Gefäſs, mit Wasser gefüllt, wurde unter genau denselben Verhältnissen von 15 bis 100° erhitzt und zwar nach einander mit Wassergas, mit dem fetten, leuchtkräftigen Leuchtgase der Frankfurter Gasfabrik und mit dem gewöhnlichen Steinkohlengase der englischen Gasfabrik. Verbraucht wurden: 10cbm Wassergas an Stelle von 4cbm Frankfurter Gas und 5cbm englischem Gas. Dem Geldbetrage nach erreicht man mit 10 M. in Wassergas so viel als mit 20 M. in Frankfurter Gas und 14 M. in englischem Gas.

2) Gleiche Gewichtsmengen von zwei Sorten Fluſs für Schmelzfarben wurden ebenfalls unter vollständig gleichen Verhältnissen im Perrot'schen Gasofen einmal mit Wassergas, das andere Mal mit Frankfurter Leuchtgas geschmolzen. Dabei wurden für 4,60 M. und 6,50 M. Wassergas bezieh. für 19,60 M. und 26,80 M. Frankfurter Gas verbraucht.

3) Gleiche Mengen Feinsilber und Kupfer wurden in demselben Ofen zuerst mit Wassergas und dann mit Frankfurter Gas geschmolzen und dabei wurden verbraucht: für 4,30 M. und 5,70 M. Wassergas gegen 16,70 M. und 21,70 M. Leuchtgas.

Man wird also nach diesen Versuchen beim Kochen und Verdampfen für ungefähr die Hälfte des Geldes, beim Schmelzen im Perrot-Ofen für ungefähr den vierten Theil dasselbe leisten, wenn man Wassergas anstatt Leuchtgas verwendet, und es besteht kein Zweifel, daſs bei gröſserer regelmäſsiger Darstellung durch die Gasfabrik oder bei Selbstgewinnung das Cubikmeter weit weniger als 6 Pf., wie oben gerechnet, zu stehen kommen wird. Sicher wird auch in den nächsten Jahren die Erzeugung des Wassergases noch weiter vervollkommnet und dadurch für eine ganze Reihe von Industrien die Einführung der Gasfeuerung ermöglicht werden.

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