Titel: Ueber Trinkwasser und dadurch verursachte Krankheiten.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1887, Band 263/Miszelle 9 (S. 111)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj263/mi263mi02_9

Ueber Trinkwasser und dadurch verursachte Krankheiten.

Odling, Crookes und Tidy haben der vorjährigen Jahresversammlung der British Association (vgl. Journal of the Society of Chemical Industrie, 1886 S. 544) eine Schrift über die Ausbreitung von Krankheiten durch unreines Trinkwasser vorgelegt. In manchen, wenn auch nur sehr seltenen Fällen ist es sicher bewiesen, daſs die Weiterverbreitung von Typhus und anderen Krankheiten auf den Genuſs von schlechtem Trinkwasser zurückzuführen ist. Im Gegensatze dazu kommt es aber sehr oft vor, daſs Leute Wasser, welches Abwasser von Städten und andere Unreinigkeiten enthält, täglich als Trinkwasser benutzen, ohne den geringsten Schaden zu nehmen. Noch vor 25 Jahren flössen die Abwasser von Oxford, Reading und anderen Städten alle in die Themse. In jener Zeit kamen auch bei der am Flusse wohnenden Bevölkerung ziemlich häufige Fälle von ansteckenden Krankheiten vor. Trotzdem waren aber solche Krankheitsfälle in der zu unterst am Flusse gelegenen Stadt London, welche Themsewasser als Trinkwasser benutzte, nicht häufiger als in den höheren Fluſsgegenden. Es geht daraus hervor, daſs selbst bei Genuſs von sehr stark verunreinigtem Wasser nur selten Ansteckungsfälle vorkommen. Es scheint also, daſs die im Wasser vorhandenen ansteckenden Organismen sich wenig vermehren, sobald sie aus der für ihre Ernährung zuträglichen Flüssigkeit entfernt sind. Die Verfasser führten Versuche in dieser Hinsicht mit dem die Milzkrankheit der Wollsortirer verursachenden Virus aus. Derselbe wurde zur Herstellung eines verdünnten inficirten Wassers mit reinem Wasser versetzt und nach mehrstündigem Stehen eine organische Stoffe enthaltende Flüssigkeit zugefügt. So behandelte Mikroorganismen haben nach 5 bis 6 Stunden noch genügende Lebenskraft, um sich zu vermehren; nach 18 Stunden dagegen tritt keine Vermehrung mehr ein. Es scheint daher, daſs namentlich die groſse Verdünnung den menschlichen Körper vor der Wirkung dieser Organismen schützt, indem sie deren Lebenskraft vermindert oder ganz zerstört. Darum ist auch verständlich, warum die Bewohner von London durch den Genuſs des schlechten Themsewassers nicht gelitten haben. Um alles Trinkwasser von London in dem Maſse zu verunreinigen, wie es in Odling's Versuchen geschah, wären täglich etwa 4500cbm inficirte Flüssigkeit nothwendig. Um aber das gesammte Themsewasser bis zu diesem Grade mit Mikroorganismen zu verunreinigen, müſsten etwa 227000cbm Infectionsflüssigkeit zugesetzt werden. Jedoch selbst bei dieser in Wirklichkeit unmöglichen Verunreinigung wäre das Wasser, wie die Versuche zeigten, der Gesundheit nicht nachtheilig. Nach Berechnungen von Odling würde beim Zufügen von 1 Million Sporen zum Wasser der Themse nur eine Spore in 227cbm Wasser vorhanden sein. Es ist allerdings sicher, daſs Sporen länger im Wasser leben als Bacillen, mit denen obige Versuche angestellt wurden. Immerhin soll aus diesen Untersuchungen hervorgehen, daſs man keine Befürchtungen über die Erzeugung ansteckender Krankheiten durch den Genuſs von Themsewasser und Fluſswasser überhaupt zu hegen braucht.

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