Titel: Verfahren, um Gewebe durch theilweise Zusammenziehung ihrer Fäden zu mustern.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1887, Band 263/Miszelle 12 (S. 163–164)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj263/mi263mi03_12

Verfahren, um Gewebe durch theilweise Zusammenziehung ihrer Fäden zu mustern.

P. und Ch. Depoully in Paris sowie C. Garnier und Fr. Voland in Lyon (D. R. P. Kl. 8 Nr. 30966 vom 14. Juni 1884) haben sich für das Verfahren, um mittels chemischer Agentien Gewebe zu mustern (vgl. W. Spindler 1884 253 133), bestimmte Vorschriften geschützt; derartig behandelte Gewebe werden wegen ihrer erhabenen Musterung bossirte Gewebe genannt.

Das Verfahren stützt sich auf die bekannte Thatsache. daſs verschiedene Gespinnstfasern unter dem Einflusse geeigneter chemischer Mittel ihre Länge in beträchtlicher Weise ändern. Es können sowohl Gewebe, welche aus gemischten Fasern, also z.B. aus Seide und Baumwolle bestehen, wie auch solche aus nur einer Art Faser in Verwendung genommen werden. Gewebe der ersten Art werden der Einwirkung concentrirter alkalischer Lösungen ausgesetzt und dadurch eine Zusammenziehung der Baumwollfaser bis zu 50 Procent ihrer ursprünglichen Länge erzielt. Die Seidenfäden hingegen erleiden diese Zusammenziehung nicht. sie krümmen sich nur und bilden Wellenlinien, welche der Oberfläche des Gewebes den Eindruck bossirter Arbeit verleihen. Durch verschiedene Vertheilung der beiden Gespinnstfasern können die Unebenheiten. welche dem behandelten Gewebe einen ganz neuen Charakter verleihen, beliebig angeordnet werden.

Gewebe aus durchaus gleicher Faser können nicht unmittelbar auf die beschriebene Weise behandelt werden, da sonst das Gewebe nur eine gleichmäßige Zusammenziehung erleiden, aber keine Unebenheiten sich bilden würden. Man trägt deshalb auf solche Gewebe einen Schutzpapp (sogen. Reservage) nach Maſsgabe der Musterung auf. Bei der dann folgenden Behandlung mit concentrirten alkalischen Lösungen erfahren nur die nicht mit Schutzpapp bedeckten Gewebetheile eine Zusammenziehung, während die damit bedeckten unverändert bleiben. Die Bossirung laſst sich sowohl in der Kette, wie im Schusse in beliebiger Stärke erzeugen, wodurch auf dünnen Geweben wirksame Gegensätze von matten und durchscheinenden Stellen entstehen. Als Schutzpapp werden gummi- oder gallertartige Körper, auch harzige Lösungen, sowie Kautschuk und Guttapercha in Vorschlag gebracht. Die alkalischen Lösungen wendet man am besten als Natronlauge in einer Stärke von 15 bis 32° B. an, je nach dem Grade der zu erreichenden Zusammenziehung. Die Behandlung läſst sich leicht und schnell durchführen, denn die chemische Wirkung tritt rasch ein. Man zieht das Gewebe durch das alkalische Bad und bringt es hierauf sogleich in einen Spülbottich mit flieſsendem Wasser bezieh. in schwach saures Wasser, um weitergehenden Veränderungen vorzubeugen. Auch concentrirte Schwefelsäure kann an Stelle der alkalischen Bäder als zusammenziehendes Mittel verwendet werden.

Neuerdings haben die Erfinder einige Verbesserungen an ihrem Verfahren vorgenommen (Zusatzpatent Nr. 37658 vom 13. December 1885). Beim Behandeln der gemischten Gewebe sowohl mit Natronlauge, wie mit Schwefelsäure hat es sich als vortheilhaft herausgestellt, die Temperatur möglichst auf 0° zu halten, um die Zeit des Untertauchens der Gewebe auf 5 bis 10 Minuten |164| verlängern und dadurch eine vollkommenere Wirkung ohne Nachtheil für die Festigkeit der Gewebe erzielen zu können. Die mit Schwefelsäure erzielte Wirkung ist ganz verschieden, je nach dem Concentrationsgrade der verwendeten Säure und der Dauer der Einwirkung. Wenn man z.B. ein ganz aus Baumwolle bestehendes, mit Schutzpapp bedrucktes Gewebe bei sehr niedriger Temperatur mit Schwefelsäure von 49 bis 51° B. behandelt, so kann man das Gewebe 5 bis 10 Minuten in der Säure liegen lassen und dadurch ein starkes Zusammenziehen der Faser hervorrufen, ohne eine Zerstörung des Gewebes befürchten zu müssen. Der der Einwirkung der Säure ausgesetzt gewesene Theil des Gewebes bleibt geschmeidig. Wird hingegen eine Schwefelsaure von 52 bis 53° oder gar bis 66° benutzt, so muſs sehr schnell gearbeitet werden, um eine Beschädigung des Stoffes zu verhindern. Der der starken Saure ausgesetzte Theil des Gewebes ist dann mehr oder weniger gehärtet und macht den Eindruck, wie wenn der Stoff an dieser Stelle appretirt wäre, wogegen der geschützte Theil vollkommen geschmeidig bleibt.

Das Verfahren ist nicht nur auf Gewebe, sondern auch für Garn, Litzen. Tressen, Chenille. Besatzschnüre u. dgl. anwendbar.

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