Titel: Bersten und Umsturz eines Wasserwerk-Standrohres.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1887, Band 263/Miszelle 1 (S. 351–353)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj263/mi263mi07_1

Bersten und Umsturz eines Wasserwerk-Standrohres.

Die New-Yorker King's County Wasserwerks-Gesellschaft hatte zu Sheepshead Bay bei Brooklyn einen Wasserthurm in Gestalt eines Standrohres (vgl. Birkinbine 1876 221 * 399. McAlpire 1886 260 44) aufgestellt, welcher bei der Abnahmeprobe am 7. Oktober 1886 Nachmittags 1 Uhr zerborsten und umgefallen ist. Das Standrohr war aus Stahlblechen zusammengenietet und nachfolgend ist die Beschreibung des merkwürdigen Falles nach dem Scientific American, 1886 Bd. 55 * S. 405 bezieh. Industries, 1886 Bd. 1 * S. 631 im Auszuge wiedergegeben.

Der Umsturz war in 30 Secunden geschehen und verursachte ein rumpelndes Geräusch, gefolgt von einem Donner ähnlichen Krach und einer schwachen Erderschütterung nach allen Richtungen, welch letztere noch bis zu 3000m vom Schauplatze des Unfalles empfunden wurde. Die Leute dachten an Erdbeben und verlieſsen erschreckt ihre Wohnungen; eine Dunstwolke erhob sich an der Stelle, welche das Standrohr eingenommen hatte und man sah nach Verschwinden derselben die Ueberschwemmung des umgebenden Landes und alsbald auch das auf dem Boden liegende Rohr sowie nach allen Richtungen zerstreute Bruchtheile desselben. Der Unternehmer für den Bau des Standrohres, der Kesselfabrikant H. S. Robinson zu Boston, wollte kurz vor dem Einstürze eine Besichtigung des Bauwerkes vornehmen, wurde von der Sturzwelle ergriffen und etwa 15m weit fortgetragen, jedoch ohne wesentlichen Schaden zu nehmen. Die Anpflanzungen rings um das auf freiem Felde errichtete Standrohr wurden theilweise vernichtet; Menschenleben gingen nicht zu Grunde. Von den angegebenen Quellen enthält Scientific American den zwischen der Wasserwerks-Gesellschaft und dem Unternehmer bestehenden Lieferungsvertrag, Industries eine genaue Beschreibung der Construction und Beschaffenheit des Standrohres vor und nach dem Einstürze nebst dem Urtheile des Civilingenieurs R. Tratman von New-York über die Ursachen der Katastrophe. Beide Berichte stimmen darin überein, daſs in erster Linie schlechtes Material der aus Stahl hergestellten Wandbleche, theilweise auch mangelhafte Arbeit den Unfall hervorriefen. |352| Ueberdies beanstandet Tratman auch mit vollem Rechte die Construction des Bauwerkes, welche er als ungeschickt und gefährlich bezeichnet.

Auf einem 10m unter die Erdbodenfläche reichenden, aus in Cementmörtel versetzten Backsteinen und Beton hergestellten, im Grundschnitte runden Grundmauerwerke von 6m Durchmesser war das flaschenförmig construirte Standrohr errichtet. Die ganze Höhe desselben vom Boden bis zur Spitze betrug 76m, bis auf eine Höhe von 9m,12 erhielt das Standrohr 4m,85 Durchmesser. Dann folgte eine Verjüngung des Durchmessers auf die Hälfte durch ein kegelförmiges Uebergangsstück von 7m,6 Länge; an dieses schloſs sich ein Rohr von 59m,28 Höhe und 2m,48 Durchmesser. Die Zusammensetzung der Röhrenstücke erfolgte mit Stahlblechtafeln von je 1m,52 Breite und 2m,13 bis 2m,74 Länge. Der unterste am meisten beanspruchte Rohrfuſs bestand aus 25mm,4 starken Blechen; hierauf folgten 6 Schüsse mit 19mm, 13 Schüsse mit 16mm, 12 Schüsse mit 9mm,5 und 12 Schüsse mit 6mm,3 Blechstärke. Gegründet war das Rohr auf 4 Quadranten von 25mm,4 starken Stahlplatten, auf welchen der unterste Rohrschuſs durch ein auſsen liegendes Winkeleisen von 152mm Schenkellänge und 25mm,4 Stärke mit 2 Reihen ebenso starker Nieten befestigt war. Zwei Reihen schiefer Stützen, zusammen 48 Stück, in der Höhe von 1m,82 und 2m,6 über dem Bodenrande an dem zweiten Blechschusse befestigt, steiften sich in Entfernungen von 0m,53 bezieh. 1m vom Rohrrande gegen die Grundplatten. Die Stützen bestanden aus Flacheisen von 63mm × 25mm,4 Querschnitt und waren in der Mitte verdreht, so daſs sie gegen die Rohrwandung flach, dagegen umgekehrt gegen die Grundplatten lagen. Das zur Befestigung an die Ringbleche bestimmte Ende war verbreitert und mit drei 22mm-Nieten angenietet; der T-förmig angearbeitete Fuſs wurde auf den Grundplatten mit je zwei 28mm,5 starken Bolzen festgehalten. Die zu den einzelnen Rohrschüssen verwendeten Stahlbleche sollten nach dem Vertrage aus Stahl von 4220k/qc absoluter Festigkeit bestehen und waren durch Ueberblattung an den senkrechten Nähten in den untersten 3 Schüssen dreireihig, an den Nähten zweireihig vernietet. Das untere wie das obere Ende des kegelförmigen Uebergangsrohres war je durch 6 innenliegende senkrechte T-Eisen verstärkt, welche 100mm Schenkellänge und 2m,74 Länge hatten; an der Spitze des Standrohres waren 5 gleiche T-Eisen von 7m,6 Baulänge angebracht. Dieses oberste Ende erhielt auſsen einen Abschluſsring von Winkeleisen mit 76mm Schenkelbreite und 9mm,5 Schenkelstärke. Je 31m,6 und 68m über dem Boden waren an dem Standrohre zwei Halsbänder mit angenieteten Haken zum Einhängen der zehn 25mm,4 dicken Ankerseile angeordnet; diese waren in Entfernungen von 24m,4 und 45m,6 vom Grundmauerwerke in den Boden eingelassen. 3m,05 unter jedem dieser Halsbänder waren zwei durch eine am Standrohre auſsen festgenietete eiserne Leiter zugängliche Rundgänge angebracht; bei jedem derselben befand sich ein Mannloch, desgleichen eines in der Nähe des Erdbodens. Das Wasser wurde durch ein 355mm weites Rohr zugeführt. Es bestand nur eine einzige Grundverankerung mittels eines 100mm starken Ankerbolzens.

Die Füllung dieses Standrohres behufs Probe und Uebernahme erfolgte am 7. Oktober 1886 und wurde damit um 11 Uhr Vormittags begonnen; zwei Stunden später war das Rohr nahezu voll, etwa auf 69m Höhe, also mit rund 18000hl Wasserinhalt; deutlich sah man an verschiedenen Stellen Wasser ausrinnen und darauf in Zeit von 30 Secunden stürzte das Rohr ein. Nach Aussagen des Unternehmers Robinson scheinen zuerst einige Bleche in etwa 6m Höhe über dem Erdboden gerissen zu sein; das Rohr entleerte sich alsdann sehr rasch und das Wasser versank bald in dem porösen Boden der Umgebung, so daſs eine Untersuchung der Trümmer nach kurzer Zeit erfolgen konnte. Von dem untersten Theile des Standrohres blieben trotz der 48 Stützen nur 3 Bleche stehen und nicht ein einziges ganz; die Stützen waren alle verbogen und geknickt, der ganze untere Winkeleisenring war umgekantet und die Bleche gingen bis auf 18m Höhe ausnahmslos in Trümmer. Nur 11 von den 48 Stützen hafteten noch an den Fuſsplatten. Der Rest des unteren Theiles vom Standrohre mit etwa 3m Höhe ist durch ein längs dreier Stöſse gerissenes Blech gekennzeichnet, welches wie ein Thor nach auswärts geöffnet war. Die Bleche sind von den Nieten abgerissen, die Brüche verlaufen zackig und nahe oder entlang der |353| Nietreihen; theilweise waren die Bleche nach einwärts gebogen und an manchen Stellen doppelt geknickt. An dem oberen Ende der kegelförmigen Verjüngung war das Standrohr vollständig entzwei gebrochen und zwar an der wagerechten Nietreihe beim oberen Ringe; in den unteren Blechen dagegen zeigten sich nur wenige kleine Risse. Ungefähr 12m oberhalb dieses Bruches war ein tiefer Riſs nahe an der Vereinigung von einer wagerechten mit einer senkrechten Naht, wobei die Nieten brachen; im Uebrigen nahm das gestürzte Rohr eine ovale Form an.

Eine Prüfung der Bruchstücke zeigte, daſs die Bleche von sehr verschiedener Güte waren; denn die zerknitterten und verbogenen Bleche lassen ein sehr zähes Material erkennen, während man aus den scharfen Brüchen auf ein sprödes und unbiegsames Metall schlieſsen muſs. Was die Abmessungen anbelangt, so waren die Blechstärken überall ausreichend und es ist offenbar, daſs der Unfall in erster Reihe dem schlechten, für ein solches Bauwerk vollständig ungeeigneten Materiale zuzuschreiben ist; indessen scheint auch an der Arbeit Verschiedenes mangelhaft. Offenbar zerstörte der Wasserdruck eines der schlechten Bleche und das Wasser brach aus dem ganzen, aus 12 Schüssen bestehenden unteren Theile mit Gewalt aus; der obere hohe Theil des Standrohres muſste sich sodann absenken, wobei die Ankertaue rissen und das Umfallen ermöglichten; in Folge des Falles brach der kegelförmige Theil an der oberen Einschnürung ab und verursachte die weiteren Beschädigungen.

Die Construction des Standrohres war, wie bereits Eingangs erwähnt, eine sehr ungeschickte und gefährliche. Bei dem kegelförmigen Uebergangsstücke bewirkt der Wasserdruck einen gewaltigen Auftrieb, welcher Umstand Anlaſs zu Auseinandersetzungen über die Form der Standröhren Anlaſs gegeben hat. Die an dem zweiten Blechringe angebrachten schiefen Stützen, welche gegen die Grundplatten verbolzt waren, sind ursprünglich nicht vorgesehen gewesen und es scheint, daſs eine während des Baues vorgenommene Probe mit Wasser, eben ursächlich der erwähnten flaschenförmigen Construction des Standrohres, eine solche Anstrengung des unteren Theiles ergab, daſs sich das Einsetzen der Stützen zur Befestigung als unumgänglich erwies. Die Stützen waren aber in unvortheilhafter Weise angebracht und die Thatsache, daſs sie fast alle losgerissen wurden, beweist die groſse Inanspruchnahme bezieh. Nothwendigkeit derselben. Neben der schlechten Construction aber ist der Unfall wahrscheinlich, wie erwähnt, in Folge der im unteren Theile verwendeten schlechten Stahlbleche, wo dieselben der gröſsten Inanspruchnahme ausgesetzt waren, entstanden. Die Trümmer zeigten Bleche, welche nicht entfernt jene Festigkeit hatten, auf welche das Material hätte geprüft werden müssen, und die völlige Zerstörung des unteren Theiles vom Standrohre beweist die Sprödigkeit des zur Verwendung gelangten Metalles. Die Bleche waren von Schoenberger und Comp. in Pittsburg an den Unternehmer geliefert worden und es ist Thatsache, daſs der letztere verschiedene Male während des Baues Bleche zurückweisen muſste.

Tratman hält es für wahrscheinlich, daſs sich durch diesen Unfall verschiedene Ingenieure abhalten lassen werden, Stahlbleche für ähnliche Bauwerke zu verwenden; er bedauert dies aber und meint, man sollte berücksichtigen, daſs bei sorgfältiger Ausführung, genauer Sichtung des zur Verwendung gelangenden Materials sowie bei guter Construction der Stahl keine gröſsere Unsicherheit gewährt als Schmiedeisen.

L.

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