Titel: Ueber neuere amerikanische Versuche, gleichzeitig auf demselben Drahte zu telegraphiren und zu telephoniren und über die Tragweite des Telephons.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1887, Band 263/Miszelle 1 (S. 586–588)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj263/mi263mi12_1

Ueber neuere amerikanische Versuche, gleichzeitig auf demselben Drahte zu telegraphiren und zu telephoniren und über die Tragweite des Telephons.

Der elektrische Beirath der belgischen Telegraphenleitung, Prof. F. van Rysselberghe, hat vor einiger Zeit über neuere Versuche berichtet, welche in Amerika über die gleichzeitige Benutzung derselben Leitung zum Telegraphiren und Telephoniren angestellt worden sind. (Vgl. 1882 245 231. 1883 249 * 260. 1884 254 182. 1885 257 * 62.)

Hiernach kann man mit Erfolg auf jede Entfernung unmittelbar, ohne Relais, telephonisch verkehren, was bei der Telegraphie nicht möglich ist. Alle Hauptstädte Europas könnten durch einen internationalen Telephondienst verbunden werden. Die Baltimore and Ohio Telegraph Company hatte ihr Leitungsnetz und ihr Personal zur Verfügung gestellt und die United Lines Telegraph Company Versuche auf der langen, durchgehenden Linie zwischen New-York und Chicago anzustellen gestattet. Die Versuche sind mit Mikrophonen und |587| telephonischen Empfängern vorgenommen worden, an denen van Rysselberghe's neueste Verbesserungen angebracht waren, und immer mit Leitern, welche zu gleicher Zeit dem Telegraphenverkehre dienten.

Durch den ersten Versuch zwischen Grafton und Parkersburg in West-Virginia (167km Entfernung) auf einer Linie mit 8 Drähten, welche mit Rysselberghe's die Induction beseitigenden Apparaten ausgerüstet war, wurde festgestellt, daſs diese Apparate nicht das gute Arbeiten der Telegraphen für schnellere Beförderung, wie etwa des Quadruplex Edison's, verhindern.

Benutzt wurden Drähte von Eisen ungefähr 4mm (Nr. 9 nach der englischen Lehre), oder von gehärtetem Kupfer 2mm,7 (Nr. 12) mit einem Widerstande von ungefähr 4 Ohm auf 1km. Die Verständigung mittels Telephon auf den Kupferdrähten war ausgezeichnet, von einer bemerkenswerthen Klarheit und Deutlichkeit; die geringsten Einzelheiten der Aussprache wurden vollkommen wahrgenommen und die Stimme im Allgemeinen war stark und voll. Auf den Eisenleitungen war die Deutlichkeit der Einzelheiten geringer, obwohl die Stimme nicht schwächer als auf den Kupferleitungen schien. Die Ursache des beobachteten Unterschiedes lag allein in der Natur der Leitungen; denn in beiden Fällen wurden die nämlichen Mikrophone und Telephone benutzt. Auf den Leitungen von Eisen und denen von Kupfer war die Verständigung aber eine ausgezeichnete, sowohl bei Anwendung eines einzigen Drahtes, wie auch bei Herstellung eines metallischen Stromkreises aus zwei Drähten. Die Versuche fanden am Tage während der vollen telegraphischen Arbeit statt.

Eine zweite Reihe von Versuchen zur Feststellung der größten Tragweite des Telephons wurde, weil dabei Apparate zur Beseitigung der Induction zwecklos gewesen wären, zwischen Baltimore bezieh. New-York und Chicago am zeitigen Vormittag angestellt, wo der telegraphische Verkehr am geringsten ist. Von Baltimore nach Chicago hatte man nur Eisendrähte Nr. 8 (4mm,5). Von New-York nach Chicago waren u.a. gehärtete Kupferdrähte Nr. 12 und 14 (2mm,7 und 2mm,1) in Verwendung, welche einen Widerstand von 4 bezieh. 5 Ohm auf 1km besaſsen. Für diese Versuche wurden metallische Schlieſsungskreise benutzt. (Vgl. New-York-Chicago 1883 250 552.)

Auf den Eisendrähten konnte eine gute Unterhaltung auf eine mehr als 400km groſse Entfernung nicht geführt werden; dagegen gelang eine genügende Verständigung zwischen River (Ohio) und Fostoria (Indiana), auf eine Entfernung von 368km mit einem Drahte Nr. 8 (4mm,5). Von Grafton nach Fostoria (520km) konnte man die Stimme des Sprechers hören und einige Worte verstehen, geläufige Unterhaltung war nicht zu ermöglichen.1) Von Baltimore nach Fostoria (1000km) war weder die menschliche Stimme, noch der phonische Rufer zu hören. Nicht die Schwäche der Töne, welche man im Telephon vernimmt, ist die Ursache des Miſslingens, sondern die Stimme wird durch und durch verändert, ihr Klang wird dadurch tiefer und man erkennt die Person nicht mehr, mit welcher man spricht. Man erhält noch sehr volle Töne, aber verschwommen und gedämpft; die Sprachgliederung ist verloren, mit einem Worte: aus Mangel an Deutlichkeit und nicht wegen der Schwäche der Töne wird der Verkehr unmöglich. Auf Kupferdrähten dagegen bleibt die Stimme mit allen Einzelheiten der sprachlichen Gliederung rein, klar und deutlich, ohne die geringste Aenderung, nur daſs sie, zu Folge der bewältigten Entfernung, schwächer wird bis zu dem Grade, wo die Grenze des Fassungsvermögens des menschlichen Ohres erreicht wird. Von Fostoria nach New-York (1175km) kam auf dem 2mm,7 starken Drahte die Stimme für die Bedürfnisse eines geschäftsmäſsigen Verkehres nicht stark genug an. Aber von Fostoria nach Albany (942km) konnte man geläufig und ohne Schwierigkeit auf demselben Drahte sprechen, trotz einer ziemlich ausgeprägten Induction, welche hauptsächlich von Stromkreisen für elektrisches Licht herrührte.

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Bei diesem letzteren Versuche war der ganze Widerstand des hinlaufenden Drahtes 3660 Ohm, derjenige des zurückführenden Drahtes nur 3347 Ohm (der Unterschied rührte davon her, daſs der erstere 4km,3 Eisendraht Nr. 8 einschloſs); die statische Capacität des Stromkreises betrug 3,3 Mikrofarad, die Isolation für 1km 447 Megohm. Auf dieselbe Entfernung zu sprechen (Albany-Fostoria über Buffalo = 941km), in einem vollständig metallischen Stromkreise, der aus feinerem Kupferdrahte (Nr. 14 oder 2mm,1) bestand, gelang nicht. Einzelne ankommende Wörter aber hatten jene charakteristische Deutlichkeit und Klarheit, welche immer bei Kupferdrähten beobachtet wurde. Der Gesang wurde deutlich von einem Ende des Drahtes bis an das andere gehört. Wurde hierbei ein Bell'sches Telephon zu Buffalo, d.h. ungefähr halbwegs, in einen der zwei Drähte, welche den Stromkreis bildeten, eingeschaltet, so verstand Buffalo vollständig jedes, sei es von Fostoria, sei es von Albany gesprochene Wort, obwohl sich das Sprechen über die ganze Länge des Stromkreises erstreckte.2)

Auf Drähten aus Kupfer (oder aus jedem anderen Metalle, welches nicht magnetisirbar ist wie das Eisen, z.B. aus Phosphorbronze) dürfte hiernach die Tragweite des Telephons angenähert proportional der Leitungsfähigkeit der Drähte sein. (Vgl. Preece 1886 260 187.)

Daſs die Erhöhung der statischen Capacität, welche sich aus dem gröſseren Durchmesser ergibt, die Vortheile der Widerstandsverringerung aufhebt, haben Versuche dargethan, welche zwischen New-York und Chicago auf 6mm dicken Drähten der United Lines Telegraph Company angestellt worden sind; dieses sind sogen. „Compounddrähte“ (vgl. 1875 217 384), welche eine 3mm starke Stahlseele haben, umgeben von einer 1mm,5 starken Kupferschicht. Die ganze Länge jedes Drahtes miſst 1625km und sein Widerstand ungefähr 1,1 Ohm für 1km. Seine statische Capacität beträgt 11,7 Mikrofarad oder 23,4 Mikrofarad für eine Schleifenleitung. Von Chicago nach Buffalo bestand die Linie aus 6, von Buffalo nach New-York aus 10 Drähten; von New-York endlich waren in dem Kabel, welches (auf nahezu 2km) den Hudson durchschneidet, sechs andere Drähte. In Chicago gab es ungefähr 10km unterirdisches Kabel.

Alle Drähte der Linie standen in voller telegraphischer Thätigkeit und waren mit Rysselberghe's Apparaten zur Beseitigung der Induction ausgerüstet worden. Die Versuche sind häufig zu verschiedenen Tages- und Nachtstunden wiederholt worden. Die zwei Drähte, welche den metallischen Stromkreis bildeten, dienten zu gleicher Zeit für telegraphische Quadruplex-Apparate.

Rysselberghe war buchstäblich verwundert über das Ergebniſs der Versuche. Die Stimme vibrirte und war deutlich und bewunderungswürdig klar, ohne die geringste Veränderung und von Staunenswerther Stärke. Er konnte die Telephone 3 bis 4cm von seinen Ohren entfernen, ohne daſs er den Sprecher zu verstehen aufhörte. Und doch betrug die Gesammtlänge des Stromkreises 3250km, d.h. zwei Drittel der Entfernung, welche die Küsten der alten und neuen Welt trennt.

Bei diesen Versuchen wurde somit in einer für geschäftsmäſsigen Betrieb befriedigenden Weise gesprochen: auf einem Drahte von 2mm,1 auf eine Entfernung von 300km, auf einem Drahte von 2mm,7 auf eine Entfernung von 941km, auf einem mit 5mm gleichwerthigen Draht auf eine Entfernung von 1625km vollkommen verständlich und es schien gewiſs, daſs man auf demselben Drahte von 5mm auf 3250km hinreichend gut würde verkehren können.

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Cornand hat mit Rysselberghe's Apparaten ohne Schwierigkeit zwischen Buenos Ayres und Santa Fé (500km) gesprochen, indem er zwei Drähte von 4mm, die gleichzeitig zur Telegraphie verwendet wurden, parallel schaltete; die Verständigung war noch befriedigend, wenn man diesen Draht durch ein unterseeisches Kabel von 50km verlängerte. (Vgl. auch München-Bayreuth 1882 246 81.)

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Aehnliche Erscheinungen haben sich auch bei älteren Versuchen gezeigt, u.a. zwischen Dresden-Chemnitz-Leipzig im December 1877 (vgl. 1878 227 56).

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