Titel: Ueber J. Barbe's Sicherheitsventil.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1887, Band 264/Miszelle 1 (S. 459–460)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj264/mi264mi09_1

Ueber J. Barbe's Sicherheitsventil.

Das Sicherheitsventil von J. Barbe, welches von Julien Cornez zu Péruwelz, Belgien, ausgeführt wird und auf der Weltausstellung zu Amsterdam 1885 erstmals bekannt wurde, bezweckt, den Uebelständen abzuhelfen, welche sich daraus ergeben, daſs die gewöhnlichen Sicherheitsventile bei plötzlichen Dampfentwickelungen in der Regel nicht zur Wirkung kommen. Auf diesen Umstand werden die vielen Explosionen zurückgeführt, welche bei Kesseln entstehen, die in Folge von Wassermangel theilweise glühend geworden und dann rasch mit frischem Speisewasser versehen worden sind.

Das Ventil von Barbe ist nun nichts weiter, als ein gewöhnliches, etwas gröſseres Sicherheitsventil, welches, wie nebenstehend veranschaulicht, in umgekehrter Lage im tiefsten Punkte des Kessels angebracht ist. Am Kesselboden herrscht nothwendiger Weise stets der höchste Druck im Kessel. Oeffnet sich dieses Ventil nun in Folge zu hohen Druckes, so kommt sofort eine beträchtliche Wassermenge zum Ausflusse, welche also selbstverständlich der Verdampfung entzogen wird.

Textabbildung Bd. 264, S. 459
Nachdem bereits früher mit diesem Ventile an kleinen Dampfkesseln erfolgreich probirt und über die Erfolge von den Ingenieuren Julien und Wickersheimer im Auftrage des französischen Ministers der öffentlichen Arbeiten berichtet worden war, hatte die Centralcommission für Dampfmaschinen im Seine-Departement, welche die gemachten Versuche nicht für entscheidend erachten konnte, die Anstellung solcher mit groſsen Dampfkesseln verlangt. Das Ministerium beauftragte den Bergingenieur Peslin zu Douai mit den betreffenden Arbeiten.

In dem hierüber erstatteten Berichte (vgl. Génie civil, 1885/86 Bd. 9 S. 155 und Annales industrielles, 1886 Bd. 1 S. 746)1)theilt Peslin mit, daſs nach verschiedenen Erkundigungen bei mehreren belgischen Fabriken, welche das Barbe'sche Sicherheitsventil in Gebrauch genommen hatten, dasselbe sehr regelmäſsig thätig sei, wenn aus irgend einem Grunde der Dampfdruck zu hoch gestiegen ist, sowie daſs das Ventil sich während mehrerer Jahre völlig dicht gezeigt und der Absatz von |460| Kesselstein keinerlei Hinderniſs für seine gute Wirkung gebildet habe. Das Ventil kann übrigens bei jedesmaligem Ausblasen des Kessels leicht untersucht und gereinigt werden.

Die eigenen Beobachtungen hat Peslin an vier verschiedenen Kesseln gemacht. Der erste derselben gehörte dem Maschinenfabrikanten Delsart zu Anzin; dieser Kessel besaſs etwa 2cbm Wasserinhalt. Das Ventil hatte 65mm, sein Zufluſsrohr aber nur 45mm Durchmesser im Lichten, der Dampfdruck betrug 5at,5. Der zweite Kessel gehörte zu den Eisenwerken von Maubeuge, war cylindrisch und lag in der Abhitze eines Puddelofens; sein Wasserinhalt betrug 14cbm, das auf 5at,5 eingestellte Ventil hatte 98mm Weite. Der dritte und vierte Versuch fand in der Fabrik von E. Dervaux-Ibled zu Vieux-Condé (Nord) statt und zwar mit einem Halb-Röhrenkessel und einem Kessel mit ausziehbarer Feuerbüchse, System Thomas und Laurens: ersterer Kessel enthielt 12cbm Wasser und hatte ein Ventil von 100mm Weite, das auf 5at,25 belastet war; der letztere Kessel besaſs 9cbm Wasserraum, das 65mm messende Ventil saſs auf einem Heberrohre von 80mm Weite und war auf 3at,5 eingestellt. Das Abfluſsrohr für das Wasser war 70mm weit.

Nach den gemachten Beobachtungen schlieſst Peslin, daſs beim Ausflusse des Wassers zwei Zeitabschnitte zu unterscheiden seien. Während des ersten flieſst das Wasser aus und der Druck sinkt nur langsam. Während des zweiten aber, welcher in dem Augenblicke beginnt, wo der Wasserspiegel bis zur Oeffnung des Ventiles herabsinkt (hiernach ist zu schlieſsen, daſs bei den Versuchen die Ventile nicht am tiefsten Punkte des Kessels angebracht waren), vollzieht sich ein rasches Herabsinken des Druckes. Uebrigens stellt Peslin fest, daſs auch bei der heftigsten Feuerung der Dampfdruck sofort zurückzugehen begann, sobald das Ventil sich öffnete. Weiterhin fand Peslin, daſs sich bei jedem Versuche die Entleerung des Wassers völlig regelmäſsig vollzog, ohne irgend eine ungewöhnliche Erscheinung zu veranlassen. Bei zwei Versuchen stellte der Genannte sich, um so weit als möglich die Temperatur des ausflieſsenden Wassers beobachten zu können, unmittelbar neben das Rohr für den Ausfluſs des abgeblasenen Wassers. Dieses trat aus dem Rohre in einem sehr kräftigen Strahle aus, verwandelte sich aber schon in geringer Höhe in eine dichte Nebelwolke, aus welcher ein heftiger Regen niederfiel, dem man sich aber ohne Unzukömmlichkeit aussetzen konnte. Das Wasser war nur lauwarm, d.h. seine Temperatur mochte zwischen 30 bis 40° betragen.

Nach Maſsgabe seiner Beobachtungen glaubt Peslin behaupten zu können, daſs durch Anbringung eines Barbe'schen Sicherheitsventiles an einem Dampfkessel sich jene Explosionen verhindern lassen, welche ihren Grund in zu hoch gesteigertem Dampfdrucke haben. Er hält dasselbe für sehr nützlich in einer Menge verschiedener Fälle und befürwortet, den Druck, bei welchem das Ventil in Thätigkeit kommt, auf 1,5 bis 2at über den Arbeitsdruck des Kessels zu reguliren, während Barbe selbst hierfür 3at vorschlägt.

Mit Recht macht übrigens der Oberingenieur Compère der Association Parisienne des Propriétaires d'Appareils à vapeur darauf aufmerksam, daſs die plötzlichen Wasserentleerungen bei wiederholtem Spiele des Apparates leicht Ueberhitzungen der freigelegten Bleche in Folge der aus dem Kesselmauerwerke ausstrahlenden Hitze (warum nicht auch durch die Flamme selbst?) und Verschiebungen der Verbindungen der Kesseltheile herbeiführen könnten, wie man dies oft genug an Kesseln festgestellt habe, welche nach dem Ausziehen des Feuers zu schnell von Wasser entleert wurden.

Kr.

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Vgl. auch den Bericht von C. Pinel bezieh. de Swarte über denselben Gegenstand im Bulletin de Rouen, 1886 S. 446 bezieh. auch Prof. Brauers Bericht über das in Antwerpen vorgeführte Ventil in der Zeitschrift des Vereins deutscher Ingenieure, 1886 S. 106.

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