Titel: Bau und Betrieb der schmalspurigen Kreis-Eisenbahn Flensburg-Kappeln.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1887, Band 264/Miszelle 1 (S. 515–516)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj264/mi264mi10_1

Bau und Betrieb der schmalspurigen Kreis-Eisenbahn Flensburg-Kappeln.

Eine gleich betitelte Druckschrift1)von Eisenbahndirektor Kuhrt in Flensburg enthält die interessante und äuſserst lehrreich geschriebene Geschichte der Entstehung, Erbauung und Leitung einer Nebenbahn von Im Spur, welche die Hafenstadt Flensburg in Schleswig an der Ostsee mit den Hauptorten Glücksburg und Kappein verbindet und eine Länge von 51km,5 hat. Dieselbe ist Eigenthum des Kreises Flensburg, welcher ein Anlehen von 1230000 M. aufnahm und unter der Leitung des späteren Betriebsdirektors Kuhrt die Linie in eigener Verwaltung herstellte. Die gesammten Bau- und Einrichtungskosten entsprechen in ihrer Summe genau dem Voranschlage und ergaben als Gesammtauslagen für 1km den Betrag von 23880 M. Am 1. Juli 1886 konnte die ganze Strecke dem Betriebe übergeben werden, nachdem ein kleinerer Theil derselben 1 Jahr früher in Betrieb gesetzt war. Der Oberbau, welcher fast nur aus abwechselnden Steigungen und Gefällen von wiederholt 25 auf Tausend besteht und zahlreiche Curven bis herab zu 70m Halbmesser enthält, ist aus Vignole-Schienen mit Querschwellen aus Eichenholz hergestellt. Die Schiene, aus Bessemerstahl, hat 85mm Höhe, 40mm Kopf- und 70mm Fuſsbreite; das Gewicht beträgt 15k,2 auf das Meter, der Abstand der Schwellenmittel 843mm. Der gröſste Raddruck der Locomotive erreicht 2500k, woraus sich die geringe Anspruchnahme der Schiene von nur 6,1k/qmm berechnet. Die Errichtung von Stationsgebäuden wurde durchaus den Anwohnern überlassen, da die Bahn nur dort Haltestellen einrichtete, wo ihr die erforderlichen Gebäude beigestellt wurden, und hierdurch die Gemeinden, Gutsbesitzer und besonders die Gastwirthe zu Neu- oder Umbauten angeregt wurden. Sogar die Wasserstation wurde der Bahn umsonst beigestellt von einem unternehmenden Gastwirthe, welcher den nothwendig längeren Aufenthalt der Locomotive in seine Rechnung einbezog.

In gleich praktischer Weise wurde das Betriebspersonal möglichst beschränkt. Auf sämmtlichen 22 Zwischenstationen wird der Bahnhofsdienst als Nebenamt durch die Besitzer der Gasthöfe besorgt, welche jeden Abend die Tageseinnahme und Abrechnung an das Hauptamt in Flensburg senden und damit jeder umständlichen Verrechnung enthoben sind. Für die Bewachung der Uebergänge ist kein Personal erforderlich, da die Zuggeschwindigkeit 20km in der Stunde nicht übersteigt. Die Zugbegleitungsmannschaft besteht aus dem Locomotivführer, dem Heizer und dem Zugführer; die beiden letzteren müssen an den Zwischenstationen den Stationsverwalter in der Verladung der Güter unterstützen; Bremser sind nicht erforderlich, da die Heberlein'sche continuirliche Bremse eingeführt ist. Zur Beaufsichtigung der Geleise und zur Bahnbewachung sind 3 Bahnmeister angestellt mit je 6 Arbeitern.

Als Betriebsmittel dienen 6 Tenderlocomotiven, 16 Personenwagen 2. und 3. Klasse, 2 Gepäckwagen, 20 bedeckte und 12 offene Güterwagen und 2 Langholzwagen; die Gesammtkosten betrugen 254000 M., d. s. 4932 M. für 1km. Die Untergestelle sämmtlicher Wagen sind aus Formeisen hergestellt; die Personenwagen bestehen aus 4 Abtheilungen von je 6 Sitzen und zeichnen sich durch besonderer Ausstattung aus; dieselben haben einen Mittelgang, Bühnen an beiden Enden und Verbindungsbrücken von Wagen zu Wagen.

Die Locomotiven sind von der Schweizerischen Locomotivfabrik in Winterthur geliefert, haben drei gekuppelte Achsen, 1800mm Radstand, 15t Dienstgewicht und 12t,5 Leergewicht. Heizfläche 25qm, Rostfläche 0qm,45, Dampfspannung 14at, Cylinder 240mm × 350mm, Raddurchmesser 750mm auſsen, Wasservorrath 1600l; sie sind nach dem bekannten Brown'schen Systeme gebaut mit oben liegendem Cylinder, dessen Triebkraft mittels eines Balancier und einer zweiten Treibstange auf die vordere Kuppelachse übertragen wird.

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Von der unteren Treibstange wird die Steuerung abgeleitet, gleichfalls nach System Brown. In Folge dieser Anordnungen sind alle 3 Achsen der Maschine vollständig übereinstimmend, was für den Betrieb ein groſser Vorzug ist.

Zum Schlusse wird in dem Berichte das Ergebniſs des ersten halben Betriebsjahres ausgewiesen, woraus hervorgeht, daſs sich jetzt schon die vollen 4 procentigen Zinsen des Baukapitals mit dem Reinertrage decken lassen, ein Erfolg, welcher erst nach einer längeren Reihe von Jahren erwartet worden war.

MM.

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Mit 4 lithographirten Tafeln. Verlag von A. Westphalen in Flensburg 1887.

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