Titel: Der Autokopist und der Tachograph; von Prof. Meidinger.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1887, Band 264/Miszelle 10 (S. 632–634)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj264/mi264mi12_10

Der Autokopist und der Tachograph; von Prof. Meidinger.

Viele Versuche sind im Laufe der Jahre gemacht worden, bequem zu handhabende Druckapparate zur Vervielfältigung von Schriftstücken für den Privatgebrauch herzustellen. Der erste Apparat, welcher den Anforderungen vollkommen entsprach und in ausgedehnteste Verwendung gekommen ist, war der im J. 1879 erfundene Hektograph (vgl. 1879 232 81. 233 88. 1884 253 174). Bei diesem wird bekanntlich eine Anilinfarbenschrift von einem Papierbogen auf eine aus Gelatine und Glycerin bestehende klebrige Masse übertragen und durch einfaches Auflegen neuer Bogen scharfe Abzüge erhalten; die Farbe ist so wirksam, daſs über hundert Abzüge gemacht werden können, die letzteren allerdings immer blasser.1)Rasche Arbeit ist nöthig, da die Farbe in der Masse sich senkt; viel länger als eine halbe Stunde nach Uebertragung der Farbe kann man nicht arbeiten. Als gewisser Mangel ist zu bezeichnen die für die Augen etwas empfindliche blaue Farbe der Schrift und die Unhaltbarkeit derselben; sie bleicht am Licht. Schriften von dauerndem Werth dürfen deshalb hektographisch nicht vervielfältigt werden.

In den letzten Jahren sind zwei neue praktische Druckapparate erfunden worden, welche, nachdem einige kleine Mängel beseitigt, jetzt an Verbreitung zu gewinnen beginnen; dieselben drucken mit unveränderlicher Druckerschwärze, sind also von den in der Farbe liegenden Mängeln des Hektographen frei. Der eine wird als Autokopist, der andere als Tachograph bezeichnet.

Der Autokopist wurde im J. 1880 von O. Leim in Charlottenburg (D. R. P. Kl. 15 Nr. 15711 vom 8. September 1880) erfunden. Das Verfahren entspricht dem Steindruck; es wird jedoch kein Stein zur Aufnahme der verkehrten Schrift angewendet, sondern mit Gelatine überzogenes Pergamentpapier, das in Rollen verschiedener Gröſse geliefert wird, von denen man beim jedesmaligen Gebrauche ein Stück abschneidet. Der betreffende Bogen wird 10 Minuten in Wasser gelegt; dadurch erweicht das Pergamentpapier und quillt die Gelatine auf bis zu gut 0mm,5 Dicke. Längeres Liegen in Wasser schadet nicht; die Gelatine löst sich nicht auf, nur in kochendem Wasser. Der eingeweichte Bogen wird auf ein Brett aufgespannt, nachdem zuvor, um denselben feucht |633| zu erhalten, ein nasser dicker Filzlappen darunter gelegt wurde. Man schreibt mit autographischer Tinte auf Papier, wie bei der Vervielfältigung durch Steindruck; dann legt man den Bogen, Schrift nach unten, auf die Gelatine und streicht mit der Hand oder einer Trockenwalze einfach darüber. Die Schrift überträgt sich sofort verkehrt auf die Gelatine und man kann ohne Weiteres zum Drucken schreiten. Die etwas klebrige, jedoch nicht nasse Gelatine hat die Fähigkeit, die autographische Tinte aufzunehmen und unlöslich festzuhalten. Die Fettstoff enthaltende Schrift verbindet sich nun ihrerseits wieder mit der Druckerschwärze der über den Bogen bewegten Farbwalze, die reine Gelatine nimmt jedoch keine Schwärze auf; die Tinte wirkt wie eine Beize zur Befestigung der Farbe an der Gelatine. So ist das Drucken eine äuſserst einfache und rasche Arbeit. Man fährt einige Mal rasch mit der Färb walze über die Gelatinefläche hin, legt dann einen Bogen darauf, streicht mit der Hand oder der Trockenwalze darüber und zieht ab. War etwas stark eingeschwärzt, so kann man noch einen zweiten Abzug machen, welcher jedoch etwas blasser ist als der erste. Man schwärzt am besten für jeden Abzug von Neuem ein. Drückt man die Farbwalze stark auf, so kann auch die reine Gelatine Schwärze aufnehmen, die jedoch sich sofort wieder entfernen läſst, wenn man rasch, spielend, ohne Druck anzuwenden, die Walze über die Fläche bewegt. Auch kann man unreine Stellen mit dem Schwämme abwaschen. Es empfiehlt sich, die ganze Gelatinefläche gelegentlich mit dem nassen Schwämme zu überfahren, da sie beim Trocknen an den unbeschriebenen Stellen für das Hängenbleiben von Schwärze beim Walzen empfänglicher wird.

Die Zahl der Abzüge im Ganzen ist beschränkt wie beim Hektograph und zwar aus dem gleichen Grunde. Die übertragene Tinte sinkt allmählich in die Gelatine ein und nimmt dann weniger Schwärze auf. Die Schrift wird unzusammenhängend und dann nicht mehr leserlich. Sofortiges Arbeiten nach Uebertragen der Schrift ist geboten; je schneller man arbeitet, um so mehr Abzüge kann man machen. Man wird es auf 200 bringen können, wenn man in der Zeit von anderthalb Stunden etwa damit zu Ende kommt; bei langsamem Arbeiten wird man vielleicht nicht mehr als 50 verwendbare Abzüge erhalten. Bei kleinen Flächen läſst sich im Allgemeinen rascher arbeiten als bei groſsen.

Die Unkosten bei der Benutzung beruhen wesentlich im Verbrauche des Pergamentpapieres (25 Pf. für einen Quartbogen, groſses Briefbogen-Format); Tinte und Schwärze kommen kaum in Betracht. Man könnte einen gelatinirten Pergamentpapierbogen wiederholt benutzen. Wie schon bemerkt, dringt die Farbe allmählich in die Gelatine ein; doch dauert es ziemlich lange, bis keine Spuren mehr vorhanden sind, welche bei einem neuen Schriftüberdruck nicht auch noch Farbe gäben. Mit Aetzkali läſst sich die Schrift sofort vollständig entfernen; man muſs darauf den Bogen in mit Salzsäure oder Essig angesäuertes Wasser und dann in reines Wasser eine Zeit lang legen, ehe man einen neuen Ueberdruck darauf geben kann. Spuren von zurückgebliebenem Kali hindern völlig die Aufnahme der Farbe. In den meisten Fällen wird die Reinigung und Neuverwendung eines Bogens zu umständlich im Verhältnisse zu seinem Kostenbetrage erscheinen. Unter Umständen bildet die Gelatine eine Blase, indem sie sich von dem Papiere loslöst; die Ursache scheint in einem feinen Loche des Papieres zu liegen. Befindet sich die Blase in der Schrift, so wird sie während des Aufwalzens der Schwärze gröſser und es kann bald nicht weiter gedruckt werden. Der Miſsstand macht sich übrigens selten geltend.

Zum Hektographiren mittels Anilintinte kann das gelatinirte Papier nicht dienen; die Tinte wird zwar vollständig von der Gelatine aufgenommen; auch entstehen Abdrücke, dieselben sind aber zu blaſs. Das Glycerin in der Hektographenmasse hält ohne Zweifel die Tinte feuchter, so daſs mehr davon auf das aufgelegte Papier übergeht.

Die Apparate werden in 9 Gröſsen geliefert, für Druck flächen von 16 × 25cm bis 83 × 111cm, im Preise von 32 bis 97 M., die Pergamentblätter zu 1,60 bis 26 M. das Dutzend oder in der Rolle. Verfertiger ist die Deutsche Autokopist-Compagnie in Berlin (W. Oberwallstraſse 19).

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Der Tachograph ist ein wenig umständlicher als der Autokopist. Hier kommt ein gewöhnlicher lithographischer Stein zur Verwendung und eine 2mm dicke biegsame Platte gleicher Gröſse von eigenthümlicher Zusammensetzung, unten wie Wachstuch, oben wie weiche Gelatine erscheinend; die Platte ist in den Längsrichtungen nicht dehnbar und darf es nicht sein; der gelatinartige Auftrag ist jedoch beim Druck senkrecht auf die Fläche nachgiebig. Bei der Arbeit wird die Platte mit der gelatineartigen Fläche abwechselnd auf den Stein gelegt und wieder entfernt; ein beide verbindendes Gelenk, von welchem aus die Platte über den Stein gerollt wird, sichert das durchaus nothwendige genaue Zusammenpassen. Der Stein erhält die Originalschrift, die Platte nimmt demselben die Züge verkehrt ab und überträgt sie aufrecht auf Papier.

Man schreibt auf den Stein mit lithographischer Tinte wie sonst auf Papier. Dann wird eine Beize (Säure und Gummi) über den Stein gegossen, wie beim Lithographiren üblich; hierauf wird abgewaschen, schwach abgetrocknet und mit einer Farbwalze die Schrift verstärkt. Auf diese Weise hat der reine Stein die Fähigkeit verloren, Schwärze von der Walze aufzunehmen. Unmittelbar darauf legt man die biegsame Platte über den Stein, fährt mit einer Trockenwalze darüber und zieht die Platte wieder zurück. Von der verkehrt auf dieselbe übertragenen Schrift kann man zwei gute Abdrücke auf Papier genau in der früher beschriebenen Weise machen. Dann legt man die Platte wieder auf den Stein und holt neue Schwärze; man kann dies 2 bis 3 mal wiederholen, so daſs 6 bis 8 Abdrücke von einer einmaligen Einschwärzung der Steinschrift herzustellen sind. Dann wird der Stein (nach vorherigem Benetzen) von Neuem mit der Farbwalze überfahren und in ähnlicher Weise fortgedruckt. Die Zahl der Abzüge ist gewissermaſsen unbegrenzt, in der Stunde etwa 100. Nach Beendigung des Drückens nimmt man die verkehrte Schrift der Platte mittels Terpentin weg und die aufrechte Schrift des Steins durch Reiben mit Bimsstein und Wasser. Es erfordert die Reinigung etwa 5 Minuten. Läſst man die Schrift auf dem Steine stehen, so kann man lange Zeit später ohne Weiteres von Neuem drucken.

Das Positiv-Negativ-Druckverfahren wurde im J. 1885 von A. Schapiro in Berlin derart ausgebildet, daſs es von Laien mit Sicherheit sofort ausgeübt werden konnte; das Hauptorgan desselben, die biegsame Platte, wird in ihrer Herstellung als Fabrikgeheimniſs behandelt. Den Vertrieb besorgt H. Hurwitz und Comp. in Berlin (C. Klosterstraſse 49) in drei Gröſsen: zu 17 × 26cm,26 × 38cm und 38 × 50cm, im Preise von 25, 36 und 50 M.; die gröſste Abmessung entspricht Doppelfolio. Der Apparat ist billiger als der Autokopist. Der Stein gestattet nicht so groſse Abmessungen wie das Pergamentpapier bei dem letzteren; doch wird Doppelfolio (2 Seiten Schreibpapier) den meisten praktischen Bedürfnissen völlig entsprechen.

Verfasser hat beide Druckapparate dem Versuche unterzogen; sie können, einer wie der andere, als vorzüglich empfohlen werden. Es ist schwer zu sagen, welchen man vorziehen soll. Die Handhabung des Autokopist ist etwas bequemer, da man auf Papier schreibt; auf Stein gut zu schreiben, erfordert etwas Uebung. Durch den Stein wird der Tachograph etwas schwerfällig; für den Versandt eignet sich der Autokopist besser, doch bedarf man für letzteren zum Einweichen des Papieres eines gröſseren Wassergefäſses.

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Um die Deutlichkeit und Schärfe der mittels Hektographentinten hergestellten Abzüge zu erhöhen, empfiehlt die Pharmaceutische Centralhalle, das Papier vorher mittels eines Schwämmchens mit Alkohol zu befeuchten. Man läſst das Papier eine Minute lang liegen, preſst es dann zwischen Filtrirpapier ab, um den überschüssigen Alkohol aufzusaugen und nimmt die Abdrücke wie gewöhnlich. Es soll auf diese Weise neben gröſserer Deutlichkeit der Abzüge auch eine öftere Benutzung des Negativs ermöglicht werden.

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