Titel: Instrument zur Verzeichnung rechts- und linksläufiger Spiralen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1887, Band 266 (S. 12–14)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj266/ar266004

Instrument zur Verzeichnung rechts- und linksläufiger Spiralen sowie der zugehörigen Spiegelbilder (Volutenzirkel).1)

Mit Abbildungen auf Tafel 3.

Nachstehend beschriebenes Instrument dient zur Aufzeichnung von Volutenformen jeder Gröſse. Seine Anwendung ist eine bequeme und erscheint geeignet, das mühsame und zeitraubende Entwerfen solcher Formen aus freier Hand vollkommen zu ersetzen. Das Instrument genügt auch künstlerischen Anforderungen insofern, als der Entwerfende in der Lage ist, durch geeigneten Gebrauch von zwei mit einander in Wechselwirkung stehenden Einstellungsvorrichtungen den Verlauf der entstehenden Curven seinen Absichten in jedem einzelnen Falle anzupassen.

Das Laufrad A (Fig. 5) rollt mit schneidenförmigem Rand auf der Zeichenfläche und läſst sich durch die Mikrometerschraube B innerhalb der als ausreichend erkannten Grenzen unter beliebigem Winkel zur Führungsstange G, an welcher es mittels der Ansätze H seiner Lagervorrichtung leicht entlang gleitet, einstellen. Der Radmittelpunkt bewahrt dabei unverändert seine Entfernung von G. Die Achsen von A und G befinden sich in gleicher Höhenlage, parallel zur Zeichnung. Den für die Verwendbarkeit zu künstlerischen Zwecken wesentlichsten Theil des Instrumentes bildet die an G rechtwinkelig angestellte Polführung V. In ihr läſst sich mittels Schraube die Polspitze O, welche in das Zeichenpapier hineingedrückt wird, beliebig verschieben. Der Zeichenstift wird in einer Hülse vor der Radmitte gleitend geführt und erhält genügende Belastung durch das Gewichtstück Q. Letzteres wird ganz entbehrlich bei Anwendung des bei K im Durchschnitt dargestellten Tuschestiftes, dessen Einrichtung auf der Capillarität enger Röhren beruht.

Stellt man bei Mittellage des Pols, d.h. jener Lage desselben, bei welcher er sich auf der durch den Radfuſspunkt zur Führungsstange parallel gelegten Graden, der Gleitlinie, befindet (vgl. a Fig. 7 und 8), das Rad unter beliebigem Winkel zu dieser Geraden ein und führt das freie Ende L von G im Kreise um den Pol herum, so kann das Rad der Kreisbewegung nicht folgen, sondern gleitet in Folge seiner Schrägstellung an G entlang. Es bewegt sich auf den Pol zu, wenn die Drehung nach der Seite erfolgt, auf welcher Rad und Gleitlinie einen spitzen Winkel einschlieſsen, es entfernt sich vom Pol bei entgegengesetzter Drehung und durchläuft dabei zu Folge der Unveränderlichkeit seines Neigungswinkels zum Radius vector eine logarithmische Spirale. Der Zeichenstift bewegt sich in nahezu derselben Curve. Die Gangweite der einzelnen Windungen verengt sich nach dem Pol zu und verschiedene Winkelstellungen des Rades ergeben verschiedene Curven.

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Wenn schon die Zahl der so erzielbaren Spiralen unbegrenzt und die Krümmung der Curven eine durchaus tadellose, weil stetige ist, so genügen letztere den Anforderungen, welche der Techniker stellen darf, doch nicht in allen Fällen. Beispielsweise stellt sich bei Nachbildung der meisten aus der Antike überlieferten, oder bei der weiteren Durchbildung der aus freier Hand vorskizzirten Voluten häufig schon nach dem ersten Umlauf die Notwendigkeit heraus, den weiteren Verlauf der Curve nach anderem Gesetze erfolgen zu lassen, als dem für die logarithmische Spirale geltenden, bei welcher die Aenderung des Radius proportional der durchlaufenen Bogenstrecke vor sich geht. Um diese Aenderung des Radius ganz nach Erfordern in gröſserem oder geringerem Maſse fortschreitend zu verstärken oder abzuschwächen, bedient man sich der Polverlegung, d.h. der seitlichen Verschiebung des Pols aus der Mittellage heraus. Hierbei wird der Winkel zwischen Rad und Radius vector sich stetig um so schneller ändern, je mehr das Rad, sich auf der Gleitlinie entlang rückend, dem Pole nähert, und zwar bewegt sich diese Aenderung in um so weiteren Grenzen, je gröſser die Pol Verlegung gewählt wird. Um sich von vorn herein über den Einfluſs der Verlegung des Pols Rechenschaft geben zu können, hat man zu unterscheiden zwischen Innenlage, d.h. jener Stellung b, bei welcher der Pol sich innerhalb des durch Gleitlinie und Stirnseite des Rades begrenzten spitzen Winkels a befindet und Auſsenlage, bei welcher der Pol seine Stellung c auſserhalb des bezeichneten Winkels auf der anderen Seite der Gleitlinie hat. Die Innenlage bewirkt, je mehr sich das Rad dem Pole nähert, fortgesetztes Spitzerwerden des Winkels zwischen Rad und Radius vector und damit eine nach innen hin zunehmende Erweiterung der Windungsabstände im Vergleich mit den entsprechenden der logarithmischen Spirale, eine Erweiterung, die schlieſslich so weit getrieben werden kann, daſs sich die Abstände der äuſseren Umläufe absolut kleiner ergeben als die der inneren, doch ist bereits mit jenen Formen, deren sämmtliche Windungsabstände als unter sich gleich erscheinen, die äuſserste Grenze der für Architekturzwecke verwendbaren Curven erreicht. Die Auſsenlage des Pols ermöglicht es, den Winkel zwischen Rad und Radius vector durch die Zwischenlage des rechten Winkels hindurch, vom spitzen zum stumpfen, oder umgekehrt, zu ändern. Die Folge hiervon ist, daſs sich an der Stelle, wo das Laufrad rechtwinkelige Lage zum Radius vector einnimmt, ein Kreis ergibt, dem sich von auſsen und innen je ein Curvenzweig in asymptotischen Windungen anschlieſst. Während der innere Zweig der so erzielten Curven für Architekturzwecke keinen Werth haben kann, läſst sich von dem: äuſseren häufig mit Vortheil Gebrauch machen.

Die Herstellung des genauen Spiegelbildes einer mit dem Instrument gezeichneten Volute, wichtig aus dem Grunde, weil in der Ausführung äuſserst selten eine Volute ohne ihr Gegenbild auftritt, erreicht man |14| sehr einfach ohne nochmaliges Einstellen durch Umlegen der ganzen Einrichtung in der Weise, daſs man das Laufrad mit seiner Lagervorrichtung über die Führungsstange nach der entgegengesetzten Seite hinüberschlägt und die Polführung nach Lösen der Schraube U im Sinne einer Horizontaldrehung von 180° umstellt.

Es ist leicht ersichtlich, daſs sich das Instrument auch zum Schlagen von Kreisen verwenden läſst und damit einen besonderen Stangenzirkel entbehrlich macht, wenn man das Laufrad rechtwinkelig zum Radius einstellt oder zweckmäſsiger dem Rade ein geringes Bestreben nach auſsen zu rollen ertheilt, es gleichzeitig aber hieran durch die vorgesetzte Fuſsscheibe L hindert.

Die Anfertigung der Instrumente hat Unterzeichneter der mechanischen Werkstatt des Hrn. Th. Buddendorff in Berlin, Schützenstraſse 53, übertragen. Der Preis stellt sich bei Ausführung in Neusilber und vernickeltem Messing auf 40 M. für das Stück. (Centralblatt der Bauverwaltung vom 3. September 1887.)

Adolf Härtung, Reg.-Baumeister.

Deutsches Reichs-Patent Nr. 40855.

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