Titel: Versicherung von Dampfkesseln gegen Explosionsschäden.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1888, Band 268/Miszelle 2 (S. 426–429)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj268/mi268mi09_2

Versicherung von Dampfkesseln gegen Explosionsschäden.

Auf Anregung der 28. Hauptversammlung des Vereines deutscher Ingenieure hatte sich eine Reihe von Vertretern, sowohl von Kesselüberwachungsvereinen – letztere als Repräsentanten der Kesselbesitzer – als auch von Vertretern von Versicherungsgesellschaften zu einer Abgeordneten-Versammlung auf den 11. und 12. April in Berlin zusammen gefunden.

Dem Berichte über die Sitzungen entnehmen wir Nachstehendes:

I. Geschichtlicher Ueberblick über die Vorgänge, welche zu der vorliegenden Aufgabe Veranlassung gegeben haben.

Mit der wachsenden Bedeutung des Dampfkesselbetriebes hat sich mehr und mehr das Bedürfniſs herausgestellt, die mit demselben verbundenen Unfälle zu sichten und zu kennzeichnen. Insbesondere hat man es im Interesse der Gesetzgebung, der Statistik und der Technik für nothwendig erachtet, den Charakter der Dampfkessel-Explosionen genauer festzustellen. Diesem Bedürfnisse entsprachen die Verhandlungen der Dampfkessel-Ueberwachungs-Vereine, welche auf der Hauptversammlung in Zürich zur Annahme der folgenden Erklärung des Begriffes Dampfkessel-Explosion führten:

„Erleidet die Wandung eines Dampfkessels eine Trennung in solchem Umfange daſs ein plötzlicher Ausgleich der Spannungen innerhalb und auſserhalb desselben und damit eine plötzliche Entleerung von Wasser und Dampf stattfindet, so ist dieser Unfall als Explosion zu bezeichnen.“

Diese Erklärung ist, wenn auch nicht amtlich anerkannt, doch vielfach seitdem angewandt und durch keine andere verdrängt worden.

Schon bei der Abfassung der Erklärung hob die Commission das Bedürfniſs der Kesselbesitzer hervor, sich gegen die materiellen Folgen der Unfälle an Dampfkesseln zu sichern, und die Nothwendigkeit, durch die Feststellung des Begriffes Explosion den Versicherungsverträgen eine feste Grundlage zu geben. Seit jener Zeit ist die Züricher Erklärung vielfach bei der Schadenregelung von Dampfkesselunfällen in Anwendung gekommen.

Allein nach zwei Richtungen haben sich Unzuträglichkeiten bemerkbar |427| gemacht. Einerseits deckte die Züricher Erklärung doch nicht in allen Fällen das, was man allgemein und unzweifelhaft als Explosion auffaſste; insbesondere genügte sie nicht den in den verschiedensten Formen auftretenden Wasserröhrenkesseln gegenüber. Andererseits ereigneten sich schwere Kesselbeschädigungen, welche so dicht an Explosion in üblicher Auffassung streiften, daſs Entschädigung begehrt und meist auch gewährt wurde, obwohl jene Erklärung nicht vollständig zutraf. Wiederholt konnte die Verständigung zwischen Versicherer und Versichertem nicht ohne Weiteres erreicht werden, so daſs erst die Mitwirkung von Sachverständigen bezieh. von Obmännern erforderlich wurde.

Diese Verhältnisse veranlaſsten im J. 1887 den Bergischen Bezirksverein deutscher Ingenieure, eine geänderte Fassung der Züricher Erklärung mit nachstehendem Wortlaute vorzuschlagen:

„Erleidet die Wandung eines Dampfkessels eine Trennung in solchem Umfange, daſs ein plötzliches Ausströmen eines so groſsen Theiles seines Inhaltes stattfindet, daſs dadurch ein plötzlicher Ausgleich der Spannungen innerhalb und auſserhalb des Kessels erfolgt, so ist dieser Unfall als Dampfkesselexplosion zu bezeichnen.“

Demzufolge faſste die 28. Hauptversammlung des Vereines deutscher Ingenieure den Beschluſs, gemeinsam mit anderen sachverständigen Verbänden den Gegenstand zu berathen. Zur Vorbereitung dieser Berathung ist von dem Generalsekretär des Vereines, Herrn Peters, umfassendes Material über die Versicherung der Dampfkessel, über die Explosionsfälle der letzten zehn Jahre und ihre Schadenabwickelung gesammelt und nach folgenden drei Gesichtspunkten gesichtet und zusammengestellt worden:

a) die gegenwärtig üblichen Formen und Bedingungen der Versicherung gegen die Explosion der Dampfkessel (Dampferzeuger);

b) die innerhalb der Zeit vom 1. Januar 1877 bis zum 1. Oktober 1887 vorgekommenen Dampfkesselexplosionsschäden;

c) solche Dampfkesselexplosionsschäden während derselben Zeit, in denen der Schadenregulirung aus der Anwendung des Begriffes Dampfkesselexplosion Schwierigkeiten erwachsen sind.

Diese Zusammenstellung ist den sämmtlichen Abgeordneten mitgetheilt worden.

II. Verhandlungen über die Versicherung der Dampfkessel.

Es wird allgemein anerkannt, daſs die Schwierigkeiten auf diesem Gebiete der Anwendung des Wortes „Explosion“ in den Versicherungsbedingungen einerseits und dem Wortlaute der Züricher Erklärung des Begriffes „Explosion“ andererseits entspringen. Um Abhilfe zu schaffen, wird vorgeschlagen

a) das Wort „Explosion“ aus den Versicherungsbedingungen herauszulassen und diejenigen Schäden näher zu kennzeichnen, welche ersatzpflichtig sein sollen;

b) eine besser zutreffende Erklärung des Wortes „Explosion“ zu geben. Die Vertreter der Versicherungsgesellschaften erklären, daſs aus Gründen geschäftlicher Zweckmäſsigkeit das Wort „Explosion“ nicht wohl entbehrt werden könne. Es wird deshalb versucht, auſser den Fällen unzweifelhafter -Explosion auch noch diejenigen einzelnen Vorkommnisse und Unfälle näher zu bezeichnen, welche schadenersatzpflichtig sein sollen. Dieser Versuch erweist sich als undurchführbar, so daſs über den ferneren Vorschlag verhandelt wird, durch eine allgemeine Wortfassung auch die auſserhalb jener Erklärung legenden und doch zu versichernden Unfälle zu bezeichnen. Es wird hierfür folgender Wortlaut beantragt:

„Die Versicherung erstreckt sich nicht allein auf solche Fälle, für welche der technisch-wissenschaftliche Begriff der Dampfkessel-Explosion zutrifft, sondern auch auf solche, in denen durch eine plötzliche, gewaltsame, durch den Dampfkesselbetrieb verursachte Zerstörung der Kesselwandung die Fortsetzung des Betriebes des betreffenden Kessels unmöglich gemacht wird.“

Hiergegen wird geltend gemacht, daſs diese Fassung eine allgemein anerkannte, thatsächlich aber noch nicht vorhandene, Begriffserklärung der Dampfkessel-Explosion |428| voraussetze, und daſs, wenn solche auch gefunden würde, der zweite Theil des Satzes die Gefahr in sich berge, daſs in Zukunft zwei solcher Begriffserklärungen neben einander bestehen und Verwirrung veranlassen werden.

Es wird ferner hervorgehoben, daſs das Reiſsen der Wandung unter allen Umständen als Merkmal des entschädigungspflichtigen Unfalles gefordert werden müsse, und die Befürchtung ausgesprochen, daſs die vorgeschlagene Fassung die Versicherungsgesellschaften zur Entschädigung zahlreicher Schäden, wie Beulen ü. dgl., verpflichten würde, welche heute niemand als schadenersatzberechtigt ansehe. Wegen diesen Bedenken wird der Wortlaut wie folgt abgeändert und einstimmig angenommen:

„Die pp. Objekte gelten auch gegen die Gefahr der Beschädigung oder Vernichtung durch Explosion und überhaupt gegen solche Unfälle an Dampfkesseln (Dampferzeugern) als versichert, durch welche in Folge einer plötzlichen, gewaltsamen, durch den Dampfkesselbetrieb verursachten Zerstörung der Wandung des betreffenden Kessels dessen Weiterbetrieb unmöglich gemacht ist.“

Diesem Satze ist noch die bisher schon in den Policen übliche Bedingung hinzuzufügen:

„Die Gültigkeit dieser Explosionsversicherung ist jedoch dadurch bedingt, daſs der Versicherte in betreff von ihm selbst benutzter Kessel allen ihm durch gesetzliche oder polizeiliche Vorschriften auferlegten bezüglichen Pflichten nachkommt.“

Zur Begründung dieser Fassung dienen folgende Erwägungen: Das Wort „Explosion“ in den Versicherungen beizubehalten, entspricht, wie schon erwähnt, einem Bedürfnisse der Geschäftshandhabung der Versicherungsgesellschaften. Auch ohne das Vorhandensein einer allgemein anerkannten Erklärung des Begriffes „Explosion“ erscheint es statthaft, dieses Wort in den Versicherungsbedingungen anzuwenden, ebenso wie das Patentgesetz das Wort „Erfindung“ gebraucht, ohne es näher zu erklären. In den meisten Fällen ist ein Zweifel darüber, ob eine Explosion stattgefunden habe oder nicht, unter sachverständigen Technikern nicht vorhanden; in Fällen des Zweifels soll durch die gewählte Kennzeichnung der entschädigungspflichtigen Unfälle, welche ja alle wirklichen Explosionen sicher umfassen, die Möglickheit gegeben sein, von der Anwendung des Explosionsbegriffes ganz abzusehen.

Eine genügende Bürgschaft dagegen, daſs durch die obige Fassung nicht gar zu unbedeutende Fälle zur Entschädigung kommen oder solche, in denen lediglich die Abnutzung durch den Gebrauch vorliegt, erscheint durch die Ausdrücke: „plötzlich“, „gewaltsam“, „Zerstörung“ und „Weiterbetrieb unmöglich“ gesichert.

Insbesondere wird zu dem Worte „Zerstörung“ bemerkt, daſs der sachverständige Techniker zwischen „Zerstörung“ und „Beschädigung“ einen hinreichend scharfen Unterschied zu machen in der Lage ist. Bei der „Zerstörung“ muſs das Material eine solche Veränderung seiner Eigenschaften erlitten haben, daſs es zu weiterer Verwendung zu dem fraglichen Zweck untauglich geworden ist und durch neues ersetzt werden muſs. Bei Beschädigung ist die Wiederverwendung bezieh. Beibehaltung des beschädigten, aber wieder hergestellten Stückes nicht ausgeschlossen.

Auf die Frage, ob der beschlossene Wortlaut eine Erhöhung der Prämien herbeiführen werde, geben die Vertreter der Versicherungsgesellschaften die Antwort, daſs solches voraussichtlich nicht der Fall sein werde. Sie geben ferner die Erklärung ab, daſs es von ihnen als ein für die Bemessung der Prämien günstiger Umstand angesehen werde, wenn die Dampfkessel einem freiwilligen Dampfkessel-Ueberwachungsverein angehören.

III. Erklärung des Begriffes „Dampfkesselexplosion“.

Nachdem die Versammlung das Bedürfniſs nach einer allgemein anerkannten Erklärung des Begriffes „Dampfkesselexplosion“ einstimmig als vorhanden |429| bezeichnet hat, gelangt der folgende geänderte Wortlaut der Züricher Erklärung einstimmig zur Annahme:

„Erleidet die Wandung eines Dampfkessels eine Trennung in solchem Umfange, daſs durch Ausströmen von Wasser und Dampf ein plötzlicher Ausgleich der Spannungen innerhalb und auſserhalb des Kessels stattfindet, so ist dieser Unfall als Explosion zu bezeichnen.“

Die Abänderung der Züricher Erklärung wird damit begründet, daſs die Entleerung eines Dampfkessels von Wasser und Dampf nicht in allen Fällen vorkommt, z.B. bei Siederohrkesseln, Wasserröhrenkesseln u.s.w., in welchen doch unzweifelhaft nach üblicher Auffassung eine Explosion vorliegt.

Die Beschlüsse der Versammlung sollen den einzelnen Verbänden zur Begutachtung und Beschluſsfassung vorgelegt werden.

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