Titel: Flachsröstverfahren mittels heiſsen Wassers.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1888, Band 269 (S. 262–267)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj269/ar269061

Flachsröstverfahren mittels heiſsen Wassers und gespannten Dampfes.

Mit Abbildungen im Texte und auf Tafel 13.

Bekanntlich hat man bereits vor mehr als 30 Jahren versucht, den Zweck des Rottens des Flachses, d.h. eine Zerstörung der pflanzenleimartigen, |263| im Wesentlichen aus Pectose bestehenden Substanz des Bastes und damit Lockerung des Zusammenhanges der Fasern, mittels heiſsen Wassers und Wasserdampfes zu erreichen (vgl. 1854 133 * 54). Doch haben alle diese Vorschläge, trotzdem man es seinerzeit an ausgedehnten Versuchen und empfehlenden Berichten nicht hat fehlen lassen, den gehegten Erwartungen nicht entsprochen und haben sich in der Praxis nicht behauptet. Die Ursache des Miſslingens dieser Versuche dürfte in den beim Rotten des Flachses sich abspielenden chemischen Prozessen zu suchen sein, welche darin bestehen, daſs die die einzelnen Fasern mit einander verbindende, in Wasser unlösliche Pectose in in Wasser lösliche und unlösliche Pectinstoffe übergeführt wird. Diese Umwandlung aber vollzieht sich nach der schematischen nebenstehenden Darstellung (Textfig.) in der Weise, daſs durch Einwirkung der Wärme die Pectose nach und nach in Pectin, Parapectin, Metapectin, Pectosinsäure, Pectinsäure, Parapectinsäure und Metapectinsäure übergeht. Wie aus der Figur, in welcher die Abscissen die verschiedenen Grade der Umwandlung, die Ordinaten die Löslichkeit der betreffenden Umwandelungsproducte in Wasser bezeichnen, ersichtlich ist, ist die im ungerösteten Flachse enthaltene Pectose in Wasser unlöslich, ebenso die Pectinsäure, die Zwischenproducte hingegen, insbesondere das Para- und Metapectin, sowie die weiteren Umwandelungsproducte der Pectinsäure sind sehr leicht löslich.

Textabbildung Bd. 269, S. 263
Die Untersuchungen Chevreul's haben nun ergeben, daſs der Glanz, welcher den aus Flachs hergestellten Stoffen eigenthümlich ist, von der den Fasern anhaftenden Pectinsäure herrührt. Während es daher einestheils sehr wichtig ist, die Pectose in eine wasserlösliche Verbindung, das Pectin, überzuführen, welche die Isolirung der Fasern ermöglicht, ist es andererseits unumgänglich nothwendig, daſs das Pectin bis zu seiner Umwandelung an der Faser haften bleibt.

Wird nun Flachs mit heiſsem Wasser behandelt, so findet wohl eine Umwandelung der Pectose in Pectin u.s.w. statt und die Fasern Werden isolirt, indessen tritt gleichzeitig eine Auslaugung der Fasern bis zu 35 Proc. des Gewichtes derselben ein; die dem Verfahren nachgerühmte Gewinnung des Pectins geschieht daher auf Kosten der Güte des Productes, indem die Pectinkörper aus dem Flachse entfernt werden. |264| In der Praxis ist diese Erscheinung sehr gut bekannt; das heiſse Wasser macht den Flachs mager, entzieht ihm den nöthigen Bindestoff.

Noch weniger ist das Verfahren, den Flachs mittels gespannten Wasserdampfes zu behandeln, geeignet, ein brauchbares Product zu liefern. Läſst man Dampf auf die frische Flachsfaser einwirken, so tritt in Folge der Gegenwart organischer Säuren eine Zerstörung der Faser ein, welche nach der Dämpfung wie verbrannt aussieht und ihre Structur vollkommen verloren hat.

Diese Uebelstände beider Methoden will Woldemar Dogny in Berlin (*D. R. P. Kl. 29 Nr. 42213 vom 22. Januar 1887) dadurch vermeiden, daſs der Flachs zunächst mittels heiſsen Wassers in einem geschlossenen Behälter bei einer Temperatur von 150° C. unter Benutzung von Luftleere etwa 20 Minuten (bezieh. längere Zeit bis etwa 40 Minuten, wenn der Flachs unreif ist) behufs Einleitung der Umwandelung der Pectose in Pectin, jedoch ohne Auslaugung des letzteren, vorbehandelt und darauf ausschlieſslich etwa 30 Minuten lang bei einer Temperatur von etwa 150° C. der Einwirkung von trockenem gespannten Dampfe ausgesetzt wird, derart, daſs sämmtliche Pectose in lösliche Pectinsäure umgewandelt wird, während schlieſslich der mit Dampf behandelte Flachs getrocknet wird.

Durch die kurze Vorbehandlung der frischen Flachsstengel mit heiſsem Wasser wird die Umwandelung der Pectose in Pectin so weit eingeleitet, daſs die später folgende Behandlung mit heiſsem Dampfe von hoher Spannung keinen schädlichen Einfluſs auf die Flachsfaser ausübt. Andererseits wird diese Behandlung mit heiſsem Wasser nur so weit getrieben, daſs kein Auslaugen der Pectinkörper stattfindet. Die Behandlung mit heiſsem Wasser hat daher hier ganz den entgegengesetzten Zweck als die früher vorgeschlagene Auslaugung. Die Umwandelung der Pectose in Pectinsäure erfolgt unter ausschlieſslicher Anwendung von trockenem Dampfe, wobei jede Wasserbildung möglichst vermieden werden muſs, da dieselbe eine Auslaugung der löslichen Zwischenproducte der Pectinsäure (der Pectinkörper) zur Folge haben würde. Durch dieses Verfahren gelingt es, bei richtiger Anwendung von Temperatur und Zeitdauer der Einwirkung mit Sicherheit eine vollkommene Röste durch Umwandelung der Pectose in Pectinsäure mittels Wärme herbeizuführen und dem Flachse jene Festigkeit, sowie das glänzende, seidenartige Aussehen zu geben, nach welchem der Spinner den Werth des Flachses beurtheilt.

Denn der Flachs enthält jetzt sämmtliche Pectinsäure und läſst sich auſserdem in kurzer Zeit mittels heiſser Luft trocknen, da er nach der Behandlung mit Wasserdampf nur ungefähr das Anderthalbfache seines Gewichtes an Feuchtigkeit enthält. Die ganze Vorbereitung des Flachses einschlieſslich der Trocknung desselben nimmt demgemäſs nur wenige Stunden in Anspruch.

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Die Ausübung des Verfahrens ist an eine besondere Construction des Apparates nicht gebunden; beispielsweise kann der in den Fig. 17 und 18 Taf. 13 dargestellte Apparat Verwendung finden. Bei demselben sind 11 cylindrische Kessel mit senkrechter Achse im Kreise so angeordnet, daſs sie von einem gemeinschaftlichen Krahne mit Material leicht beschickt werden können. Der Kessel A dient zur Behandlung des Flachses mit heiſsem Wasser von etwa 150° C. Hierbei ist sorgfältig darauf zu achten, daſs sämmtlicher im Kessel befindliche Flachs eingetaucht wird und nicht einzelne Theile desselben aus dem Wasser hervorragen. In dem Behälter wird dann eine Luftleere von etwa 0,55 bis 0,60 Quecksilbersäule erzeugt, wodurch ein energisches Eindringen des Wassers in das Innere der Flachsstengel erzielt wird. Auf diese Weise wird vermieden, daſs bei der folgenden Behandlung mit Dampf Theile des Flachses verbrannt werden, und der Flachs einen karamelartigen Geruch und eine gelbliche Farbe erhält, die eben von dem Verbrennen innerer Theile durch Dampf herrührt.

Gleichgültig ist es, ob das Wasser eine geringere Temperatur hatte und erst im Röstkessel auf 150° gebracht wird, oder ob es schon beim Einlassen die erforderliche Temperatur von 150° C. besitzt. Wesentlich ist es aber, daſs der vollkommen reife Flachs etwa 20 Minuten lang der Einwirkung des Wassers von 150° ausgesetzt bleibt, während unreifer Flachs längere Zeit, bis zu 40 Minuten, im Wasser von 150° C. verbleiben muſs.

Durch diese Behandlung wird die Umwandelung der Pectose einleitet, ohne daſs indessen irgend welche Auslaugung stattfindet. Der so behandelte Flachs wird dann mittels des Krahnes (Fig. 17) in einen der beiden Dämpfkessel B oder C gebracht, in welchem er 30 Minuten lang der Einwirkung von trockenem Dampfe von etwa 150° C. ausgesetzt wird, worauf man den Dampf ausströmen läſst. Sämmtliche Pectose ist nun in Pectinsäure umgewandelt, und diese Umwandelung vollzieht sich so glatt, daſs das Ansehen des Flachses unter der Einwirkung des Dampfes weder leidet, noch die Uebergangsproducte der Pectose vom Dampfe gelöst würden.

Der so gedämpfte Flachs wird nun sofort in einem der übrigen Kessel mittels heiſser Luft getrocknet.

Das Röstwasser kann zwei- bis dreimal verwendet werden, wenn es zum Theil mit frischem Wasser vermischt wird.

Zu jedem Dämpfkessel B bezieh. C gehören vier Trockenkessel DEFG bezieh. HIJK, welche von einer gemeinschaftlichen Leitung mit Luft Speist werden.

Jeder Trockenkessel ist mit einem erweiterten Rohre LMNO bezieh. PQRS verbunden, in welchem eine Dampfschlange zur Erwärmung der Luft angeordnet ist. Die oberen Verbindungsstücke dieser Rohre können durch Ventile D1 E1 F1 G1 bezieh. H1 I1 J1 K1 abgesperrt werden |266| und sind mit der gemeinsamen Luftleitung durch kurze Verbindungsrohre mit Absperrventilen D2 E2 F2 G2 bezieh. H2 I2 J2 K2 verbunden. Die unteren Enden jener Heizrohre sind mit den unteren Enden der Trockenkessel so verbunden, daſs die Luft die Trockenkessel nach einander in solcher Richtung durchströmt, daſs sie zuerst mit dem am weitesten getrockneten Flachse in Berührung kommt und schlieſslich aus dem gerade beschickten und noch offenen Behälter ausströmt. Sind beispielsweise die Kessel DEG gefüllt und geschlossen, F dagegen leer, so ist das Ventil F1 geschlossen, F2 dagegen offen, die Ventile E1 D1 G1 sind ferner offen, E2 D2 G2 geschlossen, die gespannte Luft tritt dann durch Rohr N nach Kessel E, nachdem sie vorher in N erwärmt war, trocknet den in E befindlichen, schon vorgetrockneten Flachs fertig, strömt aus E nach M, erwärmt sich hier, gelangt dann nach D und L, erwärmt sich hier nochmals, tritt nach G, um schlieſslich durch O nach F und hier ins Freie zu strömen.

Die Luft wird somit stets, bevor sie in einen Trockenkessel gelangt, von Neuem erhitzt. Ist der Kessel F beschickt und der Flachs in E hinreichend getrocknet, so wird F geschlossen, E hingegen geöffnet, worauf man E1 und J2 schlieſst, F1 und E2 hingegen öffnet. Die Luft durchströmt dann die Kessel DGF nach einander, um durch Kessel E ins Freie zu entweichen.

Es wird demgemäſs mittels des beschriebenen Apparates in jeder Gruppe von Trockenkesseln ein fortlaufender Wechsel erzielt, indem die Luft zuerst mit niedriger Temperatur den trockensten Flachs, darauf nach nochmaliger Erwärmung weniger getrockneten und schlieſslich nach weiterer Erwärmung den feuchtesten Flachs trifft und sich so nach und nach mit mehr Wasserdampf beladet.

Die einzelnen Kessel, welche sämmtlich luftdicht verschlossen werden können, sind mit der aus der Zeichnung ersichtlichen Armatur versehen, so daſs man Temperatur und Spannung des Wassers bezieh. Dampfes in den Kesseln A bezieh. B und C leicht erkennen und somit den Gang der Operationen überwachen kann. Die Anzahl der Trockenkessel kann selbstverständlich auch geändert werden.

Ferner könnte man auch in demselben Kessel, der zur Behandlung, des Flachses mit heiſsem Wasser dient, die Dämpfung vornehmen, nachdem man das heiſse Wasser aus dem Kessel abgelassen hat. Die geschilderte Einrichtung ermöglicht jedoch eine vortheilhaftere und schnellere Arbeit. Der Flachs selbst wird zweckmäſsig senkrecht in Körben oder cylindrischen Gefäſsen aus gelochtem Bleche aufgehängt, Fig. 17 zeigt.

Gegenüber der gewöhnlichen Rasen- oder Wasserröste bietet geschilderte Verfahren den Vorzug, daſs das Rösten weder von Jahreszeit noch von Witterungs- oder atmosphärischen Temperaturverhältnissen abhängt. Der Röstverlust ist 3 bis 4 Proc. geringer, die Faser |267| bleibt erheblich stärker und fester und alle gesundheitsschädlichen Einflüsse, als verpestete Luft und Abfluſswasser, sind vermieden.

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