Titel: Ueber die Benutzung von Blei bei Wasserleitungen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1888, Band 269/Miszelle 3 (S. 143–144)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj269/mi269mi03_3

Ueber die Benutzung von Blei bei Wasserleitungen.

Mit der Einführung und Ausbreitung der Wasserversorgung der Städte von einem Centralpunkt aus ist das Blei mit in die Reihe der Metalle getreten, welche vom Standpunkt der Hygieine ganz besondere Beachtung verdienen und haben sich daher seit Beginn der Benutzung von Bleiröhren oder solcher von Bleilegirungen zum Zwecke der Wasserzuleitung mit dieser Frage eine groſse Zahl von Fachleuten beschäftigt. Auf dem letzten internationalen Congreſs für Hygieine hat M. A. Hamon darüber ausführliche Mittheilung gemacht und dabei auf die verschiedenen herrschenden Ansichten hingewiesen (Rev. d. fals. d. denr. alim. I. 118). Es ist zweifellos, daſs gewisse Wässer das metallische Blei in erheblichem Grade angreifen; besonders zeigen dies Regenwässer, Fluſswässer, die nicht reich an Kalk sind. Der Gehalt der Wässer an gelösten Stoffen ist von groſsem Einfluſs auf die Corrosion des Bleies in den Wasserleitungsröhren, dieselbe ist um so energischer, je mehr das Wasser mit Luft gesättigt ist, oder je mehr das Wasser in den Röhren Gelegenheit hat, mit Luft in Berührung zu kommen (Bobierre, Pettenkofer, Reichardt, Nichols, Crookes, Pearsal). Dieselbe Wirkung haben nach Mayençon und Bergeret, Berlin, Pullmann, Yorke die Kohlensäure haltenden Wässer. Obschon Frankland behauptet, daſs ein Gehalt an Phosphaten im Wasser das Blei schütze, hat die Commission der englischen Regierung, welche mit dieser Frage beschäftigt war, sich dieser Ansicht nicht anschlieſsen können. Nach Adams und Christison schützt ein Gehalt an Sulfaten, während dies Papenheim, Stefanelli und Balard bestreiten. Nach den Untersuchungen von de Mialhe, Fordos und Fagianelli befördert die Gegenwart von Chlor-, Brom- und Jodmetallen die Löslichkeit des Bleies; in gleicher Weise fördern organische Stoffe, Ammonsalze, Nitrate und Nitrite nach Beobachtungen von Rehsteiner, Medlock, Sicherer, Stallmann, Boussingault die Löslichkeit. Eine groſse Rolle bei der Corrosion spielt die Temperatur durch die eintretende Ausdehnung und Zusammenziehung (Wallace, Mosca, Penny, Nichols) und ebenso haben die Untersuchungen von S. White gezeigt, daſs der Druck die chemische Wirkung wesentlich fördert. Während Malbranche und Kuhlmann angeben, daſs das Eisen das Blei schütze, zeigten Dussance, Pouillet, Guérad, Rocques, Rabot, Pouchet durch Versuche, daſs gerade das Blei hierdurch elektronegativ wird, also die Elektrode bildet, welche aufgelöst wird. Legirungen von Blei zu Röhren anzuwenden, ist daher noch nachtheiliger. Der Gehalt der Wässer an Blei ist je nach den verschiedenen Bedingungen ein verschiedener. Die im Liter gelösten Mengen schwanken zwischen 1,01 bis 2mg,00. In den Wässern von 47 Städten wurde das Blei nachgewiesen, das sich zum Theil gelöst, zum Theil in Suspension |144| darin vorfand. Gerade in den Leitungen in den Wohnhäusern kommen eine Menge Bedingungen zusammen, welche die Lösung von Blei begünstigen; hierher gehören die verschiedenen Löthstellen, die Differenzen zwischen Zufuhr und Verbrauch, wodurch die Röhren sich leicht mit Luft füllen und über Nacht damit stehen bleiben, die groſsen Temperaturwechsel u.s.w. Nach Bartlett resorbiren alle Personen, welche Wasser aus Bleiröhren genieſsen, dieses Metall und es treten chronische Bleivergiftungen ein, die um so gefährlicher sind, da durch die geringen Mengen die Vergiftungserscheinungen nicht so augenscheinlich eintreten, daſs vom Arzt eine Bleivergiftung constatirt werden kann. Interessant ist, daſs bereits Vitruvius vor dem Gebrauch des Bleies zu Wasserröhren warnte. In einer Zahl von Städten, so in Utrecht, Santander, Stockholm, Dessau, Dresden, Prag, Rio de Janeiro u.a., ist daher die Benutzung von Blei oder dessen Legirungen bereits nicht gestattet. In Oesterreich ist überall da, wo die Wässer sich bleihaltig erwiesen, die Benutzung von Bleiröhren ebenfalls verboten. (Vgl. 1888 268 187.)

C. H.

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