Titel: Ultramarinblau auf nassem Wege.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1888, Band 270 (S. 38–47)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj270/ar270009

Ultramarinblau auf nassem Wege.

Fr. Knapp1) hat im Journal für praktische Chemie über diesen Gegenstand drei gröſsere Abhandlungen publicirt (1885 [2] 32 S. 375, 1886 [2] 34 S. 328 und 1888 [2] 38 S. 48), welche wir in diesem und den folgenden Heften dieses Journales zur Mittheilung bringen wollen.

|39|

Gelegentlich der Versuche mit Ultramarinmutter2) hatte sich Knapp die Ueberzeugung aufgedrängt, daſs Ultramarinmutter auch auf nassem Wege Blau derselben Art zu entwickeln vermöge, wie auf dem feurigen durch Röstung. Sie stützte sich auf verschiedene Erfahrungen: so ein gewisses Blauanlaufen der Ultramarinmutter bei gewöhnlicher Temperatur an der Luft; ferner, daſs sich in Glasröhren, worin Ultramarinmutter durch Glühen hergestellt war, mit einigen anhängenden Resten nach dem Abspülen liegen geblieben, nach einiger Zeit schön leuchtend blaue Körner bildeten; endlich die Beobachtung, daſs Ultramarinmutter, mit wenig Wasser befeuchtet oder mit Natriumschwefelleber übergössen, sofort eine gras- bis russischgrüne Farbe annimmt. Versuche bestätigten in der That, daſs es ein Ultramarinblau auf nassem Wege gibt. Die Bildung von Blau auf solche Weise wurde weiter verfolgt in der Erwartung, daſs sie besser geeignet sei als der feurige Weg, Aufschluſs über die Rolle der einzelnen Bestandtheile bei der Bildung des Ultramarinblaues überhaupt zu geben.

Das auf nassem Wege erhaltene Blau kann sich weder an Tiefe, noch an Feuer oder Farbenfülle mit dem durch Rösten erhaltenen messen, insbesondere auch nicht in der gleichmäſsigen Beschaffenheit. Unter günstigen Umständen erhält man jedoch ein dem käuflichen Ultramarin recht nahe kommendes Product, ein volles, sattes und dunkles Blau; wenn eben die sehr mannigfaltigen Bedingungen, von denen die Entstehung des Blau auf nassem Wege abhängt, sich in gleichmäſsiger Erfüllung zusammenfinden. Diese Bedingungen sind aber einerseits zahlreich und mannigfach, andererseits in so enge, schwer einzuhaltende Grenzen eingeschränkt, daſs schon geringe Ueberschreitungen hinreichen, den Erfolg ganz oder theilweise in Frage zu stellen. Die Substanz, aus welcher das Blau hervorgeht, zeigt in Bezug auf die entscheidenden Momente einen Grad von Empfindlichkeit, welcher so weit geht, daſs es kaum je gelingt, von zwei Hälften einer Mischung, bei nach aller Voraussicht ganz gleichem Verfahren, ein gleiches Product zu erhalten. Und doch ist der Weg zur Darstellung von Ultramarinblau auf nassem Wege ein auſserordentlich einfacher. Eine Mischung aus Thon, Soda und Schwefel, ganz so wie zum gewöhnlichen Ultramarin, wird unter Abhaltung der Luft eine Zeitlang in Rothglut behandelt, die so erhaltene bekannte braune, schwach zusammenhängende, leicht zerreibliche, hygroskopische Ultramarinmutter wird mit Wasser angemacht und einige Zeit stehen gelassen. Das Wasser nimmt aus dem Glühproducte Natriumpolysulfuret auf und bildet damit die für die Entwickelung des Blau wirksame Lösung. Man darf daher, um diese Lösung nicht zu sehr zu verdünnen, nur so viel Wasser zusetzen, daſs eine breiige Masse entsteht. Besser übergieſst man die Ultramarinmutter |40| mit einer starken Lösung von Natriumschwefelleber (durch Zusammenschmelzen gleicher Theile Soda und Schwefel erhalten) im Ueberschusse. In beiden Fällen färbt sich die Ultramarinmutter sogleich dunkelgrasgrün bis russischgrün. Nach längerem oder kürzerem Stehen und Auswaschen mit Wasser bleibt ein pulveriger Rückstand, dessen Beschaffenheit je nach dem Gange der Operation verschieden ausfällt. War der Verlauf ein allseitig günstiger, so erscheint dieser Rückstand, sobald durch Waschen die gelbe Lauge beseitigt ist, sogleich und schon in der Flüssigkeit blau. Bei weniger günstigem Verlaufe erscheint der Rückstand schwarzgrau oder schwarz, geht aber schon während des Trocknens3) in tiefes Blau über. Bei mangelhafter Vorbehandlung ist der Rückstand heller, nach dem Trocknen mittel- bis hellgrau, zuweilen auch von der Farbe der Gartenerde, des Cacao, seltener rothbraun. Auch bei diesen Producten von grauer Farbe, bei denen das bloſse Auge zunächst kein Blau wahrnimmt, sieht man es in der Regel nach einigen Stunden mehr oder weniger deutlich in Gestalt von blauen Fleckchen auf der grauen Masse auftreten. Unter dem Mikroskope sieht man dann entweder blaue Körner zwischen den grauen, oder fast jedes graue Körnchen an einzelnen Stellen und Ecken schön blau angelaufen. Die braunen Rückstände und die gelbgrauen zeigen, weder mit dem bloſsen Auge noch mit dem Mikroskope geprüft, eine Spur von Blau.

Wie bereits bemerkt, hängen solche verschieden und von einander stark abweichende Ergebnisse von der ungleichen Erfüllung der zur Entwickelung von Blau günstigen Bedingungen ab. Diese Bedingungen sind hauptsächlich: Beschaffenheit und Zustand des angewendeten Thones; Temperatur beim Glühen des Ultramaringemisches; Zeitdauer ihrer Einwirkung; Zustand der Aufgeschlossenheit des Thonerdesilicates im Glühproducte; sonstige Aenderungen in seinem chemischen Bestände; endlich Dichte oder Lockerheit desselben. In Bezug auf die geschilderte Unsicherheit im Erfolge ist nicht zu vergessen, daſs die Ultramarinmutter zum Rösten auf Blau beim Arbeiten im Kleinen in Porzellantiegeln u.s.w. ebenfalls recht ungleiche Producte liefert, wenn auch nicht in einem so ausgedehnten Maſse. Die erste und wichtigste Voraussetzung zum Gelingen des Blau auf nassem Wege ist die, daſs beim Glühen der Ultramarinmischung der Kaolin wirklich zur Aufschlieſsung kommt. Ist das gewonnene Glühproduct nicht aufschlieſsbar in Säure, so ist es weder auf dem nassen, noch feurigen Wege fähig Blau zu bilden; ist es aber aufschlieſsbar, so gibt es jederzeit Blau durch Rösten, aber keineswegs nothwendig auch Blau auf nassem Wege. Es können also im Glühprozesse Ultramarinmuttern erfolgen, die auf beiden Wegen Blau liefern, aber auch solche, die es durch Rösten, nicht aber zugleich |41| auf nassem Wege thun. Die Temperaturgrade zur Aufschlieſsung des Thonsilicates, diejenigen, bei denen die Befähigung des Glühproductes zu Blau auf dem nassen Wege eintritt, die Temperatur endlich, wo diese letztere zerstört wird, liegen, von nur kleinen Intervallen getrennt, einander allzu nahe.

Zwischen den beiden Temperaturgrenzen, der zur Aufschlieſsung unerläſslichen und der das Gelingen unmöglich machenden, hat sich der Experimentirende auf einer so schmalen Bahn zu bewegen, daſs ein Ueberschreiten nach links oder rechts kaum vermeidlich ist. Mit zu hohem Hitzegrade ist, trotz der Aufschlieſsbarkeit des Präparates, das Miſslingen sicher; bei unvollkommener, nur theilweise eingetretener, noch nicht bis ins Innere der Körner vorgeschrittener Aufschlieſsung wird auf nassem Wege immer noch ein, wenn auch weniger lebhaftes Blau erhalten.

Daſs eine Ultramarinmischung allemal verloren ist, sobald sie beim Glühen in Fluſs kommt, bedarf kaum der Erwähnung. Aber auch das Sintern ist schädlich; man kann so gut wie sicher sein, daſs ein Glühproduct, welches sich beim Zerreiben im Mörser irgend sandig anfühlt, beim nassen Wege versagt; eine richtig geglühte Ultramarinmutter soll sich beim Zerreiben im Mörser nur weich und sammtartig anfühlen.

Denn die zweite wesentliche Vorbedingung zum Gelingen des Blau auf nassem Wege ist ein hochgehender Grad von Lockerheit, Durchdringlichkeit und Offenheit des molekularen Gefüges. Der Werth der Aufschlieſsung ist nämlich nicht nur vom chemischen, sondern mindestens ebenso sehr vom mechanischen Gesichtspunkte aus aufzufassen. Das Eintreten von Alkali in das Silicat vermittelt anfangs jenen entscheidenden Grad von mechanischer Zugänglichkeit, darüber hinausgehende Temperaturgrade vermindern sie alsbald wieder in Folge der groſsen Neigung der so alkalireichen Mischung, zu sintern.

Im Verlaufe des Glühens ändert die hellgelbe, durch das beigemengte Kohlenpulver graue Mischung zu Ultramarin alsbald mit der Bildung von Natriumpolysulfuret und der Aufschlieſsung des Thonerdesilicates die Farbe: sie geht zuerst in dunkleres Gelb, dann in Zimmtbraun, dann in Roth über. Im Allgemeinen ist die helle Farbe das Merkmal des unzureichenden, die braune Farbe des richtigen, die rothe Farbe die des übertriebenen Glühgrades. So gibt die Färbung des Glühproductes schon einigermaſsen Anhalt zur Beurtheilung des zu gewärtigenden Erfolges im Voraus.

Es können Proben äuſserlich an der Tiegelwand schon merklich roth aussehen und geben noch Blau; umgekehrt können Proben schon ziemlich die richtige neutrale Färbung von Braun zeigen und liefern dennoch kein Blau. Die Farbe des Glühproductes und seine Gare für Bläuung auf nassem Wege decken sich demnach nur beiläufig nicht genau.

|42|

Der Punkt der Gare ist nämlich nicht schlechtweg von dem Eintreten und Erhalten des richtigen Temperaturgrades abhängig, sondern auch von der Zeitdauer, während welcher dieser richtige Hitzegrad wirkt. Denn er tritt ja nicht gleichzeitig für alle Theile der Mischung ein, sondern muſs allmählich von auſsen ins Innere vordringen. Diese Thatsache spiegelt sich schon in dem Umstände, daſs die Glühproben nur ausnahmsweise ganz gleiche Färbung, vielmehr in den meisten Fällen ungleiche Färbung zeigen. Durch das nur langsame Vorschreiten der Hitze in die Mitte des Tiegels kann es kommen, daſs der Kern des erhaltenen Kuchens erst zur Gare gelangt, nachdem seine Auſsenschicht schon mehr oder weniger überhitzt ist; oder er bleibt ungar, während der äuſsere Theil gerade erst den richtigen Hitzegrad erreicht hat. Nur wenn dieser voll und ohne Ueberschreitung hinreichend lange erhalten wird, ist ein gleichmäſsiges Product zu erwarten. Die Nothwendigkeit der Dauer des richtigen Glühgrades liegt schon – und zwar ganz abgesehen von dem Blau auf nassem Wege – in der Natur der Aufschlieſsung selbst.

Das Thonerdesilicat verharrt während der ganzen Procedur im festen Zustande. Das Alkali muſs daher, wenn eine Aufschlieſsung erfolgen soll, in die Partikeln des Thones auf dem Wege der Cementation eindringen, was nur im allmählichen Vorschreiten von Schichte zu Schichte, von Molekül zu Molekül möglich ist. Dazu gehört immerhin Zeit, namentlich aber bei den mäſsigen Temperaturgraden, bei denen, wie im vorliegenden Falle, die Gare zur Bildung von Blau auf nassem Wege noch unzerstört bleibt.

Im Falle man die Glühproducte aus den Bestandtheilen des Ultramarines, wie oben empfohlen, mit Lösung von Natriumschwefelleber statt Wasser behandelt, ist auf die passende Beschaffenheit derselben Rücksicht zu nehmen. Sowohl die Natriumschwefelleber, als auch deren Lösung ist frisch zu bereiten; nicht nur länger aufbewahrt, sondern auch zum zweiten Male und öfter zu Ultramarin auf nassem Wege gebraucht, verlieren sie rasch ihre Wirksamkeit.

Auſser den genannten Bedingungen des Gelingens und Miſslingens mögen, wie aus der groſsen Unsicherheit des Erfolges bei möglichster Vorsicht geschlossen werden kann, noch anderweitige ihren Einfluſs geltend machen, die bestimmt nachzuweisen noch nicht gelungen ist. Jene, bei übertriebenem Glühen erhaltenen rothen Glühproducte sind anfangs von unscheinbarem violetten Tone, gehen dann mehr und mehr in einen lebhaften über und nehmen zuletzt eine ausgezeichnet schöne, pompejanisch rothe, ins Purpurne stechende Schattirung an. Solche Proben geben nach dem Auswaschen keinen weiſsen Ultramarin; sie hinterlassen vielmehr einen gelben bis braungelben Rückstand, dessen einzelne Körnchen unter dem Mikroskope durchsichtig gelb erscheinen, ganz wie das mit Schwefelnatrium gefärbte Glas. Offenbar ist in diesem |43| Falle mit dem zu hohen Hitzgrade Schwefelnatrium vom Silicate gebunden bezieh. das Alkali des Silicates in Schwefelmetall verwandelt worden.

Die nicht gelungenen grauen Producte, in denen nach dem Auswaschen ebenso wenig, wie in den gelben oder braungelben, weder mit bloſsem Auge noch unter dem Mikroskope Blau wahrzunehmen ist, zeigen unter verschiedenen Umständen ein sehr verschiedenes Ansehen. Im trockenen Zustande erscheinen sie dem bloſsen Auge grau, unter dem Mikroskope weiſs mit dunklen Einschlüssen. Mit Wasser, oder besser mit Glycerin befeuchtet (durch Wegfallen des von der Oberfläche der Partikeln reflectirten Lichtes) dunkler, unter dem Mikroskope nicht homogen, sondern mit zahlreichen schwarzen Punkten durchsetzt. Zuweilen findet man statt der Punkte schwarze, etwas unregelmäſsige Linien in Gestalt von schmalen, zusammengefalteten Plättchen. Diese schwarzen Punkte oder Linien werden von einer heiſsen Cyankaliumlösung mit dem etwa anhaftenden Schwefeleisen nicht entfernt.

Alle Glühproducte nach Art der Ultramarinmutter sind nach dem Auswaschen, unter dem Mikroskope betrachtet, im rein durchfallenden Lichte in der Regel völlig opak, also im Bilde schwarz. Zuweilen findet man an den einzelnen Theilchen theilweise durchsichtige, theilweise opake Stellen. Im auffallenden Lichte (wenn man das durchfallende gänzlich abschützt) erscheinen sie dann unter ganz verschiedenem Ansehen, die Farbe weiſs oder graulich oder gelblich, weil man sie dann lediglich in dem von ihnen reflectirten Lichte sieht.

Dieses Verhalten gegen das Licht nach beiden Richtungen gilt für den gewöhnlichen weiſsen Ultramarin in gleicher Weise.

Auch die Schwefelblumen verhalten sich so sie sind im reflectirten Lichte gelb, im durchfallenden opak, während Stangenschwefel in letzterem gelb und durchsichtig erscheint. Ein weiterer störender Umstand, mit dem man fortwährend bei diesen Versuchen zu thun hat, ist das Auftreten von Schwefeleisen. Wenn man auch mit reinem kohlensaurem Natrium arbeitet, so ist doch der Kaolin kaum je frei von Eisen, ebenso wenig ist es der Schwefel.

Schwefelblumen geben an verdünnte Salzsäure, wenn damit digerirt, stets sehr nachweisbare Mengen von Eisen ab} aber es wird auch bei wiederholter Behandlung nie vollständig ausgezogen. Denn ein Theil Eisen ist in den Partikeln des Schwefels eingeschlossen und so für die Säure unzugänglich. Beim Auswaschen der Ultramarinmutter, namentlich mit heiſsem Wasser, erscheint das Schwefeleisen zum Theile in Verbindung mit Schwefelnatrium in der bekannten flaschengrünen Farbe der Lösung, theils als schwarzer – unter dem Mikroskope oft als schöne metallglänzende Kryställchen erscheinender – Niederschlag. Schwarze Körper, wie Schwefeleisen, geben mit weiſsen oder sehr hellfarbigen Substanzen gemischt leicht eine Art blauen Farbenton. So z.B. wenn |44| man einen schwarzen Körper durch eine Flüssigkeitsschicht mit milchig gefälltem Schwefel betrachtet. Hat man doch seiner Zeit das Ultramarinblau auf feurigem Wege aus diesem optischen Phänomen erklären wollen: schwarzes Schwefelaluminium im farblosen pulverigen Silicate. Schwefelaluminium ist in Ultramarinmutter unmöglich, abgesehen davon, daſs es nicht schwarz ist. Schwefeleisen ist zwar vorhanden, hat aber mit der blauen Farbe nichts zu thun, denn das Blau auf nassem Wege wird durch Digestion mit Lösung von Cyankalium keineswegs entfärbt, so wenig wie der gewöhnliche Ultramarin. Dagegen kann man öfter beobachten, daſs Proben von Ultramarinmutter für Blau auf nassem Wege zunächst einen schwarzgrauen Rückstand hinterlassen, der sich beim Trocknen unter Aufhellen der Farbe zusehends bläut. Das Blau ist dabei durch Schwefeleisen verdeckt; indem es sich an der Luft oxydirt, wird das Blau bloſsgelegt. Solche Präparate lassen sich mit Cyankalium sehr gut zu zwar hellen, aber auch viel klareren Tönen reinigen.

Als Rohmaterial für die hier mitgetheilten Studien diente geschlämmter Kaolin (Fundort bei Halle) von der Porzellanfabrik Fürstenberg an der Weser, der in nichts irgend Wesentlichem von der gewöhnlichen Beschaffenheit und dem chemischen Bestände dieser Fossilien abweicht; er erhielt in 100 Theilen:

Kieselerde Thonerde Wasser Kali Kalk
46,83 40,25 12,60 0,37 Spur = 100,05

Diese Zahlen entsprechen dem Atomverhältnisse:

2 SiO2 : 1,997 Al2O3 : 1,79 H2O.

Als Ultramarinmischung ist die auch in früheren Mittheilungen gebrauchte von Gentele beibehalten, nämlich:

Geschlämmter Kaolin Kohlensaures Natron Schwefelblumen
100 100 60 Th.

Es hat sich jedoch zweckmäſsig erwiesen, den Schwefelzusatz zu erhöhen und gleiche Theile der drei Bestandtheile zu nehmen.

Zur Umwandelung der Mischung in Ultramarinmutter bediente man sich zunächst der Porzellantiegel und eines Argandbrenners nach Muencke. Gröſsere Tiegel geben schon ihres Umfanges wegen viel zu ungleiche Erhitzung; man gab daher den kleineren, 15 bis 20g Mischung fassend, den Vorzug. Die Mischung wurde jederzeit fest in den Tiegel eingedrückt und mit einer zusammengedrückten Schicht Kohlenpulver von 5 bis 6mm Stärke, dann mit dem Porzellandeckel bedeckt. Während des Glühens ist nichts bemerklich als eine unbedeutende, kaum wahrnehmbare und rasch verschwindende Schwefelflamme. Nach dem Erkalten und Abschütteln der Kohlendecke findet man das Glühproduct als zusammenhängenden Kuchen von der Form des Tiegels; mit einem weichen Pinsel läſst er sich leicht von den anhaftenden Kohlentheilchen befreien. Man glühte so bei verschiedenen Höhen, verschiedener Luftspeisung |45| der Flammen, sowie bei verschiedener Stellung des Tiegels in der letzteren, um an der Hand der Erfahrung die geeignetste Behandlung kennen zu lernen. Aber es zeigte sich, daſs man nicht bloſs bei verschiedenen Stellungen, sondern auch bei so weit thunlich gleicher Stellung von Flamme und Tiegel, Ergebnisse von ungleicher, oft auffallend abweichender Beschaffenheit erhielt.4)

Die groſse Unsicherheit in Bezug auf die Temperatur der freien Flamme – schon die Schwankungen des Gasdruckes, wie sie im Verlaufe des Tages stattfinden, spiegeln sich deutlich im Producte ab – führte auf den Gedanken, Versuche mit dem bei der Elementaranalyse gebräuchlichen Ofen mit Gasfeuer zu machen. Die Versuche mit der Mischung nach Gentele in Glasröhren in diesem Ofen scheiterten an der Unmöglichkeit, die Temperatur, auch bei höchstem Stande der Gasflamme, auf den erforderlichen Grad zu bringen. Die Glühproducte erschienen allerdings sehr gleichmäſsig in der Farbe, aber sie waren nach dem Erkalten immer nur gelb, höchstens lehmfarben, also ungar, auch nach 2 bis 3 Stunden langer Dauer der Operation. Der überschüssige Schwefel, der beim Glühen im Tiegel fast unmerklich verbrennt, sublimirt im Rohre in ganzen Krusten. Wenn sich beim Erkalten der Schwefeldampf rückwärts im Glühproducte niederschlägt, so bildet er einen lackartigen Ueberzug und macht es damit unbrauchbar.

Die Schwierigkeit, ein zur Umwandelung in Blau auf nasssem Wege geeignetes Glühproduct zu erzielen, liegt, wie bereits dargelegt, vor allen Dingen in dem Umstände, daſs der Temperaturgrad zur Aufschlieſsung des Thonerdesilicates und der zur Bildung von Blau erforderliche nur durch ein sehr geringes Temperaturintervall getrennt sind. Der Gedanke lag nahe, die beiden Prozesse zu trennen, d.h. den Kaolin erst für sich aufzuschlieſsen und dann aus dem aufgeschlossenen Kaolin Ultramarinmutter zum Bläuen auf nassem Wege herzustellen. Die an dieses Verfahren geknüpften Erwartungen erfüllten sich jedoch im Ganzen nicht befriedigend.

Kaolin mit 3 Th. kohlensaurem Natrium in einem hessischen Tiegel aufgeschlossen, zur Ultramarinmutter benutzt, liefert zwar ein in Säure vollständig lösliches, aber auffallend festes, zähes, steiniges und sehr schwer zu pulverndes Product. Unmittelbar, wie es gewonnen wird, selbst in staubfeines Pulver zerrieben und gesiebt, ist es der Bildung von Blau auf nassem Wege in der beschriebenen Weise ganz und gar unfähig.

Von der Annahme ausgehend, daſs der aufgeschlossene Kaolin, mit so viel Schwefel vermischt, als seinem Natrongehalte entspricht, in der Hauptsache gleichwerthig sei mit rohem Kaolin, dem Schwefel und |46| Natrium beigegeben, verfuhr man demgemäſs. Der aufgeschlossene Kaolin enthielt im Ganzen 47 Proc. Natron (= 80 Proc. Carbonat), welche nach Gentele das 0,6fache oder 48 Proc. Schwefel verlangen. In beiden Fällen entsteht in der Glühhitze Schwefelnatrium, nur beim aufgeschlossenen Kaoline, eher zum Vortheile, weit mehr, nämlich das 2⅔ fache. Allein, weder bei hoher noch bei niederer Temperatur, weder bei längerer noch kürzerer Dauer der Erhitzung war durch Behandlung mit Lösung von Schwefelleber und darauffolgendes Auswaschen eine Spur von Blau zu erhalten.

Anders, wenn auch nicht nach Wunsch befriedigend, gestalten sich die Dinge, wenn man den aufgeschlossenen Kaolin vor der Anwendung von dem überschüssigen Carbonate befreit. Er verhält sich einigermaſsen hydraulisch, ist sehr geneigt, bei unvorsichtigem Einbringen in Wasser sich zu ziemlich festen Klumpen zusammenzuballen. Diese, ebenso Stücke von nur gröblich zerschlagenem Materiale, widerstehen dem völligen Auswaschen dann sehr lange.

Dagegen kommt man verhältniſsmäſsig leichter zum Ziele, wenn man das staubfein gepulverte Material in einen groſsen Ueberschuſs von Wasser einlaufen läſst unter stetem Umrühren. Man befördert die Auflösung des überschüssigen kohlensauren Natriums durch Wärme und erneuert das Wasser bis zum Verschwinden der alkalischen Reaction. Der so ausgewaschene, bei 100° getrocknete Kaolin gibt beim Glühen Wasser ab; der Glührückstand gab 35,80 Proc. Kieselerde und 30,25 Proc. Thonerde, entsprechend dem Atom Verhältnisse 2,03 : 1, also wie vor der Aufschlieſsung; der Rest = 32,95 Proc. ist Natron.

In derselben Weise behandelt, wie den bloſs geschlämmten, nicht aufgeschlossenen Kaolin – also mit kohlensaurem Natrium5) gemischt und geglüht – erhält man durch Uebergieſsen des Glühproductes mit Wasser oder Lösung von Natriumschwefelleber ähnliche Ergebnisse, wie bei jenem, aber bessere nicht. Denn die erwartete gröſsere Sicherheit und Zuverlässigkeit der Operation in Bezug auf das Ergebniſs erfüllen sich nicht. Man erhielt nach dem Auswaschen der Natriumschwefelleber Rückstände von sehr verschiedenem Ansehen, je nachdem man den passenden Temperaturgrad beim Glühen der Ultramarinmutter mehr oder weniger getroffen, in der Regel gut mittelblau und in beiden Fällen anscheinend homogen, bei weniger günstigem Gange ebenso lichtblau. In beiden Fällen erscheint das Product im Mikroskope schon bei mäſsiger Vergröſserung als Gemenge von hellen, farblosen und tiefblauen Körnern. Ist das Glühproduct mehr grobkörnig ausgefallen, so unterscheidet man beide Arten von Körnern schon mit bloſsem Auge. Im Ganzen hat sich die vorläufige Aufschlieſsung des Kaolins nicht eben |47| als Fortschritt bewährt, man erhält mit dem unaufgeschlossenen Kaoline viel leichter Blau von tief dunklen Tönen, also weniger gemischt mit ungefärbten Theilen.

(Fortsetzung folgt.)

|38|

Nach vom Herrn Verfasser gefälligst eingesendeten Sonderabzügen.

|39|

Unter Ultramarinmutter wird die geglühte Mischung aus Kaolin, Soda und Schwefel, wie sie zu Ultramarin gebraucht wird, verstanden.

|40|

Das Blau aus Ultramarinmutter mit Kaolin ist im Trocknen beständig; nicht so das aus anderen Präparaten, aus Thon- und Kieselerde.

|45|

Am vortheilhaftesten beim Glühen im Porzellantiegel ergab sich eine Stellung der Flamme, wobei sich der Tiegel etwas mit Ruſs beschlägt und die Flamme mit schwach leuchtender Spitze brennt.

|46|

Das bereits im Aufschlieſsungsproducte enthaltene Natrium in Anrechnung gebracht.

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: