Titel: Neuere Verfahren und Apparate für Zuckerfabriken.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1888, Band 270 (S. 173–179)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj270/ar270032

Neuere Verfahren und Apparate für Zuckerfabriken.

(Fortsetzung des Berichtes S. 89 d. Bd.)

J. Suchomel berichtete über Versuche mit Knochenkohlefiltration (Oesterreichisch-Ungarische Zeitschrift für Zuckerindustrie und Landwirthschaft, 1888 Bd. 17 S. 289), welche zwar schon vor längerer Zeit ausgeführt, aber nicht veröffentlicht wurden, und die gerade in der Gegenwart, wo so viele irrthümliche Ansichten über Ausführung und Wirkung der Filtration der Zuckersäfte verbreitet sind, Beachtung und Beherzigung verdienen.

Die vom Verfasser aus seinen Versuchen abgeleiteten Schluſsfolgerungen stimmen im Wesentlichen mit den früher von Stammer nachgewiesenen Thatsachen überein, wie dies auch nicht anders zu erwarten stand; eine solche Bestätigung ist aber immer werthvoll, insofern diese allgemeinen Gesetze der Filtration bei der Nachlässigkeit, womit diese Station vielfach behandelt wird, häufig in Vergessenheit zu gerathen droht. Der Verfasser sagt nach Darlegung seiner Versuche:

Es steht unzweifelhaft fest, daſs durch Filtration von Dünnsaft nach Dicksaft, bezieh. durch Verdrängung des Dicksaftes mittels Dünnsaftes und darauf folgendes Absüſsen mit Wasser dem Spodium eine gröſsere Menge der aus Dicksaft absorbirten Nichtzuckerstoffe wieder entzogen wird, als durch unmittelbare Absüſsung mit Wasser. Die Absüſsung mit Dünnsaft und Wasser nimmt jedenfalls mehr Zeit in Anspruch, als eine Absüſsung mit Wasser allein, das Spodium kommt daher im ersteren Falle mit gröſseren Mengen dünner Absüſsflüssigkeit und für längere Zeit in Wechselwirkung, weshalb es auch nicht zögern wird, an die Absüſs- oder Waschflüssigkeit mehr Nichtzuckerstoffe wieder abzugeben, als es bei alleiniger Verwendung von Wasser gethan haben würde.

An der Verschlechterung der Reinheit des Nachlaufes und des Absüſses haben sich vorwiegend die Alkaliverbindungen betheiligt, woraus wieder hervorgeht, daſs die einmal absorbirten organischen Nichtzuckerstoffe vom Spodium mit einer gröſseren Kraft zurückgehalten werden als die Alkaliverbindungen.

Die Ergebnisse der in Rede stehenden Versuche lassen sich in folgenden Punkten zusammenfassen:

1) Der Dünnsaft wirkt auf erschöpfte Dicksaftfilter, wie schon früher ausgeführt wurde, ähnlich dem Wasser.

2) Durch Filtration von Dünn- auf Dicksaft, bezieh. durch Abdrücken des Dicksaftes mittels Dünnsaftes und erst darauffolgendes Absüſsen mit Wasser, wird dem Spodium eine namhaft gröſsere Menge der vorher aus Dicksaft absorbirten Nichtzuckerstoffe entzogen, als durch direktes Absüſsen mit Wasser allein.

3) Bei der Filtration von Dünn- nach Dicksaft vermag das Spodium dem Dünnsafte im Allgemeinen noch ganz bedeutende Kalkmengen zu entziehen.

4) Ein für Dicksaft auch hinsichtlich der Farbe bereits erschöpftes Spodium vermag noch auf Dünnsaft eine entfärbende Wirkung auszuüben.

Es wäre wohl überflüssig, hier noch über die zweckmäſsigste Art der Verwendung der Dickfilter-Nachsäfte und -Absüſse viel Worte zu verlieren, ein einfacher Hinweis auf die ermittelten Reinheiten derselben führt eine zu deutliche Sprache. Es hieſse ja eine der werthvollsten Leistungen der Spodiumfiltration einfach rückgängig machen, wollte man den Nachlauf noch zum Hauptsafte laufen lassen!

Ein besonderer Versuch ergab die Thatsache, daſs das für Dünnsaft erschöpfte Spodium die Fähigkeit besaſs, aus dem nachher darüber filtrirten Dicksafte noch namhafte Mengen Nichtzucker zu absorbiren.

|174|

Diese Versuche zeigen ferner (abweichend von den von Stammer aufgestellten Sätzen), daſs das für Dünnsaft bereits erschöpft gewesene Spodium noch im Stande war, dem unmittelbar nach Dünnsaft gefolgten Dicksafte mehr Nichtzuckerstoffe, insbesondere aber mehr Alkaliverbindungen zu entziehen, als vorher in gleichen Zeiträumen aus gleichen Mengen Dünnsaft; zum mindesten aber läſst sich daraus und in völliger Uebereinstimmung mit den Ergebnissen des ersten Versuches folgern, daſs das Spodium aus concentrirteren Rübensäften, Syrupen und überhaupt aus unreinen Zuckerlösungen in Summe eine gröſsere Menge Nichtzucker aufzunehmen befähigt ist als aus verdünnteren, und daſs somit die Absorptionsfähigkeit des Spodiums für Nichtzuckerstoffe mit der steigenden Concentration der zu filtrirenden Zuckerlösung auch eine gröſsere wird.

Hervorzuheben sind noch folgende Sätze, welche der Verfasser aus seinen Versuchen ableitet:

1) Die Absorptionsfähigkeit des Spodiums gegenüber dem Nichtzucker des Rübensaftes u.s.w. steigt und fällt mit der Concentration der zu filtrirenden unreinen Zuckerlösung; es vermag daher das Spodium aus concentrirteren Lösungen namhaft mehr Nichtzuckerstoffe aufzunehmen als aus verdünnten. Demgemäſs wird ein für Dünnsaft erschöpftes Spodium noch auf Dicksaft reinigend wirken können; hingegen wird aber ein für Dicksaft erschöpftes Spodium an den nachher darüber filtrirten Dünnsaft einen dem (zwischen Dünn- und Dicksaft) bestehenden Concentrations-Unterschiede entsprechenden Antheil der aus Dicksaft absorbirten Nichtzuckerstoffe wieder abgeben und denselben verunreinigen.

2) Gegenüber dem Farbstoffe des Rübensaftes, der Syrupe u.s.w. zeigt das Spodium ein dem vorigen entgegengesetztes Verhalten; es vermag den ihm dargebotenen gefärbten Zuckerlösungen um so mehr Farbstoff zu entziehen, je niedriger die Concentration derselben ist, woraus wieder folgt, daſs ein für Dicksaft auch in Bezug auf Farbstoff erschöpftes Spodium noch Dünnsaft, und zwar in einem dem Saftconcentrations-Unterschiede entsprechenden Maſse entfärben kann; hingegen aber wird ein für Dünnsaft erschöpftes Spodium an den darauf folgenden Dicksaft eine dem Saftconcentrations-Unterschiede entsprechende Menge Farbstoff wieder abgeben.

3) Aehnlich wie auf den Farbstoff wirkt das Spodium auch auf den Kalkgehalt der Säfte und Syrupe u.s.w.; es ist befähigt, um so mehr Kalk aus der Zuckerlösung zu absorbiren, je geringer die Dichte derselben ist, und auch umgekehrt. Ein für Dicksaft auch hinsichtlich der Kalkabsorption erschöpftes Spodium vermag daher noch auf den ihm dargebotenen Dünnsaft in einer dem Saftconcentrations-Unterschiede entsprechend kräftigen Weise entkalkend einzuwirken; hingegen aber wird ein für Dünnsaft auch hinsichtlich der Kalkabsorption erschöpftes Spodium an einen nachher darüber filtrirten Dicksaft noch eine gewisse von dem Concentrations-Unterschiede der Säfte abhängige Menge Kalk wieder abgeben.

4) Wie sich aus Punkt 1, 2 und 3 ergibt, so ist ein für Dicksaft in jeder Hinsicht erschöpftes Spodium befähigt, an den darüber filtrirten Dünnsaft Alkaliverbindungen und organische Stoffe abzugeben und gleichzeitig aus demselben Dünnsafte Kalk und Farbstoff zu absorbiren; hingegen vermag ein für Dünnsaft in jeder Hinsicht erschöpftes Spodium noch aus dem noch darüber filtrirten Dicksafte Alkaliverbindungen und organische Stoffe aufzunehmen und gleichzeitig an denselben Dicksaft Farbstoff und Kalk wieder abzugeben.

Die Deutsche Zuckerindustrie, 1888 Bd. 13 Nr. 26 S. 796, theilt Nachstehendes über den Prozeſs einer Raffinerie wegen Beschädigung durch Bienen mit. Ein Hauptgebäude der Actiengesellschaft Raffinerie parisienne liegt in der Gemeinde St. Ouen bei Paris. In diese Gemeinde pflegen nicht derselben angehörende Bienenwirthe mit dem Beginne der Blüthezeit ihre Stöcke zu bringen, damit die Bienen den Honig aus den Futterpflanzen holen, welche dort in der Ebene von Gennevilliers |175| in groſser Ausdehnung angebaut werden. Als Futterpflanzen werden insbesondere verschiedene Kleearten genannt, wie rother, weiſser, Luzerne u.a., obgleich bekanntlich die Bienen nicht im Stande sind, aus dem rothen Klee den Honig herauszuziehen. Die Bienen nun ziehen es vor, statt weite Flüge über die Felder zu machen und mühsam aus Blüthe nach Blüthe die Süſsigkeit zu sammeln, die letztere aus der ihnen nahe gelegenen Raffinerie zu holen (einige Stöcke sind nur 150m von derselben entfernt), aus welcher sie nicht nur eine Menge Zucker tragen, sondern wo sie die bis zum Gürtel entbloſsten Arbeiter durch ihre Stiche schwer belästigen.

Die Raffineriegesellschaft hat nun drei Eigenthümer der in ihrer Nähe aufgestellten Körbe auf Entfernung der letzteren, und auf Schadenersatz eingeklagt. Die Beklagten wandten ein, daſs Bienen wilde Thiere seien, für deren Verhalten sie nicht aufzukommen hätten, dann aber sei es nicht erwiesen, daſs gerade ihre Bienen die Raffinerie heimsuchten, da der mit der Ermittelung der Eigenthümer betraute Sachverständige diese Aufgabe nicht hätte lösen können.

Das Gericht entschied durch Urtheil vom 8. Februar 1888, daſs Bienen, welche im Juni hin und im September fort gebracht würden, keine wilden Thiere seien, somit grundsätzlich deren Eigenthümer für ihre Thaten verantwortlich wären; da aber nicht nachgewiesen worden, daſs in dem vorliegenden Falle die Eingeklagten die Eigenthümer wären, sei die Klage abzuweisen.

[Zu dieser nach der Revue industrielle wiedergegebenen, der Sucrerie indigene entnommenen Darstellung, fügt unsere Quelle hinzu, daſs in sehr vielen Fällen die Beraubung der Raffinerien durch Bienen seitens der Bienenhalter systematisch betrieben wird. In Paris wurde daher durch einen Erlaſs des Polizeipräfecten vom 10. Januar 1882 das Halten von Bienen innerhalb der Stadt von einer besonderen Erlaubniſs des Präfecten abhängig gemacht.]

Die Zeitschrift für Berg-, Hütten- und Salinenwesen in Preuſsen brachte eine Darstellung der Entwickelung des Strontianit-Bergbaues im Centrum des westfälischen Kreidebeckens während des letzten Jahrzehntes. Die Vorgeschichte sowie die Anfangsentwickelung dieses Bergbaues als bekannt voraussetzend1), ist die oberste Abtheilung der Kreideformation, das Ober-Senon, dessen aus Mergel mit Kalkbänken bestehende Schichten wegen des häufig in ihnen vorkommenden Belemnites mucronatus |176| „Mukronaten-Schichten“ genannt worden. In den südlich von dem hier in Rede stehenden Gebiete gelegenen „Quadraten-Mergeln“ – nach dem Belemnites quadratus so benannt –, welche dem Unter-Senon angehören, ist das Auftreten von Gängen allerdings ebenfalls beobachtet, dieselben haben aber nur geringe Mächtigkeit und Ausdehnung gezeigt. Die Mukronaten-Mergel füllen die östliche Hälfte des von dem Teutoburger Walde und dem westfälischen Hügellande umschlossenen Kreidebeckens aus. Die Dessauer Gesellschaft für Zuckerraffinerie begann im J. 1874 die ersten Tiefbauanlagen, die beiden Schächte Bertha und Maria, in etwa 1km Entfernung vom Bahnhofe Drensteinfurt. Nebenbei wurden die Schürfarbeiten fortgesetzt und zahlreiche kleine Haspelschächte abgeteuft, um das Auftreten und Fortschreiten der Gänge möglichst genau kennen zu lernen. Die Aufschlüsse, welche man auf den obersten beiden Sohlen der genannten Tiefbauschächte machte, waren auſserordentlich günstig, indem die Mächtigkeit des Ganges auf der 21m Sohle des Schachtes Maria 2m,25 reinen Strontianits betrug, eine Mächtigkeit, wie sie im ganzen Bezirke später niemals wieder gefunden worden ist. Die Förderung konnte in den ersten Jahren, wo zunächst nur Vorrichtungsarbeiten betrieben wurden, naturgemäſs keine bedeutende sein und betrug thatsächlich bis zum Betriebsjahre 1877/78 bei einer Belegschaft von 28 Mann nur 5550 Centner. Da die erwähnten günstigen Aufschlüsse der Schächte Bertha und Maria sich nach der Tiefe hin verschlechterten, so wurden bis zum Jahre 1880 9 neue Tiefbauschächte angelegt. Die Jahresförderung erreichte damals bei einer Belegschaft von 390 Mann schon eine Höhe von 24776 Centner.

Nur auf den beiden Schächten Bertha und Maria hatte man anfangs eigentliche Fördermaschinen von 12 bezieh. 15 aufgestellt, auf den später errichteten Anlagen (auch denjenigen anderer Gesellschaften) bediente man sich stationärer Locomobilen von 18 bis 4 , welche, mit Vorgelege versehen, Förderung und Wasserhaltung zugleich betreiben konnten. Zur Bewältigung der Wasserzuflüsse reichten die Locomobilkräfte sehr bald nicht mehr aus und muſsten bei Drensteinfurt sowohl, wie später bei Ahlen gröſsere liegende oder stehende, direkt wirkende Maschinen von 30, 60, ja 135 aufgestellt werden.

Von einzelnen Agenten wurden in der Folge Schürfversuche angestellt und mit den Grundbesitzern Verträge betreffs der Gewinnung des Strontianits abgeschlossen, allerdings zu theilweise ganz gewaltigen Preisen. Als es nun Dr. Scheibler gelang, ein Patent für das Verfahren zur Darstellung des Strontian-Zuckers aus Melassen und Syrupen zu erhalten, und dadurch auch das Geheimniſs der Anwendung des Strontianits offenbar wurde, bemächtigte sich plötzlich die Spekulation des Strontianit-Bergbaues. Die Berliner Strontianit-Societät-Actien-Gesellschaft kaufte das Dr. Scheibler'sche Patent und schloſs mit einer Anzahl Zuckerraffinerien Verträge auf eine Reihe von Jahren und zu auſserordentlich |177| günstigen Preisen ab, gemäſs welchen jeder derselben die Anwendung des Strontianit-Verfahrens gestattet war. Dagegen muſsten sich die Raffinerien verpflichten, sämmtlichen zu verwendenden Strontianit von der Berliner Strontianit-Societät zu kaufen oder im anderen Falle eine gewisse Summe an dieselbe zu zahlen. Genannte Gesellschaft begann im J. 1880 die Schürf- und Ausrichtungsarbeiten in groſsartigem Maſsstabe. In dem einen Jahre wurden neben einer Menge kleinerer Haspelschächte 4 Tiefbauschächte abgeteuft, denen im J. 1881 12 weitere Tiefbauanlagen folgten. Die von der Gesellschaft beschäftigte Belegschaft stieg auf 555 Mann, die Förderung im J. 1881 auf 22 766 Centner mit einem durchschnittlichen Gehalte von 85 Proc. Strontianit.

Auch die Kölner Strontianit-Actien-Gesellschaft war nicht müſsig geblieben und hatte in der Nähe von Rinkerode, etwa 6km nördlich von Drensteinfurt, 4 Tiefbauschächte abgeteuft. Ihre Förderung belief sich innerhalb der beiden Jahre 1880 und 1881 bei einer Belegschaft von 323 Mann auf 6500 Centner 85procentigen Strontianit. –

Wie schon erwähnt, zeigten die später aufgeschlossenen Gänge nicht die Mächtigkeit und den Adel gleich den zuerst entdeckten, der Dessauer Gesellschaft gehörigen. Die Folge davon war, daſs derber Strontianit bei der Gewinnung immer nur in geringen Mengen fiel und das Haufwerk nur einen geringen Procentgehalt (höchstens 10 bis 15 Proc.) an kohlensaurem Strontian besaſs. Die Dessauer Gesellschaft, welche nur für ihre eigenen Zuckerraffinerien lieferte, legte anfangs keinen hohen Werth auf reines Product. Dagegen errichtete die Berliner Societät eine Centralwäsche etwa 2km vom Bahnhofe Ahlen, dicht an der Köln-Mindener Bahn. Die schmalspurige Eisenbahn, welche die Wäsche mit dem genannten Bahnhofe verband, wurde später auf etwa 10km Länge nach den sämmtlichen bedeutenderen Tiefbauschächten ausgedehnt. Die Centralwäsche verarbeitete in 10stündiger Schicht 1500 Centner 10procentiges Haufwerk, welches sie auf einen Gehalt von durchschnittlich 83 Proc. kohlensaurem Strontian anreicherte; sie beschäftigte gegen 60 Personen. Auf den 4 Schächten, welche keinen Anschluſs an die Secundärbahn hatten, legte man maschinelle Vorwäschen an, welche das Haufwerk bis auf 30 bis 40 Proc. anreicherten.

Aehnliche Vorwäschen, aber mit Handarbeit, wurden von der Kölner Gesellschaft errichtet. Auch die Dessauer Gesellschaft sah sich in Folge der ungünstigeren Aufschlüsse auf den tieferen Sohlen veranlaſst, eine gröſsere Aufbereitung anzulegen. Dieselbe ist allerdings nicht in so groſsartigem Maſsstabe angelegt wie diejenige der Berliner Societät, lieferte seiner Zeit aber doch täglich gegen 200 Centner 83procentiges Haufwerk. –

Seine höchste Entwickelung erreichte der Strontianit-Bergbau im J. 1883, welches eine Gesammtförderung der 3 Gesellschaften von rund 155500 Centner Strontianit mit 83 Proc. Gehalt an kohlensaurem Strontian |178| erreichte, bei einer Belegschaft der Gruben von 2226 Mann. Wenn auch im folgenden Jahre die Berliner Societät noch für sich allein 101121 Centner oder 5454 Centner mehr als in 1883 förderte, so war dies nur eine Folge der Ausbeutung der auf fast allen Betriebspunkten vorgerichteten Abbaue. Im Allgemeinen beginnt mit 1884 der Rückgang des Strontianit-Bergbaues. Konnte man anfangs noch hoffen, daſs die eingetretene Krisis nur eine vorübergehende sein würde, so wurde doch der Absatz von Jahr zu Jahr geringer, der Preis für Strontianit ging immer mehr zurück, und im J. 1886 stand nur noch die Berliner Societät, welche mit einzelnen Raffinerien Verträge auf eine Reihe von Jahren zu günstigen Preisen abgeschlossen hatte, in Förderung, während die übrigen Gesellschaften ihre sämmtlichen Betriebe nach und nach hatten einstellen müssen.

Nachstehende Uebersicht gibt eine Nachweisung von der Strontianit-Förderung (Haufwerk mit durchschnittlich 83 Proc. kohlensaurem Strontian) und der Arbeiterzahl der 3 groſsen Gesellschaften innerhalb der einzelnen Jahre von 1876 bis 1886.


Jahr
Kölner Gesellschaft Dessauer Gesellschaft Berliner Societät
Förderung
Ctr.

Arbeiterzahl
Förderung
Ctr.

Arbeiterzahl
Förderung
Ctr.

Arbeiterzahl
1876 8255 47
1877 5441 34
1878 5550 28
1879 28194 130
1880 1800 135 24776 390 88 99
1881 4700 323 41440 469 22766 555
1882 9300 430 44600 625 56649 758
1883 15200 500 37733 506 95667 1220
1884 18000 475 38537 270 101121 690
1885 8700 165 26160 105 59035 453
1886 2387 50 17534 70 55468 335

Was die technischen und wirthschaftlichen Verhältnisse des Strontianit-Bergbaues anbelangt, so sind dieselben im Allgemeinen nicht als günstig zu bezeichnen.

Die Ausfüllung der Strontianitgänge ist eine sehr unregelmäſsige. Im Streichen, wie im Fallen wechselt die Mächtigkeit und der Adel innerhalb geringer Entfernungen so sehr, daſs man häufig genöthigt ist, auf 40 bis 50m völlig taube Partien zu durchörtern, um wieder ein edles Mittel auszurichten. In Folge dieser Verhältnisse ist die Förderung in den meisten Fällen eine sehr ungleichmäſsige, und muſs man stets eine gröſsere Anzahl von Schächten gleichzeitig in Betrieb erhalten, um etwaige Ausfälle der Förderung auf dem einen oder anderen Schachte auszugleichen. Es ist leicht erklärlich, daſs hierbei die Selbstkosten in einer Weise erhöht werden, wie man sie sonst beim Gangbergbaue in so geringen Teufen nicht kennt.

Wenn auch die Wasserzuflüsse nach der Tiefe zu abnehmen, so |179| war doch die zu hebende Wassermenge auf den seiner Zeit in Betrieb stehenden Gruben der Dessauer Gesellschaft so groſs, daſs die Wältigungskosten die Hälfte aller sonstigen Selbstkosten überstiegen. Nur eine sorgfältige Auszimmerung der Förderstrecken durch Thürstöcke mit dichtem Verzug der Stöſse und Firste kann Sicherung vor Unglücksfällen gewähren. Da, wo feste Kalkbänke anstehen, ist eine so dichte Zimmerung allerdings nicht immer nöthig, weil die Kalkbänke weniger unter den Einflüssen der Grubenluft leiden. Die Erfahrung hat gelehrt, daſs die Strontianitgänge nach der Teufe zu bedeutend an Mächtigkeit abnehmen. In Folge des Abnehmens der Mächtigkeit der Gänge kann man sich bei den Gewinnungsarbeiten nicht, wie dies anfangs geschah, auf die Förderung reinen Stuff-Strontianits beschränken, sondern es muſs, um den Bergbau überhaupt noch lohnend zu erhalten, mehr oder minder rauhes Haufwerk zu Tage geschafft werden. Dieses rauhe Haufwerk aufzubereiten, erfordert bedeutende Kosten, so daſs durchschnittlich 50k aufbereiteten Strontianits auf 13 M. 80 Pf. zu stehen kommen. Diese hohen Selbstkosten konnten zu einer Zeit, wo man in der Zuckerraffinerie für den Strontianit noch keinen Ersatz hatte, durch einen hohen Verkaufspreis ausgeglichen werden, sind aber später eine Hauptursache des Niederganges der Industrie geworden.

Als hemmend für eine gesunde Entwicklung des Strontianit-Bergbaues ist auch der Umstand zu erwähnen, daſs der Strontianit nicht wie metallische Erze gesetzlich vom Verfügungsrechte des Grundeigentümers ausgeschlossen ist. Die an den Grundbesitzer zu zahlenden Abgaben stiegen in einzelnen Fällen bis zu 10 M. auf den Centner Strontianit. Auſserdem hatten die Gruben, weil ihnen das Enteignungsrecht nicht zustand, bei ihren Tagesanlagen (Wäschen, Abfuhrwegen u.s.w.) die gröſsten Schwierigkeiten und Kosten zu überwinden.

Die wichtigste Ursache des so raschen Niederganges des Strontianit-Bergbaues ist allerdings weniger in diesen ungünstigen äuſseren Verhältnissen zu suchen, als vielmehr in der abnehmenden Verwendung von Strontianit bei der Zuckerindustrie.

Stammer.

|175|

Ueber das Vorkommen des Strontianites in Westfalen und seine bergmännische Gewinnung sind zu vergleichen: 1) Menzel, Beschreibung des Strontianit-Vorkommens in der Gegend von Drensteinfurt, sowie des daselbst betriebenen Bergbaues (Jahrbuch der kgl. Preuſsischen geologischen Landesanstalt und Bergakademie zu Berlin, Jahrgang 1881) und 2) Venator, Ueber das Vorkommen und die Gewinnung von Strontianit in Westfalen (Berg- und Hüttenmännische Zeitung, Jahrgang 1882). Ueber die Anwendung des Strontianits in der Zuckerfabrikation vgl. Stammer's Lehrbuch der Zuckerfabrikation. 2. Aufl. S. 1054 ff.

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