Titel: Ueber Härten des Stahles.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1888, Band 270/Miszelle 4 (S. 141–143)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj270/mi270mi03_4

Ueber Härten des Stahles.

Ueber die Behandlung des Stahles bei Herstellung von Werkzeugen finden sich in der Eisen-Zeitung, 1888 Nr. 1 S. 7, bezieh. im Metallarbeiter, 1888 Nr. 20 S. 156, Mittheilungen, welche sowohl Verfahren als auch verschiedene Härtemittel betreffen.

Der Stahl wird bis zur Rothglühhitze erwärmt, hierauf in kaltem Wasser, Oel, Quecksilber u. dgl. abgekühlt, um die für den jeweiligen Gebrauchszweck erforderliche Härte zu erlangen. Im kalten Wasser abgekühlter Stahl wird glashart, diese Härte muſs durch das Anlassen vermindert werden. Zu diesem |142| Zwecke wird das von Zunder gereinigte glasharte Stahlstück vorsichtig angewärmt, bis es die, entsprechenden Temperaturgraden zukommenden Anlaſsfarben zeigt.1)

Um ein Ueberhitzen zu vermeiden, benutzt man in neuerer Zeit Metallbäder, d. i. bestimmte Legirungen2) aus Blei und Zinn, auf deren Oberfläche man die anzulassenden Stähle legt. Beim einfachen Bleibade hängt der Erfolg wesentlich von der Reinheit des Bleies ab, deren Oberfläche mit Holzkohlenstückchen bestreut wird, um die Oxydation des Bleies zu verhindern.

Bei gewöhnlichem Schmiedeeisen treten diese Anlauffarben bei höheren Temperaturen als bei Stahl ein; noch später als bei Schmiedeeisen erscheinen die Anlauffarben bei gewöhnlichem Guſseisen. Trotz der abweichenden Ansichten über die Beschaffenheit des Härtewassers dürfte weiches reines Wasser zu empfehlen sein.

Stahlklingen wurden früher in einem dichtschlieſsenden Kasten so lange über Feuer gehalten, bis dieselben die gewünschte Anlaſsfarbe zeigten, worauf rasche Abkühlung erfolgte. Radirmesserklingen wurden entweder bei 232° C. gehärtet, oder bei Anwendung des Anlaſsverfahrens goldgelb angelassen. Das Anwärmen der Rasirmesserklingen geschieht in der Weise, daſs man zwei bis drei Klingen mit Zwischenlagen an der Griffstelle mittels einer Zange faſst und mit der Rückenseite über das Feuer hin und her führt, bis die Schneide die richtige Wärme zeigt.

Abgekühlt wird mit nicht zu kaltem Wasser, während dadurch angelassen wird, daſs die gehärteten Klingen mit dem Rücken auf heiſses Eisen gelegt werden.

Der Meiſsel zum Spalten der stählernen Schreib federn, welcher Rasirmesserschärfe besitzt, wird durch Kalthämmern der strohgelb angelassenen Schneide gehärtet. Klang und Tonhöhe beim Hämmern bestimmen den Grad der erreichten Materialverdichtung.

Zum Anwärmen schwacher Fräserscheiben, welche bloſs am Umfange gehärtet werden sollen, benutzt man eine Vorrichtung, welche auf die Winddüse eines Schmiedefeuers gesetzt und einen festen Zapfen besitzt, auf welchen der Fräser gesteckt wird. Die Windlöcher sind rings um diesen Zapfen angeordnet. Lange Werkzeuge, wie Gewindebohrer, Reibahlen u. dgl., werden im Schmiedefeuer in der Weise angewärmt, daſs man ein am Ende abgeschlossenes Gasrohrstück an die Herddüse steckt und den Wind durch kleine Löcher treibt, wodurch das Anwärmen in langer Flamme erfolgt. Auch soll vor dem Anwärmen ein dicker Anstrich von Schmierseife die Oberfläche des Werkstückes vor dem Oxydiren schützen, wodurch ein Werkzeug von schöner weiſser Farbe erhalten wird.

Gewöhnliche Werkzeuge härtet man im klaren Wasser von 15 bis 200 C. Reibahlen, Gewindeschneidbohrer, Fräser werden gut hart, ohne angelassen zu |143| werden, indem man sie ins Wasser taucht, das mit einer Oelschicht von 80mm Höhe bedeckt ist. Hohlmatrizen werden gehärtet, wenn durch das Loch ein Wasserspritzrohr geführt wird, so daſs Wasser von allen Seiten an diese flieſsen kann. Werkzeuge werden in gleichmäſsig angewärmtem Sande angelassen.

Nach Uhland's technische Rundschau, 1888 Nr. 8 S. 59, werden Sägeblätter in Mischungen von Oel, Talg, Wachs gehärtet, indem die Sägeblätter in langen Oefen erhitzt und dann in wagerechter Lage mit der Zahnseite in die Härtemischung getaucht. Nach gehörig erfolgter Abkühlung wird das Sägeblatt mit einem Leder abgewischt, so daſs es noch fettig bleibt. Hierauf wird das Sägeblatt über ein helles Koksfeuer gelegt, bis der fettige Ueberzug abgebrannt ist, wodurch die Sprödigkeit vermindert wird. Eine bewährte Härtemasse für schwache Gegenstände besteht aus 41,5 Fischthran, 1k Talg und 125g Bienenwachs. Ein Zusatz von 0k,5 Fichtenharz macht diese Mischung zum Härten stärkerer Theile geeignet, doch darf das Fichtenharz nicht in stärkerer Menge zugesetzt werden, weil sonst die zu härtenden Gegenstände zu hart und brüchig werden.

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Blaſsgelb220° C.Violett266° C.
Strohgelb232 „Dunkelpurpurroth278 „
Goldgelb243 „Hellblau293 „
Purpurroth250 „Dunkelblau316 „
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Legirung
Farbe

Härte

Verwendung zu
BleiZinn
1,75 : 1blaſsgelbglashartchirurg. Instrumente
2,0 : 1strohgelbbesonders hartMesser, Grabstichel
3,5 : 1morgenrothsehr hartScheren, harte Meiſsel
4,6 : 1braunrothhartHobelmesser, Aexte
8,5 : 1purpurrothnoch hartTischmesser, Hohlmeiſsel
12 : 1hellblauziemlich hartkleine Federn, Säbel-
klingen
25 : 1korn blumenblauwenig hartfeine Sägen
1 : 0tief dunkelblauhalbweichgroſse Sägen und groſse
Federn
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