Titel: Kryolith und seine Stellvertreter in der Glasindustrie.
Autor: Zsigmondy, Richard
Fundstelle: 1889, Band 271 (S. 36–44)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj271/ar271006

Kryolith und seine Stellvertreter in der Glasindustrie; von Richard Zsigmondy.

Der Kryolith wird, seitdem er in bedeutenden Quantitäten in den Handel gebracht wurde, mit groſsem Vortheile in der Glasindustrie zur Darstellung von Milch- oder Opalgläsern verwendet.

Als vor etwa 3 Jahren die Ausbeutung der Kryolithlager in Grönland von der dänischen Regierung der Oeresund-Company übertragen wurde, stieg der Preis dieses Minerales so bedeutend, daſs die Glasfabrikanten sich allgemein nach einem Ersatze des kostspieligen Kryolithes umsahen.

Man machte mit mehr oder weniger Glück Versuche, den Kryolith durch Gemenge von Feldspath und Fluſsspath zu ersetzen. Diesen Versuchen verdankt das sogen. Spathglas seine Entstehung.

Aus jener Zeit stammt auch eine Abhandlung von C. Weinreb1), der Fluornatrium, gemengt mit Thonerde haltigen Mineralien als passenden Ersatz des Kryolithes vorschlug. Um den Fluſsspath fabrikmäſsig in Alkalifluorid umzusetzen, würde man denselben nach Weinreb unter Zusatz von Sand mit Soda oder Potasche, oder auch mit Sulfat und Kohle am besten in Drehöfen schmelzen.

Bald darauf wandte ich mich, veranlaſst durch einen österreichischen Glasindustriellen dem Studium derselben Frage zu. Es war mir bald klar, daſs das Fluorkalium als Ersatz für Kryolith zu theuer wäre, da man bei seiner Darstellung durch Schmelzen von Fluſsspath mit Potasche einen erheblichen Ueberschuſs der letzteren anwenden müſste, von dem sich das Fluorkalium nicht trennen lieſse, und man, selbst bei Anwendung von reinem Fluorkalium, bedeutend mehr Kali in das Glas schmelzen würde, als demselben sonst zugesetzt wird. Dadurch würde aber der Ersatz des Kryolithes theurer zu stehen kommen, als dieser selbst. Es bleibt also auſser einigen, in der Natur in nicht allzu groſsen Mengen vorkommenden Fluor haltigen Mineralien, z.B. der Lepidolith nur mehr das Fluornatrium, das mit Vortheil statt des Kryolithes verwendet werden könnte. Einige Versuche, dasselbe nach dem von Weinreb angegebenen Verfahren herzustellen, zeigten mir jedoch, daſs dasselbe sich ökonomisch im Grossen auch nicht durchführen lieſse, da man beim Zusammenschmelzen von Fluſsspath mit etwas Kieselsäure und dem nöthigen Ueberschuſs von Soda, falls derselbe nicht sehr groſs gewählt wird, in Wasser sehr schwer erweichende Schmelzen erhält, aus denen sich nur wenig Fluornatrium extrahiren läſst; selbst wenn es aber gelingen würde, leicht erweichende Fritten zu erhalten, so würde die Schwerlöslichkeit des Fluornatrium (1 : 23) das Eindampfen von groſsen Quantitäten Wasser nöthig machen, was den Prozeſs wesentlich vertheuern würde.

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Diese Umstände gaben mir Veranlassung, auf Grundlage der Weinreb'schen Angaben ein neues Verfahren zur Darstellung von Fluornatrium auszuarbeiten.

Bevor ich jedoch zur Beschreibung meiner eigenen Versuche übergehe, halte ich es für nothwendig, die Chemie der Kryolith- und Spathgläser eingehender zu besprechen und daran eine vergleichende Betrachtung der Eigenschaften beider zu reihen.

Schon im J. 1869, also bald nach Einführung des Kryolithes in die Glasindustrie, wurden zwei einander gänzlich widersprechende Ansichten über das Verhalten des Kryolithes im geschmolzenen Glase von zwei verschiedenen Autoren ausgesprochen, Benrath2) gelangt auf Grund seiner Analysen und Versuche zur Annahme, daſs der Kryolith sich mit der Kieselsäure nach folgender Gleichung umsetzt:

Al2Fl66NaFl + 14SiO2 = 3SiFl4 + 3Na2O, Al2O3, 11SiO2

und schreibt die Trübung der Kryolithgläser der ausgeschiedenen Thonerde zu. Williams3) nimmt das Kieselfluornatrium als trübenden Bestandtheil an und erklärt den Vorgang etwa folgender Weise: Fluornatrium tritt mit dem aus Kieselsäure und Kryolith gebildeten Fluorsilicium zu Kieselfluornatrium zusammen; der Rest des Fluors entweicht als Fluorsilicium und die übrige Kieselsäure verbindet sich mit dem Zinkoxyde, dem gebildeten Natron und Aluminiumoxyde zu einem Gemische von Silicaten, das von der Zusammensetzung des Glases nicht wesentlich abweicht.

Auch P. Ebell (1877 225 77) machte die Kryolithfrage zum Gegenstande einiger Versuche. Er schmolz wie Benrath 1 Th. Kryolith mit 2 Th. Sand zusammen und untersuchte das geschmolzene Opalglas. Er fand darin – entgegen der Behauptung Benrath's 1,74 Proc. Fluor. Des Weiteren bewies er, daſs durch einen Ueberschuſs von Kieselsäure sämmtliches Fluor ausgetrieben werden kann und daſs das erschmolzene Glas nicht mehr trüb anläuft. Durch Zusammenschmelzen von 100 Th. Glasbrocken mit 10 Th. Kieselfluornatrium erhielt er ein farbloses Krystallglas.

Hagemann und Jörgson (1874 213 223) zeigten, daſs sowohl Gläser, die mit Fluſsspath, als solche, die mit Kryolith geschmolzen sind, Fluor enthalten.

Einige Jahre später befaſste sich Weinreb (1885 256 362) mit derselben Frage und erwies durch seine Versuche zur Evidenz, daſs Fluornatrium allein, sowie Thonerde allein, dem Glassatze allein beigemischt, keine Trübung im Glase hervorruft; daſs man aber durch Gemenge beider tadellose Milchgläser erzeugen könne.

Schlieſslich spricht noch H. Schwarz in seinen Glasstudien4) die |38| Ansicht aus – wohl ohne von Weinreb's Arbeit Kenntniſs zu haben – daſs die Trübung der Fluorgläser aller Wahrscheinlichkeit nach auf die Bildung von Kieselfluornatrium zurückzuführen sei.

Betrachten wir nun die Grundlagen, auf welche die einzelnen Autoren ihre Behauptungen stützen, etwas näher. Benrath fand in einem Glase der Hat-cast Porcelain Company: 67 Proc. SiO2, 11 Proc. Al2O3 und 20 Proc. Na2O. – Er schmolz Kryolith mit der doppelten Menge Kieselsäure zusammen und fand, daſs sämmtliches Fluor als Fluorsilicium entweicht. Eine geringe Menge Fluor dürfte dabei doch im Glase zurückgeblieben sein und sich seiner Beobachtung entzogen haben; denn reine Thonerde ruft keine Trübung im bleifreien Glase hervor, wie Ebell und Weinreb bewiesen haben, und der folgende von mir angestellte Versuch zeigen wird:

70dg Sand
25 Kaolin 10 Al2O3
11 SiO2
34 Soda

wurden im Siemens-Ofen geschmolzen. Es resultirte ein leicht schmelzbares Krystallglas ohne die leiseste Trübung; diese trat auch bei wiederholtem Nachwärmen des Glases nicht auf. Dem fertigen Glase kommt annähernd folgende Formel zu: . (Ich beziehe hier, wie in der Folge der besseren Uebersichtlichkeit halber, die Formeln der Gläser auf 6SiO2 und schreibe daher Bruchtheile von Molekülen; aufgelöst würde die Formel 2Al2O3.7Na2O.30SiO2 lauten.) Die beiden von Weinreb im Platintiegel geschmolzenen Gläser haben nahezu folgende Formeln: ½Al2O3, Na2O,6SiO2 und ⅔Al2O38/5Na2O, 6SiO2; ersteres war krätzig und ungar, letzteres wasserklar. Wie man sieht, läſst sich eine groſse Quantität Thonerde ohne Schaden einem selbst kalkfreien Glase einverleiben, nur muſs man dann den Alkaligehalt etwas über das normale Maſs steigern.

Williams fand als Durchschnitt von 5 Analysen folgende Zusammensetzung eines amerikanischen Kryolithglases:

SiO2 63,84
Al2O3 7,86
Fe2O3 1,50
MnO 1,12
ZnO 6,99
CaO 1,86
MgO 0,25
Fl 8,05.

Warum Williams gerade Kieselfluornatrium als trübenden Bestandtheil des Glases annimmt, einen Körper, der in der Glühhitze gar nicht beständig ist, ist nicht recht einzusehen. Kieselfluormetalle verlieren bei fortgesetztem Glühen alles Fluorsilicium (Berzelius) unter Zurückbleiben der Fluormetalle (vgl. auch Gmelin-Kraut, Handbuch der Chemie). Williams leitet auf Grund seiner Analysen folgende Formel für das |39| Kryolithglas ab: 2(R2O33SiO2 + 3[RO3SiO2]) + NaFlSiFl2. Zu bemerken ist, daſs Williams noch die alten Aequivalentformeln gebraucht. RO bedeutet ZnO, CaO, MgO, MnO und Na2O. Aus seinen Daten habe ich folgende Formel abgeleitet, unter der Annahme, daſs Fluoraluminium den trübenden Bestandtheil des Glases bildet:

Na2O, 9/10RO, 6 SiO2 + ½ Al2Fl6,

eine Formel, die mit der eines Glases wohl viel mehr Aehnlichkeit hat, als die von Williams. Berechnet man aus dem Aluminiumgehalt die angewendete Menge Kryolith, so kommt man zu folgendem Glassatz:

100 Th. Sand
46,7 Kryolith
10 Zinkweiſs.

Es haben sich dann 2,5 Th. Fluor als NaFl und 12,3 als SiFl4 verflüchtigt, also etwas mehr als die Hälfte des Gesammt-Fluorgehaltes. Das Zinkoxyd hat hier zur Silicatbildung beigetragen und dadurch das Fluoraluminium vor Zersetzung geschützt.

Auch aus den Daten, die C. Weinreb gibt, geht deutlich hervor, daſs zugesetzte Oxyde oder Carbonate einen Theil des Kryolithes vor Zersetzung schützen. Die Analyse eines von Weinreb untersuchten österreichischen Kryolithglases lautet, auf 100 SiO2 bezogen, folgendermaſsen:

SiO2 100
Al2O3 4,0
CaO 4,9
K2O 5,6
Na2O 12,1
Fl 4,8.

Aus dem Thonerdegehalte des Glases berechnet sich ein Zusatz von 16,4 Th. Kryolith, entsprechend 8,9 Th. Fluor. Gefunden wurden 4,8 Th. Fl, so daſs sich also fast die Hafte Fl verflüchtigt hat. Aus der Analyse habe ich folgende Formel abgeleitet:

⅚R2O, ⅓CaO, 6SiO2, 1/7Al2Fl6.

Auch hier hat die Kieselsäure nur zersetzend auf den Kryolith eingewirkt, um sich der zur Glasbildung nöthigen Menge Alkali zu bemächtigen. Durch Zusammenschmelzen von 100 Th. SiO2, 20 Th. NaFl, 8 Th. K2CO3, 7 Th. Na2CO3, 8 Th. CaCO3 und 6 Th. Al2(OH)6, eines dem berechneten Glassatze entsprechenden Gemenges erhielt Weinreb ein tadelloses Kryolithglas. Jedenfalls hat hier die Kieselsäure zur Glasbildung die Hälfte des angewendeten Fluornatriums zersetzt, während die andere Hälfte sich mit dem Aluminiumoxyde in Fluoraluminium und Natriumoxyd umgesetzt hat; unter dieser Voraussetzung entspricht das erschmolzene Milchglas folgender Zusammensetzung:

R2O, ⅓CaO, 6SiO2, 1/7Al2Fl6.

Als weiterer Beleg für die Beobachtung Weinreb's, daſs Fluornatrium allein ein Kalkglas nicht opak macht, kann ich einen von mir ausgeführten Versuch anführen: In einem Chamottetiegel von etwa 1k,5 Inhalt wurde folgender Satz im Siemens-Ofen geschmolzen:

|40|
Sand 65dg
Potasche 18
Soda 5
Kalk 13
NaFl 9.

Um das Fluornatrium vor der Einwirkung der Flammen zu schützen, wurde der Hafen mit einem passenden Deckel versehen. Bald nachdem der Tiegel in den Ofen eingesetzt war, zeigte sich eine heftige Reaction: Der Deckel beginnt zu tanzen, das Glas raucht und der Tiegel bekommt Längsrisse; es bedurfte der ganzen Aufmerksamkeit der Schmelzer, um den Tiegel vor einem verderblichen Seitensprunge in einen benachbarten Hafen zu bewahren. Nach dem Erkalten zeigte sich das erschmolzene Glas wasserhell und der Tiegel war heftig angegriffen.

Wenn ich nicht fürchten müſste, zu weitläufig zu werden, könnte ich noch einige Beispiele aus der Literatur, sowie eigene Versuche über Kryolithgläser anführen: ich würde damit aber nichts wesentlich Neues bringen, und so gehe ich denn zur Zusammenfassung obiger Betrachtungen über, aus denen sich folgende lehrreiche Sätze ableiten lassen:

1) Der trübende Bestandtheil des Kryolithglases ist nicht Kieselfluornatrium, wie vor nicht gar langer Zeit ein gewiſs genauer Kenner der Chemie des Glases behauptet hat, sondern wahrscheinlich Fluoraluminium.

2) Fluornatrium, sowie Kieselfluornatrium, einem guten Kalkglase zugesetzt, sind nicht im Stande, dasselbe zu trüben. Ersteres entsteht in der Glühhitze aus letzterem und beide verflüchtigen sich bei der Temperatur des Siemens-Ofens aus dem Glase.

3) Fluornatrium und Thonerde, gemeinsam dem Glassatze zugefügt, geben gute Opalgläser.

4) Fluorverbindungen der Metalle wirken auf freie Kieselsäure bei Weiſsglühhitze gerade so aufschlieſsend ein, wie die Fluſsſäure bei gewöhnlicher Temperatur. Dabei entsteht Fluorsilicium und das werthvolle Fluor entweicht. Ist die Kieselsäure gebunden, so schmelzen sie mit dem Silicate unverändert zusammen.

5) Die Zusammensetzung guter Kryolithgläser weicht nicht wesentlich von der anderer Gläser ab, nähert sich sehr der der Alabastergläser (z.B. R2O, ⅕CaO, 6SiO2) und läſst sich annähernd durch folgende Formel ausdrücken:

R2O,(⅓ bis 1) RO, 6SiO2 + (1/7 bis ½)Al2Fl6.

Jenen Glasfabrikanten, die den Kryolith beibehalten, ist daher anzurathen, eine dem Fluornatrium im Kryolith äquivalente Menge Kaolin, Thonerdehydrat oder Feldspath dem Glassatze zuzusetzen, sie werden dadurch viel Kryolith ersparen.

Im Widerspruche mit dem unter 2) Angeführten scheinen einige Versuche von O. Schott (Sprechsaal Bd. 85, S. 386) zu stehen. Schott schmolz folgende Gemenge:

|41|
I. II. III.
Soda 30 100
NaFl 100 85 160
SiO2 370 330 320
Minium 75 320

und erhielt dicht milchweiſse Gläser. Die Originalabhandlung war mir leider nicht zugänglich; wahrscheinlich wurde bei verhältniſsmäſsig niedriger Temperatur geschmolzen. Die Schmelze I weicht so vollständig von der Zusammensetzung eines Glases ab, daſs sich die Trübung leicht erklären läſst: Freie Kieselsäure schmilzt mit Fluornatrium noch unter dessen Schmelzpunkt unverändert zusammen (vgl. Gmelin-Kraut). Hier gesellt sich zu dieser Schmelze noch etwas Natriumsilicat. Wurde dagegen bei hoher Temperatur geschmolzen, so ist die Trübung der Aufnahme von Al2O3 aus dem Tiegel zuzuschreiben.

Die Undurchsichtigkeit der Gläser II und III ist wohl der Bildung von PbFl2 zuzuschreiben. Dafür sprechen auch zahlreiche Versuche von H. Schwarz (Glasstudien, Verhandlungen des Vereins zur Beförderung des Gewerbfleiſses). Bleihaltige Normalgläser wurden mit wechselnden Mengen von CaFl2 und KFl zusammengeschmolzen und dabei gut opake Gläser erhalten.

Spathglas. Die ersten Versuche zur Herstellung von opaken Gläsern aus Fluſsspath unter Zusatz von Thonerde haltigen Mineralien wie Feldspath, waren meist von Miſserfolgen begleitet. Schon im J. 1879 lieſs sich N. Kempner eine „Milchglascomposition aus Feldspath, Fluſsspath und Schwerspath“ patentiren. Ich glaube kaum, daſs der Autor der Patentschrift, der sich darin übrigens einige wissenschaftliche Blöſsen gegeben, mit seinem Patente bedeutende Erfolge erzielt hat. Es könnte sein, daſs der Schwerspath die unangenehmen Eigenschaften derartiger Gläser modificirt, Gemenge von Feldspath und Fluſsspath allein geben, dem Glassatze zugesetzt, stets ungleiche, schlierige Gläser, die den Hafen stark angreifen und für die Praxis unbrauchbar sind.

Ich rieth, dem Glassatze Kaolin zuzufügen. Das half; man erhielt gleichmäſsig opake Gläser, die den aus Kryolith geschmolzenen an Schönheit wenig nachstanden. Bald aber zeigte sich ein anderer Uebelstand. Während die Wand des Hafens ganz unversehrt blieb, war am Boden desselben eine groſse Menge halbkugelförmiger Vertiefungen in den verschiedensten Gröſsen von 1 bis 10cm Durchmesser bemerkbar, die mit durchsichtiger, glasartiger Materie erfüllt waren. Den Uebergang dieser kesselförmigen Gruben in die Chamottemasse des Hafens bildet eine harte, porzellanartige Rinde. Man konnte durch vergleichende Betrachtung förmlich das Wachsen dieser unwillkommenen Gäste beobachten; wo ein solches Grübchen auftritt, dort friſst die Masse weiter und zwar so lange, bis der Hafen leck ist, was oft nach ein bis zwei Tagen geschah. Nach dem Erkalten des Hafens konnte man durch Klopfen die auf diese Weise gebildeten Glaszapfen leicht von Chamotte |42| befreien. Die Analyse eines mir eingesandten Probestückes führte zu folgender procentischer Zusammensetzung:

SiO2 61,56 Proc.
Al2O3 19,58
FeO 0,80
Na2O 3,79
K2O 3,61
PbO 0,94
MgO 1,77
CaO 6,65
Fl 0,65
–––––––––––
99,45 Proc.

Die Anwesenheit von Bleioxyd ist darauf zurückzuführen, daſs dem Glassatze etwas Minium beigefügt wurde. Bei der Aufschlieſsung mit Fluſssäure blieb ein fein vertheilter, weiſser Rückstand, der erst bei wiederholter Behandlung mit Fluſssäure und Schwefelsäure in Lösung ging und gröſstentheils aus Al2O3 bestand. Erst nach dieser Operation konnte das Bleisulfat rein erhalten werden.

Wie man sieht, nähert sich die Zusammensetzung dieser Glastropfen sehr der eines Feldspathes, und unterscheidet sich davon hauptsächlich durch den Mehrgehalt an Kalk. – Die chemische Zusammensetzung, die halbkugelige Form, die eigenthümliche Erscheinung des Wachsens dieser Zapfen, ferner Beobachtungen während des Schmelzens lassen folgende Erklärung dieser merkwürdigen Erscheinung als die wahrscheinlichste erscheinen: Der Fluſsspath schmilzt noch lange bevor die zur Glasbildung erforderliche Temperatur erreicht ist, und flieſst entweder unverändert, oder nachdem er sich mit den Alkalien des Glassatzes theilweise zu jenem leichtflüssigen Gemenge von Fluoriden umgesetzt hat, die H. Schwarz5) beim Schmelzen eines Kryolithglases erhalten hat, in die halb gefrittete Masse des Glassatzes Kanäle bohrend nach abwärts bis auf den Boden der Hafen, durchdringt die Glasur derselben, schlieſst die Chamotte auf unter Abgabe des Fluors und bildet unter Aufnahme von Glas jene geschmolzenen Zapfen, deren Analyse oben mitgetheilt. Ist einmal ein Kanal gebildet, so wird anderer Fluſsspath leicht denselben Weg zum Boden finden und diesen gerade dort treffen, wo schon anderes Fluorcalcium zum Schmelzen der Chamotte Veranlassung gegeben hat; auf diese Weise erklärt sich leicht das Gröſserwerden der Vertiefungen.

Da auch andere Versuche, Spathglas herzustellen, an ähnlichen Uebelständen scheiterten, trachtete man, und dies mit gröſserem Erfolge, den Kryolith wenigstens theilweise durch andere Mineralien zu ersetzen. Einen Glassatz, der sich in der Praxis wohl bewährt hat, kann ich hier mittheilen:

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Sand 100 Th.
Potasche 7,1
Soda 12,2
Fluſsspath 7,4
Kryolith 7,4
Orthoklas 7,1
Kaolin 1,9

Statt der beiden letzten Gemengtheile könnte man auch 11 Th. Feldspath anwenden, müſste dann aber etwas weniger Sand und Potasche zusetzen.

H. Schwarz bringt in seinen ebenso werthvollen als interessanten Glasstudien auch die Analyse eines Spathglases, die ich hier wegen eines merkwürdigen Umstandes wiedergebe:

SiO2 67,8 Proc.
Fe2O3 0,28
ZnO 9,2
CaO 8,0
MgO 1,2
Na2O 9,0
K2O 0,2
Fl 3,54

Höchst auffallend ist das gänzliche Fehlen von Thonerde in diesem Glase; man kann hier die Trübung bloſs der Bildung von Fluorzink zuschreiben, das in der erstarrenden Glasmasse jedenfalls ebenso unlöslich ist, wie Fluoraluminium, phosphorsaurer Kalk, Zinnasche und eine Reihe anderer Körper.

Nicht uninteressant sind auch einige Angaben von Hock über sogen. „französischen Opal“ (1877 224 624); er fand durch Analyse dieses vorzüglich opaken Glases:

SiO2 63,7 Proc.
PbO 16,5
Fe 0,3
Al2O3 16,8
K2O 2,3

und erhält durch Zusammenschmelzen von 100 Th. Feldspath mit 22 Th. Minium ein gutes Opalglas. Also ein Opalglas ohne Fluor! Es scheint in Bleigläsern die Thonerde weit weniger löslich zu sein als in bleifreien, was vielleicht mit der niederen Temperatur, bei der erstere geschmolzen werden, in Zusammenhang steht.

Der groſse pecuniäre Gewinn, der mit dem Verdrängen des Kryolithes aus der Glasindustrie verbunden ist, hat es dahin gebracht, daſs gegenwärtig einige Fabriken den oben erläuterten Uebelstand der Spathgläser – das Durchbohren der Hafenböden – durch passende Modificationen im Schmelzprozesse überwunden haben und Spathgläser ganz ohne Zusatz von Kryolith schmelzen. Ein derartiges Glas, das jetzt mit groſsem Vortheile geschmolzen wird, führt zu der Formel ¾K2O, 6/7CaO, ⅓ZnO6SiO2, ⅕Al2Fl6; den Glassatz dazu kann ich leider, da er Fabriksgeheimniſs bildet, hier nicht mittheilen.

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Dagegen will ich einige Eigenschaften dieses Glases anführen, die beweisen werden, daſs selbst das beste Spathglas noch mancherlei zu wünschen übrig läſst: Das Glas ist häufig ungleich durchgeschmolzen, etwas schlierig, zeigt an der Oberfläche fettige Stellen, die von nicht vollständig gelöstem Fluorcalcium herrühren, und gibt mitunter viel Ausschuſswaare. Auſserdem sind die fertigen Waaren nie so satt weiſs wie Kryolithgläser; den Grund davon läſst ein Blick auf die mitgetheilte Formel sofort erkennen: Durch das Fluorcalcium kommt viel Kalk in das Glas, und dieser wirkt, wie unsere Erfahrungen bei Alabaster- und Knochengläsern lehren, stark lösend auf jedes Trübungsmittel. – Dunkle Farben als Ueberfang schimmern durch das Glas, ebenso grelle Flammen.

Diese und andere Nachtheile sind der Grund, daſs der Kryolith noch immer in gröſserem Maſsstabe in Glasfabriken verarbeitet wird. Möge es mir gestattet sein, an dieser Stelle die Ansicht eines bedeutenden russischen Glasfabrikanten anzuführen: Ich halte das Kryolithglas immer noch für das billigste, sagte dieser; will man den Kryolith durch Späth ersetzen, so gibt es so viel Ausschuſs, daſs der Mehraufwand an Glas und Arbeitslohn durch den Gewinn an Kryolith nicht gedeckt wird.

Aus dem Mitgetheilten geht zur Genüge hervor, daſs ein kalkfreies Fluorid, falls es zu billigen Preisen in den Handel gebracht werden kann, immer noch einen wünschenswerthen Stellvertreter des Kryolithes bilden würde. Vielleicht ist das Fluornatrium, gemengt mit Thonerde, Zinkoxyd oder Minium, dazu berufen, in Zukunft den Kryolith zu ersetzen.

(Schluſs folgt.)

|36|

Zur Kenntniſs des Kryolithglases, 1885 256 361.

|37|

1869 192 240.

|37|

1869 192 412.

|37|

Verhandlungen des Vereins zur Beförderung des Gewerbfleiſses 1887; vgl. auch 1888 267 223 u. ff.

|42|

Glasstudien, Verhandlungen des Vereins zur Beförderung des Gewerbefleißes, 1887.

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