Titel: Nähmaschine mit gegen einander arbeitenden schwingenden Nadeln.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1889, Band 271 (S. 433–438)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj271/ar271092

Nähmaschine mit zwei gegen einander arbeitenden schwingenden Nadeln; von Cecil Noble und Hubert Haes (of Newman Mews) und Georg Lenton Roff in London.

Mit Abbildungen auf Tafel 22.

Die durch D. R. P. Kl. 52 Nr. 43095 vom 14. Mai 1887 geschützte Maschine ist mit zwei zu beiden Seiten der Arbeitsplatte angeordneten schrägstehenden Oehrnadeln ausgestattet, durch welche sowohl die Stichbildung als auch die Transportirung des Stoffes erfolgt. Die Nadeln führen zu diesem Zwecke eine Bewegung in Richtung ihrer Achsen und auſserdem eine Schwingbewegung in der durch sie bestimmten Ebene aus.

Die um Bolzen D behufs Einfädelns der Nadeln zur Seite drehbare Stichplatte C wird mit Hilfe der Schraubzwingen AB an einem Tische befestigt. Der nach unten zeigende gegabelte Arm H dieser Zwinge nimmt die drehbar gelagerte Führungshülse J der unteren Nadelstange L auf, während der nach oben durch einen seitlichen Ausschnitt der Nähplatte C tretende gleichfalls gegabelte Arm G die in dieser Gabelung drehbar gelagerte Führungshülse I der oberen Nadelstange K trägt (Fig. 1 Taf. 22). Die beim Spiel der Nadeln erforderliche genaue Lage der Stichplatte C kann beispielsweise durch eine Blattfeder dadurch gesichert werden, daſs diese Feder in eine Aussparung der Stichplatte eingreift, sobald letztere in ihre Schluſsstellung gedreht ist. Die in den drehbaren Hülsen J und I gleitenden Nadelstangen L und K sind durch Querstücke NM gelenkig mit einem Gleitstücke, das im vorliegenden Falle als Stange O ausgebildet ist, verbunden. Die Stange O wird ihrerseits in drehbaren Köpfen PQ des Hebels R geführt, welcher um den am Maschinengestelle befestigten Zapfen h schwingt, und erhält von der Kurbelscheibe V, die für eventuellen Riemenbetrieb mit einer Rille zur Aufnahme einer Treibschnur versehen ist, unter Vermittlung einer in T mit dem unteren Querstücke N gelenkig verbundenen Schubstange U eine auf und nieder gehende Bewegung. Neben dieser auf und abwärts gehenden Bewegung der Stange wird dem Hebel R eine um den Drehpunkt h schwingende Bewegung durch ein Excenter W ertheilt. Dieses Excenter W ist auf der Achse V1 der mit Kurbel X Ersehenen Kurbelscheibe V befestigt, welche in dem Ansätze Y des Maschinengestelles gelagert ist. Der Excenterbügel b trägt einen Ansatz, dessen Drehzapfen d durch das Gelenkstück e mit dem Zapfen g des Hebels R verbunden ist. Durch Drehung der Kurbelscheibe V wird also auch das Excenter W in Drehung versetzt und diese Bewegung durch den Excenterring b und das Gelenkstück e auf den Hebel R überfragen (Fig. 1, Taf. 22).

Die schwingende Bewegung des Hebels R ertheilt der Stange O |434| und damit den Nadeln eine gewisse Bewegung in der Richtung der Naht derart, daſs hierdurch die Verschiebung des Stoffes und damit die Stichlänge bestimmt wird. Um diese Bewegung regeln zu können, ist das Gelenkstück e mit einem Schlitze f versehen, so daſs mit Hilfe der Schraube g eine Einstellung erfolgen kann. Wird nun die Kurbelscheibe V gedreht, so wird die Stange O in den Köpfen PQ auf und ab geschoben und hierbei den Nadeln eine derart auf und ab gehende und gleichzeitig schwingende Bewegung ertheilt, daſs diese sich in dem Stoffe kreuzen und dabei die Stiche bilden und den Stoff verschieben.

Das Spiel der beiden Nadeln LK und die Bewegung der arbeitenden Theile sind aus den Fig. 2 und 3 Taf. 22 in vier auf einander folgenden Arbeitsperioden dargestellt.

Fig. 2 zeigt zwei auf einander folgende Arbeitsperioden I und II und zwar stellen die ausgezogenen Linien die Stellung der arbeitenden Theile in der ersten Periode bei senkrecht hoch gerichteter Kurbel dar, während die strichpunktirten Linien die Stellung der arbeitenden Theile ihren Mittellinien nach in der zweiten Arbeitsperiode bei der um 90° nach rechts verdrehten Kurbel angeben. In Fig. 3 Taf. 22 zeigen die ausgezogenen Linien die Lage der arbeitenden Theile in der dritten Position bei senkrecht nach unten gerichteter Kurbel, und die strichpunktirten Linien die Lage dieser Theile bei einer um 90° weiter nach rechts gedrehten Kurbel, also Stellung vier. Bei dieser schematischen Darstellung ist gleichzeitig eine Abänderung in der Uebertragung der Excenterbewegung auf den Hebel R angegeben. Diese Excenterbewegung wird nicht direkt, sondern unter Vermittelung des am Gestelle drehbar angeordneten Hebels y übertragen, welcher durch eine Gelenkstange z mit dem Hebel R verbunden ist. Der Angriff der Stange z am Hebel y erfolgt in einem Gleitstücke, welches durch eine Schraube höher oder tiefer gestellt werden kann, so daſs dementsprechend auch die Schwingungen des Hebels R gröſser oder kleiner werden. Diese Uebertragung der Excenterbewegung auf den Hebel R hat der in Fig. 1 Taf. 22 dargestellten gegenüber den Vortheil, daſs der Ausschlag des Hebels R und damit auch die Stichlänge während der Arbeit leicht verändert werden kann.

Die Stichbildung und der Arbeitsgang vollziehen sich nun in folgender Weise.

Die Kurbel der Scheibe V ist senkrecht nach oben gerichtet (Stellung I, Fig. 2 Taf. 22), demnach nimmt die Schubstange U ihre höchste Stellung und somit auch die Gleitstange O ihre höchste Lage ein. Das Excenter W ist ungefähr um 180° zur Kurbel versetzt, so daſs der Hebel R seine mittlere Lage einnimmt. Die untere Nadel ist durch den Stoff gedrungen, hat ihre höchste und auch die am weitesten nach rechts gerichtete Stellung angenommen, der Faden α ist von der Rolle z1 (Fig. 1 Taf. 22) abgezogen und gespannt. Die obere Nadel hat ihre |435| höchste und gleichzeitig die am weitesten nach links gerichtete Stellung eingenommen. Der von der Rolle z (Fig. 1) kommende Faden ist nicht gespannt.

Wird nun die Kurbel um 90° nach rechts gedreht (Position II, Fig. 2 Taf. 22 strichpunktirte Stellung), so wird die Gleitstange O durch die Schubstange U nach unten geschoben, der Excenterring b hat seine äuſserste nach links gerichtete Lage eingenommen, der Hebel y und das obere Ende des Hebels R sind demnach nach links gedreht, so daſs die Gleitstange O eine Doppelbewegung, und zwar eine abwärts gerichtete und eine nach links gedrehte ausgeführt hat. In Folge des Niederganges der Gleitstange O würde nun Nadelstange L auch nach unten gezogen sein, wenn nicht gleichzeitig der Vorschub des unteren Gleitstangenendes gemäſs der Drehbewegung des Hebels R diese Bewegung nahezu aufgehoben hätte. Die Nadel L führt somit, durch ihre Führung in dem Lager H gezwungen, bei einer geringen Abwärtsbewegung eine nach links gerichtete Schwingung aus. In Folge des geringen Niederganges der Nadel bei der geschilderten Doppelbewegung bleibt die Nadel L in dem Stoffe (Fig. 5 Taf. 22), der Unterfaden a aber folgt, da er durch Reibung im Stoffe festgehalten wird, der geringen Nadelsenkung nicht, sondern bildet oberhalb des Stoffes eine Schleife, in welche die obere Nadel K eindringt. Diese Nadel ist durch die Abwärtsbewegung der Gleitstange O gesenkt und gleichzeitig um ein Geringes nach rechts gedreht worden, so daſs sie mit Sicherheit in die Schlinge des Unterfadens eintreten kann. Diese Stellung beider Nadeln und die Lage der Fäden ist aus Fig. 5 klar ersichtlich.

Wie aus Fig. 2 Taf. 22 hervorgeht, hat die Nadel L bei der Bewegung aus Stellung I nach Stellung II den Stoff auch vorgeschoben.

Bei weiterer Drehung der Kurbel um 90°, also bei senkrecht nach abwärts gerichteter Stellung (Fig. 3 Taf. 22, ausgezogene Linien) gelangen die Hebel y und R wieder in die senkrechte Lage, so daſs eine Rückwärtsdrehung der Gleitstange O in die normale Stellung stattgefunden hat. Die Schubstange U hat jedoch ihre tiefste Stellung eingenommen, so daſs auch die tiefste untere Nadelstellung erreicht und die Nadel L aus dem Stoffe herausgezogen ist. Die obere Nadel K ist gleichfalls gesenkt und durch den Stoff hindurchgegangen, so daſs Nunmehr die Schlinge über dem Oehre der oberen Nadel um letztere herumgeschlungen auf dem Stoffe liegt. Die Schlinge des Unterfadens ist bei der Abwärtsbewegung der unteren Nadel angezogen (Fig. 6 Taf. 22, Stellung III).

Wird nun die Kurbel weiter nach rechts gedreht, so bewegen die Hebel y und R sich wieder nach rechts, während die Gleitstange O in Folge der Aufwärtsbewegung der Schubstange V hochgeschoben ist (Fig. 3 Taf. 22, strichpunktirt). Die Gleitstange O hat also auch hier wieder, wie in Stellung II, eine Doppelbewegung ausgeführt, welche |436| jedoch in Folge der Führung der oberen Nadel K in dem Lager M für diese Nadel nur in eine schwache steigende und gleichzeitig nach links schwingende umgewandelt ist. Der Oberfaden β, wieder durch den Stoff zurückgehalten, bildet eine Schleife, durch welche die gleichzeitig hochgehobene untere Nadel gedrungen ist. Der Hub der unteren Nadel L ist ein so groſser, daſs letztere den Stoff durchdringt und da durch die nach links gerichtete Schwingung der im Stoffe verbliebenen oberen Nadel K dieser auch nach links verschoben ist, so dringt die untere Nadel in einer gewissen Entfernung von der oberen Nadel durch den Stoff. Die Lage der beiden Fäden zu den Nadeln ist in Stellung IV dargestellt.

Wird nun die Kurbel wieder in ihre Anfangsstellung (Fig. 2 Taf. 22, ausgezogene Stellung, Stellung I) zurückgedreht, so nehmen die arbeitenden Theile die bei Stellung I erläuterten Lagen ein.

Die untere Nadel L ist weit durch den Stoff hindurchgetreten und die Fadenschlinge des Oberfadens β liegt auf der unteren Nadel, die obere Nadel K hat wieder ihre höchste Stellung eingenommen, die Schlinge des Unterfadens ist von der oberen Nadel abgeglitten, liegt oberhalb des Stoffes um den Oberfaden α (Fig. 8 Taf. 22) und ein Stich ist fertig gebildet, Stellung la. Bei Weiterdrehung der Kurbel in Stellung II führt die untere Nadel K wieder eine geringe Abwärtsbewegung zur Bildung der Unterfadenschlinge (Fig. 9 Taf. 22) aus, während gleichzeitig durch ihre Schwingung nach links der Stoff weiter geschoben wird, so daſs die obere Nadel K, welche sich abwärts bewegt hatte und in die Unterfadenschlinge eingetreten war, Stellung IIa, bei fortgesetzter Kurbeldrehung um eine Stichlänge entfernt durch die Unterfadenschlinge und den Stoff hindurchdringt. Die untere Nadel L ist während dieses Vorganges aus dem Stoffe herausgetreten, die Schlinge des Oberfadens β ist von der Unternadel abgeglitten und liegt um den Unterfaden, so daſs hierdurch der zweite Stich gebildet ist (Fig. 10 Taf. 22, Stellung IIIa), der aber nicht wie der erste Stich auf dem Stoffe, sondern unterhalb des Stoffes liegt.

Fig. 3 Taf. 22 zeigt die Kurbel in der Stellung 71, bei welcher die Bildung des dritten Stiches, VIa, beginnt (Fig. 11 Taf. 22).

Wie aus der Schilderung der Stichbildung hervorgeht, wird der Stoff durch das Schwingen der beiden Nadeln während einer vollen Kurbeldrehung, bei welcher zwei Stiche gebildet werden, zweimal weiter geschoben. Die Gröſse der Schwingungen der Nadeln bedingt demnach die Stichgröſse und da die Schwingungen der Nadeln wieder von der Gröſse der Excentricität, welche den Hebel R beeinfluſst, abhängig ist, so genügt eine Veränderung dieser Excentricität (Fig. 1 Taf. 22) oder bei constanter Excentricität die Veränderung der Hebelübersetzung (Fig. 2 Taf. 22), um die Stichlänge zu verändern.

Die Führung der Nadelstangen KL geschieht, wie vorhin beschrieben, |437| in beweglichen Hülsen JI. An Stelle dieser Construction könnten die Arme G und H aber auch, wie in Fig. 2 und 3 angenommen, conische Schlitze erhalten, welche mit den Spitzen einander zugekehrt sind und demnach den Nadelstangen seitliche Schwingungen auszuführen gestatten. Ebenso wie die Excentricität des Excenters W kann auch der Angriffspunkt der Schubstange U veränderlich gemacht werden, obschon dies nicht unbedingt nöthig ist. Nach Fig. 1 Taf. 22 ist der Angriffspunkt a der Schubstange U an einem in der Kurbelscheibe V verschiebbaren Schlitten i angeordnet, so daſs durch Verstellung des Kurbelarmes der Hub der Gleitstange O und damit die Schwingung und Bewegung der Nadeln verändert wird. Dieser Schlitten gleitet in einer schwalbenschwanzförmigen Ausfräsung der Kurbelscheibe V und trägt einen Schlitz k, in welchen ein Ansatz j der Scheibe eingreift. Die durch den Schlitz h hindurchgehende und im Schlitten i drehbar befestigte Schraube l hat ihr Muttergewinde in dem Ansätze j der Kurbelscheibe V, so daſs durch Drehung dieser Schraube die Entfernung des Angriffspunktes a der Schubstange U an der Kurbelscheibe V verändert wird.

Der Stoff wird durch den Stoffdrücker m (Fig. 1 Taf. 22) angedrückt. Dieser Stoffdrücker ist an der Drückerstange q befestigt, welche durch die am Maschinengestelle befestigte Hülse n hindurchgeht. Der in die Stoffdrückerstange q eingelassene Stift p ruht in einem Schlitze o der Hülse n, während eine zwischen Stoffdrückerstange und Hülse eingelegte Spiralfeder den Stoffdrücker nach unten drückt. Soll der Stoffdrücker auſser Wirksamkeit gesetzt werden, so wird derselbe an seiner Kopfscheibe in die Höhe gezogen und so weit gedreht, daſs der aus dem Schlitze o herausstehende Stift p auf die Stoffdrückerhülse n zu liegen kommt.

Um die obere Nadel nach Belieben aus dem Stoffe zurückziehen zu können, ist die Nadelstange K mit folgendem Mechanismus verbunden. Die obere Nadelstange K befindet sich in einer mit der Gleitstange O verbundenen Hülse r und ist mit einer Einfräsung versehen, in welche eine durch Feder beeinfluſste Klinke eingreift. Wird die Nadelstange K, welche durch die Feder t nach auſsen gezogen wird, niedergedrückt, so springt die bekannte Klinke in die Ausfräsung der Nadelstange ein und letztere folgt demgemäſs der Bewegung der Gleitstange O. Soll hingegen Stange K der Bewegung der Gleitstange nicht folgen und aus dem Stoffe enfernt werden, so wird die Klinke durch einen Druck auf den Ausrückerknopf x aus der Ausfräsung in der Nadelstange ausgehoben, die Feder t kommt zur Wirkung und Nadelstange wird nach oben aus der Hülse r herausgezogen. Ein einfacher Druck auf den Kopf der Nadelstange genügt, um dieselbe wieder mit der Gleitstange O zu verbinden. Die Spulen ZZ1 für die obere und untere Nadel sitzen auf Achsen, welche an der Gleitstange O seitlich |438| befestigt sind, und werden in ihrer durch das Abziehen des Fadens veranlaſsten Drehung durch Druckfedern Z2, deren Wirkung durch Stellschrauben Z3 in bekannter Weise beeinfluſst wird, geregelt. Diese hierdurch bewirkten Spannungen der Fäden genügen vollständig zur Herstellung einer festen und gleichmäſsigen Naht, da es bei der Maschine nicht erforderlich ist, den Faden bei der Stichbildung zeitweilig schlaff und dann wieder angespannt zu halten, sondern die ganze Arbeit in unter sich stets gleichbleibenden Fadenspannungen ausgeführt werden kann.

H. G.

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