Titel: Neuerungen auf dem Gebiete der Brau-Industrie.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1889, Band 272 (S. 25–29)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj272/ar272007

Ueber technische Neuerungen auf dem Gebiete der Brauerei-Industrie (zugleich Bericht über die Fachausstellung für Brauwesen in Stuttgart); von Professor Alois Schwarz in Mährisch-Ostrau.

(Fortsetzung des Berichtes Bd. 271 S. 538.)

Die Gruppe der Sudhauseinrichtungen war in der Ausstellung verhältniſsmäſsig am schwächsten vertreten, was bei der Gröſse dieser Objekte erklärlich erscheint. Von Neuerungen auf diesem Gebiete wären zunächst bloſs die Dampfbraupfannen hervorzuheben, von welchen A. Ziemann in Stuttgart zwei – jedoch auſser Betrieb – ausgestellt hatte, während die Maschinenfabrik G. Kuhn in Stuttgart-Berg ein completes Sudhaus für Dampfkochung in vollem Betriebe vorführte.

Die Dampfkochung ist in ihrer Anwendung für die Bierbrauerei nicht neu, doch bietet das System der genannten Maschinenfabrik mancherlei Interesse. Schon vor Jahrzehnten wurde der Versuch gemacht, die erwärmende Kraft des Dampfes zum Bierbrauen nutzbar zu machen, und zwar wurde der direkte Dampf unmittelbar in die betreffenden Gefäſse geleitet. Sowohl der Menge, als der Beschaffenheit des während des Erwärmens sich bildenden Condensationswassers wegen konnte dieses System jedoch nicht weiter verfolgt werden. Die Kesseldämpfe dürfen nie mit Maische und Würze in Berührung kommen. Man benutzte deshalb indirekten Dampf, d.h. man versah die Wärm- und Kochgefäſse mit doppelten Böden und lieſs zwischen diese die gespannten Kesseldämpfe strömen, oder man leitete den Dampf in ein Röhrensystem innerhalb des Gefäſses und erwärmte auf diese Weise die Flüssigkeit. Die Ergebnisse verschiedener Versuche betreffs Einführung der Dampfbrauerei lieſsen aber immer zu wünschen übrig, bis auf der Wiener Ausstellung 1873 Jacobsen aus Kopenhagen auftrat und das System seiner Dampfbrauerei den versammelten Collegen in Wort und Bild vorführte. Das nach dessen Verfahren erzeugte Bier entsprach nach Geschmack, Vollmundigkeit, Farbe, Gährung und Haltbarkeit allen Anforderungen.

Jacobsen sendet seine Biere nach Indien, China, Südamerika, was gewiſs das beste Zeugniſs für deren Haltbarkeit ist.

Ein Hauptgrund, weshalb das neue Verfahren nicht mehr Eingang sich verschaffte, lag vielfach in der irrigen Ansicht, die Temperatur des Dampfes sei nicht hoch genug, um beim Hopfenkessel die gleichen Ergebnisse zu erzielen wie mit offenem Feuer, während umgekehrt in Folge der zu hohen Temperatur des Dampfes der ganze Sudprozeſs miſsglücken muſste.

G. Kuhn in Stuttgart-Berg hat diese Methode der Dampfkochung |26| derart vervollkommnet, daſs die erwähnten Uebelstände hierbei vollständig beseitigt erscheinen.

Das Kuhn'sche System der Dampfkochung besteht aus drei Gefäſsen:

1) Einem Maischkessel mit Cylinder, Mantel, Kugeldeckel mit Mannloch., Sicherheitsventilen, Luftventil, Manometer, Vormaischapparat, Einströmung für kaltes und warmes Wasser, doppeltem Kugelboden mit Maischventil, Dampfeinströmung, Sicherheitsventil mit Manometer, Condensationswasserableiter und einem mit dem Inneren in Verbindung stehenden Thermometer. Eine Maischmaschine mit Doppelbewegung bewerkstelligt die richtige Temperaturausgleichung.

2) Einem Maisch- und Läuterbottich mit Senkböden, combinirter Maisch-Treberaufhack- und -Treberausschlagmaschine neuester, bewährtester Construction, Läuterbatterie mit Grand- und Vorschuſswürzpumpe, Treberausschlagventil und Vorrichtung zum Anschwänzen von oben und durch den Senkboden.

3) Einem Bierkessel von ganz gleicher Construction wie der Maischkessel mit Rührwerk. Der Vormaischapparat fällt hier weg, dagegen ist am Mantel noch ein Würzestandglas angebracht.

Sämmtliche Gefäſse sind aus Eisenblech hergestellt, Mäntel und Böden sind verkleidet.

Der Sudprozeſs verläuft folgendermaſsen: Mittels Vormaischapparat wird das feingriesig geschrotene Malz mit 40° C. unter lebhaftem Gang der Maschine eingemaischt. Nun wird der Dampf in die Enveloppe des Maischkessels gelassen und die Temperatur in etwa 45 Minuten auf 60° C. erhöht. Diese Temperatur wird nun über die Dauer der Verzuckerung beibehalten, während der Maische eine ganz langsame Bewegung gegeben wird. Die Diastase übt ihre umbildende Kraft ungestört aus. Die Ueberführung des Stärkmehls in Maltose und Dextrin ist nach 45 Minuten vollkommen erfolgt.

Nach vollzogener Extraction wird nun ein Theil der Maische in den Bottich gepumpt und das Zurückgebliebene zum Kochen gebracht. Das Sieden dieser Dickmaische hat eine feine Vertheilung des noch unveränderten Stärkmehls in Form von Kleister in der Würze, eine Erhöhung des Gehalts an peptonisirten Eiweiſsstoffen und eine Ausscheidung von Eiweiſssubstanzen zur Folge. Auch bedingt die kürzere oder längere Dauer dieses Maischkochens die Vollmundigkeit und Farbe des Bieres. Das Sieden der Maische geht sehr lebhaft unter 1/10at Druck vor sich und dauert 30 bis 45 Minuten. Auch ist das Rührwerk im Kessel fortwährend im Gang. Unter starkem Aufmaischen wird nun die gekochte Maische zu der im Bottich befindlichen gepumpt, worauf die Gesammttemperatur auf 75° C. steigt, bei welcher auch abgemaischt wird. Es erfolgt ganz kurze Ruhe. Nun läſst man langsam vorschieſsen und bringt diese Vorschuſswürze mittels einer eigenen Pampe so lange in den Bottich zurück, bis sie hell abläuft.

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Nach dem ersten Ablaufen wird noch 2mal je ½ Stunde angeschwänzt, aufgehackt und aufgemaischt. Auch die Nachwürzen laufen blank ab.

Bei einfachen Sud werken läuft die Würze in den gemeinschaftlichen Bier- und Maischkessel, bei Doppelsudwerken in den eigentlichen Bierkessel. Auf diese Weise kann alle 5 Stunden frisch eingemaischt werden.

Von sonstigen Sudhauseinrichtungen hatte die Firma F. A. Hartmann und Camp, in Offenbach a. M. auf einem eisernen Gerüste einen stattlichen Läuterbottich ausgestellt. In demselben war eine combinirte Aufhack- und selbsthätige Trebermaschine angeordnet, die zum Patent angemeldet ist. Die Aufhackmaschine ist zum Heben und Senken eingerichtet und gehört unstreitig zum Vollkommensten, was bis jetzt zur Ausführung gelangt ist. Dieselbe bewirkt vollständige Auflockerung der Treber und ermöglicht so die beste Extrahirung. Eine Reihe von neben einander angeordneten Schaufeln durchschneiden die Treber in wagerechter und senkrechter Richtung. Durch eine einfache Vorrichtung können sämmtliche Schaufeln mittels eines Handrades gehoben und gesenkt werden. Nach beendetem Läuterprozeſs wird der im Boden angebrachte Treberverschluſs geöffnet und sämmtliche Schaufeln mittels einer gemeinschaftlichen Spindel in eine schräge Stellung gebracht. Sobald die Maschine nun in Bewegung gesetzt wird, werden die Treber von der Mitte aus nach dem Umfange des Bottichs geschoben, wo sie durch das Treberloch ausgeworfen werden, ohne daſs ein Mann den Bottich betreten muſs. Der Antrieb der Aufhackmaschine erfolgt von unten und ist geräuschlos. Der Treberverschluſs ist durchaus sicher und kann von beliebiger Stelle gehandhabt werden. Der Bottich ist mit zweitheiligem Deckel versehen und durch eine einfache Vorrichtung, die an dem Bottich selbst montirt ist, ausbalancirt, so daſs er jederzeit leicht geöffnet und geschlossen werden kann. Bei der dazugehörigen Läuterbatterie sind hauptsächlich die sehr sinnreich construirten Läuterhähne zu erwähnen, die es ermöglichen, die erst trüb laufende Würze nach dem hinteren Theil der Läutermulde abzuleiten, während die hell laufende nach dem vorderen Theil abgeführt wird. Ferner gestatten diese Hähne bei geeigneter Drehung der Hahnküken Zuführung von kaltem und heiſsem Wasser oder von Dampf, so daſs eine gründliche Reinigung der Läuterrohre erfolgen kann.

Besonderes Interesse beanspruchen in jüngster Zeit auch die Apparate, welche zum Conserviren der Treber zur Anwendung gelangen und von welchen zwei Systeme in der Ausstellung vertreten waren. Der Trebertrockenapparat, Patent Hencke, gebaut und ausgestellt von der Maschinenfabrik Venuleth und Ellenberger in Darmstadt, arbeitete während der ganzen Ausstellungszeit. Der Trockenapparat besteht nach seiner neuesten Construction der Hauptsache nach aus 2 hohlen, mit Dampf geheizten |28| Walzen, über welchen ein trichterförmiger Kasten sitzt., welcher die zu trocknenden Treber aufnimmt. Beim Rotiren der heiſsen Walzen bedecken sich dieselben mit einer dünnen Schichte von Trebern, welch letztere auf den Walzen selbst trocknen und durch Abstreichen von den Walzen entfernt werden, wobei die Treber in eine tiefer liegende Mulde fallen. Diese Mulde ist doppelwandig, mit einem Rührwerk versehen, und bildet den zweiten Haupttheil des Apparates. Die Heizung der Mulde geschieht durch abgehenden Maschinendampf. Die getrockneten Treber sind von tadelloser Beschaffenheit und enthalten, wie dies nach diesem Systeme nicht anders möglich, alle Nährstoffe der nassen Treber. Der Trockenapparat arbeitet sehr ruhig und sicher.

Ein älterer, bereits vielfach eingeführter Trebertrockenapparat, Patent Hecking, war von Hattingen und Weerth in München in der Ausstellung in schönen Wandtafeln dargestellt und war auch während der Dauer der Ausstellung in der Brauerei „Englischer Garten“ in Stuttgart in vollem Betriebe und allen Interessenten zugänglich.

Der Biertrebertrockenapparat, Patent Heching, beruht hauptsächlich in der Anwendung von Abdampf oder von Dampf ohne Spannung., und zwar erfolgt dies hauptsächlich aus dem Grunde, weil die Treber keinem hohen Hitzegrad ausgesetzt werden dürfen, um ihre Zusammensetzung unverändert zu behalten und weil der Abdampf oder ungespannte Dampf stets eine gleiche Temperatur von 100° C. besitzt. Zudem ist Abdampf in Brauereien stets in genügender Menge vorhanden. Bei Anwendung von Dampf ohne Spannung ist eine Abdichtung der Flanschen etc. überflüssig und daher auch der Betrieb einfacher, überdies; auch der Wärmeverlust ein geringer; andererseits bedingt die Anwendung von ungespanntem Dampf eine sehr groſse und derartig angeordnete Trockenfläche, daſs die Wärmeabgabe an das zu trocknende Material in einer vortheilhaften Weise erfolgen muſs, wenn die Wirkung genügen soll.

Der Hecking'sche Apparat, welcher diese Aufgabe in befriedigendster Weise gelöst hat, besteht in der Hauptsache aus einer doppelwandigen Mulde, welche oben mit einem Deckel verschlossen ist, der behufs Verhinderung von Wärmeverlusten isolirt ist, jedoch nach Bedarf geöffnet werden kann, so daſs der Apparat in allen Theilen jederzeit zugänglich ist. In dem auf diese Weise gebildeten Cylinder rotirt eine Trommel von prismatischem Querschnitt, welche eine groſse Anzahl von Schaufeln zum Wenden des Trockengutes trägt. Der Dampfraum der Mulde ist in der Längsrichtung derartig in vier Abtheilungen zerlegt, daſs der an der einen Seite eintretende Dampf gezwungen ist, den vierfachen Weg der Längsachse zu durchstreichen. Sodann tritt er in die innere Trommel ein und durchzieht auch diese in deren ganzen Länge. Auf diese Weise wird eine auſserordentlich groſse Heizfläche gewonnen, welche trotz der verhältniſsmäſsig geringen Temperatur genügt, eine erhebliche Menge von Trebern zu trocknen. Die Circulation des Dampfes |29| ist eine so vollkommene, daſs an jeder Stelle des Apparates die gleiche Temperatur herrscht. Die Schaufeln der rotirenden Trommel werfen das Trockengut in beständiger Folge auf die Flächen der Trommel, und zwar kommt jedesmal eine neue Fläche zur Wirkung, so daſs die anderen Flächen in der Zwischenzeit die vom feuchten Material denselben entzogene Wärme wieder erlangen können. Die äuſsere Seite der Mulde wird zur Vorwärmung des Luftstromes ausgenützt, welcher dem inneren Trockenraum, entgegengesetzt der Vorwärtsbewegung des Trockenmaterials, durchzieht, um die entweichende Feuchtigkeit aufzunehmen, wodurch die Nutzbarmachung der Wärme in hohem Grade bewerkstelligt wird.

Die Zuführung der nassen Treber geschieht durch einen Füllapparat, welcher so groſs gehalten ist, daſs er mehrere Centner Treber aufnehmen kann. Zur Lockerung des Inhaltes dient ein Rührwerk; unter dem Fülltrichter bewegt sich ein Schieber, welcher stets das gleiche Quantum Treber aufnimmt und dem Apparat zuführt. Hierdurch wird der Betrieb erleichtert, da eine beständige Beaufsichtigung des Apparates überflüssig ist, nachdem es genügt, wenn der Trichter von Zeit zu Zeit gefüllt wird; im übrigen arbeitet der Apparat selbsthätig und continuirlich. Ein Mann genügt zur Bedienung von vier Apparaten, da er nichts weiter zu thun hat, als jede Viertelstunde den Füllkasten mit nassen Trebern zu füllen. Bei gröſseren, aus mehreren Anlagen bestehenden Apparaten erfolgt die Zu- und Abführung des Materials durch eigene Transport Vorrichtungen, welche die Bedienung auf das äuſserste Maſs beschränken.

Zur Anlage eines Apparates ist nur ein kleiner Raum und kein besonderes Gebäude erforderlich; ein Platz von 8m Länge, 2m Breite und 2m Höhe genügt vollständig: als Betriebskraft reicht eine Pferdestärke vollkommen aus. Die Aufstellung des Apparates ist ganz einfach und sind dazu keine besonderen Fundamente nöthig. Am besten erfolgt die Aufstellung zu ebener Erde, sie kann jedoch auch in höheren Etagen ausgeführt werden. Die Leistung eines Apparates genügt, um die Treber von 100 Centner Malz-Einmaischung binnen 24 Stunden zu trocknen.

(Fortsetzung folgt.)

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