Titel: Ueber das Aegyptische Blau (Caeruleo).
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1889, Band 272/Miszelle 4 (S. 143–144)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj272/mi272mi03_4
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Ueber das Aegyptische Blau (Caeruleo).

In den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung fabricirten und verwendeten die Römer unter dem Namen „Aegyptisches Blau“ einen Farbstoff, dessen Herstellung in den Wirren der Völkerwanderung wieder verloren ging. Vitruv1) beschreibt uns die Fabrikation des Blau, das nach ihm in Alexandria entdeckt worden ist, wie folgt:

„Man reibt Sand mit Soda2) mehlfein, gibt dem Gemische Kupferfeile zu, befeuchtet mit etwas Wasser, formt den bereiteten Teig zu Kugeln, welche man trocknet und im Thontiegel im Ofen bis zur Entwicklung des Blau erhitzt.“

Darcet, Humphry Davy, Girardin, de Fontenay, Pisani und Bertrand3) haben den namentlich auch in Pompeji sich vorfindenden Farbstoff untersucht, ohne jedoch sicheren Aufschluſs über die Zusammensetzung, über die optischen Eigenschaften und Wiederbereitung desselben zu erhalten. Dies Alles ist kürzlich Fouqué gelungen. Nach den Untersuchungen dieses Gelehrten ist das Aegyptische Blau, wie nachsteht, zusammengesetzt:

SiO2 63,7 Proc.
CaO 14,3
CuO 21,2
Fe2O3 0,6

Das Eisenoxyd hält Fouqué für unwesentlich. Dieser Bestandtheil ist nach ihm nur durch den Eisengehalt der zur Darstellung verwendeten Rohmaterialien in den Farbstoff gelangt. Das Blau hält er für ein Doppelsilicat von Kalk und Kupfer:

Sein specifisches Gewicht ist 3,04. Es krystallisirt in dem quadratischen Systeme angehörenden Blättchen, deren Durchmesser bis zu 2mm und deren Dicke selten über 0mm,5 geht. Die Kryställchen zeigen Dichroismus und erscheinen im auffallenden Lichte blaſsroth, im durchfallenden dagegen intensiv blau. Die meisten Agentien sind ohne Einwirkung auf das Blau. Dies erklärt den guten Zustand bezieh. die Frische der mit der Farbe vor etwa 1900 Jahren ausgeführten Wandgemälde.4) Man kann das Blau mit Schwefelsäure unbeschadet kochen. Schwefelammonium greift es ebenfalls nicht an und Kalk erst bei hoher Temperatur. Fluſssäure allein löst den Farbstoff leicht auf.

Fouqué bereitete das Blau aus völlig Natron und Kali freien Materialien bei lebhafter Rothglut. Geht man über Rothglut hinaus, so zersetzt sich das Blau und es entsteht Kupferoxydul und Wollastonit, welche sich in Krystallen ausscheiden, und ein hellgrünes Glas. Die Menge des Glases nimmt mit steigender Temperatur zu. Bei Weiſsglut verschwindet der Wollastonit, während eine Art Aventurin entsteht, der aus dem hellgrünen Glase, das mit Krystallen von Kupferoxydul durchsetzt ist, besteht.

Nach Fouqué bewährt sich das von Vitruv mitgetheilte Verfahren. Nur ist die als Fluſsmittel verwendete Soda überflüssig und kann durch andere Salze, am besten aber durch schwefelsaures Kali ersetzt werden.

Die Alten verwandten zur Fabrikation einen groſsen Ueberschuſs an Kieselsäure. Fouqué findet, daſs man vortheilhafter mit mehr basischen Mischungen arbeitet und das Schmelzproduct mit Salzsäure reinigt.

Die Schönheit und Echtheit des Farbstoffes, der durch Luft, Licht, Feuchtigkeit und die meisten Agentien nicht angegriffen wird, die Leichtigkeit seiner Erzeugung, der billige Herstellungspreis lassen es wünschenswerth erscheinen, daſs die Fabrikation des Pigmentes wieder aufgenommen werde.

O. Mühlhäuser.

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7. Buch. Kap. 11.

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Wahrscheinlich aus den Natronseen Aegyptens stammend.

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Comptes rendus, 1889 Bd. 108 S. 325.

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Pompeijanische Wandgemälde, bei deren Herstellung das Blau Verwendung fand, finden sich z.B. in den Salles d'antiquités grècques im Louvre in Paris.

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