Titel: Neuheiten in der Explosivstoff-Industrie und Sprengtechnik.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1889, Band 273 (S. 62–69)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj273/ar273009

Neuheiten in der Explosivstoff-Industrie und Sprengtechnik.

Mit Abbildungen auf Tafel 4.

England scheint gegenwärtig das Eldorado der Explosivstoff-Industrie zu sein. Es gibt kaum einen Sprengstoff, dessen Einführung in die allezeit willigen Kreise englischer Gründer und Speculanten nicht schon versucht wurde, es ist aber bisher auch nicht ein Fall bekannt, wo ein solches mit allen Mitteln der Reclame in die Welt gesetztes Sprengmittel dauernde Erfolge aufweisen konnte. Zwei in den jüngsten Tagen versuchte Gründungen haben die öffentliche Aufmerksamkeit lebhaft beschäftigt. Die erste ist die Bildung einer „Bellite“-Gesellschaft. Der Prospect und die denselben begleitende Broschüre behaupten ganz eigenthümliche Dinge. Danach wäre Bellit (vgl. 1888 268 * 520) so „harmlos wie Sägespäne“, stärker als Schieſsbaumwolle, Dynamit und Schieſspulver, könne durch Reibung, Druck, Schlag und Blitz nicht zur Explosion gebracht werden, entwickelt keine schädlichen Gase, sei keiner chemischen Veränderung unterworfen und billiger zu erzeugen als Dynamit. Zum Beweise für diese Behauptungen werden alle möglichen Gutachten vorgebracht, u.a. von dem bekannten Paul F. Chalon (vgl. 1887 263 149), welcher hier als „die leitende Autorität Frankreichs für Explosivstoffe“ eingeführt wird. Wir wollen die Leser mit einer Kritik der einzelnen Versuche verschonen. Es genügt zu erwähnen, daſs der Fall eines schweren Gewichtes auf ein Bündel Patronen, das Werfen von Patronen in ein Schmiedefeuer u. dgl. keinen Beweis gestatten, da dasselbe vor vielen Jahren schon ebenso mit Dynamit gemacht wurde, ohne daſs man behaupten wollte, Dynamit sei unempfindlich gegen Schlag und Feuer. Wie wenig manche der ihr Gutachten abgebenden Herren von Sprengtechnik verstehen, ersieht man aus einem der Berichte, wonach Bellit und Dynamit auf 1cm starken Kesselblechplatten detonirt wurden, und wobei Dynamit entweder Bruch innerhalb einer kleinen Fläche erzeugte oder ein Stück heraussprengte, während Bellit die Platten mehr ausbauchte oder auf einer gröſseren Fläche Risse erzeugte. Diese Umstände gestatten nun dem begutachtenden Herrn zu sagen, daſs die Kraft des Bellites ein wenig gröſser war als die von Dynamit! Die billigere Erzeugung ist auch so eine für gewöhnlich uncontrolirbare Behauptung. Die „Gründer“ scheinen zu glauben, daſs man zu den in Aussicht genommenen jährlichen 1052t das Nitrobenzol und den Ammoniaksalpeter auf dem Markte kaufen könne, und scheinen keine Ahnung von den Preisen oder Gestehungskosten derselben zu haben. Obzwar es auch noch sehr fraglich ist, ob die englische Regierung eine Licenz für die Erzeugung des Bellites geben werde, so wollen die Gründer doch für das Patent allein 2800000 Mk. bezahlen und nur 1100000 Mk. für Bau- und Betriebscapital behalten.

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Viel interessanter noch ist die Gründung einer v. Dahmen Sicherheits-Dynamit-Gesellschaft. Dieses Sicherheits-Dynamit wurde in Frankreich am 21. Januar 1889 unter Nr. 194656 an Johann Ritter v. Dahmen in Wien und Abraham Strauſs-Collin in London gegeben. Dahmen und Strauſs mischen das Glycerin mit drei oder mehr Procenten Nitrobenzol, nitriren dieses Gemisch auf gewöhnliche Weise unter fortwährender Zuführung von Stickstoff, waschen den entstandenen Nitrokörper bei 50° und mischen ihn dann mit Kieselguhr. Die Erfinder behaupten, daſs die Fabrication und das so erzeugte Dynamit ganz ungefährlich seien, daſs sich keine nitrosen Dämpfe bilden, daſs ferner (nach dem Prospecte und Zeitungsartikeln) dieses Dynamit Temperaturen von – 40° und + 90° vertrage und überhaupt molekular ganz verschieden sei. Verschiedene Unrichtigkeiten im Patente, z.B. daſs man gegenwärtig dem Nitroglycerin Lösungsmittel (?) hinzufüge, daſs man es sonst nur bei 21° waschen könne u. dgl., seien nur gestreift.

Die Eigenschaft des Nitrobenzols, den Gefrierpunkt des Nitroglycerins herabzusetzen, wurde schon vor 4 Jahren ziemlich gleichzeitig von Alfred Nobel und dem Referenten beobachtet, und der Letztere hat dann gefunden, daſs noch viele andere Körper der Benzol- und Phenol-Reihe, einschlieſslich der Pyridinbasen und Salze, denselben Einfluſs ausüben. Dieser Einfluſs darf jedoch keineswegs hoch geschätzt werden. Es gelang allerdings nicht, eine Mischung von z.B. Nitroglycerin und Nitrobenzol in irgend einer Kältemischung zum Gefrieren zu bringen, wohl aber gefror sie, der Winterkälte ausgesetzt, ganz leicht. Warf man in solches Nitrobenzol-Nitroglycerin einen Krystall gewöhnlichen Nitroglycerins, so erstarrte es sofort und, einmal zum Gefrieren gebracht, konnte dies stets erreicht werden. Es ist aus verschiedenen Gründen anzunehmen, daſs v. Dahmen und Strauſs, deren Namen in der Explosivstoff-Industrie unbekannt sind, bloſs Laboratoriums-Versuche anstellten und so die Enttäuschung des Gefrierens noch zu erleben haben, trotzdem sie, – wohl nur um nicht das Nobel'sche Patent zu verletzen – das Nitrobenzol schon vor der Nitrirung zum Glycerin mischen. Dieser Zusatz ist aber deshalb werthlos – und dies veranlaſste uns die Sache nicht weiter zu verfolgen – weil selbst ein halbes Procent Nitrobenzol schon die Wirkung des Dynamites um 2 Procent verminderte und dies sich ziemlich regelmäſsig steigerte. Die Einführung von Stickstoff, um die Bildung nitroser Dämpfe zu verhindern (selbst wenn man wüſste, wie solchen Stickstoff im Groſsen erzeugen und wie einführen), die Behauptung, daſs das Nitroglycerin bei 50° gewaschen werden müsse, daſs dieses Nitroglycerin gegen Schlag unempfindlich sei, sind ebenso viele Ungeheuerlichkeiten, und geradezu ein Problem ist es, wie sich Leute finden sollen, um 2000000 Mk. Capital für England und Frankreich und 3000000 Mk. für die übrigen Länder herzugeben, von dem der bescheidene Antheil von 3500000 Mk. dem „Erfinder“ bezahlt werden soll.

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Das Emmensit, von welchem gleichfalls viel die Rede war, insbesondere wegen der vielfachen früheren Gründungen des Erfinders Dr. Emmens, hat gleichfalls eine interessante Herstellungsweise. Nach den Annales industrielles, 1889 S. 102, löst Dr. Emmens bei mäſsiger Temperatur einen Ueberschuſs von Pikrinsäure in Salpetersäure von 50 bis 60° B. Beim Abdampfen scheiden sich zuerst gelbe rhombische Krystalle, dann andere von lichterer Farbe und endlich ein graues Pulver ab; Dr. Emmens hält diese 3 Stoffe für isomer, trotzdem er sie noch nicht untersucht hat und es scheint, daſs er einfach mit schwefelsaurer Thonerde verfälschte Pikrinsäure verarbeitete. Dr. Emmens mischt dann 5 Th. der wie oben erhaltenen Krystalle mit 5 Th. Ammoniaksalpeter, indem er sie auf einem Paraffinbade zusammenschmilzt, was bei 200° geschehen soll. Das ist nun die oftgenannte „Emmenssäure“, welche wohl Nichts als reine Pikrinsäure ist, während bei der angegebenen Temperatur das Ammonnitrat wahrscheinlich nur von der schmelzenden Pikrinsäure umhüllt wird.

Viel Hoffnungen werden auf ein neues Patent von Alfred Nobel gesetzt, welcher salpetersaures Kupferoxyd-Ammoniak als Sprengstoff einzuführen gedenkt, insbesondere in Verbindung mit Nitroglycerin-Präparaten. Es wird abzuwarten sein, welchen Einfluſs die Hygroskopicität und die Veränderlichkeit an der Luft bei diesem und ähnlichen Körpern auf die Verwendbarkeit in Sprengstoffen üben wird.

E. Kubin und A. Siersch in Wien mischen zum Dynamit 20 bis 50 Proc. schwefelsaures oder chlorsaures Ammon (Englisches Patent Nr. 3759 vom 10. März 1888), um die Explosionstemperatur herabzusetzen und die Explosionsgase zu verdünnen. Diese Mischung gehört demnach in die Kategorie der Wetterdynamite.

Oberingenieur Joh. Mayer in Poln.-Ostrau, dem die Schlagwetterfrage in jüngster Zeit wohl die meisten positiven Resultate zu verdanken hat, versuchte sowohl Soda-Wetterdynamit (vgl. 1888 267 * 373) wie Ammon-Wetterdynamit in ausgedehnterem Maſse (Oesterreichische Zeitschrift für Berg- und Hüttenwesen, März 1889 u. ff.) und fand, daſs letzteres mit wenigen Ausnahmen, ersteres aber stets absolut ungefährlich in Schlagwettern und Kohlenstaub sei, vorausgesetzt, daſs die Ladungsmenge 150g nicht übersteigt. Bei gröſseren Mengen wird, wie wir dies oft vertheidigten, die locale Wärme- und Druckentwickelung unverhältniſsmäſsig gesteigert, aber 150g sind in den meisten Fällen für Schüsse in Kohlengruben vollkommen ausreichend, 100g sind in der That die Regel.

Die Lauer'schen Reibungszünder (vgl. 1888 267 * 373) sind seit ihrer Einführung wesentlich verbessert worden; wie wir einem Berichte von Joh. Mayer (Oesterreichische Zeitschrift für Berg- und Hüttenwesen, 1889 S. 62) entnehmen, sind unsere von vornherein geäuſserten Bedenken durch die Praxis vollinhaltlich bestätigt und die Zünder unter Rücksichtnahme |65| auf dieselben geändert worden. Dieselben sind in ihrer neuen Gestalt in Fig. 1 Taf. 4 abgebildet. Jeder Zünder wird nun in der Fabrik einem Zuge von 8 bis 10k, einem Schlage mit einem hölzernen Fallgewichte und einem Falle aus 1m,5 Höhe auf eine Eisenplatte unterzogen, was einen ganz entsprechenden Grad von Sicherheit bietet. Unter diesen Voraussetzungen kann man nun wohl mit Mayer annehmen, daſs die Lauer'schen Zünder sogar Vortheile gegenüber der elektrischen Zündung bieten, und die seitdem erfolgte ausgedehnte Erprobung im Groſsen hat deren ausgezeichnete Brauchbarkeit auch bewiesen.

Es ist begreiflich, daſs dieser günstige Erfolg eine Reihe gleichartiger Zündungsweisen erfinden lieſs, welche wir im Nachstehenden an der Hand von Mayer's Bericht kurz anführen.

Sicherheitszünder von Dr. C. Roth in Charlottenburg (Fig. 2 bis 3). Die Zündschnur ist von einer Blechhülse oder einem Drahtgewebe R umgeben, eine Zündpille p wird entweder durch einen Stecher s, oder durch einen Tropfen Schwefelsäure, oder durch einen Reibedraht entzündet. Zweck: Die Stichflamme in einem geschlossenen Raume entstehen zu lassen.

Aehnlich – durch Zerdrücken einer kleinen Glaskugel a mit Schwefelsäure – wirkt der Sicherheitszünder von Bickford und Comp. (Fig. 4 und 5).

Die Pistole von Müller und Comp. in Clermont ist aus der Zeichnung (Fig. 6) ohne Weiteres verständlich. Ein späteres Patent derselben Firma (Oesterreichisches Patent vom 9. Oktober 1888) läſst die Entzündung innerhalb einer Drahthülse durch ein Zündhütchen erfolgen, welches durch einen mittels Federkraft gespannten Schlagbolzen detonirt wird (Fig. 7).

Der Schlagzünder von Nawratil (Fig. 8 und 9) ist eigentlich dem Lauer'schen ähnlich. Ein besonders geformtes Führungsstück f läſst durch seine Zacken ss1 , welche sich an ein Stahlplättchen g legen, die Zündpille k vom Dorne d abstehen; wird aber der Draht a angezogen, so scheren sich die Zacken ab und der Dorn wird in die Zündpille getrieben. Die Knallquecksilber-Zündhütchen werden erst vor dem Gebrauche eingeführt und die Oeffnung verklebt.1)

Ein Schlagbolzenzünder von F. Tamann und H. Tirmann (Fig. 10) ist aus der Zeichnung erklärlich. Der Schlagbolzen s ist durch die Feder vom Zündsatze entfernt gehalten, bis durch einen Zug am Drahte die Oese o abgerissen und der Bolzen vorgetrieben wird.

Bei dem pneumatischen Zünder von B. Zschokke in Witkowitz wird |66| eine durch eine Feder in entsprechender Entfernung gehaltene Nadel mittels Luftdruck in den Zündsatz getrieben (Fig. 11 und 12).

Bei dem chemischen Zünder von Zschokke wird ein in einem U-förmigen Röhrchen befindlicher Tropfen Schwefelsäure durch Luftdruck zum Zündsätze getrieben. Die Fig. 13 und 14 zeigen, wie mehrere solcher Schüsse verbunden werden.

A. und R. Hahn in Cassel haben an ihrem bekannten Gasdruckmesser für Gewehrpulver die Veränderung vorgenommen, daſs sie den Stauchapparat etwa 20 bis 25mm vom Geschosse entfernt anbringen, weil an dieser Stelle sich der höchste Gasdruck befindet. Dadurch kann nun die gewöhnliche Patrone verschossen werden.

Lieutenant James W. Graydon von der Marine der Vereinigten Staaten scheint das Problem, Dynamit in Granaten zu werfen, der Lösung näher gebracht zu haben. Bisher haben solche Versuche meist schlecht geendet, ja eine europäische Macht hatte sogar die Zertrümmerung einer Kanone in einem solchen Falle zu beklagen. Graydon theilt die Ladung in viele kleine, wasserdicht eingewickelte Abtheilungen, welche durch Asbest getrennt sind, und der Schlagbolzen des Zünders wird durch eine starke Feder fern gehalten, welche im Augenblicke des Aufschlages erst niedergedrückt werden muſs und so der Granate eine gewisse Zeit zum Eindringen in das Ziel läſst, um eine gute Wirkung zu erreichen. Versuche mit einer Granate von 55k, geladen mit 1k,2 Dynamit und abgefeuert mit einer Pulverladung von 104k gegen eine Panzerthurmplatte von 35cm,5 Dicke haben sehr schöne Resultate geliefert.

Ueber das Roburit werden in England jetzt vielfach Klagen gehört, daſs dessen Explosionsgase gesundheitsschädlich seien. Verhandlungen darüber wurden in der Märzsitzung der Geologischen Gesellschaft von Manchester geführt, nach welchen es scheint, daſs die Explosionsgase viel Kohlenoxyd enthalten. Auch der schädliche Einfluſs auf den menschlichen Körper beim Handhaben der Patronen wurde hervorgehoben. Dem Referenten hat wieder ein Bauunternehmer gesagt, seine Leute hätten regelmäſsig Diarrhöe-Anfälle erlitten. Es ist jedenfalls unmöglich, einen Explosivstoff herzustellen, welcher ganz vollständig verbrennt und nur Kohlensäure entwickelt, ja selbst stöchiometrisch richtig gemischte Gase lassen einen Theil auſser Reaction, aber andererseits gibt es Mischungen, welche schon von Haus aus eine schlechte Verbrennung vermuthen lassen und bei deren Herstellung besondere Sorgfalt verwendet werden sollte.

In dieser Zeit der rauchlosen Pulver wird natürlich eine Menge neuer Patente angemeldet. Von solchen sind zu erwähnen:

J. W. Skoglund. Mischung von Nitrocellulose oder Pikrinsäure mit kohlensaurem oder oxalsaurem Ammon.

Hiram Stevens Maxim in London. Schieſswolle im luftleeren Raume durch Essigätherdämpfe gelöst, sodann gepreſst und nach Art des Kieselpulvers |67| zerschnitten. (Eine vollständige Anlehnung an das v. Förster'sche Patent.)

Carl Friedr. Hengst. Von allem Beiwerk entkleidet, handelt es sich einfach um Strohnitrocellulose, deren Stroh auf eine nicht angegebene Weise angeblich von Kieselsäure befreit ist.

Das sogen. Amid-Pulver von F. Gaens enthält 101 Th. Kalisalpeter, 80 Th. Ammoniaksalpeter und 40 Th. Holzkohle.

Die neueren rauchlosen Pulver enthalten meist Schieſswolle oder andere Nitrocellulose, deren Brisanz durch besondere Zusätze herabgemindert wird. Die Zusammensetzung wird meist geheim gehalten. Dergleichen Pulver werden u.a. von Vieille für das Lebel-Gewehr, von der Pulverfabrik Rottweil-Hamburg und von Wolff und Comp. in Walsrode hergestellt. Alfred Nobel in Paris erzeugt eine stark mit Kampher versetzte Sprenggelatine zu demselben Zwecke. Nach einem Vortrage von W. H. Deering (Industries, 3. Mai 1889) macht Nobel zwei Mischungen, welche die Grenzen der Veränderungen ergeben. Zur ersten werden 100 Th. Nitroglycerin mit 10 Th. Kampher gelöst, 200 Th. Benzol hinzugefügt (dies offenbar, um das Dickwerden der Masse zu verhindern) und dann 50 Th. lösliche Nitrocellulose eingeknetet; das Benzol wird abgedampft, die Masse zwischen mit Dampf auf 50 bis 60° geheizten Walzen verarbeitet, in Blätter gewalzt und zu Körnern zerschnitten. Zur zweiten werden 100 Th. Nitroglycerin, 10 bis 25 Th. Kampher und 200 bis 400 Th. Amylessigäther gemischt, 200 Th. lösliche Nitrocellulose eingeknetet und wie vor behandelt.

Die englischen Explosivstoff-Inspektoren haben ihren Bericht für das Jahr 1888 veröffentlicht (vgl. 1883 250 184. 1884 253 74. 1885 258 222. 1886 261 29. 1887 265 278. 1888 268 525).

Am Ende dieses Jahres bestanden 112 Fabriken für Explosivstoffe (+ 4), 20 Fabriken für Kleinfeuerwerk, 11 für Spielfeuerwerk (– 2). Es wurden 43 Zusatzlicenzen ertheilt, Magazine bestanden 353 (+ 5), Lager 1972, Verkaufsläden 22262. 114 Eisenbahn- und 107 Kanalgesellschaften befördern Explosivstoffe, 15 bezieh. 11 nicht. Die Einfuhr betrug: 376022k Pulver (+ 6147), 508395k Dynamit (+ 187471), 680k Cooppal's Pulver, 10000k Roburit, 3674k Knallquecksilber (– 1270k), 7415000 Stück Sprenghütchen (+ 4840000), die Ausfuhr von Pulver betrug 6156350k (+ 1717090). Es fanden 123 Unglücksfälle statt (– 7), wobei 37 Personen getödtet und 97 verwundet wurden. Diese Fälle vertheilen sich wie folgt:


Er-
zeugung

Auf-
bewahrung

Ver-
frachtung
Gebrauch
und
Verschied.

Summe
Schieſspulver 19 2 1 26 48
Dynamit und Schieſswolle 5 27 32
Knallquecksilber
Munition 17 8 25
Feuerwerkskörper 9 5 14
Verschiedene Stoffe 1 3 4
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Während z.B. in Oesterreich – Ungarn bei der Herstellung von Magazinen ein möglichst leichter Holzbau zur Vermeidung des Umherfliegens von Sprengstücken vorgeschrieben ist, wird in England das Hauptgewicht auf die Einbruchsicherheit gelegt, und lautet die neueste Vorschrift wie folgt: „Die Mauern der Magazine (welche nicht weniger als 18 Zoll [55cm] dick sein müssen) sollen gut und massiv aus gutem Portlandcement-Beton gebaut sein, welcher nicht weniger als 1 Th. besten Portlandcement und 5 Th. reinen, scharfkantigen Quarzschotter oder Steinschlag mit einer genügenden Menge von Sand enthält. Das Dach soll entweder ebenso wie die Mauern hergestellt, oder mit Schiefer oder Ziegeln gedeckt sein und im Inneren durch dicke Träme oder Holzkreuze, welche in kurzen Zwischenräumen gelegt sind, oder durch dickes Eisendrahtgewebe, Bandeisen, Platten von Wellblech oder anderes geeignetes Material so gesichert sein, daſs es nach Ansicht eines Regierungs-Inspektors gegen unerlaubten Eintritt genügende Sicherheit bietet. Das Magazin soll vollständig mit Holz verkleidet und mit einem dichtgezimmerten Fuſsboden versehen sein, sowie mit zwei guten und massiven Thüren, welche in sicherer Weise an das Gebäude befestigt sind und deren Angeln, soweit als möglich, von auſsen unzugänglich sind. Besagte Thüren sollen nach auſsen öffnen, und die äuſsere soll aus Eisen oder äuſserlich mit Eisen beschlagen sein. Jede dieser Thüren soll mit wenigstens zwei starken Schlössern versehen sein oder mit einem dreiriegligen Schlosse. Die Schlösser sollen solcher Art sein, daſs sie von auſsen nicht leicht beschädigt oder erbrochen werden. Sollte es zu irgend einer Zeit dem Minister wünschenswerth erscheinen, daſs eine Mauer oder ein Zaun um das Magazin oder einen Theil desselben errichtet werden solle, so ist eine solche Mauer oder Zaun sofort zu erbauen und zu erhalten nach der Vorschrift des Ministers in seinem Auftragsschreiben, und diese Mauer oder Zaun soll als ein Theil der Wälle, Gebäude oder Werke in oder in Verbindung mit dem Magazine angesehen werden.“

In Aden (Arabien) haben innerhalb weniger Wochen zwei Explosionen von 3 bezieh. 4t Sprenggelatine innerhalb der Festung stattgefunden. Es erscheint als naheliegend, daſs eine Zersetzung durch zu groſse Hitze erfolgte. Die Temperatur an einem Tage wurde mit 31° im Freien beobachtet; diese allein würde nicht genügen, um eine Zersetzung zu erklären, es ist aber anzunehmen, daſs die Construction der betreffenden Vorrathsräume eine solche war, welche eine Concentrirung der Wärmestrahlen und wenig Lüftung gestattete. Dem Referenten ist ein Fall bekannt, wo tadellos erzeugtes Kieselguhr-Dynamit nach längerem Lagern in einem der Sonne stark ausgesetzten, mit schwarzer Dachpappe gedeckten Magazine so sehr alles Nitroglycerin ausschwitzen lieſs, daſs die Patronen gar nicht mehr entzündet werden konnten. Wird aber Sprenggelatine einer Temperatur von 70° durch lange Zeit |69| ausgesetzt, so erleidet deren Schieſswolle eine immer weiter um sich greifende Zersetzung, welche unter ungünstigen Umständen sich bis zur Entzündung steigern kann.

In der Schieſswollfabrik in Düren brannten 1377k trockener Bergwerkspatronen (50 Proc. Schieſswolle, 50 Proc. Barytsalpeter) und 1085k nasser Schieſswolle ohne Explosion ab.

In Folge einer groſsen Erdöl-Explosion auf einem Schiffe in Bristol waren die Explosivstoff-Inspektoren bemüht, Vorkehrungen gegen die Wiederholung solcher Ereignisse zu treffen, und es dürften wohl bald besondere Vorschriften zu diesem Zwecke erscheinen.

Zur Beleuchtung unserer oft ausgesprochenen Ansicht über Blitzableiter an Explosivstoff-Gebäuden dient der Bericht über die im April stattgehabte Explosion eines Pulvermagazines in der Festung Neisse, wovon es heiſst, daſs „die drei auf dem betreffenden Pulvermagazine angebrachten Blitzableiter erst vor wenigen Tagen geprüft und in bester Ordnung befunden wurden.“ In England hat übrigens soeben Dr. Oliver Lodge einen Kampf gegen die bisherige Blitzableitertheorie unternommen, welche viel Aufsehen erregt, weil er alle seine Behauptungen experimentell beweist; es scheint als ob ein Gebäude, welches Maschinen enthält und an dem Rohrleitungen vorübergehen, durch Blitzableiter noch viel mehr gefährdet wird. Sobald die für und wider geltend gemachten Ansichten sich geklärt haben, wollen wir uns eingehender damit beschäftigen.

Oscar Guttmann.

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Mayer nimmt irriger Weise an, daſs wir die Trennung von Zündvorrichtung und Zündhütchen als wesentlich bezeichneten, weil wir hervorhoben, daſs die Beförderung der Lauer'schen Zünder auf Eisenbahnen eigentlich nicht gestattet sei; wir sind vielmehr stets Feinde der „Fabriken vor Ort“ gewesen.

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