Titel: Zur Technologie des Glases.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1889, Band 273 (S. 82–91)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj273/ar273014

Zur Technologie des Glases.

(Fortsetzung des Berichtes S. 37 d. Bd.)

Untersuchungen über die Löslichkeit von Glas in Wasser wurden von F. Mylius und F. Foerster ausgeführt. Zunächst wurde die Einwirkung von Wasser auf Natron- und Kaliwasserglas studirt.

18g,5 Natronwasserglas wurden als grobes Pulver 9 Tage lang unter häufigem Umschütteln mit 70cc Wasser von 20° C. in Berührung gelassen. Die entstandene Lösung enthielt in 60cc 0g,045 Natron (Na2O) und 0g,014 Kieselsäure (SiO2). Mithin hatten sich nur 0,37 Proc. des Glases gelöst. Als bei derselben Glasmenge die Behandlung mit Wasser 3 Monate dauerte, betrug das in Lösung gegangene 0,81 Proc. des Glases. Bei diesen Versuchen betrug die wirkende Oberfläche des Glases mindestens 8qm. Nach der Analyse kamen im Wasserglase auf je 1 Mol. Na2O 3,2 Mol. SiO2, die in Lösung gegangene Substanz betrug aber im ersten Versuche auf 1 Mol. Na2O 0,32 Mol. SiO2, im zweiten 0,55 Mol. Aus diesen Versuchen geht hervor, daſs das Natronwasserglas als solches im Wasser unlöslich sei. Der in Lösung gegangene Theil des Glases ist an Alkali viel reicher als der Rückstand. Der Rückstand der Extraction von fein gepulvertem Glase mit viel Wasser war Kieselsäure und enthielt etwa 1 Proc. Na2O, und an der Luft aufbewahrt 25 Proc. H2O, wovon die Hälfte durch Stehen über Schwefelsäure entzogen werden konnte, der Rest beim Glühen entwich.

Aus diesen und ähnlichen Versuchen geht hervor, daſs der Gebrauch der atomistischen Formel Na2Si4O9 für Natronwasserglas unstatthaft ist.

Nach Ebell's Versuchen (1878 228 47 und 160) bedarf 1 Mol. Na2O etwa 2,5 Mol. SiO2 zur Sättigung, und die überschüssige Kieselsäure ist im Glase als solche vorhanden. Man kann aber leicht zeigen, daſs aus einem Glase, welches weniger als 2,5 Mol. SiO2 enthält, sich solche durch Wasser abscheidet, was gegen Ebell's Annahme spricht.

Durch Auflösen von Kieselsäure in Natronlauge, Eindampfen und kurzes Glühen des Rückstandes wurde eine ungeschmolzene, bimssteinartige |83| Masse erhalten, die durch passende Behandlung mit Wasser in 4 Fractionen von folgender Zusammensetzung zu spalten war:

Angewendete Menge: 2g,5.

Es enthielten Na2O SiO2
das ursprüngliche Material 34,07 Proc. 65,93 Proc.
Fraction I 88,13 11,87
„ II 41,64 58,33
„ III 30,31 69,69
„ IV 3,1 96,7

Fraction I war durch 5 Minuten dauernde Behandlung der zerriebenen Substanz mit kaltem Wasser, Fraction II durch Waschen mit heiſsem Wasser, Fraction III durch viertelstündiges Kochen mit Wasser erhalten worden, während Fraction IV 0g,5 im Rückstande blieb. Die Natriumverbindungen der Kieselsäure werden also nach der Formelgleichung

Na2O(SiO2)x + H2O = 2NaHO + xSiO2

zersetzt. (Hierbei bedeutet SiO2 die ungelöste Kieselsäure ohne Rücksicht auf den Wassergehalt.)

Es gelang niemals, die Lösung ganz frei von Kieselsäure zu erhalten. Die Auflösung der letzteren wird durch eine secundäre Wirkung des freien Alkalis bewirkt, die vielleicht in einer Uebertragung von Wasser an die Kieselsäure besteht. Damit im Widerspruche scheint der Umstand zu stehen, daſs aus Lösungen von Wasserglas wohldefinirte Silicate des Natriums (Na2SiO3 + 10H2O und Na2Si4O9 + 12H2O) erhalten werden können. Dieser Widerspruch löst sich bei der Betrachtung, daſs nach neueren Ansichten die Hydrate von Natron und Kieselsäure in einer Lösung neben einander vorhanden sein können, ohne zu einem Salze vereinigt zu sein. Auch ist es wahrscheinlich, daſs die aus wässerigen Lösungen der Kieselsäure erhaltenen Salze Additionsverbindungen jener Hydrate sind, worin also das sogen. Krystallwasser als Hydratwasser auf das Natron und auf die Kieselsäure zu vertheilen wäre.

Kaliwasserglas. Gemäſs seiner stärkeren Affinität ist die hydratisirende Wirkung des Kalis auf SiO2 gröſser als die des Natrons. Durch Schütteln von geglühter Kieselsäure mit äquivalenten Mengen von Kali- und Natronlauge von verschiedener Concentration würde dies gezeigt. So wurden von einer zweifach normalen Kalilösung 2g,5 SiO2 in Lösung gebracht, von der äquivalenten Natronlösung nur 0g,66. Daraus ergibt sich auch, daſs das Kaliwässerglas viel leichter löslich ist als das Natronwasserglas, andererseits, daſs man aus ersterem bei weitem schwerer die Kieselsäure abscheiden kann, als aus letzterem.

Die groſse Verwandtschaft des Kaliwasserglases zum Wasser geht auch aus der bedeutenden Wärmeentwickelung bei geeigneter Berührung hervor; so stieg die Temperatur einer Mischung von 50g Wasserglas mit wenig Wasser von 18 auf 32° C.

|84|

Die Eigenschaft des Kali Wasserglases, durch Aufnahme von Wasser zu einer viscosen Lösung und bei Zusatz von wenig Wasser zu einer festen Gallerte aufzuquellen, erklärt auch das mörtelartige Erhärten desselben unter Wasser. Die Theilchen des pulverförmigen Glases werden durch das Quellungsproduct innig verkittet und man erhält in 2 Tagen eine steinharte, glasige Masse, deren Wassergehalt (bis zu 50 Proc.) beim starken Erhitzen unter Aufschäumen entweicht. Diese Erscheinungen treten bei Natronwasserglas in weitaus geringerem Maſse auf.

Die Erscheinung, daſs Kaligläser eine gröſsere Verwandtschaft zum Wasser haben als Natrongläser, findet sich selbst bei kalkhaltigen Gläsern des Handels vor; O. Schott (Zeitschrift für Instrumentenkunde, Bd. 9 S. 86) hat darauf hingewiesen, daſs bei derartigen Gläsern nach einiger Zeit eine wasserhaltige Oberflächenschicht entsteht, welche die Haltbarkeit derselben wesentlich vermindert (vgl. diesen Bericht weiter oben). Dieselbe kann erst durch Erwärmen entdeckt werden, indem sie sich durch die Erscheinung des Abblätterns leicht verräth (vgl. auch Geuther, Wagner's Jahresbericht, 1869 S. 166. Splittgerber, 1861 159 158. Vogel und Reischauer, 1859 152 181. R. Weber, Wiedemann's Annalen, Bd. 6 S. 431).

Die Löslichkeit der Natrongläser verglichen mit derjenigen der Kaligläser, Wie Schott gezeigt hat, sind die Kaligläser weniger widerstandsfähig als die Natrongläser. Um einen ziffernmäſsigen Nachweis der Unterschiede in der Löslichkeit der Gläser zu bringen, wurden folgende Gläser verschmolzen:

I. 2K2O, 6SiO2 II. 2Na2O, 6SiO2
III. 1¾ K2O
¼ CaO
6SiO2 IV. 1¾ K2O
¼ CaO
6SiO2
V. 1½ K2O
½ CaO
6SiO2 VI. 1½ Na2O
½ CaO
6SiO2
VII. 1¼ K2O
¾ CaO
6SiO2 VIII. 1¼ Na2O
¾ CaO
6SiO2
IX. 1K2O
1CaO
6SiO2 X. 1Na2O
1CaO
6SiO2

Um dem Glase eine möglichst groſse, aber doch annähernd meſsbare Oberfläche zu geben, wurde das grobe Pulver durch 2 Siebe, von denen das eine 72, das andere 121 Maschen auf den Quadratcentimeter hatte, auf ein bestimmtes Korn gebracht. Gleiche Volumina der verschiedenen Gläser entsprechen dann annähernd gleichen Oberflächen. Die Gesammtoberfläche der Glasfragmente wurde unter Annahme der Kugelgestalt zu 763qcm berechnet.

Als Maſs für die angewendete Menge der Glasfragmente diente das Volumen von 20g Jenaer Thermometerglas. Diese Mengen wurden in einem Kolben aus Platinblech 5 Stunden lang mit 70cc Wasser von 100° C. erhitzt; der Platinkolben, welcher in ein siedendes Wasserbad tauchte, war dabei mit einem kleinen Rückfluſskühler aus Platin und |85| zum Schütze gegen die Luft mit einem Liebig'schen Kaliapparat verbunden. Nach dem Abkühlen wurde die Lösung filtrirt und in 60cc des Filtrates die gelösten Bestandtheile bestimmt.

Die Bestimmung der Löslichkeit nach dieser Methode gibt nur annähernde Werthe; die Hauptfehlerquelle sind die Schwankungen der Oberflächengröſse. Die Zahl der Fragmente in einem bestimmten Volumen wurde festgestellt, und dafür Sorge getragen, daſs ein bestimmtes Volumen Glas immer eine bestimmte Anzahl von Fragmenten enthält, wodurch der genannte Fehler auf ein kleineres Maſs reducirt wird.

Die Wassergläser hatten sich nur theilweise gelöst, und an Stelle der Glasfragmente befand sich nach dem Erkalten eine amorphe Masse. Von den anderen Gläsern verhielt sich bloſs das Glas III den Wassergläsern ähnlich.

Nr.

Molekularformel
Angewandte
Menge
Anzahl der
Körner in 1 ccm
Summe
des Gelösten
in 1 mg
SiO2 in mg K2O in mg Na2O in mg Alkalisaurestoff
in mg
Auf 1 Mol. SiO2
kommen Mol.
Alkali
I. 6SiO2, 2K2O 18,824 7300 6624 4246,8 2377,2 404,61 0,36
II. 6SiO2, 2Na2O 18,979 7492 2987 2144,7 842,4 217,3 0,38
III. 6SiO2, 1¾ K2O, ¼ CaO 18,948 7420 4674 2997,6 1675,8 285,2 0,36
IV. 6SiO2, 1¾ Na2O, ¼ CaO 18,979 7510 507,6 303,9 202,8 52,3 0,64
V. 6SiO2, 1½ K2O, ½ CaO 19,002 7595 223,5 65,1 158,4 26,9 1,56
VI. 6SiO2, 1½ Na2O, ½ CaO 19,118 7333 42,4 8,1 34,3 8,9 4,1
VII. 6SiO2, 1½ K2O, ¾ CaO 19,072 7624 32,1 5,4 26,69 4,5 3,15
VIII. 6SiO2, 1¼ Na2O, ¾CaO 19,257 7620 17,4 5,9 11,5 2,9 1,9
IX. 6SiO2, 1K2O, 1CaO 19,125 7424 9,5 3,5 5,99 1,0 1,1
X. 6SiO2, 1Na2O, 1CaO 19,381 7500 7,4 3,2 4,19 1,1 1,27

Aus nebenstehender Tabelle geht zunächst die bekannte Thatsache hervor, daſs die Löslichkeit der Gläser in schneller Weise mit dem zunehmenden Kalkgehalte abnimmt. Wichtiger ist das Ergebniſs, daſs die Natrongläser gegen den Einfluſs des Wassers widerstandsfähiger sind als die Kaligläser. Die Beobachtung zeigt jedoch, daſs der Unterschied um so mehr verschwindet, je kalkreicher die Gläser werden. Die Beobachtungen der Verfasser stehen hier mit denen von F. Schwarz in Uebereinstimmung, welcher fand, daſs es für die Angreifbarkeit der Gläser von der Formel RI2O, RIIO, 6SiO2 ohne Belang sei, ob sie Kali oder Natron enthalten.

Beachtenswerth ist das Verhältniſs des in Lösung gegangenen Alkalis. Während die Lösung I und II auf 6 Mol. SiO2 etwa 2 Mol. Alkali enthält, steigt das Alkali gegenüber der Kieselsäure, je mehr Kalk dem Glase zugefügt und je mehr Alkali ihm entzogen wird, um in der Natronreihe bei dem Glase von der Formel 1½Na2O, ½CaO, 6SiO2 und in der Kalireihe bei demjenigen der Formel 1¼K2O, ¾CaO, 6SiO2 ein Maximum zu erreichen. Bei diesen Gläsern gingen nämlich auf 6 Mol. SiO2 24,6 bezieh. 18,9 Mol. Alkali in Lösung. Die Verfasser schlieſsen |86| daraus, daſs der Kalk anfangs einen erheblichen Antheil SiO2 gebunden enthält; bei gröſserem Zusätze von Kalk wirkt dieser auch auf das Alkali bindend, mithin sind in guten Gläsern Doppelverbindungen von Alkali-Kalksilicaten wirksam, wie auch gewöhnlich angenommen wird.

Vergleichende Bestimmungen der Löslichkeit von Glassorten des Handels sind schon öfter angestellt worden (vgl. z.B. 27. Schwarz, Verhandlungen des Vereins zur Beförderung des Gewerbefleiſses, 1887 S. 204). Man verwendete dazu Kolben oder Röhren. Verfasser haben nun die oben beschriebene Methode zur Bestimmung der Löslichkeit von Glassorten des Handels benutzt, und ihre Versuchsresultate in 2 Tabellen zusammengestellt. Tabelle I gibt die Löslichkeit verschiedener Glassorten an, II ihre Zusammensetzung (M bedeutet: Mylius, F: Foerster als Beobachter).

I.

Nr.

Glassorten
Spec. Gew. An-
gewundte
Menge
Zahl
der Körner
in 1 cm
Summe des
Gelösten
in mg
SiO2 in mg K2O in mg Na2O in mg Alkalisauer-
stoff in mg
1. Gelbes, alkalireiches Glas M. 2,514 19,451 249 80,0 160,0 195,0 43,6
2. Schlechtes Thüringer Glas F. 2,472 19,125 7497 91,4 14,3 18,1 59,0 18,4
3. Glas von Tittel und Comp.
in Geiersthal

M.

2,495

19,304

7601

30,4

8,7

7,8

13,9

4,92
4. Flaschenglas von Schilling
in Gehlberg

F.

2,466

19,079

7666

10,4

4,3

1,76

4,39

1,43
5. Böhm. Glas von Kavalier M. 2,387 18,468 7686 10,1 5,6 4,5 0,77
6. Rheinisches Fensterglas F. 2,451 18,963 7612 9,4 4,5 4,87 1,26
7. Bleikryst. aus Ehrenfeld M. 3,043 23,543 7525 8,5 2,1 6,4 1,09
8. Grünes Flaschenglas aus
Charlottenburg

M.

2,606

20,162

7200

6,5

3,7


2,76

0,71
9. Thermometerglas 16III
aus Jena

F.

2,585

20,000

7330

5,4

2,0


3,39

0,87
10. Bleiglas Nr. 483 aus Jena M. 3,596 27,814 7156 3,3 1,9 1,4 0,24
11. Bleisilicat M. 6,336 49,021 0,6 0,6

II.


Nr.

SiO2
Al2O3
Fe2O3

MnO

ZnO

PbO

CaO

MgO

K2O

Na2O

As2O3

B2O3

S
1. 60,94 1,77 3,90 5,42 0,05 13,3 15,4 0,22
2. 69,9 2,95 0,40 3,72 0,08 6,6 16,5
3. 71,5 0,4 0,2 6,7 0,2 7,1 14,3
4. 75,2 0,7 8,3 Spur 4,2 11,9
5. 78,3 0,5 6,8 13,3 1,4
6. 71,2 1,6 13,4 13,5
7. 56,0 31,2 0,06 12,1 0,6
8. 63,5 4,9 2,9 14,0 3,9 1,3 9,5
9. 67,5 2,5 7,0 7,0 14,0 2,0
10. 44,7 0,5 0,05 47,0 7,3 0,2 0,2
11. 21,7 78

Die Glassorten sind in der vorstehenden Tabelle nach dem Gewichtsverluste geordnet, den sie durch heiſses Wasser erleiden; diese schwanken auſserordentlich stark, zwischen 0,6 und 250mg. Das Glas von Tittel und Comp. ist für Glasbläserversuche noch brauchbar, dagegen |87| die voranstehenden nicht mehr und es würde ein groſser Gewinn sein, wenn solche Gläser aus dem Handel verschwinden würden. Glas Nr. 2 ist nach kurzer Zeit mit einer Schicht von Na2CO3 bedeckt. Die Gläser 1 und 2 waren, abgesehen von Carbonaten und Sulfaten, mit einer verwitterten Oberflächenschicht von 1/50mm bedeckt, die sich bei schwachem Erwärmen oder beim Liegen über Schwefelsäure abblätterte.

Die Flintgläser sind gegen reines Wasser sehr widerstandsfähig, was bemerkenswerth, da sie von Alkalien wie von Säuren leicht zersetzt werden. – Obenstehende Zahlenreihe bezieht sich auf fünfstündiges Behandeln der Glassorten mit heiſsem Wasser; gegen kaltes Wasser verhalten sich die Glassorten ähnlich, wenn auch mit kleinen Abweichungen, wie durch Prüfung mit Eosin (siehe diesen Bericht weiter oben) gezeigt wurde. Durch vorliegende Abhandlung ist auch eine frühere Ansicht, daſs die Bestandtheile des Glases bei der Behandlung mit Wasser in demselben Verhältnisse in Lösung gehen, in welchem sie im Glase selbst enthalten sind, widerlegt. Die Ergebnisse der Versuche lassen sich in folgende Sätze zusammenfassen:

1) Wasserglas zersetzt sich mit Wasser in freies Alkali und Kieselsäure, von welcher ein Theil, je nach Zeit, Concentration und Temperatur, durch Alkali hydratisirt und dadurch gelöst wird.

2) Die Kaligläser sind bei Weitem löslicher als die Natrongläser, die Unterschiede verschwinden aber in dem Maſse, als die Gläser reicher an Kalk werden.

3) Natron und Kali werden im Glase sowohl durch Kieselsäure als durch Kalk gebunden. Die Widerstandsfähigkeit von Glas gegen Wasser wird durch das Vorhandensein von Doppelsilicaten von Kalk und Natron oder Kali bedingt.

4) In heiſsem Wasser sind von allen bekannten Glassorten die bleihaltigen Flintgläser am wenigsten löslich.

5) Die relative Angreifbarkeit der Gläser durch heiſses Wasser ist von derjenigen durch kaltes Wasser verschieden (Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft, Bd. 22 S. 1092).

E. Hussak und Schumacher untersuchten das Kalksilicat des Glases und der Glasuren (Sprechsaal, 1888 S. 881). Als Lösungsmittel diente ein Glas von der Zusammensetzung 3Na2O.SiO2 und 2CaOB2O3, in welches Calciumsilicat CaSiO3 eingeführt wurde. – Das Glas schmolz vollkommen klar und zeigte sich nach dem Erkalten frei von Ausscheidungen. Das Glas schmolz zu reinem Glase, ist jedoch stellenweise reich an Bläschen und erfüllt von zahlreichen Sprüngen. An Stellen, wo eine ganz dünne Glashaut über der Tiegelwandung sich hinzieht, bemerkt man jedoch schon einzelne säulenförmige, farblose Kryställchen. Die dritte Probe |88| zeigte in reinem Glase schon zahlreiche Ausscheidungen, vereinzelte, sich öfter durchkreuzende farblose Stäbchen, die auch oft zu radial-strahligen Kügelchen aggregirt, besonders häufig auf der Oberfläche des Glases sich vorfinden. – Die Mischung erstarrte jedoch, wenigstens an der Oberfläche, fast vollkommen krystallinisch, die mikroskopische Untersuchung zeigte aber die Anwesenheit von Lösungsmittel. Die Oberfläche der Schmelzmasse ist blasig und in die einzelnen Hohlräume ragen die Kryställchen spieſsig hinein. Die auf diese Weise ausgeschiedenen Krystalle wurden als Wollastonit erkannt. Neben dem monoklinen Kalksilicat CaSiO3 wurde auch hexagonales Kalksilicat bemerkt, und es ist wahrscheinlich, daſs letzteres bei zunehmender Concentration ausschlieſslich aufgetreten wäre. Das Silicat CaSiO3 für sich allein geschmolzen erstarrt immer in hexagonaler Form; es läſst sich, wie die Versuche zeigen, in Wollastonitform auf schmelzflüssigem Wege ohne Anwendung von Wasserdämpfen oder irgend welchen Aenderungen der Abkühlungsweise aus Gläsern zur Ausscheidung bringen, worauf auch das Vorkommen des Wollastonits in den Hochofenschlacken hinweist.

Eine interessante Untersuchung über sphärolithische Entglasungsproducte hat Dr. E. Hussak in Bonn ausgeführt (Sprechsaal, Bd. 21 S. 221). Die besprochenen Sphärolithe stammten aus der Siemens'schen Glashütte in Elbogen, und hatten sich am Boden der Glaswannen, sowohl aus braunem, wie aus grünem Glase ausgeschieden. Es sind solche Ausscheidungen bis zu 10cm Durchmesser beobachtet worden, und finden sich theils einzeln, theils in Gruppen zu gröſseren Klumpen vereinigt. Die kleineren, 1 bis 3cm im Durchmesser groſs, sind aus höchst feinen, radial gestellten, farblosen, grünlich oder röthlichen (vom Mn-Gehalte) Fasern aufgebaut, die oft einen Schiller, ganz ähnlich dem der sogen. Katzenaugen, zeigen. Der Kern zeigt sich mehr krystallinisch als die Rinde. Die chemische Analyse, von A. Haslam ausgeführt, ergab die in nebenstehender Tabelle zusammengestellten Werthe. Unter I ist das aus zwei Analysen gezogene Mittel von der Glaszusammensetzung II das Mittel der zwei Sphärolithanalysen.

I II
SiO2 63,24 61,00
Al2O3 9,84 16,79
Fe2O3 4,17 6,70
MnO 10,48 3,61
CaO 4,47 3,88
MgO 0,31
K2O 0,97 0,74
Na2O 5,16 7,62
Glühverlust 0,15 0,06
–––– ––––
Summe 98,795 100,41
spec. Gewicht 2,637 Kern
Rinde
2,687
2,701
|89|

Stellt man die Molekularverhältnisse der Gläser und der Sphärolithe gegenüber:

Glas Sphärolith
SiO2 1,06827 1,01387
Al2O3 + Fe2O3 0,12420 0,20584
K2O 0,01039 0,00789
N2O 0,08431 0,12250

so ist das Verhältniſs von K2O : Na2O = 1 : 8 im Glase, dagegen im Sphärolithen annähernd wie 1 : 16. Das Kali hat sich im Glase concentrirt, während das Natron und die Thonerde sich als oligoklasähnliches Silicat ausgeschieden haben. Diese Thatsachen stehen im Einklänge mit den Beobachtungen von A. Lagorio über die natürlichen Sphärolithe (Tschermak's Mineralogische und Petrographische Mittheilungen, Bd. 8 N. F. S. 440).

Prof. Fr. Knapp gibt einen sehr interessanten Beitrag zur Kenntniſs getrübter Gläser in der Chemiker-Zeitung, Bd. 8 S. 388 (vgl. Weinreb, 1885 256 361, Zsigmondy, 1889 271 36 und Tedesco, 1889 271 425). Die mitgetheilten Beobachtungen wurden schon vor Jahren gemacht. Norweger Feldspath, im Porzellanofen geschmolzen, gab eine unansehnliche, undurchsichtige, aber auch keineswegs dem Milch- oder Alabasterglase ähnliche Schmelze. Schon bei schwacher Vergröſserung unter dem Mikroskope gibt sie sich als ein feinblasiger Schaum aus völlig klarem Glase zu erkennen. Offenbar absorbirt das schmelzende Mineral im feurigen Flusse Gase, die beim Erkalten erst spät, erst bei schon vorgeschrittener Dickflüssigkeit, und darum unvollkommen entweichen.

Anders erschien das Schmelzproduct, als man den Feldspath mit Zusatz von Kalk, und zwar in steigendem Gewichtsverhältnisse, schmolz. Bei dem kleinsten Kalkzusatze zu dem Feldspath entstand ein vollkommen farbloses, blasenfreies Glas mit lebhaftem Glänze und schönstem Spiegel der glatt geflossenen Oberfläche. – Mit einem stärkeren Zusätze von Kalk erhielt man Schmelzen von gleichem Spiegel und Glänze, aber mit einer zarten, lichten, in Blau spielenden Trübung, ein Opalglas, dessen schönes, höchst ansprechendes, schon dem natürlichen Opal nahe kommendes Ansehen hohen Beifall fand. – Mit nochmals gesteigertem Kalkzusatze gab die Schmelze ein vollkommenes Milchglas, undurchsichtig, ohne Opalisiren, aber mit gutem Glänze und Spiegel. – Diese Versuche stellen auſser Zweifel, daſs eine milchige Trübung auch ohne Zusatz von Phosphaten und Fluorverbindungen im Glase auftreten kann.

Im Sprechsaal, Bd. 21 S. 394 und 414, finden sich einige Vorschriften zur Entfärbung von durch Eisen grünlich gefärbtem Glase; Braunstein allein, der von Agricola schon 1530 in seiner Wirkung auf Glas besprochen wurde, ist nicht genug zuverlässig, da die röthliche Farbe seines Silicates durch reducirende Einflüsse zu leicht zerstört wird. Mit Mangan allein entfärbte Gläser nehmen an der Sonne leicht einen gelben |90| Stich an. Sehr geringe Mengen von Kobaltoxyd schwächen die Farbe ab und sind als Zusatz anzurathen. Die besten Resultate ergibt der Zusatz von Nickeloxydul. Ein Gemenge von 68 Th. Pyrolusit, 23 Th. grünem Nickeloxydul und 2,8 Th. Kobaltoxyd gibt einem stark grünen halbweiſsen Glase, in geeigneter Menge (diese muſs durch Versuch festgestellt werden) zugesetzt, ein sehr brauchbares weiſses Glas. Der Nickelfärbung ist ein schwacher Stich ins Graue eigenthümlich. Antimon wirkt nicht farbenverändernd.

Das Thüringer Glas hat bekanntlich die vorzügliche Eigenschaft, sich wiederholt bis zum Erweichen erwärmen zu lassen, ohne zu entglasen. Dr. Schott fand durch Untersuchung des für die Herstellung von Thüringer Glas verwendeten Sandes, daſs der hohe Aluminiumgehalt die Ursache dieser Beständigkeit sei. Ein in der Hütte aus solchem Sande geschmolzenes Thüringer Glas zeigte folgende Zusammensetzung:

SiO2 67,7 Proc.
Al2O3 3,0
Fe2O3 0,4
CaO 7,4
MgO 0,3
Mn2O3 0,5
K2O 3,4
Na2O 16,0
As2O5 0,24

Durch Zusatz von Thonerde zu Glassorten, die sich vor der Lampe nicht verarbeiten lassen, wurden diesem Zwecke entsprechende Gläser erschmolzen. Die Thonerde scheint die Neigung der Gläser, zu krystallisiren, abzuschwächen (Sprechsaal, Bd. 21 S. 125).

Um die Stellung zu charakterisiren, welche die Thonerde in der Zusammensetzung des Glases einnimmt, hat A. Frank viele Gläser analysirt und die Analysen jener Gläser, deren Widerstandsfähigkeit durch langen Gebrauch erwiesen war, besonders hervorgehoben. Die Analysen einiger widerstandsfähiger Flaschengläser ist in Folgendem zusammengestellt:

I II III IV V
SiO2 60,4 56,7 57,3 57,4 56,7
Al2O3 8,1 9,7 10,5 10,6 10,3
Fe2O3 1,2 1,4 1,3 2,3 1,3
MnO 7,5
CaO 23,4 24,3 24,4 23,9 13,9
MgO 1,1 0,5 1,5 0,4
Na2O 5,7 7,3 4,9 5,4 10,4
Verhältniſs von CaO, Na2O
und MnO zu SiO2 wie

1 : 1,85

1 : 1,67

1 : 1,72

1 : 1,82

1 : 18

Nr. I ist das grüne Glas einer Champagnerflasche, Clicquot Veuve, also einem Glase entnommen, an das in chemischer, wie in mechanischer Hinsicht groſse Anforderungen gestellt werden, da es wechselndem Drucke, sowie der Einwirkung von Kohlensäure und organischen |91| Säuren dauernd Widerstand leisten muſs. – Nr. II und III, grün gefärbt – eine Burgunder- und Pouilloc-Flasche, war nachweislich lange auf dem Lager gewesen. Nr. IV hatte lange Zeit der Einwirkung von Alkalicarbonaten widerstanden. Nr. V war eine sehr gute Rheinweinflasche von braunem Siemens'schen Glase. Während für gutes Alkalikalkglas das Verhältniſs von Kieselsäure zu Basen = 3 : 1 gefordert wird, ist hier das Verhältniſs =1 : 1,8. Verfasser schlieſst daraus, daſs die Thonerde in den Gläsern die Rolle einer Säure spielt, was ja auch mit anderen Beobachtungen übereinstimmt. Die Erfahrung lehrt, daſs Thonerde haltige Gläser viel Kalk erfordern, um blank zu schmelzen. Als Beweis gibt Verfasser die Analyse zweier Glasschichten, die sich bei Benutzung von Porphyr gebildet hatten; die obere A war undurchsichtig, lavaartig, die untere B ein gutes Glas

A B
SiO2 61,4 63,3
Al2O3 5,1 1,2
Fe2O3 3,0 2,5
MnO 4,4 5,2
CaO 14,5 14,8
MgO 0,7 1,2
Alkalien 10,8 11,8

Durch Zusatz von Kalk verschwanden die beiden Schichten, und man erhielt blanke, gleichmäſsige Schmelzen (Diamant, Bd. 11 Nr. 6).

C. Barus und V. Strouhal haben Glasthränen mit verdünnter Fluſssäure behandelt und gefunden, daſs die Theilchen der Glasthräne schon einen gewissen Zusammenhalt zeigen, wenn man auf diese Weise eine Schichte von 0qm,03 ablöst, dagegen die Neigung zum Explodiren ganz verschwindet, wenn die abgelöste Schicht 0mm,5 ausmacht (Sprechsaal, Bd. 21 S. 307).

Herrn Direktor O. Rauter ist es gelungen, massives Goldrubinglas herzustellen, eine Kunst, die trotz zahlreicher Versuche seit Kunkel's Zeit verloren gegangen ist. Derartige rothe Gläser sind von der Rheinischen Glashütten-Actiengesellschaft in mehreren Ausstellungen exponirt worden. Die Erfindung hat Herrn Rauter mehrere gehässige Angriffe zugezogen, auch wurde die Priorität der Erfindung bestritten (Sprechsaal, 1887, auch Centralblatt der Keramik und Glasindustrie).

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