Titel: Blinden-Schreibapparate.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1889, Band 273 (S. 241–244)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj273/ar273049

Blinden-Schreibapparate.

Mit Abbildungen im Texte und auf Tafel 12.

Die Schreibapparate für Blinde lassen sich bekanntlich insofern in zwei Klassen theilen, als sie entweder auf die Anwendung der Braille-Schrift berechnet sind oder in irgend einer Weise die Herstellung gewöhnlicher Schriftzeichen ermöglichen. Die Ausführung und Verbreitung der Braille-Schrift bezieh. den die letztere und die gewöhnliche Schrift zulassenden Mauler'schen Schreibapparat haben wir in unserem letzten Berichte besprochen (vgl. 1888 267 202) und es sei daher heute auch einiger kleiner Apparate gedacht, welche für diejenigen Blinden bestimmt sind, denen ihr Augenlicht in späteren Jahren verloren gegangen ist und denen die Braille-Schrift nicht geläufig ist.

Ein kleiner, sehr einfacher derartiger Schreibapparat ist der von F. A. Boudard in Paris, Rectographe genannt, welcher, ohne die Vielseitigkeit des Mauler'schen Apparates zu besitzen, doch in seiner Einfachheit Vortheile darbietet, welche ihn für viele Fälle geeignet machen werden. Der Apparat besitzt eine Grundplatte aus Holz, Pappe u.s.w., von einer Dicke von 3 oder 4mm und von rechteckiger Form, deren Abmessungen der zu verwendenden Papiergröſse entsprechen. Diese Platte ist mit in der Schreibrichtung verlaufenden Nuthen versehen, deren Tiefe etwa 0mm,5 beträgt und deren Breite der Höhe der zu schreibenden kleinen Buchstaben (m, r u.s.w.) entspricht, also etwa 3mm. Diese Nuthen stehen genügend weit von einander ab, um eine freie Entfaltung mittlerer und groſser Buchstaben, wie z.B. g, Z, zu ermöglichen.

Ueber dieser Grundplatte ist eine zweite Platte von 1mm,5 Dicke im Scharnier drehbar angebracht, welche dadurch einen gitterartigen Anblick gewährt, daſs sie mit langgezogenen, rechteckigen Ausschnitten versehen ist, deren Entfernung unter einander bezieh. deren Länge mit den oben genannten, in der Grundplatte vorhandenen Nuthen übereinstimmt. Nach links laufen diese Ausschnitte, deren Kanten zum leichten Einführen des Schreibstiftes verbrochen sind, in eine dreieckige Kerbe aus.

Um den Apparat zu gebrauchen, stellt man ihn auf einen Tisch, hebt die gitterartige obere Platte auf und legt das zu beschreibende Papier auf die Grundplatte, derart, daſs es gegen die Scharniere zur Anlage kommt. Dann schlägt man das Gitter wieder nieder und regelt mit den Händen die seitliche Lage des Papierblattes. Nun kann das Schreiben beginnen, indem man den Zeige- oder Mittelfinger in die links befindliche, dreieckige zur Bezeichnung der Zeile dienende Kerbe einlegt, und den Schreibstift in den rechteckigen Längsausschnitt des Gitters einführt, wobei zur Bestimmung des Zeilenanfanges die rechte Hand den in der Kerbe liegenden Zeigefinger der linken Hand berührt. Diese Lage der linken Hand muſs der Blinde natürlich bis |242| zur Beendigung der Zeile beibehalten, um nicht in eine falsche Zeile zu gerathen.

Indem nun so der Blinde, vom linken Zeigefinger ausgehend, zu schreiben beginnt, zeigt ihm die in der Grundplatte befindliche Nuthe, welche bequem durch das Papier hindurch zu fühlen ist, an, wie groſs die kleinen Buchstaben zu schreiben sind, während der rechteckige Längsausschnitt eine Begrenzung der gröſseren Buchstaben, wie b, h, P, gibt. Dabei gelangt man nach kurzer Uebung dahin, am Schlusse der Worte den Schreibstift vom Papiere ein wenig abzuheben, zur Bildung der Wortzwischenräume. Das Ende einer Zeile wird durch die rechtsseitige Begrenzung des Längsausschnittes angezeigt, und man legt dann zur Bestimmung der nächsten Zeile den linken Zeigefinger in die nächste Kerbe. Ist auf diese Weise die ganze Seite beschrieben, so hebt man die obere, gitterartige Platte des Apparates auf, wendet das Papier und legt es jetzt derart wieder ein, daſs es nicht gegen die Scharniere antrifft, sondern gegen die untere Kante der Grundplatte. Durch dieses Mittel kommen die Zeilen der Rückseite zwischen die Zeilen der Vorderseite zu stehen, so daſs beide Seiten selbst dann leicht lesbar bleiben, wenn der Schreibstift etwas stark aufgedrückt wurde.

Das Arbeiten mit dem Apparat ist leicht, derart, daſs es ohne besondere Vorübung gelang, im Dunklen eine ganze Seite zu schreiben, welche vollkommen lesbar war (Bulletin de la Société d'Encouragement, 1888 S. 411).

Textabbildung Bd. 273, S. 242
Ein ähnlicher Apparat ist neuerdings von einem Oesterreicher Namens Costel angegeben, welcher Apparat sich ebenfalls aus einem kleinen, die Hand des Blinden stützenden Pulte mit im Scharnier beweglicher Oberplatte zusammensetzt. Diese Oberplatte besitzt ebenfalls einen rechteckigen Längsausschnitt zum Einführen des Schreibstiftes; während indeſs beim Apparat von Boudard so viel Ausschnitte vorhanden sind, als Linien zu schreiben sind, besitzt hier die Oberplatte, wie die Textfigur zeigt, nur einen einzigen Ausschnitt, und es muſs demgemäſs hier das zu beschreibende Papier bewegt werden. Zu dem Zwecke ist oben der kleine Holzcylinder gelagert, auf dem das Papier befestigt ist und welcher mittels eines gekerbten Rädchens und Sperrfeder in seiner |243| jeweiligen Lage gehalten wird. Unterhalb des Längsausschnittes ist als Führung für die Hand ein kleines Lineal in entsprechendem Abstande mittels ansitzender Zapfen befestigt.

Der Längsausschnitt hat eine der zu schreibenden Schrift entsprechende Höhe, und in demselben gleitet ein mit Knopf ausgerüsteter Schieber, welcher, indem er mit der linken Hand der Schrift nachgeschoben wird, die Stelle anzeigt, wo im betreffenden Augenblicke geschrieben worden ist, um so eine Verwirrung der Schrift zu vermeiden. Ob die Grundplatte hier auch wie beim Apparate von Boudard mit einer, der Höhe der kleinen Buchstaben entsprechenden Längsnuth versehen ist, läſst unsere Quelle nicht erkennen. Die Zeilenlänge ist natürlich durch den Längsausschnitt der Oberplatte bestimmt, und man hat nach Beendigung einer Zeile nur nöthig, den kleinen Schieber an das linke Ende zurückzuführen und den Papiercylinder zur Einstellung der neuen Zeile um eine dem Abstand der Kerben entsprechende Gröſse zu drehen. Nach Beendigung der Seite wendet man das Papier, auf dem übrigens auch mit Tinte geschrieben werden kann, indem der kleine Schieber einen gewissen Abstand vom Papiere hat, um die Schriftzeichen nicht zu verwischen. Wie beim Apparate von Boudard kann auch beim Schreibapparate von Costel auf mehreren Papierlagen geschrieben werden.

Wie ein Vergleich mit dem Mauler'schen Schreibapparate zeigt (vgl. 1888 267 205), besitzen beide Apparate Boudard und Costel zufolge der Verwendung flacher Schrift nicht die schätzenswerthe Eigenschaft, ein Nachlesen des Geschriebenen seitens des Blinden zu ermöglichen; bei der Einfachheit und Billigkeit der Apparate werden sie indeſs doch in vielen Fällen gute Dienste leisten können und mit dazu beitragen, das Schicksal der Blinden zu erleichtern (Bulletin de la Société d'Encouragement, 1889 S. 165).

Zum Schlusse sei noch eine Schreibmaschinenconstruction für Braille-Schrift von B. Stockbauer und F. Woerz in Haspe genannt (D. R. P. Nr. 45947 vom 16. August 1887). Diese Maschine besitzt als wesentlichen Theil sechs auf einer Achse d (Fig. 1 bis 3 Taf. 12) gelagerte Hebel d1 bis d6, welche am einen Ende Tasten a und am anderen je einen Druckstift e tragen, und zwar sind die sechs Druckstifte in der bekannten Punktschriftform zusammengestellt, wie Fig. 3 zeigt. Die Druckstifte e erhalten in zwei Platten Führung, und ihnen gegenüber befindet sich die mit sechs entsprechenden Aushöhlungen versehene Matrize g. Zwischen diese und die eine Platte g1 wird das zu beschreibende Papier eingelegt, dessen Transport entweder von Hand oder durch eine besondere mechanische Vorrichtung erfolgen kann. Zum Schreiben werden nun 1, 2 bis alle 6 Tasten niedergedrückt, entsprechend der Punktgruppirung des zu schreibenden Buchstabens, wobei sich die Druckstifte e heben und in die Aushöhlungen der Matrize g eintreten, so den Buchstaben erhaben in Braille-Schrift auf dem Papiere erzeugend.

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In der Patentschrift ist noch eine vieltheiligere Maschine dargestellt, bei welcher für jeden Buchstaben oder für jedes Zeichen eine besondere Anschlagtaste vorhanden ist. Diese Anordnung bedingt natürlich die Verwendung weiterer Zwischenmechanismen, welche die Maschine, die wohl mehr für den Verkehr der Sehenden mit den Blinden geeignet sein dürfte, complicirter machen. Die Anordnung der Druckstifte und Matrize bleibt im Uebrigen dieselbe.

Kn.

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