Titel: Neuheiten in der Explosivstoff-Industrie und Sprengarbeit.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1890, Band 275 (S. 111–116)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj275/ar275021

Neuheiten in der Explosivstoff-Industrie und Sprengarbeit.

Mit Abbildungen.

Seit unserem jüngsten Berichte hat die Frage des rauchschwachen Pulvers eine so schnelle Entwickelung durchgemacht, wie sie in der Geschichte der Explosivstoffe wohl noch nicht erlebt wurde. Die Tagesblätter bringen alle Augenblicke eine andere überraschende Meldung, allein sehr häufig werden verschiedene Pulver in denselben Topf geworfen, und es hält selbst für den Fachmann manchmal schwer, in dem Gewirre einander überstürzender Nachrichten richtige Unterscheidung zu treffen. Unter solchen Umständen ist es wohl Pflicht eines Fachblattes, seine Leser genauer zu orientiren, allein einerseits sind derlei neue Erfindungen nur für wenige Eingeweihte zugänglich, andererseits sind dem Referenten selbst Vorbehalte auferlegt, welche eine gründliche Behandlung der Frage derzeit noch ausschlieſsen. Wir wollen versuchen, dem technischen Publikum ein allgemeines Bild auf Grund bekannterer Angaben zu bieten.

Es ist noch nicht so lange her, daſs die Magazin- oder Schnellfeuer-Gewehre alle Welt in Bewegung setzten, ja in gewissem Sinne ist diese Frage noch immer nicht abgeschlossen. Thatsache bleibt es, daſs nunmehr alle Staaten an die regelmäſsige Ausrüstung ihrer Truppen mit solchen Gewehren schritten, welche, um dem ohnehin schwer belasteten Soldaten das Mitnehmen der bedeutend vergröſserten Menge |112| von Munition zu ermöglichen, in einem etwa um ein Drittel kleineren Kaliber hergestellt werden. Damit war nun schon von vornherein ein verändertes Pulver nothwendig geworden. Vor Allem muſste die Patrone trotz ihres kleineren Querschnittes Pulver von solcher Kraft enthalten, daſs dem Geschosse die gleiche Treffweite gesichert blieb. Sodann muſste das Geschoſs eine mehr geradlinige Flugbahn erhalten, weil dem Manne nur wenig Zeit zum Zielen bleibt. Dies führt zu einem Pulver, welches lebhaft verbrennt (brisanter ist)* damit aber entsteht der Nachtheil, daſs der Gewehrlauf, um den plötzlich auftretenden hohen Druck auszuhalten, ungewöhnlich stark werden muſste, um die nöthige Sicherheit zu bieten. Man war also ziemlich einig darüber, daſs das neue Pulver wenig brisant sein und seine volle Kraft erst am Ende des Laufes entwickeln müsse, also geringen Gasdruck und hohe Anfangsgeschwindigkeit zu leisten habe.

Diese Bedingung war in gleicher Weise für Gewehr- und Geschützpulver gegeben, weil auch die Artillerie in ihren Schnellfeuer-Kanonen nahezu gleiche Umstände zu berücksichtigen hatte. Die weitere Feuerentwickelung der beiden Waffen ist jedoch so verschieden, daſs die Pulverfrage bei beiden vielfach geändert ist, und wir müssen deshalb zwischen beiden wohl unterscheiden. Spricht man heute von rauchschwachem Pulver, so denkt man meist an Gewehrpulver.

Obzwar man nun durch Abänderung der Bestandtheile und ihrer Behandlung während der Erzeugung, sowie durch Umgestaltung der Patronen den vorerwähnten Bedingungen zu entsprechen suchte, so ergab sich doch bald eine neue Schwierigkeit, welche groſse Verlegenheit bereiten muſste. War schon früher die Phrase von Pul verdampferfüllter Atmosphäre keine leere gewesen, so muſste bei dem nun einzuführenden Schnellfeuer gefunden werden, daſs nicht nur der Rauch sich bis ins Unerträgliche steigern werde, sondern daſs selbst der Plänkler nach wenigen Schüssen so viel Rauch vor sich lagern haben werde – da er besonders bei Windstille nicht so rasch zergehen kann, als der Schütze feuert –, daſs ihm alles Zielen unmöglich sein müsse. Man muſste also nach einem Pulver suchen, welches rauchlos verbrennt, und da dies wohl theoretisch, niemals aber praktisch möglich ist, so gab man zuerst in Deutschland den Namen „rauchschwaches Pulver“ (smoke-feeble powder) den in der Folge aufgetauchten Producten.

Aus dem Vorhergehenden folgt, daſs an ein „rauchschwaches Pulver“ nunmehr folgende Bedingungen gestellt werden:

1) hohe Kraft in kleinem Raume,

2) geringes spezifisches Gewicht (um die Patrone leichter zu machen),

3) geringer Gasdruck,

4) groſse Anfangsgeschwindigkeit,

5) groſse Rasanz der Flugbahn,

6) geringe Rauchentwickelung.

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Hiezu kommen noch:

7) Unschädlichkeit des Rauches,

8) Beständigkeit des Pulvers,

9) Ungefährliche Handhabung.

Der achte Punkt bedarf einer eingehenden Erörterung, denn wenn auch die anderen Punkte groſse Ansprüche an das Pulver stellen, so ist doch unter Beständigkeit desselben eine ganze Reihe von Bedingungen zu verstehen.

Wir werden später sehen, daſs die rauchschwachen Pulver sich hauptsächlich in der Richtung der irrthümlich sogen. „chemischen“ Explosivstoffe bewegen, nämlich solcher Stoffe, welche erst künstlich erzeugt werden. Die Bereitwilligkeit, mit welcher solche Explosivstoffe bei der Explosion in ihre Componenten zerfallen müssen, führt nothwendigerweise eine nicht unter allen Umständen sicher gestellte chemische Beständigkeit herbei, und es ist deshalb wichtig, daſs diese unter allen in der Wirklichkeit möglichen Verhältnissen von Wärme und Kälte, Feuchtigkeit und Trockenheit, Schlag und Stoſs, Rütteln, Dauer der Aufbewahrung u.s.w. genügend groſs sei. Während ferner der von alters her beim Schwarzpulver gefühlte Uebelstand der Trennung der Bestandtheile durch Feuchtigkeit auch weiter zu berücksichtigen ist, kommt noch in manchen Fällen die Bildung von Schimmelpilzen hinzu, welche man von der Schieſsbaumwolle her genügend kennt. Manche Stoffe greifen ferner mit der Zeit die Wandungen der Patronenhülsen an und bilden neue Verbindungen, welche die Eigenschaften des Pulvers beeinträchtigen oder der Beständigkeit Eintrag thun. Wieder andere sind an sich ganz ausgezeichnete Explosivstoffe, jedoch gegen mechanische Einflüsse empfindlicher, als dies mit der wenig sorgsamen Behandlung im Kriege oder auf dem Manövrirfelde verträglich ist.

Am naheliegendsten war es, bei der Idee für ein rauchschwaches Pulver auf die Nitrocellulose zu verfallen. Seit vielen Jahren schon wird Holz-Nitrocellulose als Schultze'sches Pulver, insbesondere in England, zu Jagdzwecken verwendet. Dann kam das E. C.-Pulver (vgl. 1883 249 456), welches hauptsächlich aus Schieſsbaumwolle bestand. In neuerer Zeit wurden mehrfach aus Schieſsbaumwolle erzeugte Pulver, hauptsächlich zu Jagdzwecken, angegeben, allein sie bahnten sich nur schwer Eingang, und die englische Jagdzeitung Field hatte öfters über Unglücksfälle durch Zerspringen der Rohre zu klagen.

Mit der allmählichen Vervollkommnung der Schieſswoll-Fabrikation, wie sie durch die ausgedehnte Verwendung zu Torpedo- und Granatenfüllungen bedingt war, war ein Explosivstoff geboten, dessen Eigenschaften ziemlich gleichmäſsig erhalten werden konnten. Zu gleicher Zeit wurde man durch das Melinit wieder auf die Pikrinsäure und ihre Derivate aufmerksam, und studirte auch diese eingehender.

An die Verwendung der eigentlichen Schieſsbaumwolle (Trinitrocellulose) |114| konnte nicht gedacht werden, da ihre Brisanz zu groſs ist. Dagegen fand man, daſs die Collodiumwolle (Dinitrocellulose, lösliche Schieſswolle) von geringerer Brisanz sei, in nahezu homogener Zusammensetzung erzeugt werden könne und vielen der an ein rauchschwaches Pulver zu stellenden Bedingungen entspreche. Immerhin ist aber ihre Brisanz noch groſs genug, um, allein verwendet, zu hohen Gasdruck und zu unregelmäſsige Anfangsgeschwindigkeit zu liefern.

Fig. 1., Bd. 275, S. 114
Fig. 2., Bd. 275, S. 114

Die meisten der neueren, mehr oder minder gut bewährten rauchschwachen Pulver enthalten lösliche Schieſswolle mit anderen, die Brisanz herabmindernden Stoffen oder zu dem gleichen Zwecke in eigenthümlicher Weise behandelt. Wolff und Comp. in Walsrode, welche schon früher Schieſsbaumwolle zu Granatenfüllungen in ähnlicher Weise behandelten, versetzen die Collodiumwolle mit Essigäther, um durch das so entstandene dünne Collodium-Häutchen die Verbrennung zu verlangsamen. Ganz gleich ist das Vorgehen von H. S. Maxim in London (vgl. 1889 273 66). Derselbe verdampft Essigäther aus einem Reservoir B (Fig. 1 und 2) durch ein Wasserbad C und führt es mittels der Hähne K und I und der Leitung J in einen Cylinder A, in welchem die Schieſswolle sich befindet und woraus die Luft ausgepumpt wurde. Nach der Einwirkung des Essigäthers wirkt eine Presse auf die Kolbenstange G und den Kolben F, während der Hahn I bei abgeschraubter Leitung J geöffnet ist, wodurch ein ununterbrochener Streifen ausgepreist wird, den man nachher entsprechend zerkleinert.

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Fr. Gaens in Hamburg (unter welchem Namen Einige die von der Pulverfabrik Rottweil-Hamburg erzeugten Pulver finden wollen) löst Nitrocellulose in Essigäther zu einer Gelatine, und vermischt auf 25 Th. Nitrocellulose 60 Th. Kalisalpeter und 15 Th. humussauren Ammoniaks (durch Auslaugen von Torf hergestellt), welche sodann gepreſst, gekörnt und getrocknet werden.

Das Nobel'sche rauchschwache Pulver (vgl. 1889 273 67) war ursprünglich als Modification der Kampher-Sprenggelatine gedacht. Später hat man wohl gefunden, daſs der Kampher zu unzuverlässig sei und besonderer Reinigung bedürfe, um gleichmäſsige Leistungen zu ermöglichen. Gegenwärtig wird nach Privatnachrichten das Nobel'sche rauchschwache Pulver aus einer Gelatine von 50 Th. Nitroglycerin und 50 Th. Collodiumwolle hergestellt. Da die Erzeugung von Gelatine mit einer so groſsen Menge von Nitrocellulose direkt nicht möglich wäre, so fügt man eine genügende Menge von Benzol zum Nitroglycerin, das mittels einer Brause in feinen Strahlen auf die Nitrocellulose gegossen wird. Die Masse wird sodann, nach Abdampfung des Benzols, zwischen geheizten Walzen zu Blättern gerollt, hernach zu dünnen Streifen und dann zu Körnern zerschnitten, die Blätter haben ein dunkelbraunes Ansehen, das Pulver ist mehr gelbbraun. Zündet man ein solches Pulverblatt an, so brennt es schichtenweise unter Funkensprühen ab. Das Aussehen der Blätter läſst sich am besten mit rohem Kautschuk vergleichen.

Es ist interessant, daſs in dem Falle des Nobel'schen Pulvers einer der kräftigsten Explosivstoffe, das Nitroglycerin, hauptsächlich die Rolle spielt, die Brisanz der Collodiumwolle herabzumindern, und selbst unter dem Einflüsse des Gewehr-Zündhütchens nur verbrennt, nicht detonirt. Die Art der Herstellung, welche bei Gelatine immer ein groſses Hinderniſs für die Gleichmäſsigkeit des Productes ist, läſst auch für das rauchschwache Pulver nur einen beschränkten Grad von Verläſslichkeit zu, und dies ist wohl mit ein Grund, warum dieses sonst so viele werthvolle Eigenschaften besitzende Pulver nicht zum Gebrauche gelangt ist.

Abel und Dewar sollen sich jetzt für die englische Regierung mit der Vervollkommnung des Gelatinir-Verfahrens, sowie mit der Herstellung eines Pulvers beschäftigen und dem Vernehmen nach ausgezeichnete Resultate erzielt haben. Dieses neue Pulver, Cordite genannt, ist gleichfalls braun, in der Form dünner Fäden von der Länge der Patrone, welche zu einem Bündel vereinigt sind.

Die schweizerische Regierung hat schon ein rauchloses Pulver P.-C. 88 (Pulver-Composition 88) eingeführt, das bei 2g,4 Ladung im 7mm,5 Schmidt-Gewehre 615m Anfangsgeschwindigkeit und nur 1300 atmosphären Maximaldruck lieferte, und von Schenker und Amsler Sohn zusammengesetzt wurde.

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Die französische Regierung hat schon seit langem das von Vieille hergestellte rauchlose Pulver aus Collodiumwolle. Oesterreich-Ungarn scheint neuestens eines von Major Schwab zu begünstigen, welches als grauschwarzes, groſskörniges, chemisches Product beschrieben wird. Belgien arbeitet an der Herstellung von Holz-Nitrocellulose. Deutschland, welches wohl die meisten Versuche von Privatpulvern machte, soll es kürzlich abgelehnt haben, ferner von Privatfirmen erzeugte Pulver anzunehmen, nachdem es erst jüngst eine groſse Parthie wegen mangelhafter Güte zurückwies, und im Allgemeinen nicht den gewünschten Grad von Verläſslichkeit erzielen konnte. Deutschland soll in dem von Generalmajor Küster in Spandau hergestellten Pulver ein sehr gutes Schieſsmittel besitzen.

Im Allgemeinen läſst sich wohl behaupten, daſs bisher noch kein vollkommenes, rauchschwaches Pulver erfunden wurde. Soweit bekannt, hat noch jedes seine Nachtheile, und einzelne Regierungen, welche nicht unmittelbar bedroht sind, warten deshalb lieber ab.

Für Geschützpulver spielt Pikrinsäure und ihre Verwandten eine groſse Rolle. Es scheint noch verfrüht, näher hierauf einzugehen, da Unregelmäſsigkeiten in der Zusammensetzung des Pulvers bei groſsen Schüssen sehr fühlbar sind, und bisher noch nichts wirklich Gutes vorhanden ist. Im Allgemeinen wird Schieſsbaumwolle und pikrinsaures Ammon bei den Compositionen der Schieſs- und Sprengladungen – nebst geschmolzener Pikrinsäure – vorgezogen.

Da die Patente verschiedener Fabriken mit einander zu collidiren scheinen und die rauchlosen Pulver viele Aehnlichkeit mit einander haben, so haben einige deutsche Pulverfabriken mit den Nobel'schen Fabriken eine Einigung geschlossen, welche alle Betheiligten vor Concurrenz bewahrt und wohl auch Gewähr für die Erreichung eines guten Pulvers bietet.

Oscar Guttmann.

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