Titel: Witt, über Fortschritte der Technologie der Gespinstfasern.
Autor: Witt, Otto N.
Fundstelle: 1890, Band 275 (S. 230–240)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj275/ar275036

Bericht über die Fortschritte der chemischen Technologie der Gespinnstfasern während des Jahres 1889; von Dr. Otto N. Witt.

(Fortsetzung des Berichtes S. 164 d. Bd.)

Die direkte Erzeugung der Azofarbstoffe auf der Faser macht groſse Fortschritte, namentlich im Elsaſs werden vielfach schöne Druck- und Farbeneffecte auf diese Weise erzielt. T. Buzzi veröffentlicht einen Artikel über diesen Gegenstand in der Industria auf Grund von Versuchen, welche in der Chemieschule zu Mülhausen angestellt wurden. Buzzi arbeitete hauptsächlich mit den Thioderivaten der aromatischen Basen. Die besten Resultate wurden mit Thioxylidin erzielt, welches durch Erhitzen gleicher Moleküle Schwefel und Xylidin auf 160 bis 170° unter gelegentlichem Zusätze von Bleioxyd erhalten wurde. Die Reactionsmasse wurde in Alkohol aufgenommen, die Lösung mit Salzsäure angesäuert, der Alkohol abdestillirt und der Rückstand mit Wasser ausgekocht. Die Lösung wurde mit Natronlauge gefällt, intactes Xylidin mit Wasserdampf abgetrieben und das zurückbleibende Thioxylidin in Chlorhydrat übergeführt. Die Diazoverbindung dieser Base zeigt eine so groſse Affinität für Baumwolle, daſs sie selbst aus einer halbprocentigen Lösung von dieser Faser ausgezogen wird. Die mit Diazoverbindung beladene Baumwolle kann an der Luft getrocknet werden. Die so vorbereitete Faser wurde nun mit alkalischen Lösungen von β-Naphtol, α-Naphtol, Brom-β-Naphtol, Resorcin und Phenol behandelt. Mit den erstgenannten 3 Phenolen wurden rothe Färbungen erzielt, während die beiden letztgenannten gelbe lieferten. Dieselben sind alle nicht flüchtig, ziemlich glänzend, wasch- und seifenecht, namentlich die β-Naphtolderivate sind glänzend und schön. Bei dem Eintauchen der Faser in das Naphtolbad findet ein Niederschlag in demselben nicht statt. Im direkten Aufdruck wurden bloſs auf folgendem Wege brauchbare Resultate erhalten: Die sehr beständige Diazoverbindung des Thioxylidins wurde mit Gummiwasser verdickt aufgedruckt und der Druck nach dem Trocknen durch Eintauchen in die Naphtollösung entwickelt. Schöne seifenechte Druckmuster wurden auf diese Weise erhalten.

E. Nölting bespricht in der Chemiker-Zeitung die von ihm entdeckten |231| substantiven Azofarbstoffe, welche von der Société anonyme des matières colorantes de St. Denis erzeugt werden und sich von den Azoxyderivaten der primären aromatischen Basen ableiten. Der wichtigste dieser Farbstoffe, das Rouge des St. Denis, ist das Einwirkungsproduct diazotirten Azoxyortotoluidins auf α-Naphtol-α-Sulfosäure und zeichnet sich vor allen bis jetzt bekannten Substantiven Farbstoffen durch groſse Reinheit des Tones und vollkommene Säurebeständigkeit aus. Es hat aber andererseits die Eigenschaft, Pflanzenfasern auf alkalischem Bade anzufärben in viel geringerem Maſse als die Congofarben und Benzopurpurine, und unter den gewöhnlichen Bedingungen werden die Bäder nicht ausgezogen und keine dunklen Töne erzielt.

Man kann jedoch diesen Uebelständen durch passende Abänderung der Bedingungen abhelfen und Ausfärbungen erhalten, welche, was Schönheit und Tiefe des Tones anbetrifft, nichts zu wünschen übrig lassen. Die Bäder werden allerdings nicht völlig ausgezogen und müssen aufbewahrt werden, was übrigens auch bei den anderen Substantiven Farbstoffen der Fall ist. Zum Ausfärben auf Baumwolle, sowohl im Strang wie im Stück, bedient man sich des folgenden, von Rosenstiehl ausgearbeiten Verfahrens.

Färbebad für 10k Baumwolle. Auf 200g St.-Denis-Roth gieſst man 6l Aetznatron von 7° Bé., erhitzt, und wenn alles gut gelöst ist, gibt man die ganze Auflösung in ein vorher erhitztes Färbebad, welches mit 200l Wasser, 48k Kochsalz und 5l Aetznatronlauge von 40° Bé. angesetzt ist. Man erwärmt das Bad bis auf 85°, führt die Baumwolle ein, geht bis 90 bis 95° und bleibt während ½ Stunde bei dieser Temperatur. Die Ausfärbung ist in 30 Minuten völlig beendet. Hierauf zieht man die Baumwolle heraus, quetscht die Flüssigkeit gut aus, bringt die Waare in ein Säurebad, welches 1 Proc. Schwefel- oder Salzsäure enthält, während 5 bis 10 Minuten, wäscht sodann aus und trocknet. Das Färbebad, das nicht völlig ausgezogen ist, wird natürlich aufbewahrt und kann unbeschränkt lange dienen. Um bei den folgenden Ausfärbungen die gleiche Höhe des Tones wie bei der ersten zu erzielen, setzt man jedesmal für 10k Baumwolle 165g St.-Denis-Roth, in 5l,700 Aetznatron von 7° Bé. gelöst, und 0l,5 Aetznatron von 40° Bé. hinzu. Für ein sehr tiefes Roth nimmt man beim ersten Ausfärben 300g St.-Denis-Roth und 9l Aetznatron von 7° Bé., und für die folgenden Operationen 250g Roth, 8l,750 Aetzlauge von 7° Bé. und 0l,5 Lauge von 40° Bé.

Je nach dem angewendeten Färbeverfahren kann man die Wassermenge reduciren. In diesem Falle vermindert man aber auch die Quantität des Salzes und zwar so, daſs das Färbebad immer ein specifisches Gewicht von 14 bis 15° Bé. zeigt. Besonders für Baumwollzwirn und sehr dicht gewebte Baumwollstoffe ist die vorher beschriebene Färbemethode von Wichtigkeit. Je näher man beim Ausfärben |232| der Temperatur von 100° C. gekommen, desto widerstandsfähiger gegen Seife wird die Farbe und desto besser wird das Bad erschöpft. Bei 60 bis 70° wird nur etwa die Hälfte des Farbstoffes ausgezogen.

Um immer Töne von gleicher Intensität zu erhalten, ist es von Wichtigkeit, den Salzgehalt des Bades stets constant zu halten; bei der Temperatur von 90 bis 95° muſs es ein specifisches Gewicht von 14 bis 15° Bé. zeigen. Ist es schwächer, so muſs man Salz hinzufügen.

Man muſs vermeiden, das Volumen des Färbebades durch Condensation des Dampfes zu vermehren, es ist also empfehlenswerth, nicht mit direktem Dampf, sondern mittels einer Schlangenröhre zu erhitzen, jedoch muſs man in diesem Falle das verdampfte Wasser ersetzen.

Bei genauer Einhaltung dieser verschiedenen Vorsichtsmaſsregeln, aber auch nur in diesem Falle, erhält man ausgezeichnete Resultate.

Wie alle Azoverbindungen, läſst sich das Rouge de St.-Denis durch Zinnoxydulverbindungen mit Leichtigkeit ätzen, wobei man die für Conga und Benzopurpurin gebräuchlichen Aetzfarben anwenden kann.

Eine Reihe von neuen Farbstoffen ist auf dem Markte erschienen. Ueber die nachfolgenden derselben ist uns Genaueres bezüglich der Anwendung bekannt geworden.

Violettschwarz der Badischen Anilin- und Sodafabrik gehört zur Klasse der Baumwolle ohne Beize färbenden Azoverbindungen. Es wird wie die bereits bekannten Substantiven Farbstoffe angewendet und liefert ein dunkles Violettschwarz, welches durch Säure in ein schönes Blauschwarz übergeht. Die Färbungen sind gegen Wasser und Seife ziemlich echt. Wie alle Substantiven Farbstoffe, so wirkt auch Violettschwarz als Beize für basische Anilinfarbstoffe. Das damit erzeugte Schwarz läſst sich daher durch Ueberfärben mit basischen Farbstoffen beliebig nüanciren. Auch auf thierische Fasern zieht das Violettschwarz sowohl aus alkalischem wie aus saurem Bade. Die aus ersterem erhaltenen Färbungen sind gleichmäſsiger. Auf Wolle färbt man am besten aus neutralem Bade ohne jeden Zusatz, wobei die Faser egal durchgefärbt wird und weich bleibt. Die erzielten Färbungen sind vollkommen walkecht. Auf Seide wird ein Zusatz von essigsaurem Ammoniak zum Bastseifenbade empfohlen, nach dem Färben und Auswaschen wird im Säurebade avivirt. Das Violettschwarz empfiehlt sich namentlich auch als Grundirfarbe, sowie zum Abdunkeln glänzender Töne.

Ein dem Violettschwarz in seiner Anwendungsweise ähnliches Product ist das sogen. Benzoschwarzblau der Farbenfabriken vorm. Friedrich Beyer und Co. in Elberfeld, welches dunkelschwarzblaue Töne liefert. Man färbt am besten im kochenden Seifenbade, welchem 4 Proc. Potasche zugesetzt worden, und erhält mit 3 Proc. Farbstoff ein schönes und weit tieferes Dunkelblau, als man es mit dem bisher benutzten Benzoazurin und Azoblau erhalten hat.

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Das sogen. Primulin fährt fort, allgemeines Interesse zu erregen. Dasselbe ist jetzt als Sulfosäure einer Base erkannt worden, welche neben dem eigentlichen Thioparatoluidin durch Erhitzen des Paratoluidins mit Schwefel entsteht und von Dahl und Co. zuerst bereitet wurde (D. R. P. Nr. 35790 vom 7. November 1885). Durch seine Echtheit, seine groſse Affinität zur pflanzlichen Faser und durch seine Fähigkeit, sich auf derselben diazotiren zu lassen, verdient das Primulin in der That das rege Interesse, welches ihm von allen Seiten entgegengebracht wird. Die Diazoverbindung liefert bei nachträglicher Behandlung mit Phenol ein Goldgelb, mit Resorcin ein Orange, mit β-Naphtol ein etwas trübes Ponceauroth. Obgleich diesen Färbungen eine auſserordentliche Wasch- und Seifenechtheit nicht abgesprochen werden kann, so erscheint es doch bei der ziemlich complicirten Färbeweise fraglich, ob dieselben ein mehr als vorübergehendes Interesse besitzen.

Die Azoderivate des Primulins werden jetzt auch als solche hergestellt und als Substantive Farbstoffe in den Handel gebracht. Nach einem englischen Patente von Dreifuſs wird der aus diazotirtem Primulin mit β-Naphtol entstehende scharlachrothe Farbstoff durch Behandlung mit Bisulfitlauge in einen namentlich für den Druck geeigneten wasserlöslichen Zustand übergeführt. Das so erhaltene Product bildet ein braunes leicht lösliches Pulver. Zur Abscheidung des rothen Farbstoffes auf der Faser taucht man das bedruckte Gewebe in verdünnte Natronlauge oder man dämpft es.

Ein neuer gelber Baumwollfarbstoff ist das Carbazolgelb, welches aus Diamidocarbazol durch Diazotirung und Vereinigung mit Salicylsäure erhalten wird. Durch die Einführung dieses Productes wird auch dem Carbazol, welches im Steinkohlentheer in gröſserer Menge vorhanden ist, als man bisher anzunehmen pflegte, eine technische Verwendung gesichert. Die Verwendung des Carbazolgelbes entspricht genau der des Chrysamins und aller anderen Substantiv-Baumwollfarbstoffe. Ein dem Carbazolgelb ganz ähnlicher Farbstoff ist das Baumwollgelb G der gleichen Firma. Dasselbe eignet sich namentlich zum Zeugdrucke und kann sowohl ohne Beize als auch unter Zusatz von Chrombeize aufgedruckt werden.

Eine geeignete Druckvorschrift für Baumwollgelb und Carbazolgelb lautet wie folgt: 7g,5 Farbstoff werden in 400g kochendem Wasser gelöst. Hierzu werden 500g Traganthschleim, 5procentig, 50g 20procentige Marseiller Seifenlösung und 50g 20procentige Lösung von phosphorsaurem Natron gebracht. Man druckt, trocknet und dampft ¾ Stunden ohne Druck. Beim Färben von Baumwollgelb und Carbazolgelb empfiehlt sich ebenso wie für Hessischgelb ein Zusatz von Kochsalz zum Bade.

Unter dem Namen Thioflavin T und S bringt die Firma Leopold Casella und Co. zwei neue gelbe Farbstoffe in den Handel, von denen |234| der erstere mit Tannin und Brechweinstein gebeizte Baumwolle färbt, während der andere auf ungeheizte Baumwolle zieht. Diese Farbstoffe liefern reine und echte Nuancen und eignen sich zur Herstellung von Mischfarben.

Obgleich sehr viele Versuche gemacht worden sind, die Orseille durch künstliche Farbstoffe zu verdrängen, so ist dies doch weniger rasch und vollständig gelungen, als es z.B. mit der Cochenille der Fall war. Der Grund für das Festhalten der Färber an der so flüchtigen Orseille liegt in der Fähigkeit der letzteren, auſserordentlich gleichmäſsig aufzufärben. Die Orseille eignet sich daher in ganz hervorragender Weise zur Herstellung der vielen Misch- und Modefarben, welche eine so groſse Rolle in der Färberei spielen. In einzelnen ihrer Anwendungsweisen ist ja die Orseille durch das Echtroth verdrängt worden, doch wird diesem Farbstoffe seine Tendenz, namentlich auf Seide sehr rasch aufzufallen, vorbeugen. Diesem Uebelstande soll das der Badischen Anilin- und Sodafabrik patentirte „Azocarmin“ genannte Product abhelfen. Durch die Gleichmäſsigkeit, mit der dieser Farbstoff auffärbt und selbst das dichteste Gewebe durchdringt, scheint dieser Farbstoff in der That berufen, als endgültiger Ersatz der Orseille einzutreten, welcher er in der Nuance vollständig gleichkommt. Dagegen ist seine Licht- und Seifenechtheit gröſser als die des genannten natürlichen Farbstoffes. Azocarmin ist empfindlich gegen Berührung mit Metallen, es empfiehlt sich daher bei seiner Verwendung statt der sonst üblichen kupfernen Färbekessel hölzerne Kufen zu benutzen.

Ein neuer Farbstoff der Firma Gillard, Monnet und Cartière in Lyon hat einiges Interesse. Derselbe wird als Carminaphte bezeichnet und dient einem sehr eigenthümlichen Zwecke. Er wird zum Färben von Garnen benutzt, welche der Weber aus irgend einem Grunde von gleichzeitig verarbeiteten anderen Garnen unterscheiden muſs. Man färbt mit Carminaphte im essigsauren Bade (15 Proc. Essigsäure vom Gewicht der Waare) kalt bis höchstens 50° warm. Je nach der Menge des angewendeten Farbstoffes färbt sich die Wolle rosa bis roth. Man kann auch die Schlichte anfärben, indem man zu einem aus 4k Stärke und 400l Wasser bereiteten Kleister lauwarm 1k Carminaphte hinzufügt. Erhitzt man die so gefärbte Faser auf über 80° C, so verschwindet die Färbung gänzlich.

Das Rhodamin hat sich endgültig die Stellung als schönster und glänzendster aller rothen Farbstoffe erobert. Vor allen Mitbewerbern um den gleichen Platz zeichnet es sich durch seine groſse Lichtechtheit aus, welche indessen auf Wolle und Seide gröſser ist als auf Baumwolle. Das Rhodamin hat das alte und namentlich bei Färbern viel verbreitete Vorurtheil durchbrochen, daſs glänzende Farbstoffe mit Nothwendigkeit lichtempfindlich sein müssen. In seiner Anwendung bietet Rhodamin nichts Neues, es wird auf Seide und Wolle wie alle |235| basischen Farbstoffe aus schwachsaurem Bade gefärbt, auf Baumwolle mit Tannin und Brechweinstein oder zur Noth auch mit essigsaurer Thonerde fixirt.

Eines der Producte, welche wir auſser dem Rhodamin der Einführung des Dimethylmetamidophenols in die Technik verdanken, ist das Nilblau. Die Constitution dieses Farbstoffes ist noch nicht ganz aufgeklärt. Er entsteht durch gemeinsame Oxydation von α-Naphtylamin mit Amidodimethylmetamidophenol in änlicher Weise wie das Indophenol und es sind auch hier die bekannten Abänderungen des typischen Verfahrens zulässig. Das Nilblau ist ein grünlich blauer Farbstoff von groſsem Glänze, dessen Schönheit eben so sehr die des Methylenblaus überragt, wie dies bei Rhodamin gegenüber dem Eosin der Fall ist. Die Verwendung ist der des Methylenblaus ganz ähnlich. Das Anwendungsgebiet des Nilblaus dürfte hauptsächlich im Baumwolldrucke liegen, es kann entweder für sich allein oder mit Methylenblau gemischt zur Erzielung schöner Nuancen dienen. Einem vollkommenen Ersätze des Methylenblaus durch Nilblau dürfte der durch die Herstellungsweise bedingte hohe Preis des letzteren im Wege stehen.

Die Farbstoffe der Indulinreihe finden endlich die eingehende Bearbeitung, welche sie verdienen. Ihre auſserordentliche Echtheit in Verbindung mit ihrer dem Indigo gleichenden tiefdunkelblauen Nuance veranlaſsten den Referenten, schon vor Jahren sich mit dieser Klasse von Farbstoffen einläſslich zu beschäftigen. Die Firma Farbwerke vorm. Meister, Lucius und Brüning in Höchst a. Main hat durch Auffindung geeigneter Trennungsmethoden der in der Indulinschmelze entstehenden Farbstoffe einen erheblichen Fortschritt zu verzeichnen. Auch die zuerst von Dahl und Co. versuchte Einführung des Paraphenylendiamins in das Molekül der Induline ist von Wichtigkeit geworden. Die so erhaltenen Farbstoffe, welche jetzt schon in verschiedenen Nuancen geliefert werden können, haben den Vorzug, direkt in Wasser löslich und daher auch für Baumwollfärberei und Druck verwendbar zu sein.

Unter dem Namen Alizaringrün bringt die Badische Anilin- und Sodafabrik einen neuen Farbstoff in den Handel, welcher zu den zahlreichen durch die Alizaringruppe erzielbaren Nuancen auch noch ein hübsches Blaugrün fügt. Der Farbstoff wird durch Sulfirung und vermuthlich gleichzeitiger Oxydation des Alizarinblaus beim andauernden Erhitzen mit rauchender Schwefelsäure erhalten und kann durch Behandlung mit Natriumbisulfit ebenso wie die anderen Farbstoffe dieser Klasse in wasserlösliche Form übergeführt werden. Der Farbstoff erscheint dementsprechend in zwei verschiedenen Marken SW und S im Handel und bildet entweder ein wasserlösliches Pulver oder einen Teig. Ein neues verwandtes Product ist das in seiner Nuance zwischen dem Alizarinblau und Alizaringrün stehende Alizarinindigblau, welches aus dem Grün durch weiteres Erhitzen mit concentrirter Schwefelsäure auf |236| 200 bis 210° erhalten wird und ebenfalls in verschiedenen Marken in den Handel kommt. Alle diese Producte eignen sich sowohl für Baumwolle als auch für Wolle, ganz besonders aber für letztere, auf welcher sie den Indigo zu ersetzen berufen sind. Sie werden gerade so wie das Alizarinblau selbst ausschlieſslich mit Chrombeize fixirt, doch sind von Eduard Köchlin auch Nickel- und Kobaltbeizen mit gutem Erfolge versucht worden. Die Walkechtheit dieser Producte ist ganz hervorragend, sie müssen mit Freuden begrüſst werden, da durch ihre Einführung ein weiterer Schritt zur Verdrängung des so unechten Indigocarmins gethan ist. Leider gibt es gewisse Nuancen, wie Schottischblau, Seladon, Meergrün, welche wegen ihrer feurigen Nuance noch immer mit keinem anderen Farbstoffe als mit Indigocarmin hergestellt werden können.

Ein sehr altes Product, welches dereinst das Aufsehen aller Chemiker erregte, dann aber in die chemische Curiositätenkammer verwiesen wurde, ist neu aufgenommen worden und hat sich in kurzer Zeit eine hervorragende Bedeutung erworben. Es ist das vor Jahren von Roussin hergestellte Naphtazarin, welches von Liebermann als ein Dioxynaphtachinon erkannt wurde; dasselbe wird jetzt von der Badischen Anilin- und Sodafabrik aus α-Dinitronaphtalin fabrikmäſsig hergestellt und durch Behandlung mit Natriumbisulfit nach der Brunck'schen Methode in wasserlösliche Form gebracht. Es wird als Paste unter dem Namen Alizarinschwarz S. W. in den Handel gebracht. Auf Chrombeize liefert es auſserordentlich echte schwarze Färbungen, welche namentlich für Wolle sich durch ihre Walkechtheit und ihre Widerstandsfähigkeit gegen Licht und Säure empfehlen.

Der Zeugdruck verwendet seinerseits natürlich ebenso eifrig wie die Färberei die beschriebenen neuen Farbstoffe. Besonders bemerkenswertbe Errungenschaften in der Technik desselben scheinen indessen nicht vorzuliegen. Die Art und Weise der Verdickung der zum Aufdrucke dienenden Farben hat vielfach geändert werden müssen, denn das arabische Gummi ist durch die fortdauernden Kriege im Sudan so selten und so kostspielig geworden, daſs die Industrie die gröſsten Anstrengungen macht, einen passenden Ersatz für dasselbe zu finden. In elsässischen Fabriken verwendet man jetzt vielfach ein Product, welches dadurch erhalten wird, daſs man die in kaltem Wasser unlöslichen indischen und amerikanischen Gummiarten in verschlossenen Kesseln unter Hochdruck dämpft. Der erhaltene dicke Gummischleim bleibt ebenso wie das arabische Gummi auch in der Kälte flüssig und kann das Senegalgummi für seine meisten Verwendungsweisen ersetzen.

Ein anderes, zu diesem Zwecke brauchbares Product ist das Schumann'sche Kunstgummi, welches durch das D. R. P. Nr. 41931 vom 25. August 1886 und das Zusatzpatent zu demselben Nr. 43146 vom 3. Mai 1887 geschützt ist. Nach diesen Patenten wird Stärke mit |237| kaltem Wasser zur dickflüssigen Milch angerührt und durch 24stündiges Stehenlassen mit Säure aufgeschlossen. Hierauf wird sie durch gründliches Auswaschen entsäuert und alsdann durch Erhitzen auf 160 bis 170° in die lösliche Form übergeführt. Die erhaltene Lösung wird eingetrocknet und zur Erzielung einer dem Senegalgummi ähnlichen Form gekörnt.

Der Textile Manufacturer, 1889 S. 238, bringt in Erinnerung, daſs Federn nicht nur gefärbt, sondern auch bedruckt werden können, und daſs auf diese Weise sehr hübsche Effecte zu erzielen sind. O. Piquet veröffentlicht in dem Teinturier Pratique eine Reihe von Rathschlägen zu diesem Zwecke. Die Druckmodelle sollten die Form der zu druckenden Federn haben. Die Federn müssen vollkommen rein und weiſs sein und können vor dem Drucke mit etwas Zinnsalz und Oxalsäure behufs Erhöhung des Glanzes der Farben imprägnirt werden. Nach dem Drucke werden die Federn zunächst getrocknet, dann einige Stunden in einen feuchten Raum, gebracht und schlieſslich gedämpft. Der zum Dämpfen benutzte Dampf muſs sehr feucht sein, man läſst ihn daher durch Wasser strömen. Man benutzt ein Gefäſs, in welches die Federn auf Netzrahmen eingesenkt werden. Man dämpft nicht zu lange, gewöhnlich bloſs 15 bis 20 Minuten, dann wäscht man mit kaltem Wasser und macht in derselben Weise fertig, wie dies für gefärbte Federn üblich ist. Die von dem Verfasser gegebenen Recepte für verschiedene Farben sind den auf Wolle und Seide benutzten ähnlich und können daher hier übergangen werden.

M. E. Reuille hat ein neues System des Buntdruckes erfunden. Wir entnehmen über dasselbe Nachfolgendes einem von De Luynes an die Société d'encouragement erstatteten Berichte. Der Erfinder erzeugt mehrere Farben gleichzeitig neben einander mit Hilfe eines eigenthümlichen Druckmodells, in welchem das Dessin aus dicken, zu Bündeln vereinigten Baumwollenfäden zusammengesetzt ist. Diese Bündel sind aufrecht neben einander gestellt und verkittet und an der Druckfläche glatt abgeschnitten. Auf der oberen Seite sind die einzelnen Fäden, welche einer gleichen Farbe angehören, mit einander verbunden und stehen mit Hilfe eines Kautschukschlauches mit einem Reservoir in Verbindung, welches die Farbstofflösung enthält. Die letztere dringt durch Capillarität auf die Unterseite des Druckmodells über und erhält dieselbe stets feucht. Wenn man das Modell auf eine Zeugfläche abdruckt, so wird von jedem Baumwollfaden der ihm zugeführte Farbstoff an dieselbe abgegeben und es entsteht ein vielfarbiger Effect. Diese Erfindung ist jedenfalls eines weiteren Ausbaues fähig.

Das Xylidin wird jetzt auch in den Kreis derjenigen Basen gezogen, welche mit Hilfe von Oxydationsmitteln auf der Faser dauerhafte Färbungen erzeugen. S. Winterberg gibt in der Färberei-Musterzeitung, 1889 S. 15, eine Druckvorschrift für Dampf-Cachot:

|238|
6000g Wasser,
550 Stärke,
450 Kaliumchlorat

werden verkocht und nach dem Erkalten mit

660g Xylidin,
480 Salzsäure von 21° Bé. und
250 Essigsäure von 7° B.

vermischt. Vor dem Drucke werden 30g 1procentige Vanadinlösung zugesetzt. Man oxydirt in bekannter Weise und wäscht. Durch Zusatz von etwas Bismarckbraun wird die Farbe feuriger.

Ein hübsches Braun auf Baumwolle ist mit Hilfe von Dinitrosoresorcin von Horace Köchlin erhalten worden. Nach seinen Beobachtungen liefert dieser Farbstoff, welcher bekanntlich zur Erzeugung dunkelolivengrüner Nuancen in Verbindung mit Eisenbeizen benutzt wird, ein Braun, wenn man ihn mit Kobaltbeizen fixirt. Man verfährt wie folgt: Man druckt eine Beize, bestehend aus 1l Traganthschleim, 29g Kobaltnitrat, 25g Natriumacetat, auf und passirt während 2 Minuten bei 30° durch Natriumaluminat. Dann färbt man in einem Bade, welches für den Meter Baumwollenstoff je 5g Dinitrosoresorcin und 6g Chlorcalciumlösung von 20° Bé. enthält. Dieses Braun, welches sich auch auf Seide und Wolle erhalten läſst, läſst sich ebenso wie Bisterbraun mittels Zinnsalz ätzen, hat aber den groſsen Vorzug der vollständigen Luft- und Seifenbeständigkeit. Statt des Natriumaluminats kann auch Wasserglaslösung zum Fixiren der Kobaltbeize benutzt werden.

Zur Erzeugung von Dampf-Alizarinroth auf nicht präparirter Waare werden folgende Verfahren empfohlen. Für Roth:

60g Mehl,
100 Wasser,
300 Alizarin (10 Proc. Paste)

werden zusammen verkocht und mit

50g Sulfoglycerin,
82 essigsaurer Kalk von 7½° Bé.,
60 essigsaure Thonerde von 15° Bé. und
80 Säuregemisch

versetzt. Das Säuregemisch wird aus 1l Essigsäure von 8° Bé. und 10g Weinsäure bereitet. Statt Sulfoglycerin kann mit Vortheil das gewöhnliche Türkischrothöl genommen werden. Statt essigsaurer Thonerde kann auch Rhodanaluminium angewendet werden. Das so abgeänderte Recept lautet wie folgt:

200g Alizarin, 15 Proc.,
280 Stärkekleister,
68 essigsaurer Kalk von 7½° Bé.,
60 Rhodanaluminium von 20° Bé.,
50 Türkischrothöl,
72 Säuregemisch.

Für Rosa nimmt man:

|239|
187g Alizarinblaustich, 20 Proc.,
160 essigsaurer Kalk,
3500 Stärketraganthverdickung,
150 Rhodanaluminium,
75 Türkisckrothöl,
100 Säuregemisch.

Die Hauptschwierigkeit bei diesem Recept besteht darin, daſs die Abstreichmesser leicht angegriffen werden; sie müssen daher häufig geputzt werden (Färberei Musterzeitung).

Von gemeinsamem Interesse für die Färberei und den Zeugdruck sind Studien, welche über die Wirkung des Lichtes auf Farben, zunächst auf Seide, angestellt wurden.

Die Färber und Textilindustriellen beginnen nämlich neuerdings Farbstoffe nicht nur auf ihre chemische Lichtempfindlichkeit, sondern auch darauf zu prüfen, was man vielleicht als physikalische Lichtempfindlichkeit der Farbstoffe bezeichnen könnte, nämlich auf die scheinbaren Veränderungen, welche Farben erleiden, wenn sie verschiedenen Lichtarten ausgesetzt werden. Es ist eine bekannte Thatsache, daſs verschiedene Farben bei verschiedenen Beleuchtungen ganz verschieden erscheinen können. Diesem Umstände Rechnung zu tragen, hat Rousseau nach dem Textile Manufacturer einen Apparat construirt, welcher im Groſsen und Ganzen aus einer inwendig mit schwarzem Stoffe überzogenen Kammer besteht, in welche die zu untersuchenden gefärbten Muster hineingebracht und in solcher Weise mittels verschiedener Lichtquellen beleuchtet werden, daſs das Auge von den Strahlen der Lichtquelle selbst nicht getroffen wird. Die Muster selbst werden auf einen Untergrund von schwarzem Sammet gelegt, während ganz ebensolche Muster in derselben Anordnung und ebenfalls auf schwarzem Untergrunde auſserhalb des Apparates im Tageslichte liegen. In dieser Weise wurden die Effecte verschiedener Farbenzusammenstellungen mit Hilfe verschiedener Lichtquellen untersucht. Der Verfasser unterscheidet zwei Gruppen von künstlichem Lichte, in deren erste er die verschiedenen Arten der elektrischen Beleuchtung bringt, während er in der zweiten Wassergas, Leuchtgas, Stearin- und Paraffinbeleuchtung, Mineral- und Theeröl vereinigt. Die Beleuchtungsweisen der ersten Gruppe sind insofern dem Tageslichte ähnlicher, als sie das relative Verhältniſs der verschiedenen Nuancen zu einander intact lassen, während die Beleuchtungen der zweiten Gruppe auf die meisten Farben einen abschwächenden Effect ausüben und nur einige wenige, hauptsächlich helle Färbungen hervorheben. Scharlach- und rubinrothe Nuancen bleiben in ihrem Ton unverändert, erscheinen aber feuriger, Kirschroth zieht ins Ponceau, Ponceau in Rothorange, Rothorange in Orange, Orange ins Gelb, die gelben Farben verblassen, Lachsrosa scheint fast weiſs, bläuliche Rosa werden matt, Rose bengal und Fuchsinrosa werden in ihrem Glänze etwas erhöht, Silbergrau nimmt einen leichten Rosaton an und schadet |240| bei Zusammenstellungen den benachbarten Farben. Alle anderen Arten von Grau verlieren an Glanz. Die blauen Farben verlieren ihren Glanz und werden meistens grüner, Olivengrün hebt sich bei künstlicher Beleuchtung, bläuliches Weiſs verliert seinen Glanz, während Gelbweiſs erhöhten Schimmer gewinnt. Bläulichviolette Farben verlieren viel, rothviolette werden röther und glänzender. Braune Farben behalten ihren Glanz sowohl allein als auch namentlich in Zusammenstellungen. Aus den angeführten Resultaten, welche selbstverständlich noch erweitert werden können, ergeben sich vielfache und werthvolle Winke für den Textilindustriellen.

An einschlägiger Litteratur sind auch diesmal einige neue Erscheinungen zu verzeichnen. In erster Linie das glänzend ausgestattete Werk von Otto Mühlhäuser, Die Technik der Rosanilinfarbstoffe. Dasselbe behandelt seinen Gegenstand in überaus übersichtlicher Weise und in einer bis jetzt nicht erreichten Vollständigkeit. Von groſsem Werthe sind die in demselben enthaltenen sehr genauen Zeichnungen aller vorkommenden Apparate und Anlagen, sowie die erschöpfenden Litteraturnachweise. Des Weiteren ist des französischen Werkes von Antonio Sansone, „L'impression des tissus de coton“, zu gedenken, einer von Montpellier ausgearbeiteten Uebersetzung des bereits früher erwähnten englischen Werkes des gleichen Verfassers.

Bücher-Anzeigen.

Monatshefte für Mathematik und Physik. Herausgegeben von Prof. Dr. v. Escherich und Prof. Dr. Weyr. Wien. Manz'sche Buchhandlung. Preis vierteljährlich 3,50 Mk.

Der Inhalt des 1. Heftes (Januar 1890) ist: 1) über die Theorie der Eisbildung; 2) über stetige Functionen, die innerhalb jedes Intervalls extreme Werthe besitzen; 3) die invarianten Gebilde der räumlichen Collineation; 4) über die höheren Ableitungen eines Quotienten zweier Functionen; 5) einige arithmetische Sätze; 6) Bemerkung über ganzzahlige irreductible Gleichungen.

Der Inhalt des ersten Heftes zeigt einen ausgeprägten mathematischwissenschaftlichen Charakter.

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