Titel: Die Herstellung des neuen russischen Papiergeldes.
Autor: Hallensleben, O.
Fundstelle: 1890, Band 276 (S. 181–183)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj276/ar276027

Die Herstellung des neuen russischen Papiergeldes; von O. Hallensleben.

Einer Mittheilung der Köln. Zeitung zu Folge hat die russische Regierung entschiedenes Pech mit ihren neuen Banknoten, indem fast unmittelbar nach Herausgabe der einzelnen Sorten auch Fälschungen auftreten.1) Diese Banknoten sind in einer Weise hergestellt worden, |182| bei der man jede Nachahmung für unmöglich gemacht hielt und ist es in der That schwer zu erklären, wie so schnell Fälschungen erscheinen konnten. Da die Art der Herstellung wenig bekannt sein dürfte, so bringen wir hier eine kurze Beschreibung derselben, welche zugleich ein interessantes Bild der Entstehung einer Erfindung von weittragender Bedeutung bildet.

Vor etwa 3 Jahren kam am Stammtische eines Chemnitzer Restaurants das Gespräch auf das Thema, wie schwer es bei der heutigen Vervollkommnung aller industriellen Einrichtungen sei, etwas Neues von Bedeutung zu machen. Ein praktischer Webwaarenfabrikant bemerkte hierzu, er wisse wohl noch eine derartige Erfindung, das sei nämlich ein Stoff, der in das Papier der Banknoten gebracht würde und eine bestimmte Form der Maschen zeige. Derselbe müsse aber derartig beschaffen sein, daſs er nur unmittelbar vom Baum des Webstuhles in die Papiermasse gebracht werden könne, während das Abschneiden einzelner Stücke des Gewebes sofortige Veränderung der Maschenform zur Folge haben müsse.

Dieses Gespräch regte den Webschullehrer Knorr zu Versuchen an, ein derartiges Gewebe herzustellen. Die Versuche machte er auf einem Handstuhl und es gelang ihm auch mit Hilfe einer Dreherbindung, den Maschen eine zweckentsprechende Form zu geben, aber schon beim Aufwickeln auf den Waarenbaum ging diese Form verloren, so daſs Knorr bald die Ueberzeugung gewann, daſs nur mit Hilfe des entsprechend construirten mechanischen Webstuhles die Herstellung des Gewebes zu erzielen sei. Er wandte sich deshalb an die Sächsische Webstuhlfabrik (Louis Schönherr) in Chemnitz, und einem Ingenieur dieses Etablissements, Hermann Günther, gelang es, einen entsprechenden Webstuhl zu construiren. Die das Gewebe bildenden Seidenfäden werden in diesem Webstuhl durch zwei durchlochte Holzstäbchen gezogen, welche in entgegengesetzter Richtung verschiebbar sind. Durch Niederziehen eines mit Haken versehenen Rahmens wird der nach links verschobene Theil der Fäden niedergezogen und so das Fach zum Durchschieſsen des Schützen gebildet. Indem die Holzstäbchen sich wechselsweise rechts und links verschieben, wird abwechselnd der in einem der Stäbchen befindliche Theil der Fäden von den Haken gefaſst und so mit Hilfe des Einschlagfadens und der Verschiebung ein Drehergewebe gebildet, dessen Maschen aus gleichseitigen Dreiecken mit 10mm Seitenlänge bestehen und von welchen je zwei zusammen eine rautenförmige Figur bilden. Der Waarenbaum ist so eingerichtet, daſs er nach jedem Schuſsfaden |183| 10mm fortschaltet und die Regulirung des Kettenbaumes steht mit demselben derartig in Verbindung, daſs auch der letztere genau das gleiche Quantum Garn mittels eines Schneckenregulators hergibt. Diese Vorrichtung zeigte sich als erforderlich, da auf die wenigen Seidenfäden keine Bremse wirken durfte, indem die geringste Spannungsdifferenz Ungleichheit der Maschen erzeugte. Der Waarenbaum lagert in zwei Hebeln, welche mit Rollen auf der Ladenbahn ruhen, so daſs sich die letztere unter den Waarenbaum schieben kann. In dem Momente, wenn der Waarenbaum auf der Ladenbahn liegt, erfolgt das Aufwickeln der fertigen Masche, so daſs hierbei eine Veränderung der Form derselben nicht eintreten kann. Erwähnt sei noch, daſs auch schon das Fehlen eines einzelnen Kettenfadens eine Ungleichheit in einem Theile des Gewebes hervorbringt und dagegen folgende Vorkehrung getroffen ist: Jeder Kettenfaden ist durch das Auge einer an ein Holzstäbchen gebundenen Perle gezogen. Unter den in einer Art Rost geführten Holzstäbchen schwingt ein Eisen, welches bei seiner Schwingung einen an der Weblade angebrachten Ausrücker hebt, so bald die Lade vortritt. Das Reiſsen eines Kettenfadens hat nun das Niederfallen des Holzstäbchens zur Folge, letzteres verhindert damit das vorerwähnte Eisen an seiner Schwingung, was mittels des Ausrückers das sofortige Stillstehen des Webstuhles mit sich bringt.

Nach Fertigstellung darf das Gewebe nicht von dem Baum abgewickelt werden, sondern wandert mit diesem in die Papiermühle. Die zur Herstellung des Papiers dienende Maschine muſs derartig construirt sein, daſs der Waarenbaum des Webstuhles unmittelbar über der entstehenden Papiermasse gelagert ist und durch besonders angeordnete Walzen das Gewebe in die Papiermasse eingepreſst, zugleich aber auch verhindert wird, daſs die ursprüngliche Form der Maschen eine Veränderung erfährt.

Zur Imitation der Banknoten wären also auſser den Druckplatten der oben beschriebene Webstuhl, sowie die dazu entsprechend construirte Papiermühle erforderlich und sollte man doch annehmen können, daſs damit Schwierigkeiten geschaffen sind, welche eine Nachahmung der Banknoten ausschlieſsen müſsten. Wenn trotzdem bereits zahlreiche Fälschungen vorliegen, so ist wohl der Grund nur darin zu suchen, daſs mit dem fertigen Papier nicht vorsichtig umgegangen wurde und letzteres in die Hände Unberufener gelangte, die damit dann um so leichteres Spiel haben, je mehr man sich durch die Erschwerung der Nachahmung vor derselben gesichert zu haben glaubte.

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Die betreffende Mittheilung lautet:

Mit dem Papiergelde neuen Musters hat die russische Regierung entschiedenes Miſsgeschick. Nachdem erst vor wenigen Monaten die neuen 25-Rubelscheine wegen zahlreich aufgetauchter Fälschungen völlig aus dem Verkehre gezogen werden muſsten, sind jetzt bereits in groſsen Mengen gefälschte 10-und 5-Rubelscheine neuen Musters in Umlauf. Allein an der Wechselkasse der Reichsbank sind während einiger Tage über fünfhundert 10-Rubelscheine als falsch eingezogen worden. Die gefälschten Scheine sind den echten täuschend ähnlich; das einzige äuſserliche Unterscheidungszeichen bildet die Gröſse der Scheine, da die gefälschten Zehner um ⅛ Zoll schmäler sind als die echten. |182| Von wesentlich schlechterer Arbeit und darum auch leichter von den echten zu unterscheiden sind die falschen 5-Rubelscheine. Daſs auch jetzt wieder jegliche amtliche Warnung vor den Fälschungen unterblieben ist, hat in der Geschäftswelt groŻse Verstimmung hervorgerufen und bereits zu recht abenteuerlichen Gerüchten Anlaſs gegeben.

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