Titel: Ueber die Fabrikation und Verwendbarkeit der Naphtalichte.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1890, Band 276 (S. 563–565)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj276/ar276104

Ueber die Fabrikation und Verwendbarkeit der Naphtalichte.

Die sogen. Naphtalichte, welche seiner Zeit viel Aufsehen erregten und groſse Hoffnungen erweckten, haben sich auf der letzten Beleuchtungsausstellung in St. Petersburg als fürs erste noch durchaus unbrauchbar erwiesen.

Die Herstellung derselben beruht auf der Erscheinung, daſs Erdöl durch einen geringen Zusatz von Fettseife zu einer gallertartigen Masse erstarrt. Die letzthin ausgestellten und untersuchten Lichte bestehen im Wesentlichen aus einem Gemenge von Ammoniakseife, Stearinsäure und Erdöl.

Die Herstellung derselben in der Fabrik von K. L. Miller in |564| St. Petersburg ist vorläufig noch nicht über das Stadium von Vorversuchen hinaus gelangt. Ueber die Herstellungsmethoden der Lichtmasse macht Herr Rudnitzky, Ingenieur auf derselben Fabrik, folgende Angaben: Die Masse für die Lichte wird auf zwei verschiedene Arten dargestellt; entweder wird ein bestimmtes Gemenge von Erdöl, Fettsäure, wässerigem Ammoniak und gewissen Ammoniaksalzen gekocht und stark gerührt, oder man leitet eine bestimmte Menge von Ammoniakgas in eine Lösung von Fettsäure in Erdöl, setzt alsdann ein bestimmtes Gewicht Wasser dazu, worauf das Gemenge, wie im ersten Falle, gekocht und gerührt wird. Einen sehr wesentlichen Einfluſs auf die Eigenschaften des Productes haben nicht bloſs das Mengenverhältniſs der angewandten Stoffe, sondern auch die Temperatur des Kessels, die Dauer des Kochens und endlich das Material des Kessels, in dem das Kochen vorgenommen wird. Es stellte sich nämlich heraus, daſs fast alle für die Praxis in Betracht kommenden Metalle von der siedenden Mischung mehr oder minder angegriffen werden. Als verhältniſsmäſsig sehr gut erwiesen sich eiserne emaillirte Kessel (französisches Fabrikat).

Die aus dieser Masse gegossenen Lichte haben den Uebelstand, daſs das Erdöl sich aus ihnen allmählich verflüchtigt, was ihnen auſserdem einen unangenehmen Geruch verleiht. Auch ist ihr Aussehen sehr wenig hübsch: die Farbe der Oberfläche ist meist gelblich mit trüben weiſsen Flecken.

Um den ersten Fehler zu vermindern, ist es vor Allem nothwendig, hochsiedende Fractionen des Erdöls anzuwenden. Sehr gut erwies sich als Schutz gegen die Verflüchtigung des Erdöls ein Ueberziehen der Lichte mit verschiedenen Harzfirnissen (hauptsächlich Bernstein- und Copallack). Ihre Wirkung ist jedoch nur temporär, da sie nach einiger Zeit permeabel für Erdöl werden und dasselbe in die Luft diffundiren lassen. Auſserdem werden die Herstellungskosten dadurch dermaſsen vergröſsert, daſs von einem Firnissen fürs erste ganz abgesehen werden muſste.

Um den Geruch weniger unangenehm zu machen, versuchte man das Erdöl auf verschiedene Arten zu bearbeiten. Jedoch konnte weder durch Behandeln mit unterchlorigsauren Salzen, noch durch Durchblasen von heiſser Luft der Geruch vollständig beseitigt werden.

Um der Oberfläche ein besseres Aussehen zu geben, hat man, auſser dem obenerwähnten Firnissen, mit Erfolg ein Zusetzen von geringen Mengen Wachs oder Harz versucht.

Nach Angabe des Herrn Rudnitzky waren die auf der Ausstellung befindlichen Lichte etwa einen Monat vor der Ausstellung fabricirt und zwar aus einem Gemenge von 65 Proc. Stearinsäure, 30 Proc. Erdöl, 5 Proc. Wasser und etwa 0,8 Proc. Ammoniak. Die Analyse derselben durch Herrn A. Thillot, Assistenten am Technologischen Institut, ergab einen Gehalt von nur 10 bis 12 Proc. Erdöl, dagegen 82 bis 85 Proc. |565| Stearinsäure, 4,5 bis 5 Proc. Wasser und 0,6 bis 0,75 Proc. Ammoniak. Die Lichte hatten also im Verlauf eines Monats den gröſsten Theil ihres Erdöls verloren. Bei weiterem Liegen an der Luft im Verlauf von 45 Tagen verloren sie an Gewicht – je nach dem Durchmesser – noch bis zu 10 Proc.

Die photometrischen Untersuchungen wurden sehr erschwert durch den Umstand, daſs die Lichte mit stark schwankender, ruſsender Flamme, unter Abscheidung von viel Kohle am Docht brennen. Die Leuchtkraft eines Lichtes (4 auf ein Pfund) wurde gleich 1,05 Normalwalrathkerzen gefunden, bei einem Verbrauch von 10g,5 Brennmaterial pro Kerzenstunde.

Auch die Verbrennungsproducte wurden untersucht, da ein eventuelles Entstehen von Cyanwasserstoff erwartet wurde: Glühende Kohle resp. Kohlenoxyd geben bekanntlich mit Ammoniak Cyanammonium. Es konnte jedoch in den Verbrennungsproducten kein Cyan nachgewiesen werden.

Luther.

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