Titel: Bemerkungen über die heutigen Kriegswaffen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1891, Band 281 (S. 97–102)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj281/ar281040

Bemerkungen über die heutigen Kriegswaffen.

Mit Abbildungen.

Die Herstellung und Aenderung der Kriegswaffen, ihrer Munition und ihres Zubehörs ruft zeitweise eine grosse industrielle Thätigkeit hervor. Ein Aufsatz in der Revue d'artillerie vom October vorigen Jahres bespricht diese Angelegenheit und kommt zu bemerkenswerthen Schlussfolgerungen, welche sich etwa folgendermassen zusammenfassen lassen:

Das gegenwärtige System der unbedingten Einheitlichkeit in der Bewaffnung des ganzen Heeres zwingt dazu, etwaige Erneuerungen und Verbesserungen in kürzester Zeit auszuführen; es legt dadurch dem Staatshaushalte zeitweise schwere Lasten auf. Um häufigen Aenderungen vorzubeugen, zögert man oft, sich zur Annahme einer durchgreifenden Verbesserung zu entschliessen und hält häufig zu lange an veralteten Constructionen fest. Da die Herstellung keine regelmässige ist, so kann man sich nicht mit Sicherheit an die Privatindustrie wenden, weil sie für eine derartige Befriedigung der Bedürfnisse des Staates nicht eingerichtet ist. Letzterer muss deshalb selbst fabriciren und für eine nur zeitweise erfolgende grosse Beschäftigung ein kostspieliges Personal und Material auch in der stillen Zeit unterhalten. Es erscheint vortheilhaft, die Einheitlichkeit der Bewaffnung auf bestimmte grössere Heerestheile so zu beschränken, dass sich eine Neubewaffnung des ganzen Heeres nach und nach in regelmässiger Weise mit Hilfe von gleichmässigen jährlichen Ausgabebewilligungen in einer bestimmten Zeitperiode vollzieht; die Dauer einer solchen wird auf acht Jahre höchstens bemessen. Diese Anordnung würde es der Heeresverwaltung möglich machen, dass sie sich aller Fortschritte bemächtigen kann, woher sie auch kommen mögen, und dass sie der Privatindustrie eine regelmässig fortlaufende Arbeit verschafft, welche die Anlage und Unterhaltung der nöthigen Herstellungsmaschinen herbeiführen und die Ablieferung eines genau gearbeiteten Materials sichern wird; es würde dadurch der Mitbewerb angeregt und der Lieferungspreis her abgedrückt werden.

Die Ausführbarkeit des Vorschlags erscheint zunächst etwas fraglich, denn die Volksvertretungen werden vielleicht Schwierigkeiten machen, grosse Summen für die Neubeschaffung oder die Aenderung von Waffen aus den ausserordentlichen in die laufenden Ausgaben übergehen zu lassen, und ausserdem kann Niemand vorhersagen, ob sich Erfindungen und Verbesserungen der Zukunft auf Zeitabschnitte von etwa acht Jahren gleichmässig werden vertheilen lassen. Bezeichnend ist die Aeusserung jedenfalls, besonders deshalb, weil sie nicht von einem jüngeren Officier, sondern von einem Abtheilungscommandeur der französischen Artillerie herrührt; ausserdem deutet sie die Vermuthung an, dass die Waffentechnik auch in Zukunft grosse Beschäftigung finden wird.

Ein Ueberblick über die Einrichtung der neuesten Waffen und über die Gesichtspunkte, welche für Aenderungen und Verbesserungen in Betracht kommen, erscheint deshalb zeitgemäss; von der Beschreibung von Einzelheiten, welche für weitere Kreise kein Interesse haben oder von veralteten Einrichtungen wird hierbei abgesehen, aber andererseits auf den Gebrauch der Waffen hingewiesen, wenn er die Beschaffung besonderer Werkzeuge und Apparate erfordert, deren Herstellung die Privatindustrie übernehmen könnte.

1. Gewehre.

Einen gewissen Abschluss scheinen augenblicklich die Handfeuerwaffen erreicht zu haben. Zur Beurtheilung desselben ist die Tabelle S. 98 und 99 zusammengestellt. Aus dieser Tabelle ergibt sich zunächst, dass keine der neuen Gewehrconstructionen einen Bohrungsdurchmesser (Kaliber) von mehr als 8 mm hat; vor zehn Jahren war der kleinste noch über 10 mm gross; auch bei den neuesten Constructionen zeigt sich schon wieder das Bestreben nach einer noch stärkeren Verkleinerung. Denn während das französische. Lebel-Gewehr von 1886 und das österreichische von 1888 ein Kaliber von 8 mm haben, wird dasselbe beim deutschen, englischen, russischen immer kleiner, die Schweiz hat schon das von 7,5 mm eingeführt und in Italien soll eins von 6,5 mm angenommen worden sein. Die Ursachen dieser Erscheinung lassen sich folgendermassen zusammenfassen: Um den Luftwiderstand so zu überwinden, dass auf grösseren Entfernungen (2000 m und mehr) noch lebende Wesen ausser Gefecht gesetzt werden, muss die vor jedem Quadratmillimeter des Geschossbodens liegende Metallmasse (Querschnittsbelastung) eine gewisse Grösse haben, wenn angenommen wird, dass die Geschwindigkeit, welche dem Geschosse im Gewehrlaufe durch die Pulvergase ertheilt wird, eine bestimmte Begrenzung hat. Da das Eigengewicht des zu Gewehrgeschossen verwendeten Metalles (Hartblei, Weichblei mit oder ohne dünnen Stahl- oder Kupfermantel) nur wenig Verschiedenheit zeigt, drückt sich diese Querschnittsbelastung annähernd durch die Geschosslänge aus. Aus Fig. 1 S. 100 ist demgemäss ersichtlich, dass bis zur Einführung des kleinen Kalibers eine Geschosslänge von weniger als 30 mm für genügend gehalten wurde (wenn man von dem alleinstehenden englischen Geschosse absieht) und dass jetzt wieder eine Vermehrung der Querschnittsbelastung stattgefunden hat. Selbst wenn die frühere Anfangsgeschwindigkeit (von 400 bis 450 m) nicht erhöht worden wäre, würde durch eine derartige Verlängerung die Durchschlagskraft der Geschosse und ihre Schussweite gesteigert worden sein. Es lässt sich deshalb sehr wohl denken, dass ein Staat im Hinblick auf die

|98|

Repetirgewehre im Juni 1891.

(Angaben über die im J. 1880 gebrauchten Gewehre sind in Klammern und in besonderer Schrift gesetzt, noch vorkommende Ladungen von altem (Schwarz-) Pulver sind nicht angegeben, noch im Gebrauch befindliche Einzellader nur angedeutet.)

Textabbildung Bd. 281, S. 98–99
|99| |100|

Steigerung der Anfangsgeschwindigkeit von dieser Verbesserung keinen Gebrauch macht und die frühere Querschnittsbelastung, also eine Geschosslänge von 27 bis 28 mm für genügend hält. Da die Geschosslänge augenblicklich noch nicht mehr als ungefähr das Vierfache des Kalibers betragen kann, so ergibt sich daraus ein kleinster Geschossdurchmesser von 7 mm. (Das Geschoss darf nicht länger als vier Kaliber sein, weil sonst die Trefffähigkeit gefährdet erscheint; denn diese ist abhängig von der möglichst gleichmässigen Lage der Geschossachse in oder dicht bei der Flugbahn; da diese Achsenlage aber eine gewisse Umdrehungsgeschwindigkeit bedingt, so wird sie von der Grösse der Windung der Züge [von dem „Dralle“] bestimmt; da nun die Steilheit des Dralles vorläufig begrenzt zu sein scheint, so ist es auch das Verhältniss des Geschossdurch messers zur Geschosslänge.) – Früher wurde für die Begrenzung des Kalibers nach unten auch das schwierige Reinigen eines engen Laufrohres und die schwierige Herstellung der Bohrung für maassgebend angesehen; die Annahme eines Kalibers von 6,5 mm würde demnach vermuthen lassen, dass diese Gründe heute schon nicht mehr stichhaltig sind und dass es ausserdem entweder gelungen ist, das Geschoss bei grosser Trefffähigkeit länger als vier Kaliber zu machen oder dass man die Geschosswirkung auf sehr grossen Entfernungen für weniger wichtig hält und deshalb die Geschosse etwas kürzer macht (auf nahen und vielleicht auch auf mittleren Entfernungen würde die Flachheit der Flugbahn und die Trefffähigkeit nicht darunter leiden, da unter Beibehaltung einer bestimmten Kraft der Pulverladung mit der Abnahme des Geschossgewichts die Anfangsgeschwindigkeit zunimmt, wie es die Aptirung des Zündnadelgeschosses nach 1871 bewies). Die Einführung eines 6,5 mm-Gewehres, welche Zeitungsnachrichten zufolge für Italien beabsichtigt sein soll, erscheint demnach gar nicht so unmöglich, während die Neueinführung eines Gewehres von einem 7,5 mm übersteigenden Kaliber von jetzt ab einer ganz besonderen Rechtfertigung bedürfen wird, nachdem das Schweizer Gewehr sich als ein ganz vortreffliches gezeigt hat.

Textabbildung Bd. 281, S. 100
Das Streben nach einem kleinen Kaliber ergibt sich naturgemäss aus der Thatsache, dass die Gewichtsverminderung des einzelnen Schusses eine Vermehrung der Schusszahl, also eine grössere Schiessleistung der Truppe zur Folge haben muss; bei der Besprechung des Munitionsgewichtes weiter unten wird dies noch näher berührt werden.

Mit der Einführung des kleinen Kalibers ist die Lauflänge durchweg eine kleinere geworden und das Gewicht des Gewehres bei einigen Staaten vermindert worden; durch die Einführung kurzer, meist dolchartiger Seitengewehre wird diese Gewichtsverminderung für die Ausrüstung des Mannes noch fühlbarer gemacht. Die näheren Einzelheiten ergeben die Zahlen der Tabelle.

Die Visireinrichtungen sind, abgesehen von der Eintheilung, meist dieselben wie früher geblieben, nur ist in Oesterreich-Ungarn und England ein zweites Korn neu eingeführt worden, welches, seitlich auf dem mittleren Laufringe sitzend, mit Hilfe einer entsprechend seitlich auf dem Visir angebrachten Kimme zum Nehmen der höheren Elevationen gebraucht werden soll.

Die schnellere Abgabe von Schüssen hinter einander und die durch die grössere Geschwindigkeit des Geschosses bei jedem einzelnen Schusse erzeugte grössere Wärmeentwickelung hat besondere Einrichtungen nothwendig gemacht, um das Flimmern der den erhitzten Lauf umgebenden Lufttheilchen unschädlich zu machen und um denselben mit der Hand halten zu können. Es ist zu dem Zwecke in Deutschland, Dänemark, Belgien und der Türkei der Lauf getheilt worden in ein inneres und ein äusseres Rohr, das Mantelrohr oder den „Laufmantel“. Wie die betreffenden Zahlen ergeben, ist dadurch das Gewicht der Gewehre durchaus nicht vermehrt worden; denn der Theil des Laufes, welcher Widerstand gegen die Pulvergase zu leisten hat, braucht nur eine geringe Wandstärke zu haben; der äussere Theil aber, welcher Widerstandsfähigkeit gegen Verbiegung haben soll, welche durch Stösse, eine rohe Behandlung und durch Ziehen des Schaftholzes hervorgerufen wird, bedarf auch keiner grossen, weil man ihm einen verhältnissmässig grossen Durchmesser geben kann und weil etwaige kleine Eindrücke den inneren Lauf gar nicht berühren, wenn der Spielraum zwischen beiden Rohren nicht überschritten wird. Das innere Rohr, der eigentliche Lauf, ist in den vorderen Theil des Verschlussgehäuses, das äussere auf denselben geschraubt. Das vordere Ende des ersteren liegt mit einem kleinen Spielraum in dem entsprechenden des letzteren; der übrige Spielraum zwischen beiden Rohren ist erheblich grösser; der eigentliche Lauf kann sich also in seiner Längenrichtung sehr stark ausdehnen, die Mündung sich senkrecht zu dieser Richtung etwas bewegen. Der Laufmantel ist mit dem Schafte durch Ringe befestigt. Für. die Einführung dieser Construction war auch ein ballistischer Grund maassgebend: Durch rasche Abgabe einer Anzahl von Schüssen hintereinander erhitzt sich das Laufrohr so, dass es sich in der Längenrichtung beträchtlich ausdehnt, während das Holz |101| des Schaftes nicht folgen kann; es ist nun erwiesen worden, dass der Lauf beim Schusse, während das Geschoss sich hindurchbewegt, ein Stück einer Schwingung senkrecht zur Längenachse vollzieht; diese Schwingung nun wird durch die sich ändernde Festigkeit der Verbindung zwischen dem seine Form behaltenden Schaft und dem sich dehnenden Lauf so beeinflusst, dass sie die Abgangsrichtung des Geschosses in unberechenbarer Weise ändert (eine „Deviation“ hervorruft). Diese althergebrachte Lauf- und Schaftconstruction würde also bei einem schnellen Repetirfeuer die Trefffähigkeit beeinflusst haben, sie ist deshalb verlassen worden.

Beim Schweizer Gewehr ist letzterem Umstände dadurch Rechnung getragen worden, dass vorne auf den Lauf zum Festlegen im Schaft ein Röhrchen geschoben ist, sein ganzer übriger Theil bis zur Verschlusshülse liegt mit Spielraum im Schaftholze. Auf dem oberen, früher freiliegenden Rohrtheil ist noch eine besondere Holzumhüllung befestigt.

Bei diesem Gewehre, sowie bei dem österreichischungarischen und englischen ist die Widerstandsfähigkeit des Laufes gegen Verbiegung durch eine grössere Wandstärke erzielt worden. Zur Handhabung bei erhitztem Laufe hat das englische Gewehr eine Holzumhüllung hinter dem Visir; beim österreichisch-ungarischen wird wahrscheinlich ein Filzgriff zu demselben Zwecke verwandt.

Die vor zehn Jahren noch erscheinenden Fallblock-, Walzen- und Klappenverschlüsse sind bei den neueren Gewehren verschwunden, es kommt nur noch der Cylinderverschluss vor. Seine Bewegungen zeigen zwei Modificationen; er wird entweder nur vor und zurück geschoben oder es tritt zu diesem Schieben noch ein Drehen zum vollständigen Schliessen des Rohres nach hinten oder als Anfang des Oeffnens. Die Zeit, welche zu letzteren Bewegungen gebraucht wird, ist vielleicht etwas grösser als die zu ersterer, aber jedenfalls ist der Unterschied nicht gross, da der Uebergang von der schiebenden zur drehenden Bewegung keine Pause bedingt und, wenn man so sagen darf, als ein „Tempo“ ausgeführt wird. Vielleicht hat der „Gradzug“ einen kleinen Nachtheil für die Trefffähigkeit gezeigt, weil er nicht gestattete, die während des Schusses nothwendige feste Verbindung zwischen Lauf und Verschluss in den vorderen Theil des letzteren, in oder dicht hinter den ersteren zu legen. Es sollen Versuche stattgefunden haben, welche darthun, dass eine derartige Verbindung bessere Treffresultate ergibt, als eine weit nach hinten zurückgelegte.

Nach den Versuchen von Mieg und Thiel hängt die Treff Fähigkeit des Gewehres auch insofern von dieser Verbindung ab, als es nicht gleichgültig ist, ob dieses „Widerlager“ ein symmetrisches ist, welches den Rückstoss in die Richtung der verlängerten Seelenachse leitet; oder ein einseitiges, welches die Stellung der Achse des Laufes bei seiner Schwingung vor dem Austritte des Geschosses stark beeinflusst. Natürlich würde die Ablenkung (Deviation), welche ein solches, nur an einer Seite des Laufes befindliches Widerlager erzeugt, unschädlich sein, wenn sie bei allen Schüssen gleich bliebe. Dies ist aber wahrscheinlich nicht der Fall, da auch der Anschlag des Schützen, stehend oder liegend, freihändig oder das Gewehr an einen Baum, einen Pfahl oder auf eine andere Unterlage stützend, auf diese Laufbewegung grossen Einfluss haben wird. Eine unsymmetrische Verbindung zwischen Lauf und Verschluss würde also für jede Anschlagsweise auf derselben Entfernung einen besonderen Haltepunkt nothwendig machen.

Nach Vorstehendem wird es erklärlich erscheinen, dass die beiden Spalten der Tabelle, welche den Cylinderverschluss betreffen, nicht angeführt sind, um Verschlussdetails zu geben, sondern um Anhaltspunkte zur Beurtheilung der Trefffähigkeit der Gewehre zu liefern.

Die Angabe, ob ein Gewehr ein Kasten- oder Röhrenmagazin hat, war nur mit Rücksicht auf veraltete Constructionen, wie sie z.B. das französische Lebel-Gewehr aufweist, nothwendig. Das sogen. Kastenmagazin scheint so viele Vortheile zu gewähren, dass es für alle neueren Gewehre angenommen ist und wird. Der Kasten liegt bei den meisten Constructionen unterhalb der Stelle der Schlosshülse, auf welche früher die Patrone gelegt wurde; er soll 4 bis 12 Patronen aufnehmen, welche auf einander liegend durch eine von unten wirkende Feder nach oben geschoben und einzeln vom zurückgezogenen und vorzuführenden Verschlusscylinder gefasst und in den Lauf geführt werden. Nur das dänische Gewehr hat eine besondere Einrichtung des Kastens. Derselbe ist wie ein liegendes geformt, die einzuladenden Patronen liegen dementsprechend neben und über einander, sie werden durch eine Feder, welche an einer seitlich zu öffnenden thürartigen Klappe sich befindet, nach seitwärts bezieh. aufwärts in die „Patroneneinlage“ geschoben. Das ganze Magazin des englischen Gewehres kann abgenommen werden. Die Magazine des österreichisch-ungarischen und des deutschen Gewehres sind unten offen, damit der sogen. Patronenrahmen (-Lader), mit welchem die Patronen eingeladen werden, nach dem Einführen der letzten in den Lauf nach unten herausgleiten kann.

Bei den letztgenannten Gewehren ist zwar auch Einzelladung möglich, indess sind alle Patronen so verpackt, dass sie durchweg als Packetladung mit den sie umschliessenden Rahmen (Ladern) in den Magazinkasten geladen werden können. Diese Rahmen bestehen aus Stahlblech und gleichen der Einbanddecke eines Buches; die Patronen stehen neben einander mit dem Boden gegen den Rücken, die Deckel halten durch eine gewisse Federkraft die Hülsen fest. In Deutschland haben die „Deckel“ einen grossen kreisförmigen Ausschnitt zur Gewichtsverminderung, während in Oesterreich-Ungarn rippenartige Vorsprünge wahrscheinlich eingeführt sind, um das leichte Einschieben in ein verschmutztes Magazin zu sichern. Eine derartige Verschmutzung kann leicht beim Gebrauch dieser Gewehre eintreten, wenn der Schütze auf der Erde liegt.

Bei allen anderen Gewehren sind die Magazine unten geschlossen, es können daher etwaige Patronenrahmen (-Lader) oder sonstige Verpackungsvorrichtungen nicht mit in den Kasten geschoben werden; entweder müssen die Patronen beim Laden aus ihnen hinausgeschoben (abgestreift) werden, oder es muss Einzelladung stattfinden. Beim englischen Gewehre sind keine besonderen Rahmen zum Verpacken der Patronen vorgesehen, statt dessen führt jeder Mann ein gefülltes zweites Gewehrmagazin mit sich. Das Wechseln des Magazins bei diesem Gewehre und das Füllen der übrigen unten geschlossenen Magazin arten erfordert natürlich etwas längere Zeit als das Patroneneinladen beim österreichischen und deutschen Gewehre; es soll dafür meist den Vortheil gewähren, dass nur für einen Theil der |102| Patronen die Last eines besonderen Verpackungsmaterials mitzuführen nöthig ist, hat aber wieder den Nachtheil, dass der Munitionsersatz sich complicirter gestaltet und dass der Soldat, wenn er in gefährliche Lagen kommen sollte, nachdem der Inhalt der Rahmen verschossen ist, nur langsames Einzelfeuer abgeben kann.

Das in Belgien (der Türkei und Argentinien) eingeführte Mauser-Gewehr gehört zwar auch zu denen mit unten geschlossenem Magazin, es muss indess wegen seiner durchaus sinnreichen Ladevorrichtungen besonders hervorgehoben werden. Der Patronenrahmen gleicht nicht dem „Einbanddeckel“ eines Buches, sondern gewissermassen nur dem „Einbandrücken“. Durch Umbiegen der langen Ränder eines rechteckigen Blechstreifens ist eine Rinne gebildet, in welchen die Patronenböden mit ihren Kerben eingesteckt werden. Eine Blattfeder ist auf der Innenseite dieses „Blechrückens“ so angebracht, dass sie gegen die Patronenböden drückt, dadurch werden deren Ränder mit der Vorderseite fest gegen die umgebogenen Blechkanten gepresst. Das Gewicht eines solchen „Blechrückens“ beträgt nur 6 g, d. i. ⅓ des Gewichts der sonstigen Patronenrahmen. Zum leichteren Laden haben die Hülse und das Schloss des belgischen Gewehres eine besondere Vorrichtung, welche ein leichtes Einstecken des Patronenpackets und die Entfernung des Blechrückens durch Zuschieben des Verschlusses erlaubt, nachdem die Patronen mit dem Daumen heruntergedrückt worden sind. Es hält hierbei das Laden kaum länger auf als bei den Gewehrmagazinen, in welche die Rahmen ganz eingeschoben werden.

Die noch gebrauchten Repetirgewehre mit Röhrenmagazin, wie z.B. das französische, stehen natürlich bei längerem Feuer an Feuergeschwindigkeit gegen die Kastenmagazingewehre zurück, weil jede Patrone einzeln eingeschoben werden muss. Zu Anfang des Schiessens stehen beide Gewehrarten beinahe gleich; bei den ersten Schüssen, nach dem Verschiessen des ersten Rahmeninhalts, steht das Kastenmagazingewehr einen Augenblick etwas zurück, ist dann aber, nachdem das Magazinrohr seinen Inhalt verschossen hat, bedeutend überlegen.

Die älteren Gewehre in Italien und Holland, welche nur für Repetirladung aptirt sind, haben Kasten zu 4 Patronen, die meisten anderen Gewehre solche zu 5, das des Schweizer Gewehres fasst 12 (den Inhalt zweier Packete). Ob die Magazine des englischen Gewehres für 10 oder 12 Patronen, eingerichtet werden, scheint noch nicht fest bestimmt zu sein; es dürfte aber wohl rationell erscheinen, wenn eine Verpackung der Patronen in Rahmen nicht eingeführt wird.

Eine Uebersicht über die Einzelheiten der Schlosstheile, der Einfachheit ihrer Zusammensetzung und über andere Gewehrtheile würde hier zu weit führen. Es sei nur noch erwähnt, dass bei dem neuen Schweizer Gewehr die schon beim alten preussischen Zündnadelgewehr vorhandene Abzugsvorrichtung eingeführt ist; dies ist wohl das beste Zeugniss für die Vortrefflichkeit dieses Schlosstheils des deutschen Gewehres.

Bei der Beurtheilung eines Gewehres und seiner Theile spielt die Fertigstellung des Modelles eine grosse Rolle. Wenn die Commission eines Staates zur Prüfung einer neuen Gewehrconstruction gewissenhaft und geschickt gearbeitet hat, so muss das neueste Gewehr das beste sein, weil die Erfahrungen bei den vorhergehenden Constructionen ausgenutzt werden konnten. Je älter ein Gewehrmodell wird, desto mehr Unvollkommenheiten müssen sich zeigen. Das Verschweigen derselben erscheint nutzlos, während ihre Erkennung vielleicht nützlich ist, weil sie zu Verbesserungen führen kann, welche verhindern, dass riesige Waffen- und Munitionsbestände werthlos werden.

Wie schwierig und eigenthümlich sich oft die Arbeiten einer solchen Commission gestalten, zeigt die Einführung des österreichischen Gewehres. Zuerst (1885) wurde ein neues Kastenmagazingewehr für das 11mm-Kaliber construirt und in erheblicher Zahl schon fertig gestellt; dann wurde es wahrscheinlich in Folge der Einführung des französischen Lebel-Gewehres nothwendig, Versuche zur Erprobung eines kleinen Kalibers anzustellen und kaum waren diese zu einem gewissen Abschluss gelangt, als auch schon das neue sogen. „rauchschwache“ Pulver in Betracht gezogen werden musste, von dessen Beschaffenheit und Eigenschaften man nur mangelhafte Kenntnisse haben konnte.

(Fortsetzung folgt.)

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: