Titel: Die elektrische Kraftübertragung von Lauffen nach Frankfurt.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1891, Band 281/Miszelle 5 (S. 288)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj281/mi281ba12_2

Die elektrische Kraftübertragung von Lauffen nach Frankfurt.

Im Nachfolgenden geben wir unseren Lesern nach den Mittheilungen der Allgemeinen Elektricitätsgesellschaft eine kurze vorläufige Darstellung der epochemachenden Kraftübertragung, welche gegenwärtig von Lauffen a. N. nach dem Ausstellungsgebäude der Elektrotechnischen Ausstellung zu Frankfurt a. M. geführt wird, und behalten uns eingehenden Bericht vor. Die Uebertragung löst ein Problem, welches von vielen Gelehrten und sogar Fachleuten noch bis in die letzte Stunde als unausführbar bezeichnet wurde, in glänzender Weise und verspricht der Elektricität die grossartigste Verbreitung auf dem Erdenrunde.

Es handelte sich darum, eine Wasserkraft von 300 (einen Theil des Neckarfalles bei Lauffen) in elektrische Energie umzusetzen und letztere in einer Entfernung von 175 km im Frankfurter Ausstellungsgebäude zu verwenden. Es kam ferner darauf an, möglichst dünne Leitungen anzuwenden; das hat zur Folge, dass die Ströme, welche durch die Leitungen geführt werden, sehr hoch gespannt sein müssen. Obgleich hierdurch die längs der Bahn sich hinziehende Luftleitung gefahrbringend wird, sind Unfälle in den Krafterzeugungs- und Aufnahmestationen, aufweiche die Thätigkeit des Personals sich allein beschränkt, wegen der dort herrschenden geringen Spannung fast ausgeschlossen, und auch die Leitungen sind mit vortrefflichen Einrichtungen versehen, die eine sofortige Unterbrechung des Stromes sichern.

Die Einrichtung ist in Kurzem folgende: Eine Turbine in Lauffen treibt eine Dynamomaschine, die eine grosse Menge elektrischen Stromes von niedriger Spannung erzeugt. Dieser wird in Stromumwandlern (Transformatoren), die sich in verschlossenen Räumen befinden oder gegen Berührung geschützt sind, auf die hohe Spannung gebracht. Aus den Transformatoren gelangt der hochgespannte Strom in drei für das Drehstromsystem erforderliche Kupferleitungen, von der Stärke gewöhnlicher Telegraphendrähte; welche ihn seiner Verwendungsstelle Frankfurt zuführen. Als Stützen dienen 3000 Telegraphenstangen, welche besonders construirte, zum Theil sehr grosse Porzellanisolatoren tragen. Da diese ohne weiteres die hohe Spannung, namentlich bei feuchter Witterung, nicht genügend isoliren, so sind im Inneren der Isolatoren Oelrinnen angebracht; das in diesen befindliche Oel erschwert dem Strome, der unter Umständen auf der äusseren Oberfläche der Isolatoren sich verbreitet, den Uebergang zu den Eisenstützen und Holzstangen, die mit der Erde in Berührung stehen. Das Gewicht der drei, zusammen 530 km langen Kupferdrähte beträgt nicht weniger als 60000 k. 1 k Kupferdraht kostet etwa 2 M. Die Fortleitung der in Lauffen vorhandenen Energie in Spannungen, wie sie gewöhnliche elektrische Lichtleitungen führen (etwa 100 Volt), würde mehr als das 300fache an Kupfergewicht erfordern; man ersieht schon hieraus, wie wichtig die Durchführung dieses Versuches ist. – Durch die Leitungen gelangt der Strom nach dem Ausstellungsgebäude und wird dort, da er in der hohen Spannung nicht Verwendung finden darf, in entsprechenden Stromumwandlern wieder auf eine geringe Spannung zurückgeführt. Der erhaltene Strom wird verwendet, theils um viele Hunderte von Glühlampen, theils eine Centrifugalpumpe in Thätigkeit zu setzen, deren Wassermengen von mindestens 10 m hohen Felsen herabstürzen – eine anmuthige Allegorie auf den Kreislauf der Dinge: Der Lauffen er Wasserfall ersteht in Frankfurt durch seine eigene Kraft von neuem.

Das System, welches den gelungenen Versuch ermöglichte, ist das des Drehstromes, eine besondere Art der Gewinnung und Fortleitung von elektrischer Energie. Die Allgemeine Elektricitätsgesellschaft zu Berlin und ihre Licenzträgerin, die Maschinenfabrik Oerlikon, haben nach diesem die Maschinen erdacht und ausgeführt.

Das Unternehmen verdankt seine Idee dem rührigen Ausstellungsvorstand, Herrn Oskar v. Miller, seine Ausführbarkeit der Opferfreudigkeit der Behörden und der beiden betheiligten Fabriken, sowie einem erheblichen Zuschüsse seitens der Ausstellung und hohen Gönnern der Wissenschaft und Industrie.

Die Kupfer drahte sind von der Firma F. A. Hesse Söhne in Heddernheim hergeliehen. Die Construction und Herstellung der Leitungen sind vom Reichspostamt und, soweit sie durch württembergisches Gebiet gehen, von der königl. württembergischen Postverwaltung hergestellt, während die genannten Gesellschaften die Isolatoren beschafft haben.

Die Versuche sollen, wenn möglich, auch nach Schluss der Ausstellung fortgesetzt werden. Den Beobachtungen der zu diesem Zwecke eingesetzten Prüfungscommission der Ausstellung haben sich mehrere Behörden, voran die technisch-physikalische Reichsanstalt, angeschlossen.

Mit grosser Spannung sehen diese, ebenso die Eisenbahn- und Bauverwaltungen, sowie die gesammte Technik auf den Verlauf der Versuche. Dieselben werden bahnbrechend wirken für eine gänzliche Umgestaltung der Maschinentechnik. In 10, 15 Jahren braucht kein Dampfschornstein mehr die Luft der Städte zu verunreinigen: Soweit die „Feuerkraft“ nicht der Wasserkraft gewichen sein wird, wird sie ihre wohlthätige Macht im Verborgenen üben können. Der elektrische Strom wird bereit sein, ihre Wirkung untadelhaft in die weiteste Ferne zu übertragen.

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