Titel: 1000 -Turbine in Assling.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1891, Band 281/Miszelle 2 (S. 119–120)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj281/mi281mi05_2

1000 -Turbine in Assling.

In der Versammlung des österreichischen Ingenieur- und Architektenvereins vom 11. April hielt Prof. J. Radinger einen durch zahlreiche Zeichnungen erläuterten Vortrag über die 1000pferdigen Turbinen in Assling.

Nach dem Vortrage sind im nördlichen Krain, meist in unmittelbarer Nähe der Eisenbahnen, viele zum Theil noch unausgenützte, sehr bedeutende Wasserkräfte, darunter einzelne bis zu 10000 vorhanden. In der Nähe von Assling, einer Station der Staatsbahnlinie Tarvis-Laibach, bietet die über einen Bergsturz hinbrausende Sava auf kurzer Strecke eine Wasserkraft von mehr als 3000 dar. Die „Krainerische Eisenindustrie-Gesellschaft“ beschloss nun im J. 1888, diese Wasserkraft für die Anlage eines grossen Walzwerkes nebst neu zu erbauendem Martinstahlwerke auszunützen.

Die von dem Walzwerke verlangte bedeutende Leistungsfähigkeit von 20 Waggons täglich bedingte ein sehr rasches Herunterwalzen in einer Hitze, wozu die Walzen sehr grossen Druck erhalten müssen. Dies kann nur durch die Anlage sehr kräftiger Walzwerksmotoren, als welche hier Turbinen zu wählen waren, erreicht werden; man entschloss sich daher zur Aufstellung von drei Turbinen, deren jede durch Beaufschlagung mit 3 cbm Wasser in der Secunde bei 25 m Gefälle 1000 nominelle gibt. Die ganze Anlage des Eisenwerkes Assling ist bereits über Jahresfrist in Betrieb, und werden die aus dem Martinwerke kommenden Stahlblöcke auf der von einer 1000pferdigen Turbine durch Kegelräder direct angetriebenen Grobstrecke in einer Hitze von 300 mm im Geviert auf 50 mm im Geviert oder gleich grosse andere Querschnitte ausgewalzt. Das Vorproduct wird theils verkauft, theils auf der Feinstrecke und endlich im Drahtziehwerke weiter verarbeitet.

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Für die Ausführung der Turbinenanlage wurden von den ersten Turbinenbauanstalten Europas Vorschläge eingeholt, welche jedoch alle den gestellten Anforderungen nicht entsprachen. Es wurden für die 1000pferdigen Turbinen theils solche mit wagerechter Welle vorgeschlagen, welche ihre Kraft durch Seile auf die Walzenstrassen abgeben sollten, oder aber zwei gekuppelte Turbinen von je 500 , da die meisten Turbinenbauer Bedenken trugen, die ganze Leistung von 1000 einer einzigen Turbine aufzubürden, deren guten anstandslosen Gang sie nicht gewährleisten wollten.

Auf Einladung der „Krainerischen Eisenindustrie-Gesellschaft“ wurde im J. 1889 von dem Vortragenden ein Entwurf für die Anlage der Turbinen ausgearbeitet. Die Hauptschwierigkeit, welche sich bei der Construction dieser Turbinen, die zu den grössten der Welt gehören und in dieser Grösse bei senkrechter Turbinenwelle überhaupt noch nirgends aufgestellt wurden, darbot, bestand in dem Entwürfe der Spurzapfenlager, welche sehr stark belastet werden. Der Entwurf überwand durch die im Folgenden näher zu besprechenden Einzelconstructionen die erwähnten Schwierigkeiten. Die Ausführung wurde der Firma Ganz und Co. in Leobersdorf und Budapest übertragen, und entledigte sich dieselbe ihrer Aufgabe in glänzender Weise. Die heute bereits länger als ein Jahr in dauerndem Betriebe bewährten Turbinen bedeuten einen Triumph der österreichischen Maschinenbau-Wissenschaft und Industrie.

Das in offenem, hölzernem Gerinne von 10 qm Querschnitt den einzelnen Turbinenhäusern zugeleitete Wasser tritt durch mit Ringschützen abzusperrende, gusseiserne Fallrohre in die geschlossenen Turbinenkästen der frei über dem Unterwasser arbeitenden, mit Regulirung versehenen Druckturbinen. Da dieselben etwa 16 m tief in den aus Fels und Geröll bestehenden Boden versenkt werden mussten, so war die Herstellung von Schächten nothwendig, welche in eiförmigem Querschnitte, nach Berechnung des Prof. Ritter r. Schoen, durch Ingenieur Ammann aus Stampfbeton in ausgezeichneter Weise hergestellt wurden. Die Abstützung der 16 m langen, mit 14000 k belasteten senkrechten Turbinenwelle, welche 135 Umdrehungen in der Minute macht, erfolgt nach dem Entwürfe des Vortragenden in doppelter Weise. Der grössere Theil (etwa ¾) der Belastung wird durch einen hydraulischen Unterwasserzapfen nach dem System Radinger getragen, welches darin besteht, dass die sich drehende Turbinenwelle plungerartig in einen gegen dieselbe abgedichteten Cylinder taucht, welcher durch eine Röhrenverbindung von den Accumulatoren des Werkes aus mit gepresstem Wasser gefüllt wird. Dieser in Assling zum erstenmal angewendete neue Gedanke hat sich trefflich bewährt.

Die Turbinenwelle ruht nun überdies mit dem noch verbleibenden Reste der Belastung, welcher der sicheren Abstützung halber immer vorhanden sein muss, um ein Aufheben der Welle zu vermeiden, auf einem im Niveau der Hüttensohle angebrachten Ringzapfen, welcher im Allgemeinen der Ganz'schen Type entspricht. Die Schmierung desselben wurde jedoch so eingerichtet, dass in die von Nuthen durchzogene Spurplatte das von einer Oelpumpe kommende Oel unter Druck eingepresst werden kann, so dass auch im oberen Ringzapfen ein Theil der Last durch den Oeldruck getragen wird.

Ist die Oelpumpe in Gang und empfängt der Unterwasserzapfen Druck, so stellen sich die beiden Pressungen ganz von selbst ins Gleichgewicht. Bei sinkendem Wasserdruck unten, wobei der Ringzapfen stärker belastet wird, steigt der Oeldruck oben sofort und ohne Zuthun vermöge des der Oelpumpe aufgebürdeten grösseren Widerstandes – der aber von der dieselbe betreibenden Transmission leicht überwunden werden kann – auf die nothwendige Höhe, bis wieder jene Last verbleibt, welche von der Cohäsion des Oels allein getragen werden kann.

Normal herrschen im Unterwasserzapfengehäuse 20 at Wasserdruck, wobei das Oel im Ringzapfen ohne Druck durchfliesst und, durch Auffangvorrichtungen gesammelt, ganz kalt der Oelpumpe wiederum zugeführt wird. Bei zufälligem Versagen der Wasserzuführung zum Unterwasserzapfen bleibt durch die automatisch eintretende höhere Oelpressung im Ringzapfen dieser ganz kalt und betriebssicher. Ohne Entlastung und ohne Oelpressung aber wird der Ringzapfen schon nach wenigen Secunden so heiss, dass in kürzester Zeit der vollständige Ruin der Construction erfolgen würde. Die Arbeitsabgabe der Turbinen erfolgt durch Kegelräder unmittelbar auf die Walzenstrassen.

Die aus Gusseisen hergestellten, Eisen auf Eisen arbeitenden Räder von 2,4 m und 4 m Durchmesser bei 500 mm Breite ergeben eine Eingriffsgeschwindigkeit von 18,8 m in der Secunde. Die nach Radlinienverzahnung hergestellten Zähne sind, um starke Zahnfüsse zu erhalten, nicht symmetrisch, wohl aber beiderseits für richtigen Eingriff ausgebildet, so dass auch das Zurückarbeiten der Räder, welches unter Umständen eintreten kann, möglich ist. Die normal arbeitenden Zahnflanken sind mit möglichst grossen, einen günstigen Eingriff gewährenden Wälzungskreisen construirt, wodurch aber der Zahnfuss ziemlich radial zu stehen kommt, während die normal nicht arbeitenden Zahnflanken mit kleinen, gut abgerundete Zahnfüsse ergebenden Wälzungskreisen entwickelt wurden, die allerdings zu einem schlechteren, wenn auch richtigen Eingriff führen. (Wochenschrift des österreichischen Ingenieur- und Architektenvereins)

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