Titel: Die Jute, ein Rohstoff für Schiesswolle.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1892, Band 283 (S. 88–92)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj283/ar283023

Die Jute, ein Rohstoff für Schiesswolle.

Von Dr. Otto Mühlhäuser.

Obwohl bei dem massenhaften Vorkommen der Baumwolle der Gedanke, den wegen seiner Reinheit für Nitrirzwecke so ausgezeichneten Faserstoff durch einen anderen zu verdrängen, etwas ferne liegen mag, so muss doch auffallen, dass bis dahin keine Versuche ausgeführt worden sind, welche darauf abzielen, die Jute an Stelle der Baumwolle in Schiesswolle überzuführen. Und doch fordert gerade die Jute in erster Linie zu solchen Versuchen auf, denn kein anderer Faserstoff ist so leicht und billig beschaffbar, so leicht zu nitrirbarem Rohstoff verarbeitbar wie dieses in Südasien in ungeheuren Mengen producirte Fasermaterial. Dass Versuche in der angedeuteten Richtung nicht ausgeführt worden sind, mag mit auch daran gelegen haben, dass im Augenblicke ein dringendes Bedürfniss des Ersatzes der Baumwolle durch ein anderes Rohmaterial nicht vorliegt, trotzdem müssen solche Versuche das Interesse der Fachkreise schon wegen der rein wissenschaftlichen Seite der Frage erregen, selbst dann, wenn ökonomische Vortheile nicht auf den ersten Blick ersichtlich wären.

Für den Verfasser dieser Arbeit steht die Lebensfähigkeit des neuen Verfahrens für Nitrocellulose ausser Zweifel. Die aus Jute gewonnene Schiesswolle wird ihrer leichten und billigen Herstellung halber mit der aus Baumwolle dargestellten für gewisse Zwecke der Sprengtechnik1) sowohl eigenschaftlich als auch namentlich in Bezug auf Preis erfolgreich concurriren können und wird man in Zukunft mit dieser Thatsache rechnen. Ehe nun auf diese Versuche bezieh. deren Resultate eingegangen wird, mag einleitend das über Jute mitgetheilt werden, was rücksichtlich der zu besprechenden Versuche von allgemeinerem |89| Interesse ist, wie Anbau2), Preis und Marktverhältnisse, Bau der Faser, Gewinnung der Faser, physikalische und chemische Eigenschaften des Rohstoffes u.s.w. Wenn der Verfasser andererseits mit der Mittheilung desjenigen Materials, was nur dem Schiesswollfabrikanten von speciellem Werth und Interesse sein kann, zurückhält, so wird der Fachmann das begreiflich finden, soll doch diese Abhandlung nur vom allgemein technischen Standpunkte aus die Richtung angeben, in welcher Weise man vorzugehen hat, um Jute in Schiesswolle überzuführen.

Die Jute ist die Bastfaser zweier der Familie der Tiliaceen angehörenden Pflanzen, von Corchorus capsularis und von Corchorus olitorius. Die in Ostindien heimischen Pflanzen, welche seit einiger Zeit versuchsweise auch in anderen warmen Ländern3) angebaut werden, fanden zuerst in Dundee im J. 1832 als Spinnstoff Eingang und ist dieser Ort auch jetzt noch der Hauptsitz der europäischen Juteindustrie. In Deutschland ist der neue Zweig 1861, in Oesterreich 1871 aufgenommen worden. Hoch entwickelt ist auch die Jutespinnerei im Mutterlande der Pflanze, in Bengalen, und was Bombay für den indischen Baumwollmarkt, bedeutet Kalkutta für den Markt in Jute. Der Export von Jute aus Ostindien in Menge und Werth betrug:

Jahr Cwt. £ à 10 Rup.
1880 6680670 4370032
1885 8368686 4661368
1890 10255904 8639861

In Europa consumirt England am meisten, Deutschland am nächst meisten Robjute. Der Verbrauch an Rohjute betrug in Tonnen:

1885 1886 1887
Grossbritannien 181440 166930 186880
Deutschland 42 640 45360 49900
Frankreich 25 400 25400 27220
Oesterreich 14 510 15420 16330
Italien 10890 12700 14520
Belgien 7260 7260 9070
Spanien 4540 5440 5440
Russland 900 1820 2720
Norwegen u. Schweden 1810 1810 1810

Man sieht daraus, welche Bedeutung die Juteverarbeitung in Europa hat, vor allem auch den hohen Stand der englischen Industrie. Auch in den Vereinigten Staaten von Nordamerika ist die Juteindustrie mächtig entwickelt. Neben dem selbst erzeugten Material importirten die Vereinigten Staaten im vorletzten Jahre etwa 2000000 Cwt.

Die Jutepflanzen4) sind einjährige aus Samen gezogene Stengelpflanzen, welche eine Höhe von 3 bis 4 m und eine Dicke von 13 mm erreichen. Die Abscheidung des Bastes geschieht wie beim Hanf, indem man die mit der Sichel abgeschnittenen etwa 100 Tage alten, entzweigten und entblätterten Pflanzen einer Wasserrotte5) unterwirft, darauf die ganze Bastschicht von dem Holze herunterstreift, gehörig mit Wasser abwäscht und trocknet. In diesem Zustande, in welchem der Bast die ganze Stengellänge besitzt, kommt er auf den Markt, wo man in absteigender Güte nachstehende Sorten unterscheidet:

1) Seragunge, 2) Neragunge, 3) Dacca, 4) Daisen (Crown), 5) Dowra, 6) Rejections und 7) Cuttings (Wurzelenden).

Die Ausfuhr aus Indien, welche englische und deutsche in Kalkutta domicilirte Häuser vermitteln, geschieht fast nur aus diesem Orte. Die Preisnotirungen erfolgen stets für 1 t engl. Die deutschen Spinner beziehen die in Ballenform gebrachte Jute von den Kalkuttahäusern c. i. f. London oder c. i. f. Bremen bezieh. Hamburg. Je nach der Qualität werden die verschiedenen Sorten zu mehr oder weniger feinen Fabrikaten: zu Säcken, Leinwand, Stricken, Garnen, Bindfaden verarbeitet. Gewisse Abfälle dienen als Putzwolle für Maschinentheile, wieder andere zur Papierfabrikation.

Die beste Jute hat eine helle, weisslich-gelbe, mitunter graulich-weisse Farbe, einen ziemlich hohen Glanz, einen gewissen Grad von Weichheit und eine grosse Gleichmässigkeit. Die Wurzel- und Kopfenden stehen diesen guten Eigenschaften stets nach, weshalb diese vor der weiteren Verarbeitung meist abgetrennt werden. Die Mittelsorten sind bräunlich, die ordinären gelb und rothbraun. Auch ist denselben geringerer Grad von Glanz und Weichheit eigen.

Zur Gewinnung der nitrirbaren Jutefasern wird man im Wesentlichen denselben Weg verfolgen, wie er in der Textilindustrie zur Darstellung der verspinnbaren Fasern bereits eingeschlagen ist. Man wird ein Jutefaserband darstellen, das gründlich gelockert und entwirrt ist. Die Entwirrung und gründliche Lockerung der Fasern und die parallele Anordnung derselben als Watte ist von grösster Wichtigkeit für den nachfolgenden Nitrirprocess, weil dadurch das Material in ein erhöhtes Capillaritätsverhältniss versetzt wird und die Durchsetzung desselben mit dem Säuregemisch, somit der Verlauf der chemischen Umwandelung in Schiesswolle begünstigt, der Verlauf schädlicher Nebenprocesse hingegen erheblich hintangehalten werden dürfte. In der Textilindustrie6) erzeugt man das Jutefaserband in nachstehender Weise:

Man beginnt die Verarbeitung mit dem Oeffnen der ausserordentlich stark zusammengepressten Juteballen und lässt den Inhalt in grösseren abgelösten Portionen eine Maschine, den sogen. Juteöffner, passiren, welcher dieselben stark knickt und zu dem Zwecke gewöhnlich aus drei Paar eisernen Walzen besteht, die wie Brechwalzen geformt sind, einen äusseren Durchmesser von 200 mm haben und sieben etwa 125 mm tiefe fast rechtwinkelige, abgerundete Rollen besitzen, in welche die Jutestengel durch die Vorsprünge der correspondirenden Walzen eingepresst werden. Nachdem die Jute den Oeffner verlassen hat, unterliegt sie einem Zerlegen mit der Hand in kleine Risten. Zur Gewinnung der verspinnbaren Jutefasern ist ein Spalten des Bastes in der Längsrichtung nöthig. Da aber die Jutefasern im Baste sehr steif und hart sind und sich daher in diesem Zustande nicht gut weiter verarbeiten lassen, so geht dem Kardiren eine Vorbearbeitung voraus, welche die Herstellung einer möglichst grossen Weichheit |90| und Geschmeidigkeit bezweckt. Diese Vorarbeit besteht in zwei getrennten Operationen. Zuerst werden die Risten schichten weise über einander gelegt und mit Wasser und Thran bezieh. Mineralöl besprengt, etwa 24 bis 28 Stunden liegen gelassen, so lange bis das Wasser aufgesogen ist und das Fett sich auf der Bastoberfläche abgelagert hat. So durch den Einweichprocess vorbereitet wird das Material einem Quetschprocess unterworfen, der durch ein gewaltsames, wiederholtes Drücken und gelindes Hin- und Herbiegen desselben die Geschmeidigkeit und Biegsamkeit hervorruft, welche zur weiteren Verarbeitung nöthig ist. Man verwendet zum Quetschen entweder das System mit Walzenpaaren in einer Ebene oder das System mit bogenförmig angeordneten Walzenpaaren und Pilgerschrittbewegung.

Die Walzen des ersten Systems haben 750 mm Länge, 105 mm äusseren Durchmesser und auf der Oberfläche 14 Riffeln, welche schlank schraubenförmig um den halben Umfang herumlaufen, und zwar abwechselnd bei einem Walzenpaare links, bei dem zweiten rechts, dem dritten links u.s.f. Die Zahl der Walzenpaare beträgt 20 bis 40. Die Walzengeschwindigkeit beträgt fast 23 m in der Minute, was etwa 70 Umdrehungen entspricht. Eine Maschine mit 20 Walzen verarbeitet stündlich etwa 975 k Jute. Das zweite System besteht aus sechs Walzenpaaren, welche in einem Bogen von 100° um einen Mittelpunkt angeordnet sind. Die unteren Walzen haben einen Durchmesser von 114 mm und liegen in einem Kreise von 30 cm Radius, die oberen Druckwalzen sind 152 mm dick. Die Leistung der Maschine beträgt 535 k in der Stunde.

Manche Jutesorten, welche keine harten Wurzelenden zeigen, können nach dem Quetschen direct auf den Karden weiter verarbeitet werden. Solche mit harten Wurzelenden werden davon durch Abschnippen entweder auf Maschinen oder mit der Hand befreit.

Das Arbeitsorgan der Schnippmaschine bildet stets eine nach Art des Reisswolfes eingerichtete, d.h. mit kräftigen Nadeln besetzte Trommel, die entweder einzeln oder auch paarweise über einander liegend dadurch zur Wirkung kommt, dass man die Juteristen in der Achsenrichtung in der Weise daran entlang führt, dass die Enden von den Trommelzähnen gefasst und abgerissen werden. Diese Zuführung wird entweder in einer rechtwinklig zu der Trommel ach se stehenden Mulde mit einer sich in dieser Mulde langsam drehenden Stachelwalze bewirkt, welche zugleich das abgeschnippte Material wieder aus der Mulde und aus dem Bereiche der Schnipptrommel auf ein Abführblech schiebt, oder mittels zweier oder dreier endloser Ketten bewerkstelligt, welche das Material in die Rillen einer zwei- oder dreistufigen, um eine senkrechte Achse sich drehenden Rillenscheibe einpressen und festhalten, die unmittelbar neben den Trommeln aufgestellt ist.

Die weitere Zerlegung der bandartig zusammenhängenden Fasern setzt ein unausgesetztes Spalten und die Verwandlung in kurze Fasern ein ebenso ununterbrochenes Abreissen voraus. Um diese beiden Arbeiten gleichzeitig und in Verbindung mit einer Abscheidung von noch vorhandenen Epidermistheilen, von Staub u.s.w. zu vollziehen und dem Material ausserdem in einfachster Weise die Bandform zu geben, stehen zur Ausführung derselben ausschliesslich Maschinen in Verwendung, welche der Klasse der Walzenkarden angehören und wovon mindestens zwei auf einander folgend als Vorkarde und Feinkarde benutzt werden.

Die Vorkarde besteht aus einer Nadeltrommel von 1,22 m Durchmesser und 1,8 m Länge, zwei Arbeitern und zwei Wendern. Die Zufuhr erfolgt auf dem Speisetuche, von dem die Vorwalze mit einer festen gusseisernen Mulde die Jute empfängt, um sie der Nadeltrommel zum Zerreissen darzubieten, das mit den Arbeitern fortgesetzt wird, bis eine Abnahmetrommel die Fasern von der Trommel als Fliess abnimmt und einem geriffelten Walzenpaare übergibt, welches das Fliess durch eine allmählich schmäler werdende Rinne schiebt und auf diese Weise in ein Band umwandelt, das in eine Kanne fällt. Die Bänder der Vorkarde werden sodann entweder mit den Kannen oder besser auf einer besonderen Wickelmaschine an einander gelegt, als Wickel nach einander auf zwei Feinkarden gebracht, um hier durch weiteres Zerreissen und sorgfältiges Anordnen der Faser ein möglichst gleichförmiges Band zu erzeugen, in welchem die Fasern durchschnittlich auf eine Länge von 300 mm gebracht sind.

Ein auf diese Weise erzeugtes Jutewergband diente bei meinen Versuchen zur Umwandlung in Schiesswolle. Die einzelne Jutefaser, wie man sie aus dem rohen Spinnstoff absondert, ist keine einfache Zelle, wie etwa das Baumwollhaar, sondern ein ganzes Zellbündel, dessen Einzelzellen dicht an einander gereiht erscheinen. Die Querschnitte dieser Einzelzellen erscheinen poligonal. Um Einzelzellen zu erhalten, ist es erforderlich, die Zellen der einzelnen Bündel von einander zu isoliren, d.h. das intercellulare Klebemittel zu zerstören bezieh. zu lösen. Es gelingt dies mit Chromsäure. Die auf diese Weise isolirten Zellen zeigen vielfach, dass der Verlauf der Hohlräume nicht derselbe ist, wie der der äusseren Zellwandung, sondern dass sich dieselben bald erweitern, bald verengern, die Wandungen also bald dünner, bald dicker werden, dass die Jute also nur aus unregelmässig verdickten Bastzellen besteht. Wiessner gibt an, dass sich Corchorus capsularis und Corchorus olitorius, von denen wohl alle Jute des europäischen Continents abstammt, sich dadurch von einander unterscheiden lassen, dass die natürlichen Enden einer Elementarzelle bei ersterer schwach, bei letzterer stark verdickt sei, so dass sich die Höhlung im ersteren Falle fast bis zur Spitze erstreckt, im letzteren aber die Wandungen schon eine Strecke vorher zur Berührung gelangen. Die Länge der Bastzellen beider Corchorus-Arten wurde von Wiessner zu 0,8 bis 4,1 mm bestimmt.

Hugo Müller7) hat die Zusammensetzung einiger Jutesorten wie folgt gefunden:

Fast farblos rehfarben braune Cuttings
Asche 0,68
Wasser 9,93 9,64 12,58
Wasserextract 1,03 1,63 3,94
Fett und Wachs 0,39 0,32 0,45
Cellulose 64,24 68,05 61,74
Incrustirende Substanz 24,41 25,36 21,29

Man muss annehmen, dass die untersuchten Sorten lufttrocken waren.

Die Aschenmenge völlig getrockneter Jute beträgt 0,9 bis 1,74 Proc. Das specifische Gewicht der Jutefaser mit 7 Proc. Wassergehalt ist nach Pfuhl 1,436. Wie faserige Stoffe überhaupt, regelt die Jute ihren Wassergehalt |91| hauptsächlich nach dem relativen Wassergehalte der Luft. Nach Pfuhl nehmen alle Jutesorten mit der Zeit gleich viel Wasser auf, dabei nehmen die Kopfenden etwas mehr, die Wurzelenden am wenigsten auf. Die Wasseraufnahme aus der Luft soll im Mittel 14 Proc. vom Trockengewichte betragen.

Ueber das Verhalten der Jutefaser unter den verschiedensten Umständen, insbesondere auch über die chemischen Eigenschaften derselben liegen mehrere Arbeiten vor. Alle diese Untersuchungen sind aber nur mit Rücksicht auf die Jute als Spinnstoff unternommen und war namentlich die Einwirkung der Bleichmittel Gegenstand eingehendster Untersuchung. Vollkommen trocken verändert sich die Jute an der Luft nicht, ebenso wenig in luftfreiem Wasser, weder bei gewöhnlicher Temperatur noch bei 100° C. Erst bei 250 bis 300° tritt nach Schoop8) Zersetzung unter Bildung empyreumatischer Producte ein.

Den Hauptbestandtheil der Faser bildet die Cellulose. Nach der Reinigungsmethode von Schulze hinterlässt die Jute – wie Schoop berichtet – etwa 70 Proc. Cellulose, wenn man das Material mit 8/10 seines Gewichtes an KClO3 und dem 12 fachen Gewichte Salpetersäure von 1,1 spec. Gew. 14 Tage lang bei 13 bis 15° C. digerirt, dann mit verdünntem Ammoniak, endlich mit Wasser wäscht.

Man kann annehmen, dass die Jute aus Cellulose besteht, wovon die äusserste Schicht in eine gerbstoffähnliche Substanz umgewandelt worden ist. In der That wird die Jute durch Alkalien in unlösliche Cellulose und in lösliche Stoffe, die dem Gerbstoffe verwandt sind, gespalten. Wenn man ausserdem grössere Mengen von Jute in feuchtem Zustande längere Zeit sich selbst überlässt, so wird die Fasersubstanz in zwei Gruppen von Körpern, nämlich in Säuren, die der Pectinsäure analog sind, und in gerbstoffähnliche Substanzen gespalten.

Nach C. F. Cross und E. J. Bevan9) kommt der Jutesubstanz die empirische Formel C12H18O9 zu, sie ist eine Verbindung von 70 bis 80 Th. Cellulose und 20 bis 22 Th. Nichtcellulose, so dass man ihre Formel in 3 C6H10H5 + 1 C6H6O3 auflösen kann. In diese Bestandtheile wird sie dann bei der Behandlung mit Säuren und Alkalien zerlegt. Unter dem Einflüsse des Chlors erhält man eine gechlorte Verbindung, die sich mit schwefligsaurem Natron schön fuchsinroth anfärbt. Dieselbe Farbenreaction zeigt auch mit Tannin präparirte Baumwolle, ein Product, mit dem die Jute grosse Aehnlichkeit besitzt. Es zeigt sich dieselbe Aehnlichkeit in der Färberei, indem man die Jute mit den basischen Theerfarbstoffen, wie Fuchsin, Safranin u.s.w., direct färben kann. Nach der Behandlung der Faser mit feuchtem Chlor lässt sich mit Alkohol ein Chlorderivat der Nichtcellulose extrahiren, während im Wesentlichen Cellulose zurückbleibt. Nach ihrer Zersetzbarkeit durch Chlor zu schliessen, ist die Nichtcellulose ein complexeres Molekul, bestehend aus 2 Mol. eines chinonartigen Körpers, C18H18O10, welcher beim Chloriren Mairogallol liefert, 6 Mol. Furfuran C5H4O und 5 Mol. Acetaldehyd.

Gegenüber der angegebenen Zusammensetzung, welche die Cellulosesubstanz in den früheren Stadien des Wachsthums der Pflanze besitzt, besteht die eigentliche oder reife Holzsubstanz bei einem höheren C-Gehalte zu 50 bis 60 Proc. aus Nichtcellulose.

Der gerbstoffartige Körper, dessen Individualität bis jetzt nicht festgestellt ist, bedingt im Wesentlichen auch die mehr oder weniger dunkle Farbe der Jute, deren Aufhebung durch alkalische Mittel in der Textilindustrie öfters angestrebt wird. Man geht dabei aber nur soweit, dass die Festigkeit der Faser darunter nicht leidet, ein grosser Theil von Nichtcellulose also noch zurückbleibt, der Zusammenhang der Zellen nicht alterirt wird. P. Schoop fand die Wirkungsweise solcher alkalischer Abzugsmittel wie nachsteht:


Alk. Mittel

Temperatur

Zeit
Gewichts-
verlust
5 Proc. Natronolivenseife 70° C. 2 Std. 10,9 Proc.
8 Kaliseife Zimmert. 3 „ 6,4
0,5 Natronwasserglas 70° C. 1 „ 2,3
1,5 Natronhydrat 90° C. 2 „ 13,3
5 Soda gew. Temp. 14 Tage 2,6
1,7 Ammonhydrat „ „ 6 „ 10,1

Für den vorliegenden Zweck, wo es sich um die möglichste Entziehung von Nichtcellulose handelt, ist Natron das allein zweckdienliche Mittel. Ein zweimaliges Abkochen der Jute genügt den Anforderungen, welche an die gereinigte Faser behufs Nitrirung gestellt werden, vollkommen. Man arbeitete wie nachsteht:

250 g Jutewerg, durch Zerschneiden des Jutefaserbandes in fusslange Theile zerlegt, werden zunächst mit warmem Wasser mehrere Stunden ausgelaugt und dann zweimal mit einer 1 procentigen Natronlauge in der Wärme behandelt. Man löst 40 g kaustische Soda in 4 l Wasser, übergiesst damit die völlig durchfeuchtete Jute, digerirt 2 Stunden auf dem Wasserbade und lässt über Nacht stehen. Dann wringt man die der braunen Lauge entnommene Jute aus, wäscht vollständig mit Wasser aus und gibt wieder ein 1 procentiges Alkalibad (40 g Natron auf 4 l Wasser) bezieh. wiederholt den alkalischen Digestions- und Waschprocess nochmals.

Schon beim Eingehen mit der Jute ins kalte Alkalibad färbt sich die Faser gelbbraun – vermuthlich unter Aufnahme von Luftsauerstoff. Beim Erwärmen wird die Faser immer dunkler und die Lauge nimmt gelbbraune Farbe an. Die sorgfältig gewaschene und am warmen luftigen Orte getrocknete Jutefaser wird durch die Alkalibehandlung brüchiger, behält aber im Wesentlichen die ursprüngliche Farbe. In dieser Weise vom leicht abziehbaren Theil aller Nichtcellulose, von Wachs, Fett und einem Theil der gerbstoffähnlichen Substanz befreit, wird die Faser zur Nitrirung verwendet.

Säuren, besonders aber Mineralsäuren zerstören selbst bei niedriger Temperatur die Jutefaser leicht, indem sie dieselbe in lösliche Substanzen verwandelt. So wirken Salz- und Schwefelsäure. Concentrirte Schwefelsäure löst die Jute sofort vollständig auf, indem sich die Lösung schmutzig dunkelviolett färbt. Mit Wasser verdünnte Säure löst unter ähnlichen Farbenerscheinungen zunächst die Nichtcellulose auf und hinterlässt – wie es scheint – die Cellulose von mehr oder weniger incrustirender Substanz befreit.

Salpetersäure vom s. G. 1,5 wandelt Jute in eine gummiartige, zähe, gequollene, rothbraune Masse um, welche durch Waschen mit Wasser gelb wird und getrocknet beim Entzünden abbrennt. Diese Masse dürfte der Hauptsache nach aus Nitrocellulose bestehen. Sie wurde indessen nicht weiter untersucht, da die Nitrirung der Jute mit Salpetersäure allein augenscheinlich ein praktisches Interesse |92| nicht haben konnte. Setzt man dagegen die Jutefaser der Einwirkung der Salpeterschwefelsäure aus, so erhält man nitrirte Cellulose ohne Schwierigkeit. Schon Cross und Bevan haben Tetranitrocellulose aus Jute auf diese Weise erhalten, sie legten aber dem erhaltenen Körper keine technische Bedeutung bei, stellten denselben vielmehr nur aus rein wissenschaftlichem Interesse, behufs Charakterisirung der Jutecellulose dar. Taucht man Jute in ein Gemisch von 1 Th. Salpetersäure von 1,5 s. G. und 1 bis 3 Th. conc. Schwefelsäure, so geht die Flachsfarbe der Faser in Braunroth über, die Faser selbst quillt etwas auf und zerfällt beim Eintauchen in Wasser in viele kleine Härchen, welche offenbar die nitrirten Einzelzellen der Faser darstellen. Die gesammelten Härchen lassen sich leicht filtriren, auswaschen, trocknen und stellen dann eine hellgelbe Wolle dar, welche der Schiessbaumwolle in den Eigenschaften gleicht. Bereits oben wurde die Wirkungsweise der einzelnen Säuren auf Jute besprochen und ist es klar, dass Schwefelsäure vorzugsweise die Nichtcellulose ablöst, während Salpetersäure diese lösende Eigenschaft nicht besitzt, die Cellulose einfach nitrirt bezieh. auch die in Schwefelsäure löslichen Producte weiter zersetzt.

(Schluss folgt.)

|88|

Ich habe hier namentlich die Verwendung für Sprenggelatine im Auge.

|89|

Vgl. das klassische Werk von E. Pfuhl: Die Jute und ihre Verarbeitung.

|89|

Seit etwa 20 Jahren versucht man die Jute in Louisiana, Florida, Georgia, Texas, California, Guyana, Aegypten, Algier, Mauritius, Caledonien anzubauen.

|89|

Ertrag eines Acre an zubereiteter Faser 13 bis 14 Cwt.

|89|

Die Wasserrotte hat den Zweck, durch einen Fäulnissprocess den Pflanzenleim, welcher den Bast mit dem umliegenden Gewebe und den einzelnen Fasern unter einander verbindet, zu lockern, derartig zu zersetzen, dass deren mechanische Trennung nach der etwa 10 Tage dauernden Röste möglich ist.

|89|

E. Pfuhl l. c. und Karmarsch und Heerens techn. Handwörterbuch 3. Aufl., ferner E. Hoyer, Lehrbuch der mechanischen Technologie Bd. II 1888.

|90|

Amtl. Bericht über die Wiener Weltausstellung im J. 1873, Bd. 3. 1877. Pflanzenfasern von H. Müller.

|91|

Vgl. E. Pfuhl l. c.

|91|

Chem. Soc. 1889 Bd. 1 S. 199 bis 213.

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