Titel: Garbenbindemaschinen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1892, Band 283 (S. 192–196)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj283/ar283048

Garbenbindemaschinen.

Von Prof. V. Thallmayer in Ungarisch-Altnburg.

Mit Abbildungen.

Von dieser Gattung landwirthschaftlicher Maschinen sind gegenwärtig in alleiniger Verwendung die Schnurbinder. Von Draht als Bindematerial ist man wegen des Kostenpunktes und den Unzukömmlichkeiten, die er im Stalle, wohin er mit dem Stroh, und in der Mühle, wohin er mit den Körnern gelangt, verursacht, gänzlich abgegangen.

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Die Garbenbindemaschinen lassen sich eintheilen in garbenbindende Mähemaschinen (reaper and binder) und in einfache Garbenbinder, d. i. solche ohne Mähevorrichtung (gleaner and binder, auch independent binder). Die mit Mähevorrichtung versehenen sind entweder Elevatorbinder (elevatorbinder) oder Plattformbinder (platform oder low down binder). Bei den Elevatorbindern fällt das von den Messern der Mähevorrichtung geschnittene Getreide zunächst auf eine wagerecht geführte endlose Leinwand (transporteur), von welcher weg es mehr oder weniger hoch gehoben und dem Bindeapparat zugeführt wird.

Textabbildung Bd. 283, S. 192
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Typische Formen dieser Gattung Binder sind die in den Fig. 1 und 2 dargestellten. Bei den Plattformbindern fällt das Getreide auf einen Tisch oder auf einen Transporteur und findet das Binden im Niveau dieser statt. Typische Formen dieser Gattung Bindemaschinen sind die in Fig. 3, 4 und 5 dargestellten. Fig. 6 ist die Abbildung eines einfachen Binders ohne Mähevorrichtung, welcher die von einer gewöhnlichen Mähemaschine auf die Stoppel gelegten Gelege auffasst und zu Garben bindet. Gegenwärtig sind am verbreitetsten die Elevatorbinder, in der Ausbildung begriffen die Plattformbinder, welche einmal schon fallen gelassen wurden. Vom Schauplatze gänzlich verschwunden sind die einfachen Binder. Ausgebildet und entwickelt zu dem, was sie gegenwärtig sind, wurden die Garbenbindemaschinen in den Vereinigten Staaten, und zwar durch die Bemühungen und die Ausdauer von einfachen und bescheidenen Männern ohne jegliche technische Vorbildung in dem Sinne, wie selbe unsere technischen Lehranstalten bieten. Die Erfolge der Amerikaner auf diesem und vielen anderen Gebieten der Technik beweisen zur Genüge, dass auch ohne das zunftmässig erworbene Maschineningenieurdiplom, auf welches bei uns mancher nicht wenig stolz ist, viel geleistet werden kann. Nach amerikanischen Vorbildern baut man gegenwärtig auch in England, Frankreich und Deutschland Garbenbindemaschinen, mit durchschlagendem Erfolge jedoch bisher nur in England. Auf unserem Continente zahlt sich übrigens die Herstellung |193| von Garbenbindemaschinen wegen des verhältnissmässig geringen Absatzes auch noch nicht aus.

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Der Elevator wird entweder von zwei mit Holzleisten beschlagenen endlosen Leinwanden wie in Fig. 7, oder aber von mit Stacheln versehenen Riemen r gebildet (Fig. 8), an die sich ein leichter Holzrechen R schmiegt. Mitunter ist Elevator und Transporteurleinwand (Fig. 9) aus einem Stücke. In den Fig. 7, 8, 9 ist mit T die als Transporteur dienende endlose Leinwand, mit Z ein rotirendes Zuführbrett und mit K der Treibersitz bezeichnet.

Der Arbeitsgang bei den Elevatorbindemaschinen ist folgender: Das Getreide, von den Messern geschnitten, fällt auf die Transporteurleinwand, welche es dem Elevator zuführt, der es hebt und gegen den Bindeapparat zu fallen lässt. Von dem im Fallen begriffenen Getreide wird durch eine Sammelvorrichtung die einer Garbe entsprechende Menge Getreide in ein Bündel zusammengerafft, und nachdem dies geschehen, das Bündel mit Schnur umspannt und zu einer Garbe gebunden. Nachher wird die Garbe abgetrennt und auf die Stoppel geworfen. Beim Abtrennen der Garbe wird die Schnur abgeschnitten, aber gleichzeitig auch ihr Ende in den Bindeapparat wieder eingeklemmt, damit selbe wie vorher ununterbrochen vom Knäuel bis zum Bindeapparat laufe. Messer, Transporteur, Elevator, Sammelvorrichtung sind ohne Unterlass in Bewegung, der Bindeapparat jedoch setzt sich nur von Fall zu Fall, nämlich dann in Bewegung, wenn auf dem Bindetische bereits genügend Stroh zu einer Garbe beisammen ist. Der Bindeapparat functionirt insofern selbsthätig, als die denselben unthätig haltende Sperrvorrichtung (trip gear) sich stets erst dann auslöst, wenn der vom angesammelten Getreide auf dieselbe ausgeübte Druck eine bestimmte Grosse angenommen hat. Wegen Regulirung der Garbengrösse kann die Sperr- und Auslösevorrichtung so eingestellt werden, dass sie einem kleineren oder nach Befinden erst einem grösseren Drucke nachgibt. Zu jeder bestimmten Einstellung werden die Garben alle gleich gross und gleich schwer. Sonst lässt sich mit den Bindern alles das vornehmen, was mit den gewöhnlichen Mähemaschinen, nämlich: die Stoppelhöhe reguliren, die Messerspitzen gegen oder vom Boden neigen, der die Halme den Messern zuführende Haspel höher oder tiefer stellen, die Messer für den Transport auf Strassen hoch stellen. Bei den Plattformbindern wird das Getreide entweder vom Transporteur oder von Raffarmen dem Bindeapparat direct zugeführt (Fig. 3, 4, 5).

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Die Bindevorrichtung wird gegenwärtig nach zwei Systemen ausgeführt: nach System Holmes-Wood und nach System Appleby. Zum Binden verwendet wird: Manilaschnur, hergestellt aus der Faser der auf den Philippinen heimischen Musa textilis; Sisalschnur, hergestellt aus den Fasern der in Yucatan heimischen und neuerdings auch auf den Bahamainseln in grossem Maasstabe kultivirten Agave sisaliana (benannt nach dem Hauptausfuhrhafen Sisal); gemischte Schnur (mixed twine, half and half twine), deren äussere Hülle aus Manilafaser und deren Seele aus Sisal- oder Hanffaser besteht; Hanfschnur aus gewöhnlichem |194| Hanf und in neuester Zeit auch Schnur aus Jutefaser. Gute Schnur muss glatt und von genügender Festigkeit sein, d. i. erst bei einem Zuge von 40 bis 50 k reissen. Manilafaser ist von Natur aas glatt, Hanfschnur kann nur als polirte Schnur verwendet werden. Die Schnur wird in Knäueln in den Handel gebracht. Selbe sind mit Maschinen gewickelt und läuft die Schnur beim Gebrauche stets von dem Inneren des Knäuels ab. Seit der Einführung der Schnurbinder hat sich besonders die Production der Sisalfaser riesig gehoben. Versuche, zum Binden der Garben Strohseile zu verwenden, sind schon des öfteren gemacht, bisher aber ohne durchschlagenden Erfolg. Bei der zu Noisiel aus Anlass der letzten Pariser Weltausstellung abgehaltenen Mähemaschinenconcurrenz hatte Wood hors concours eine Bindemaschine ausgestellt, welche Stroh aus einem Troge entnahm, zu einem Seil zusammendrehte und mit diesem die Garben band, doch ist man auch mit dieser Maschine über das Versuchsstadium noch nicht hinausgekommen.

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Appleby's und Wood's Bindevorrichtungen unterscheiden sich hauptsächlich durch den Knüpfer (knotter), d. i. jenen Theil von einander, welcher den Knoten schürzt und macht. Appleby's Knüpfer (bill hook) hat ganz die Form eines Vogelschnabels, öffnet und schliesst sich wegen Aufnehmens und Festhaltens der Schnur ganz so wie ein solcher und macht während des Knüpfens eine Drehbewegung. Wood's Knüpfer erinnert seiner Form nach an einen krummen Zeigefinger, ist aber auch zweitheilig, um wegen Erfassens und Festhaltens der Schnur im geeigneten Momente sich öffnen und schliessen zu können. Das Oeffnen und Schliessen seiner zwei Theile findet jedoch nicht nach Art eines Schnabels, sondern nach Art eines Thürriegels statt, der zurück- und dann wieder vorgeschoben wird.

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Wir wollen nun, soweit dies auf schematische Weise möglich ist, versuchen, einen Einblick in das System des Bindens zu geben und übergehen zunächst auf die Art des Bindens bei Appleby's Bindevorrichtung. Bei dieser läuft (Fig. 10) die Schnur S vom Knäuel T nach der Spitze der Nadel (needle) H, von da durch ein Führungsstück C über den Schnabel (bill) K nach einer der Einkerbungen eines Klemmrädchens G, welches das Schnurende zwischen zwei Stahlblättern E und D festgeklemmt hält. Erst befindet sich die Nadel unterhalb des durch einen wagerechten Strich angezeichneten Bindetisches. Hat sich am Bindetische genügend Stroh zu einer Garbe angesammelt, so setzt sich der Bindeapparat in Bewegung, es kommt die Nadelspitze H in die Höhe, legt die Schnur um die Garbe, dann hinein in das Führungsstück C, ferner auf den Schnabel K und in die Einkerbung des Klemmrädchens G, so dass die Schnur nun von C bis D doppelt liegt (Fig. 11). Nachdem dies geschehen, beginnt der Bindeschnabel K sich gegen das Führungsstück C hin zu drehen an, wodurch die Schnur nach etwa ¾ Umdrehung sich, wie in Fig. 12 dargestellt, um den Bindeschnabel aufwindet. Im Verlaufe der weiteren Drehung öffnet sich der Schnabel, wodurch die gegen G (Fig. 11) zu liegenden Theile der Schnur in den geöffneten Schnabel gelangen (Fig. 13), welcher zu Ende der Umdrehung sich schliesst und die Schnur gefangen hält. Damit nun die Bildung des Knotens möglich sei, muss die Schnur vom Schnabel herabgeschoben und auch zwischen K und G (Fig. 11) entzweigeschnitten werden. Zu diesem Behufe befindet sich zwischen G und K ein Messer A, welches mit C ein Stück bildet. Durch einen Ruck wird nun C und A im geeigneten Momente vorgeschoben, C schiebt die Schnur, die dann, wie in Fig. 14 abgebildet, zu einem Knoten wird, vom Schnabel ab. Die scharfe Kante von A schneidet die Schnur ab. Aus dem Schnabel heraus wird die Schnur beim Abwerfen der Garbe, welches zwei Stossarme besorgen, gezerrt. Bevor noch das Abschneiden stattfindet, hat sich das Klemmrädchen G schon um eine Einkerbung nach den zwei Blättern E und D hin gedreht (Fig. 11), um auch die von der Nadel zugelegte Schnur festzuklemmen und zu ermöglichen, dass auch nach dem Abtrennen der Garbe das gegen die Nadelspitze H zu liegende Stück Schnur eingeklemmt bleibe.

Textabbildung Bd. 283, S. 194
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Nach dem Abschneiden geht die Nadel, während ihres Rücklaufes die Schnur wieder auf K und C legend, in ihre ursprüngliche Lage unterhalb des Tisches zurück und bleibt dort so lange in Ruhe, bis am Bindetische sich wieder genügend Stroh zu einer Garbe angesammelt hat. Es ist klar, dass beim jedesmaligen Abtrennen einer Garbe ein Stückchen Schnur in der Länge von A bis D eingeklemmt bleibt. Diese Stückchen fallen dann jedesmal bei der Drehung des Rädchens G zu Boden. Einen Appleby-Knoten sammt dem verloren gehenden Stückchen zeigt Fig. 15. Er ist ein |195| fester, runder Knoten, der nicht aufgeht, wenn an den Schnurenden angezogen wird. Das vom Elevator herüberkommende Stroh wird (Fig. 16) von unterhalb her in schwingende Bewegung gesetzten Armen (packer) K, K1 zwei bis drei an der Zahl, gegen einen federnden Draht R hin gesammelt. Ist eine bestimmte Menge Stroh beisammen, so wird von dem durch selbes auf einen Hebel L ausgeübten Druck die Sperrvorrichtung, welche während des Sammelns den Bindeapparat unthätig hält, ausgelöst und die Bindenadel in Thätigkeit gesetzt. Da das Auslösen immer bei demselben Drucke erfolgt, so erhält man Garben von gleicher Grosse. Die Packerarme ahmen die Arbeit der Arme eines Arbeiters (Fig. 17) nach, welcher Stroh von unterhalb eines Tisches her gegen sich hin rafft.

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Bei dem Bindeapparate Holmes-Wood geht (Fig. 18) die vom Knäuel kommende, durch die Spitze der Nadel H gefädelte Schnur über den Knüpfer K nach zwei Klemmbacken, welche das Schnurende, wie aus der Figur ersichtlich, eingeklemmt halten. Nachdem genügend Stroh zu einer Garbe beisammen ist, setzt sich die Nadel gegen den Knüpfapparat zu in Bewegung, umschlingt die Garbe mit Schnur, legt selbe zu der am Knüpfer schon vorhandenen hinzu, so dass die Schnur von K gegen M hin doppelt liegt. Nun beginnt der Knüpfapparat sich in Thätigkeit zu setzen. Der untere Theil desselben besteht aus den drei Stücken I, II und III (Fig. 20), welche in der in Fig. 21 ersichtlichen Weise verbunden sind, nämlich so, dass das Stück II mitten zwischen Stück I und III zu liegen kommt. Die Spitze des Stückes II bildet bei a einen häkelnadelförmigen Widerhaken, bis zu welchem Haken Stück I mit seinem stumpfen Ende ansteht. Das Stück III nimmt an keinerlei Drehbewegung theil, ist aus Blech, seiner Form nach beilförmig und hat zwei gerade Kanten f und h. Stück I und II sind so auf eine Achse gesteckt, dass selbe sowohl zusammen, als auch unabhängig von einander sich drehen können. Nachdem die Garbe mit Schnur umschlungen wurde, liegt selbe doppelt auf dem Knüpfer, so wie in Fig. 21 dargestellt. Nun machen die beiden Stücke I und II des Knüpfers zusammen in der Richtung der Pfeile (Fig. 21) drei Viertheile einer Umdrehung, wodurch die Schnur, doppelt so wie sie aufliegt, von dem ohrförmigen Ansätze C erfasst wird, und wie in Fig. 22 um den Knüpfer sich legt. Nun geht Stück I um etwas zurück, wodurch sich bei a der Schnabel öffnet. In diesen Schnabel wird dann durch einen Einleger (tucker) die Schnur eingelegt und daselbst nach dem Schliessen, wie in Fig. 23, festgehalten. Nun beginnt sich Stück I und II zusammen in dem vorigen Drehungssinne entgegengesetztem Sinne zu drehen, wodurch die am Schnabel befindliche Schnur vom Ansätze f des Stückes III gedrängt, sich abschiebt (Fig. 24, 27 und 28) und nachdem selbe abgeschnitten wurde, einen Schleifenknoten bildet, dessen Schleife von dem durch Stück I und II gebildeten Schnabel festgehalten und aus diesem erst beim Herabwerfen der Garbe herausgezogen wird. Wood's Knüpfer steht beim Binden (Fig. 26 und 27) senkrecht. Zur Drehung der Stücke I und II dienen ein konisches Rad E, der Anschlag C und die Feder D. Das Abschneiden der Schnur |196| geschieht in folgender Weise: Das eine Ende der Schnur wird, wie in Fig. 29, von dem Klemmer (grasper, gripper) R eingeklemmt gehalten. Die von der Bindenadel um die Garbe gelegte und nach der Nadel zu laufende Schnur hingegen befindet sich unterhalb des Klemmers. An der Seite des Klemmers befindet sich ein scharfes Messer M. Nachdem der Knoten schon geknüpft wurde, wird der äussere Theil der Klemmvorrichtung schnell aus- und dann wieder rückgeschoben, etwa so, wie wenn man einen Thürriegel schnell aus und ein schiebt. Hierdurch wird das früher eingeklemmt gewesene Ende der Schnur frei (Fig. 30), während die nach der Nadel gehende Schnur beim Rückgange von R erfasst, an der Kante des Messers M abgeschnitten und gleichzeitig auch eingeklemmt wird. Hierdurch wird, wie zu ersehen, einestheils die Garbe abgetrennt, anderntheils aber das Schnurende wieder in den Klemmer eingezwickt. Nachdem dies geschehen, geht die Nadel wieder in ihre ursprüngliche Position zurück und hängt die Garbe wie in Fig. 31 im Schnabel des Knüpfers. Aus diesem wird sie erst beim Abwerfen herausgezerrt. Der Wood'sche Knüpfer bildet einen Schleifenknoten (Fig. 32), welcher, wenn an einem der Schnurenden angezogen wird, aufgeht. Das Sammeln des Strohes in eine Garbe geschieht bei Wood's Maschinen von oben her mit Hilfe eines mit drei Sammelarmen versehenen Sammelrades (Fig. 33). Die Sammelarme K arbeiten ähnlich so wie die Hände eines Arbeiters, der von oben her Stroh an sich rafft (Fig. 34). Das Stroh wird gegen einen Auslösehebel L (Fig. 33) gepresst, welcher, bei einem gewissen Drucke nachgebend, den Bindeapparat auslöst und in Thätigkeit versetzt.

(Schluss folgt.)

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