Titel: Torpedoboote und Torpedodepotschiffe.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1892, Band 284/Miszelle 1 (S. 22–23)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj284/mi284mi01_1

Torpedoboote und Torpedodepotschiffe.

Am 14. Januar 1892 machte das für die österreichische Marine bei F. Schichau in Elbing gebaute Torpedodepotschiff Pelikan seine Probefahrten in der See vor Danzig. Der Pelikan ist ein Schiff von 85 m Länge, 125 m Breite, 5,25 m Tiefgang und 3000 t Deplacement, es besitzt eine dreifache Expansionsmaschine von 5000 indicirten .

Das Schiff hat den Zweck, einer Torpedobootflotte auf der See als Rückhalt, Vorrathsraum und Schutz zu dienen; in dieser Absicht ist es mit grossen Magazinen ausgerüstet, in welchen sich alle den Torpedobooten etwa nöthigen Sachen befinden, als Ersatzmaschinentheile, Whitehead-Torpedos, Munition, Waffen, Kohlen, welche bereits in Säcke verstaut mitgeführt werden u. dgl. Besondere Ausladekrähne gestatten das Ueberschiffen aller dieser Sachen selbst bei bewegtem Wasser. Das Schiff führt ausserdem eine grosse Anzahl Mannschaften und Officiere an Bord, welche ebenfalls an die Torpedoboote als Ersatz übergeführt werden sollen und sind für dieselben geräumige Kajüteinrichtungen angeordnet. Ebenso sind bequeme, gut eingerichtete Lazarethräumlichkeiten vorhanden. Um etwaige Schäden an Schiffen und Maschinen sofort beseitigen zu können, befinden sich an Bord zwei Werkstätten, die mit Werkzeugmaschinen und Instrumenten ausgerüstet sind.

Der Pelikan soll nicht als eigentliches Kriegsschiff am Kampf theilnehmen, aber er ist dennoch mit einer bedeutenden Anzahl Schnellfeuer- und Maschinenkanonen armirt, um den Angriff feindlicher Boote und leichter Kreuzer zurückzuweisen und um die sich in seinen Schutz begebenden Boote zu decken. Derartige Depotschiffe sind für jede Seemacht, welche dem Torpedowesen ernste Beachtung schenkt, eine Nothwendigkeit geworden, da sie den Wirkungskreis der Torpedoboote verdoppeln und verdreifachen.

Als Geschwindigkeit war für den Pelikan vertragsmässig 16,5 Knoten in der Stunde vorgesehen. Die Probefahrt fand zwischen Leuchtfeuer Heia und Tonne Pillau bei einer Windstärke von 5 und recht stark bewegter See statt. Diese Strecke von genau 36,9 Knoten wurde mit dem Winde in 1 St. 59 Min. und gegen den Wind in 2 St. 3 Min. durchlaufen, was einer mittleren Geschwindigkeit von 18,3 Knoten entspricht und demnach ein Mehrbetrag von 1,8 Knoten ergab. Die Maschine, nach Schichau's System gebaut, arbeitete ungemein ruhig und indicirte 4800 bei 140 minutlichen Umdrehungen. Die Dampf kraft wird in zwei cylindrischen Doppelkesseln erzeugt; jeder Kessel hat einen Durchmesser von 4400 mm, eine Länge von 5600 mm und ist aus weichem Stahl für einen Arbeitsdruck von 11 at gebaut. Der Kohlenverbrauch betrug bei dieser Fahrt nur 0,75 k für die indicirte . Das Gesammtgewicht |23| der Maschinen und Kesselanlage mit Wasser in den Kesseln und Condensatoren einschliesslich aller Hilfsmaschinen und aller Reservetheile beträgt 380 t, so dass also auf die Tonne Maschinengewicht 12,37 geleistet wurden. Diese Leistungen wurden bei natürlichem Zuge erreicht; die Vorrichtung zum verstärkten Zuge, welche bei den Kesseln angeordnet ist, wurde nicht angestellt, und da die Ergebnisse die Erwartungen der österreichischen Regierung weit übertrafen, so hat dieselbe von der Abhaltung weiterer Probefahrten ganz Abstand genommen.

Für dieselbe Regierung befindet sich jetzt bei Schichau eine Panzerschiffsmaschine von 10000 indicirten in Bau und ein Torpedokreuzer von 800 t Deplacement und 23 Knoten Geschwindigkeit bei 4500 .

Für die kaiserl. russische Marine kommen im Mai 1892 die beiden Torpedokreuzer Wojewoda und Possodnik von 21 Knoten Contract Geschwindigkeit zur Ablieferung.

Für die deutsche Marine sind eine Panzercorvette von 4000 t Deplacement und 9000 ausser zahlreichen Torpedobooten im Bau begriffen. Die letzten 24 Stück der abgelieferten deutschen Torpedoboote übertreffen wiederum ganz bedeutend alles in dieser Art früher Gebaute. Die Boote sind 45 m lang, haben eine Maschine von 1500 ff und erreichen alle eine Geschwindigkeit von 23 bis 24 Knoten in der Stunde.

Die Dampf kraft für diese Boote wird in je nur einem Schichau'schen Locomotivkessel erzeugt. Diese Kessel haben jetzt in der deutschen Marine eine fast zehnjährige Arbeitszeit hinter sich und sind in einer Weise hart, strenge und eingehend geprüft worden, wie wohl kein anderes Kesselsystem an Bord eines Schiffes es je ausgehalten hätte. Ganz abgesehen von sonstigen Vorzügen lässt sich bei gleichem Platzverbrauch und gleichem Gewicht bei keinem anderen Kesselsystem eine gleiche Leistung erlangen, wie mit dem richtig construirten Locomotivkessel.

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