Titel: Drahtglas.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1892, Band 284/Miszelle 4 (S. 263–264)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj284/mi284mi11_4

Drahtglas.

Von der Actiengesellschaft für Glasindustrie vorm. Friedr. Siemens in Dresden waren in der Ausstellung für das „Rothe Kreuz“, welche kürzlich in Leipzig stattgefunden hat, verschiedene Glasgegenstände ausgestellt, welche von einem mitten im Material liegenden Drahtnetz durchzogen waren. Dasselbe wird, während die Glasmasse noch flüssig oder plastisch ist, in dieselbe eingeführt, so dass das Netz vollständig von der Glasmasse umgeben wird. Es wird dieses Verfahren sowohl für Hohl- als auch für Tafelglas angewendet. Solche Glasgegenstände mit Drahteinlage können der Einwirkung erheblicher Temperaturen, sogar des directen Feuers, andauernd widerstehen, in welchem Falle gewöhnliche Glasgegenstände sehr bald zerspringen würden. Aus Drahtglas werden Sicherheitscylinder und andere Hohlgläser, Abdampfschalen, Standflaschen und andere Gefässe für die chemische Industrie angefertigt. (Vgl. Tectorium S. 96 d. Bd.)

Die in der Bautechnik verwendeten grösseren Glasplatten, welche als Ueberdeckungsmaterial von Lichtschachten u. dgl. dienen, werden durch Hagelschlag, bei etwaigen Feuersbrünsten oder auch durch darauf niederfallende Gegenstände leicht zerstört. Um das Herunterfallen der Glassplitter zu verhüten, hat man wohl Drahtnetze unter solchen Lichtschachtbedeckungen ausgespannt, die aber bekanntlich wieder zu anderen Missständen führen.

Bei der Verwendung von Scheiben aus Drahtglas darf man auf eine Verstärkung der Widerstandsfähigkeit des Glases an sich nicht rechnen, da das Netz in der neutralen Lage sich befindet. Von der Prüfungsanstalt für Baumaterialien an den technischen Staatslehranstalten zu Chemnitz vorgenommene Versuche bestätigen dies. Es wurde für Drahtglas durch Biegungsversuche ein Bruchcoefficient von im Mittel 255 k gefunden, während derselbe für gewöhnliches Glas 233 k beträgt.1) Der Vortheil der Drahtglasscheiben vor den gewöhnlichen Glasscheiben liegt darin, dass bei etwaigem Zerspringen des Glases, in Folge des Vorhandenseins des Drahtgeflechtes, noch |264| so weit ein festes Gefüge besteht, als ein Niederfallen von Glasstücken und etwa darauf gefallener Gegenstände verhütet wird.

Solche Scheiben können in vielen Fällen auch als Fussbodenglas Verwendung finden. Bei Oberlichtfenstern bedarf man der sonst vorgeschriebenen Drahtschutzgitter nicht und es sind in Folge des Fehlens der behindernden Gitter die Fenster leicht rein zu erhalten.

Es mag hervorgehoben werden, dass das Material in hohem Grade widerstandsfähig gegen Einbrecher ist, da derartige Scheiben nicht leicht zu zertrümmern sind. (Eisenzeitung.)

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Ueber die Biegungsfestigkeit des Drahtglases hat Hartig im Civilingenieur, 1892 Heft 3 S. 265, einige Mittheilungen gemacht, auf die wir hier verweisen.

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