Titel: Bemerkungen über die heutigen Kriegswaffen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1892, Band 285 (S. 25–28)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj285/ar285008

Bemerkungen über die heutigen Kriegswaffen.

Mit Abbildungen.

I. Gewehre.

Die im letzten Halbjahre bekannt gewordenen Angaben über die Kriegsgewehre lassen die 1891 281 97, 127 begonnenen Bemerkungen auch jetzt noch als richtig erscheinen. Die Angaben einiger Neuerungen und Einzelheiten, welche damals noch nicht bekannt waren, werden genügen, um den Leser auf dem Laufenden zu halten.

Das neue russische 3-Linien-Gewehr M. 91 scheint in mancher Beziehung dem belgischen (Mauser-) Gewehr ähnlich zu sein. Der Bohrungsdurchmesser des Laufes ist nur wenig enger, das Schloss für Schiebe- und Drehbewegung eingerichtet; das Kastenmagazin fasst fünf Patronen, soll aber den Rahmen (die „Ladeschachtel“) nicht aufnehmen; letzterer umfasst buchrückenförmig die Ränder der Patronen, zum Laden wird er mit einem Ende in einen besonderen Ausschnitt der Hülse vor das zurückgezogene Schloss gesteckt und dann sein Inhalt durch einen Druck von oben in den Kasten gestossen, nachdem wird er selber durch den zum Schliessen vorgeschobenen Verschlusskopf herausgeworfen. Er ist allerdings etwas schwerer als der belgische, trotzdem seine „Sohle“ durch zwei Schlitze erleichtert ist; die eingeführten Patronen mit vorspringendem Rand („Krempe“) werden vielleicht seine Ausdehnungen etwas vermehrt haben, vielleicht aber ist auch eine Metallverstärkung nothwendig gewesen, um die Schwächung auszugleichen, welche hervorgebracht war durch Einschnitte in die Seitenränder, welche ein Federn gestatten. Das Geschoss ist verhältnissmässig sehr lang, sein Gewicht nach den vorliegenden Angaben indess nicht entsprechend gross. Mit Bezugnahme auf die schon länger eingeführten kleinkalibrigen Gewehre anderer Staaten ist die Anfangsgeschwindigkeit des Geschosses und damit die Gestrecktheit seiner Bahn nicht übermässig gross.

Die bekannt gewordenen Zahlenangaben für das neue russische Gewehr sind: Bohrungsdurchmesser: 7,62 mm (7,9), des Geschosses Länge: 31,5 mm (32), Gewicht: 13,5 g (14,5), Gewicht der Patronenhülse: 10 g (10), des Laders: 8 g (17,5), Anfangsgeschwindigkeit direct vor der Mündung: 620 m. (Die eingeklammerten Zahlen sind die für das deutsche Gewehr bekannt gewordenen.)

In Frankreich sind für die Kavallerie Karabiner mit Kastenmagazin eingeführt worden; die Kasten fassen indess nur drei Patronen. Aehnlich wie bei den Karabinern anderer Staaten, wie z.B. von Deutschland und Oesterreich, sind auch hier die Anfangsgeschwindigkeiten etwas geringer als bei den Gewehren, welche dieselbe Patrone verschiessen. Für die vollständige Verbrennung und Kraftentwickelung des Pulvers ist der Lauf des Karabiners zu kurz. Der französische Karabiner ist in zwei Mustern eingeführt, dieselben unterscheiden sich durch die grössere oder geringere Neigung des Kolbens zur rückwärtigen Verlängerung der Seelenachse; ein Muster hat auf dem Kolbenfusse Lederplatten befestigt.

Die französischen Patronenhülsen scheinen trotz ihres grossen Gewichtes noch immer nicht genügend haltbar zu sein. Um dem abzuhelfen, hat die französische Schiessschule den Befehl bekommen, jeden Monat die fertig gestellten Hülsen zu untersuchen.

Für das bisherige französische Infanteriegewehr ist die bemerkenswerthe ballistische Angabe gemacht worden, dass auf 2000 m gegen wagerechten Boden verfeuerte Geschosse noch abprallen und weiter gehen (gellen, ricochettiren); auf 1500 m aufschlagende Geschosse können noch im Weiterfliegen bis 2200 m gefährlich werden.

Erwähnenswerth ist vielleicht, dass der noch mit diesem Gewehre ausgerüstete französische Infanterist im Kriegsfalle 120 Patronen trägt. Durch leichte, noch im Versuche befindliche Wagen sollen ihm durch seine Compagnie ausserdem 75 mitgeführt werden (in Deutschland sind diese Zahlen 150 + 40).

Textabbildung Bd. 285, S. 25
Nach einer englischen Mittheilung, deren Bestätigung indess noch aussteht, wird in Frankreich statt des bisherigen Gewehres mit Röhrenmagazin (Lebel) ein solches mit Kastenmagazin nach dem System Berthier eingeführt. Der Bohrungsdurchmesser des Laufes soll gleich dem des belgischen Mauser-Gewehres sein. Länge und Gewicht des Geschosses sind etwas kleiner als beim Lebel-Gewehre, indess soll die Anfangsgeschwindigkeit nicht grösser sein. Das Geschoss hat am Boden einen grösseren Durchmesser als an der Grundfläche der Spitze. Es ist nicht unmöglich, dass das D. R. P. Nr. 61511 auf ein Kastenmagazin in Verbindung mit diesem französischen Gewehr oder wahrscheinlicher noch mit einer Umänderung älterer Gewehre steht. In dieses Magazin wird ein Patronenrahmen (Lader) geladen, der vier Patronen buchdeckelförmig umfasst. Der Zubringer besteht aus zwei Schenkeln, welche wie die eines Zirkels verbunden sind. Das freie Ende des unteren ist nach oben drehbar auf dem Ansätze einer Tragplatte befestigt, welche den vorderen Theil des Magazins unten schliesst. Eine in diese Platte schwalbenschwanzförmig eingeschobene Stangenfeder drückt den Schenkel in die Höhe, eine zweite, auf diesem ebenso eingeschobene, den oberen. Die Federn wirken also ähnlich wie die, welche die Schenkel einer Nagelzange aus |26| einander hält (Fig. 1). Einzelne Patronen können ohne Rahmen geladen werden.

Mit diesem Patente steht vielleicht auch ein früheres, Nr. 59013, in Verbindung, welches sich auf einen Cylinderverschluss ohne jede Schraube bezieht.

Zahlenangaben für das einzuführende französische Gewehr, System Berthier:

Bohrungsdurchmesser: 7,65 mm (7,9), Länge des Geschosses: 29 mm (32), Gewicht desselben: 13,28 g (14,5), Durchmesser desselben im Boden: 7,8 mm, an der Grundfläche der Spitze 7,7 mm, Anfangsgeschwindigkeit an der Mündung: 631 m, Gewicht der Hülse 9,2 (10,05), der Patrone 24,6 (27,3) g. (Die eingeklammerten Zahlen sind die des deutschen Gewehres.)

Bei dem englischen Gewehre (Lee-Metford-Speed, M. 89) haben Aenderungen stattgefunden; es hat deshalb das neueste Muster die Bezeichnung „Marke II“ bekommen. Die seitliche Visireinrichtung für die grossen Entfernungen über 1900 m sind weggefallen. Das am Gewehre befindliche Kastenmagazin, welches früher nur acht Patronen fasste, soll jetzt für zehn eingerichtet werden; dafür soll aber das zweite, früher lose mitgeführte ganz in Wegfall kommen. Damit ist dann das Gewehr als Repetirwaffe noch weniger zu gebrauchen als früher; seine Feuergeschwindigkeit ist dadurch beinahe auf die des in der Abschaffung begriffenen französischen Lebel-Gewehres vermindert worden. – An der Spitze des englischen Gewehrgeschosses ist dem Augenscheine nach der Mantel dicker als an dem hinteren Geschosstheile; vielleicht dient das zur Erzeugung einer grösseren Durchschlagskraft, vielleicht auch zur Erleichterung der Herstellung. – Beim Schiessen sollen die Mäntel nicht immer auf dem Hartbleikern haften bleiben, sondern sich ablösen und somit die Treffsicherheit beeinträchtigen. – Anscheinend ist der hinter der Spitze beginnende Geschosstheil nicht cylindrisch, sondern schwach kegelförmig, im Boden hat er den grössten Durchmesser. – Ueber die schlechte Haltbarkeit der englischen Patronenhülsen wird ebenfalls sehr geklagt. Es ist dies nicht zu verwundern, denn einestheils ist die Anfangsgeschwindigkeit des Geschosses (670 m), also die Arbeitsleistung des Pulvers grösser als bei den Gewehren der Grosstaaten, anderentheils ist die Hülsenwand nicht besonders verstärkt, im Gegentheile, dem Augenscheine nach schwächer als die deutsche. – Trotz des um 0,2 mm geringeren Bohrungsdurchmessers ist das Geschoss nur 0,25 mm kürzer als das deutsche. Ein Gewehr kostet dem Staate in der Staatsfabrik Enfield z. Z. 74½ M.

Das Widerstreben der englischen Heeresverwaltung gegen schnelles Feuern zeigt sich in der Maassregel, dass alte Martini-Henry-Gewehre durch Einsetzen engerer, kürzerer Läufe in Karabiner verwandelt werden sollen, welche die neuen Patronen verschiessen.

Bei dem österreichischen (Lee-Mannlicher) Gewehre M. 88 haben geringe Aenderungen stattgefunden. So hat das Visir eine andere Eintheilung bekommen, dabei ist seine grösste Schussweite auf 3000 m bemessen worden. Zur Ausrüstung der österreichischen technischen Truppen ist ein Extra-Corps-Gewehr M. 90 eingeführt; dasselbe gleicht dem bei der Kavallerie eingeführten Karabiner und ist mit einem Bajonett versehen.

In Italien sind die Versuche mit einem 6,5 mm-Kastenmagazingewehre so weit vorgeschritten, dass seine Anfertigung vom Februar oder März dieses Jahres ab begonnen hat. Es war beabsichtigt, zunächst die Alpentruppen (Alpini) mit dieser Waffe auszurüsten, später die anderen Armeecorps. Viele Nachrichten sind noch nicht über das Gewehr veröffentlicht worden. Die „Deckel“ des „buchförmigen“ Laders (Rahmens) sind kleiner als die des deutschen; die Anfangsgeschwindigkeit soll 700 m, und das Gewicht der Patrone 21,5 g sein, jeder Mann soll 200 Stück tragen. Ein Gewehr soll 54½ M. kosten (für das deutsche sind bei einer Lieferung 59 M. bezahlt worden).

Aus diesen Angaben ergibt sich, dass eine Kavallerietruppe mit einem 8 mm Karabiner ganz besonders vermeiden muss, ein Feuergefecht mit einer Infanterie einzugehen, welche eine so überlegene Waffe, wie dieses 6,5 mm-Gewehr, besitzt.

Vom belgischen Geschosse ist bekannt geworden, dass sein Durchmesser im Boden 8 mm, in der Grundfläche der Spitze 7,65 mm (gleich dem richtigen Bohrungsdurchmesser des Rohres) ist. Also der hintere Theil des Geschosses, den man früher mit dem Namen „cylindrisch“ bezeichnet haben würde, hat eine immerhin nicht unbedeutende Verjüngung nach vorn erhalten. Schon bei der Besprechung anderer Gewehre, bei der des englischen und des neuesten französischen wurde auf diese Form aufmerksam gemacht. Wahrscheinlich soll durch diese Anordnung bewirkt werden, dass das Geschoss in jedem Laufe, auch in einem bereits stark durch Abnutzung ausgeweiteten, sich in die Züge einpressen und ihren Windungen folgen muss. (Bei den Versuchen mit dem Schweizer Gewehre war aus diesem Grunde wahrscheinlich zu einem sich stauchenden Hartbleigeschoss zurückgegangen worden (Rubingeschoss), dessen Mantel hinten weggefallen ist und nur noch vorn als Kappe für die Spitze auftritt). – Der Mantel des belgischen Geschosses soll jetzt aus der beim französischen gebräuchlichen, „Maillechort“ genannten Zusammensetzung aus 80 Th. Kupfer und 20 Th. Nickel angefertigt werden. – In Belgien ist ein Karabiner der Einführung nahe, der dem Mauser-Gewehre ähnlich entworfen ist und auch ein Mantelrohr um das eigentliche Laufrohr trägt.

Ueber das neue Schweizer Gewehr sind in letzter Zeit ungünstige Urtheile veröffentlicht worden. Sie beziehen sich besonders auf die Construction des Schlosses, des Magazins und des auf den Lauf gelegten Oberschaftes. Die Urtheile mögen etwas hart und die Mängel vielleicht auch zum Theil abstellbar sein, sicher ist aber jedenfalls, dass noch kein anderer Staat sich zur Nachahmung des Schweizer Gewehres veranlasst gefühlt hat, während die Einrichtungen der genannten Theile beim deutschen und österreichischen Gewehre für die meisten Staaten als Muster für eine Nachbildung gedient haben. Die grossen Erwartungen, welche einzelne Veröffentlichungen für das Schweizer Gewehr M. 89 wachgerufen hatten, scheinen also bis jetzt nicht in Erfüllung gegangen zu sein. – Die Fertigstellung der für das Schweizer Heer bestellten Gewehre war bis Ende 1891 noch nicht vollständig erfolgt. – Bei einer Besprechung des Schweizer Gewehres ist noch ein Umstand hervorzuheben: das Verhalten beim Rückstosse. In dieser Beziehung scheint es andere Waffen zu übertreffen; dies geht aus folgender Tabelle hervor:

|27|

Es beträgt beim
das
Geschoss-
gewicht
die An-
fangs-
geschwin-
digkeit
das
Gewehr-
gewicht
die Rück-
stoss-
geschwin-
digkeit
die Rück-
stossarbeit
g m k m kgm
Oesterr. Gewehr M. 88/89 15,8 620 4,4 2,23 1,11
Deutschen „ M. 88 14,5 620 3,8 2,36 1,08
Französ. „ M. 86 14 630 4,2 2,10 0,94
Schweizer „ M. 89 13,7 620 4,3 1,98 0,86

Beim Geschoss des dänischen Gewehres erscheint ebenso, wie es beim englischen der Fall ist, der Geschossmantel um die Spitze besonders verstärkt. – Bei derselben Waffe ist auch die Form der Laufbohrung so festgestellt, dass das Geschoss beim Durchfliegen sich in keine scharfen Ecken einzupressen braucht. In nachstehenden Figuren 2 bis 4 sind einige Bohrungsquerschnitte angegeben, um ein Bild der Bestrebungen zu geben, welche die Bewegungen des Geschosses in dieser Beziehung verbessern wollen. Es kann aber damit durchaus kein Urtheil für das beste „Zugprofil“ abgegeben werden, weil die Frage noch nicht endgültig gelöst zu sein scheint.

Textabbildung Bd. 285, S. 27

Es beträgt der Züge

Zahl

Tiefe

Breite
die Felder
breite
beim österreichischen Gewehre 4 0,2 mm 3,5 mm 2,2 mm
„ englischen „ 7 0,101 „ 2,9 „ 0,6 „
„ dänischen „ 6 0,14 „ 3 „ 1,1 „

Aus den Versuchen zur Einführung des dänischen Gewehres M. 89 sind einige Einzelheiten bekannt geworden, welche über das Verhalten des Pulvers und des Laufes beim Schiessen Auskunft geben. So wurde durch allmähliches Verkürzen eines Laufes durch Abschneiden der Einfluss der Lauflänge auf die Kraftäusserung einer eingesetzten Gebrauchsladung dargelegt.

Textabbildung Bd. 285, S. 27
Es betrug bei

einer Lauflänge in cm 80 70 60 50 40 30 20 10
die Mündungsge-
schwindigkeit in m

650

638

620

605

580

550

475

300

Es scheint damit die vielfach aufgestellte Behauptung erwiesen, dass durch Verlängerung des Laufes und Einführung eines langsamer brennenden Pulvers die Anfangsgeschwindigkeiten über die bis jetzt erreichten Zahlen hinaus noch steigerungsfähig sind.

Es wurden ferner mit zwei Gewehren Versuche gemacht, um die Gasspannungen zu ermitteln, welche bei Pulverladungen entstehen, deren Gewicht grösser als die Gebrauchsladung ist. Es betrug bei

einer Ladung
von g
der Gasdruck
in at
die Anfangsgeschwindigkeit
25 m vor der Mündung
2,2 2430 598 und 600
2,4 3088 634 636
2,5 3200 keine
Messung
656
2,8 ungefähr 4700 700 707
3 6000 Lauf ge-
sprungen
keine
Messung
3,2 6800 Lauf ge-
sprungen

Die Zahlen für die Gasdrücke geben auch ein Bild von dem Einflüsse einer kleinen Veränderung in der Pulvermenge auf Spannung und Geschwindigkeit. Das neue Pulver verlangt also ein viel genaueres Abmessen der Ladung als das frühere Schwarzpulver.

Es wurde endlich festgestellt, dass sich der Lauf beim neuen Pulver weniger erhitzt als beim alten. Es betrug die Lauftemperatur

nach 20 40 60 80 100 120 Schuss
beim rauchschwachen
Pulver

102°

160°

201°

226°

240°

245°
beim Schwarzpulver 129° 190° 228° 252° 264° 267°

Aus Versuchen in Schweden, welche mit dem durch Einsetzen eines 8 mm-Laufes in das frühere 12,17 mm-Remington-Gewehr entstandenen Einzellader stattfanden, ist auch eine Einzelheit als besonders bemerkenswerth hervorzuheben. Es wurden mit einer bestimmten Ladung (3,45 g) des neuen Apyritpulvers Geschosse verschossen, welche im Gewichte um 1 g verschieden waren. Es ergab sich hierbei.

Textabbildung Bd. 285, S. 27
für das leichte Ge-
schoss von 14,5 g
für das schwere
Geschoss von 15,5 g
eine Geschwindigkeit auf
25 m vor der Mündung von

623 m

616 m
ein Gasdruck von 2450 at 2680 at

Auf Grund dieser Erfahrung wurde das leichtere (also wahrscheinlich kürzere) Geschoss zur Einführung gewählt. Es ist schon früher hervorgehoben worden, dass das Ueberschreiten einer gewissen Länge (und Querschnittsbelastung) bei einem Gewehrgeschoss durchaus nicht immer vortheilhaft sein kann. Wenn der eben erwähnte Versuch auch nur eine geringe Vermehrung der Geschwindigkeit beim leichteren Geschoss zeigt, so beweist er doch deutlich, dass selbst eine kleine Gewichtsvermehrung (von nicht ganz 7 Proc.) eine starke Erhöhung des Gasdruckes (von 14,4 Proc.) hervorbringt. Das ist um so wichtiger, als die Grenze des noch für zulässig gehaltenen grössten Gasdruckes (3000 bis 3200 at) sehr nahe rückt. Diese Vergrösserung der Gasspannung durch längere (und deshalb schwerere) Geschosse muss einen recht starken Einfluss auf die geringere Haltbarkeit der Patronenhülsen haben, und so ist es vielleicht möglich, dass 1 g mehr Geschossgewicht auch mindestens 1 g mehr Metall zur Verstärkung der Hülse verlangt; das würde einer Vermehrung des Munitionsgewichtes um mindestens 7,5 Proc. entsprechen. Dieser |28| Gesichtspunkt, sowie die ebenso flache Flugbahn und ebenso grosse Durchschlagskraft der leichteren (kürzeren) Geschosse auf kleineren Entfernungen haben vielleicht mit zur Annahme des neuen französischen Geschosses von nur 29 mm Länge gesprochen (statt des früheren von mindestens 31 mm). Bei der Einführung des verhältnissmässig langen Geschosses beim neuen russischen und englischen Gewehre sind vielleicht diese Umstände nicht maassgebend gewesen, sondern der Wunsch einer gestreckteren Flugbahn und einer grösseren Durchschlagskraft auf grossen Entfernungen. Ob der letztere Standpunkt der bessere ist, bleibt fraglich.

Die Visirschussweite des schwedischen (Einzellade-) Gewehres M. 67/89 soll bis 2500 m gehen. Jeder Infanterist wird mit 100 Patronen ausgerüstet. Das Geschoss hat einen Stahlmantel.

In Spanien scheint ein Gewehr von 7,65 mm eingeführt zu werden, welches dem belgischen Mauser-Gewehr ähnlich ist.

In der türkischen Armee sind Gewehre vieler sehr von einander abweichender Muster im Gebrauche; es liegt in der Absicht, ältere Modelle so umzuändern, dass eine geringere Anzahl von Patronensorten verwandt werden kann. Das neue, dem belgischen ähnliche Mauser-Gewehr soll neueren Nachrichten zufolge keinen Laufmantel haben; der Lauf liegt vielleicht so im Schafte, dass er sich ausdehnen kann, ohne durch letzteren behindert zu werden (eine derartige Befestigungsweise ist beim Schweizer Gewehr beschrieben worden). Die Treffähigkeit soll bei dieser Einrichtung besser als bei der mit Laufmantel sein. Der Lauf soll cylindrisch sein.

In Rumänien haben Vergleichsversuche mit 6,5 mm-Kastenmagazingewehren stattgefunden, welche wahrscheinlich zur Annahme dieses Kalibers führen werden. Die Anfangsgeschwindigkeit soll 700 m übersteigen. Das Geschoss ist wahrscheinlich dem „Rubingeschoss“ ähnlich.

In Serbien soll ein 7,2 mm-Gewehr (Koka-Milanovic) zur Einführung angenommen worden sein, welches eine Ladevorrichtung hat, die der des belgischen Gewehres ähnlich ist. Es hat Gradzugverschluss; die Patrone soll nur 23,28 g wiegen (27,3 die deutsche), das Geschoss mit Maillechort- (Kupfer-Nickel-) Mantel ist ungefähr 29,3 mm lang, 12,4 g schwer (14,5 das deutsche). Die Anfangsgeschwindigkeit vor der Mündung soll 680 in, also 10 m mehr als beim englischen Gewehre betragen.

Aus vorstehenden Notizen ergibt sich, dass Ende 1892 wahrscheinlich Italien, Rumänien und Serbien die besten Infanteriegewehre in Bezug auf Anfangsgeschwindigkeit und kleines Munitionsgewicht haben werden. Diese Ueberlegenheit scheint indess nicht so bedeutend zu sein, dass andere Staaten sich gezwungen fühlen werden, zu einer gänzlichen Neubewaffnung zu schreiten. Für dieselben wird aber die Frage sehr wichtig, ob nicht durch eine Verkürzung der Geschosslängen eine Verminderung des Munitionsgewichtes und ein Flacherwerden der Flugbahn auf kleinen Entfernungen erzielt werden kann und ob diese Vortheile nicht ein Preisgeben der besseren Flugbahn und der grösseren Durchschlagskraft auf weiten Entfernungen wünschenswerth erscheinen lassen.

(Ein grosser Theil vorstehender Angaben ist den Mittheilungen über Gegenstände des Artillerie- und Geniewesens, Wien 1891, Heft 9 und 10, entnommen.)

II. Feldgeschütze.

Eine gänzliche Umgestaltung der Feldgeschütze, d.h. der Geschütze, mit welchen die Feld-Artillerie-Truppentheile der meisten Staaten ausgerüstet sind, hat noch nicht stattgefunden, sie steht aber binnen Kurzem in Aussicht. Einzelheiten über das wirklich zur Einführung kommende Material können noch nicht gegeben, gemachte Vorschläge und Entwürfe an dieser Stelle nicht besprochen werden. Bei den nächsten Bemerkungen über Schiffs-, Küsten- und Festungsgeschütze wird sich indess Gelegenheit finden, einzelne neue Einrichtungen zu besprechen, welche für ein Feldgeschütz der Zukunft in Frage kommen dürften. Es sei noch hervorgehoben, dass, Schlussfolgerungen aus Nachrichten über Mörserversuche in Russland, Deutschland und Frankreich zufolge, 12 bezieh. 15 cm-Mörsergeschütze zur Mitführung bei den Feldarmeen bestimmt worden sind.

(Fortsetzung folgt.)

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