Titel: Bemerkungen über die heutigen Kriegswaffen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1892, Band 285 (S. 73–78)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj285/ar285020

Bemerkungen über die heutigen Kriegswaffen.

(Fortsetzung des Berichtes S. 49 d. Bd.)

Mit Abbildungen.

Wie die bisher besprochenen Laffeteneinrichtungen der schweren Schiffsschnellfeuergeschütze in besondere Beziehung zu einer möglichen Nachahmung bei den Landgeschützen zu bringen sind, so können deren Munitions- und Verschlusseinrichtungen auch dort Anwendung finden. Zum Theil ist dies schon eingetreten.

Die Einführung von Metallhülsen, welche, den Gewehrpatronenhülsen ähnlich, Geschoss, Pulver und Zündmittel umfassen, ergibt ebenso eine wesentliche Erleichterung des Schiessens, wie es vor einem halben Jahrhundert die sogen. Einheitspatrone bei den Handfeuerwaffen gethan hat. Diese Erleichterung ist besonders gross durch den Wegfall des Einsetzens eines Zündmittels. Auf diese Vortheile konnte schon 1891 281 150 bei Besprechung neuer Krupp'scher Feldgeschütze hingewiesen werden, welche für Chile geliefert worden waren; gleichzeitig ist auch hervorgehoben worden, dass die Metallhülsen einen vollständig gasdichten Abschluss nach hinten übernehmen.

Die Hülse scheint bei Begrenzung des Kalibers der Schnellfeuergeschütze eine Rolle zu spielen, weil ein schwereres Geschoss, als das von 15 cm, wohl nicht durch den Rand einer hohlen Metallkappe gehalten werden kann, ohne dass diese unverhältnissmässig schwer wird. Das ganze Gewicht eines Schusses, welches (vorläufig) die Hebekraft von 1 bis 2 Mann nicht übersteigen darf, wird natürlich auch mitsprechen, ebenso die Länge der ganzen „Patrone“ (ein 15 cm-Schuss von Canet wiegt 64 k, 40 k das Geschoss, 7 k das Pulver, 17 k die Hülse; die Länge einer 12 cm-Patrone ist in Fig. 10 S. 52 zu ersehen). Beiläufig sei bemerkt, dass die 15 cm-Geschosse der englischen Geschütze nicht in die Hülsen gesteckt werden, während dies bei den russischen (Canet'schen) immer geschieht.

Bei den Verschlüssen der Schnellfeuergeschütze haben die Geschützfabrikanten ein grosses Bestreben gehabt, eine schnelle Handhabung zu erzielen; das Oeffnen soll womöglich mit einem Griff geschehen, ebenso das Schliessen. Während dieser Griffe muss selbsthätig das Herausziehen der Hülse des vorigen Schusses und das Fertigmachen eines Schlagbolzens zum Entzünden des nächsten stattfinden.

Wie vor 20 Jahren bei den Gewehren, so stehen sich heute bei den Geschützen zwei Systeme von Verschlüssen gegenüber: die Schrauben- (Cylinder-) Verschlüsse und die Block- (Riegel- oder Keil-) Verschlüsse.

Bei den Schraubenverschlüssen liegt der Gedanke zu Grunde, den Boden des Rohres durch eine eingeschraubte Schraube zu bilden. Die dazu dienenden Gewinde wurden, um die Bedienung zu beschleunigen, durchbrochen, indem man sie in drei gleichmässigen Längsstreifen ausschnitt. Um die verschlossene Schraube zu öffnen, brauchte man nun nur ⅙ Umdrehung zu machen, dann lagen die Gewindestücke des Schraubencylinders in den ausgeschnittenen Stellen des Muttergewindes im Rohre. Damit beim Herausziehen der Verschluss nicht herausfiel, legte man ihn in ein thürartiges Gehäuse, das sich um einen senkrechten Bolzen drehte, der in der Hinterfläche der Rohrwandung sass. Zum Oeffnen waren ausser dem Anheben des Hebelhandgriffes also drei ganz getrennte Griffe nothwendig: ⅙ Umdrehung der Schraube, Zurückziehen derselben und Aufklappen der Thür.

Um diese Griffe bei Schnellfeuerkanonen in einen zu verwandeln, hat die Firma Maxim eine einfache, sinnreiche Einrichtung getroffen; sie hat die Gewinde nicht in der Richtung eines Streifens parallel der Seelenachse, sondern in der eines schräge dazu laufenden ausschneiden lassen (Fig. 13a) und eine Nuth auf dem Aussenende des Schraubenkörpers angebracht, die zuerst gleich und parallel einem ⅙ Schraubengange ist und dann in eine Nuth auf dem Mantel mündet, welche genau in der Mitte eines vom Gewinde befreiten Längsstreifens liegt. Um das cylindrische Aussenende dieses Verschlusses ist ein Gehäusering gelegt, der unten seitwärts so mit dem Rohre verbunden ist, dass er sich an dessen hinterer Bodenfläche vorbeischieben kann. In diesem Ringe sitzt ein Vorsprung, der in die eben beschriebene Nuth hineinragt; derselbe zwingt durch die Form der Nuth die Verschlusschraube dann, wenn sie aufgedreht wird und aus dem Gewinde getreten ist, sich weiter nach rückwärts heraus zu schieben. Bei einem weiteren Drehen schiebt sich der Gehäusering mit dem zurückgezogenen Verschluss zur Seite und macht die Rohrbohrung zum Laden frei. Zum Oeffnen oder Schliessen des Verschlusses ist also nur die Ausführung eines Theils einer ganzen Drehung erforderlich. Die verschiedenen Rückwärtsbewegungen, erst eine kleine, dann eine grosse, dann gar keine, stören die Hand des Bedienenden nicht. – Diese Einrichtung hat ausser der Beschleunigung der Bedienung noch den Vortheil, dass das Material des Muttergewindes im Rohre gleichmässiger in Anspruch genommen wird, als bei der älteren Verschlusschraube, deren Gewinde in Streifen parallel der Seelenachse ausgeschnitten ist. Es lässt sich indess nicht verschweigen, dass die Bedienung eine recht anstrengende ist, weil der nicht leichte Verschluss zum Schliessen gewissermaassen angehoben werden muss.

Armstrong hat bei schweren Schnellfeuerkanonen statt der cylindrischen Schraube eine aus Cylinder und Kegel zusammengesetzte eingeführt, die Gewinde wieder parallel zur Seelenachse ausgeschnitten, jedoch so, dass ein gewindefreier Streifen des Kegels an einen mit Gewinde versehenen Theil des Cylinders stösst (Fig. 13b). Streng genommen |74| ist mehr als ein Griff zum Oeffnen oder Schliessen nöthig (der Weg eines Punktes des Handgriffes (x) ist in der Figur bezeichnet); aber dadurch, dass der Verschluss nicht mehr um seine ganze Länge herausgezogen zu werden braucht, sondern nur um die des Schraubenmantels auf dem cylindrischen Theile, um dann durch die Drehung der Verschlussthür das Rohr zu verlassen, ist der Griff so vereinfacht und mit so wenig Kraftaufwand auszuführen, dass er „in einem Ansatz“, wenn man so sagen darf, gemacht werden kann. Bei dieser Einrichtung vertheilt sich der vom Verschlussgewinde beim Schusse auf die Rohrwandung ausgeübte Zug auf die ganze umschliessende Innenseite; es bleiben nicht durchgehende gewindelose Streifen liegen, welche nicht auf ihren Widerstand in Anspruch genommen werden. Der Verschlusskörper kann deshalb sehr klein und leicht sein. Die hintere Bohrungsöffnung des Rohres wird ausserdem durch ihre cylindro-konische Form sehr bequem für das Laden.

Canet ist wieder auf die frühere einfach cylindrische Verschlusschraube mit Gewindeausschnitten parallel der Rohrseele zurückgegangen, hat indess bei 15 cm – Schnellfeuerkanonen nicht 3, sondern 4 Streifen ausgeschnitten, so dass die Schraube nach nur ⅛ Umdrehung gewindefrei wird. Durch eine besondere Einrichtung auf der hinteren Seite des Verschlusses ist es möglich geworden, ihn mit einem Griff zu öffnen oder zu schliessen (Fig. 11 S. 52 umfasst die Ansicht des Verschlusses von hinten). Ein wagerechter Winkelhebel, dessen rechter Arm einen Handgriff hat, kann sich mit einer senkrechten Achse auf einem Ansätze unten an der Verschlussthür etwas drehen. Die Achse greift mit einem Stück Zahnrad in zwei radial zur Mitte auf dem Verschlusse stehende, passende Ausschnitte; letzterer wird also gedreht, wenn der Handgriff des Winkelhebels zum Oeffnen von rechts nach hinten gezogen wird. Sobald der Verschluss gewindefrei liegt, wird das bisher unbenutzte Ende dieses Winkelhebels zu einem Drehpunkt, der in einem Ausschnitte der Verschlussthüre beweglich ist, und veranlasst dann, dass eine fortgesetzte Bewegung des Handgriffes über „hinten“ nach „links“ den Verschluss zunächst aus dem Rohre herauszieht. Ist dieses geschehen, dann klappt die Beendigung der Handgriffsbewegung nach links die ganze Verschlussthüre auf. Die drei auf einander folgenden Bewegungen glaubt der Bedienende wie eine einzige auszuführen.

Von den Keilverschlüssen muss zunächst der von Krupp bei Schiessversuchen mit Schnellfeuerkanonen im Frühjahre 1891 vorgeführte erwähnt werden. Es war im Wesentlichen der seit 20 Jahren eingeführte Verschluss, nur mit besonderen Einrichtungen versehen, um die Metallkapseln für die Pulverladung der neuen Munition abfeuern und entfernen zu können. Zum Oeffnen oder Schliessen waren die bekannten Griffe einer Drehung der Kurbel und eines Schiebens des Verschlusskörpers erforderlich. Eine Beschleunigung der Bedienung war dadurch ermöglicht worden, dass das Abfeuern nicht durch eine besondere Handlung, sondern durch die letzte Kurbelbewegung im Augenblick des vollständigen Schliessens selbsthätig bewirkt wurde (automatisches Abfeuern). Da die Ausführung eines eingehenden Vergleiches dieses Verschlusses mit den eben erwähnten zu weit führen würde, so sind in Fig. 13 zwei der letzteren und der erstere so unter einander gestellt worden, dass verglichen werden können: die Grössenverhältnisse, die Rohrmassen hinter der Pulverladung, der Raum, der zur Bedienung gebraucht wird, die Wege der Munition bis zum Ladungsraum und die der leeren Kapseln beim Entladen.

Textabbildung Bd. 285, S. 74
Einige Fabriken (Gruson, Hotchkiss, Maxim) haben Einrichtungen getroffen, den Keilverschluss mit einem Griff zu öffnen; eine weitere Ladungserleichterung wollten sie durch seine Bewegung von unten nach oben (Fig. 5) oder von oben nach unten erreichen.

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(In Bezug auf die Zeichnung sei beiläufig bemerkt, dass, wie sie angibt, der Krupp'sche Keil nicht mehr nach links, sondern nach rechts geöffnet wird, und dass Maxim auf der Londoner Naval Exhibition ein Schnellfeuergeschütz ausgestellt hatte (Fig. 9), welches sich auch nach rechts öffnete (im Gegensatz zu Fig. 13); von den angegebenen vier neuen Verschlüssen öffnet sich also nur der Canet'sche nach links.)

(Von dem durch die Rücklaufvorrichtung bewirkten Oeffnen und Schliessen der Verschlüsse scheint in neuester Zeit wieder Abstand genommen worden zu sein. Ein so arbeitendes 7,5 cm-Rohr war indess von Maxim auf der Londoner Naval Exhibition ausgestellt. Ein Patent Skoda betrifft auch eine darauf bezügliche Einrichtung.)

Die Wichtigkeit der Verschlussfrage für die Schnellfeuerkanonen ergibt sich aus einer kurzen Betrachtung über den Werth des raschen Schiessens bei der Marine. Das Gefecht zweier grosser Panzerschiffe wird im Allgemeinen aus den Versuchen bestehen, den Schiffskörper des Gegners zum Sinken zu bringen durch Rammen, durch Torpedos oder Panzergeschosse schwerer Geschütze und darin, alle Gegenstände und Mannschaften auf dem feindlichen Deck und vielleicht auch die begleitenden feindlichen Torpedoboote zu beschiessen. Zu letzterem Zweck schienen rasch schiessende Geschütze die besten und, seitdem das rauchschwache Pulver die durch Rauch entstehenden Feuerpausen in Wegfall gebracht hat, die einzig möglichen zu sein. Schon lange waren deshalb die englischen Kriegsschiffe mit Maschinen- (d. i. Gewehrlauf-) Geschützen (von Gatling, Nordenfeldt, Gardner) mit Revolverkanonen und kleinen Schnellfeuergeschützen ohne Rücklauf in der Laffete versehen. Die leichtesten standen auf den höchsten Punkten (Mastkörben), um von oben schiessen zu können. Da mit dem Kaliber auch die Wirkung zunehmen muss, so entwickelten sich seit 1886 schwerere Schnellfeuerkanonen und erregten 1889 auf der Pariser Ausstellung die Aufmerksamkeit der englischen und italienischen Regierung so, dass sie bei den dortigen Marinen eingeführt wurden (wie sich aus den französischen Kammerverhandlungen vom December 1891 ergibt, hatten sie die Aufmerksamkeit des eigenen Marineministeriums nicht erregt). Sie stehen meist frei auf Deck, geschützt durch einen Schild oder durch eine nischenartige Umhüllung von 10 bis 75 mm starken Platten (Fig. 12) (eine höhere Aufstellung verbietet ihr Gewicht). Da neben ihnen auch noch die kleineren Schnellfeuergeschütze beibehalten worden sind, so hat ein derartiges Schlachtschiff oft 4 bis 5 Sorten Schnellfeuergeschütze von 15 cm bis zum Gewehrlaufkaliber (grosse Panzerschiffe haben natürlich ausserdem noch schwere Kanonen bis zum 43 cm-Kaliber zum Durchschlagen von Panzerungen).

Eine Vorstellung von der Wichtigkeit der Feuergeschwindigkeit erhält man, wenn man sich das Gefecht eines im J. 1890 mit gewöhnlichen Kanonen ausgerüsteten französischen sogen. „geschützten (d.h. leichtgepanzerten) Kreuzers“ und eines englischen mit Schnellfeuerkanonen von 1891 versehenen denkt und dabei annimmt, Geschützzahl, Kaliber, ballistische Leistung, Werth der Mannschaft wären gleich. Wie der Ausfall eines solchen Gefechtes sein würde (wenn man von der mehr zufälligen Wirkung gegen den Schiffsrumpf absieht), ist wohl gar nicht zweifelhaft, wenn die heutigen englischen Schnellfeuerkanonen nur doppelt so schnell schiessen, als gleichkalibrige französische Kanonen von 1889 und früher.

So eigenthümlich es zuerst klingt: die Schussgeschwindigkeit der Schnellfeuerkanonen lässt sich mit der des Zündnadelgewehres vor einem Vierteljahrhundert sehr wohl vergleichen. Das letztere schoss im Mittel 4 Schuss in der Minute, ein Vorderlader unter Umständen 2mal, eine 15 cm-Schnellfeuerkanone schiesst 10 mal in der Minute, eine solche von 12 cm 12 mal. Dabei war der Durchmesser des Zündnadelgeschosses 13,6 mm, sein Gewicht 30 g, das der 15 cm-Granate ist 40 k (also 1333 mal so schwer). Wenn man in der Schrift über das Zündnadelgewehr von v. Löbell aus dem Jahre 1867 liest: es wird gesagt, dass der Erfinder des Zündnadelgewehres die Ladefähigkeit so gesteigert haben soll, dass es 8mal in der Minute abgefeuert werden kann, so muss man den Eindruck gewinnen, dass die Wirkung der Waffen überhaupt durch die Schnellfeuerkanone in einer ungeahnten Weise gesteigert worden ist. Wenn man sich die Thatsache ins Gedächtniss zurückruft, dass die Ueberlegenheit des Zündnadelgewehres vor 27 Jahren nur in der Feuergeschwindigkeit, nicht in der ballistischen Leistung bestand, dann fällt es eigenthümlich auf, dass allen Ernstes der Versuch gemacht worden ist, die Ueberlegenheit von Schnellfeuerkanonen im schnellen Schiessen durch Verbesserungen der ballistischen Leistungen alter Geschütze auszugleichen (französische Kammerverhandlung vom 9. December 1890). Wenn man auf das eben angeführte Beispiel vom Gefecht zweier gleich grosser Kreuzer zurückgreift und wieder annimmt, das englische Schiff schösse doppelt so schnell als das französische, würde dann die Vermehrung der Anfangsgeschwindigkeiten der französischen Geschütze um 10 Proc. (wie durch die Marine Verwaltung in Aussicht gestellt war), selbst wenn sie noch durch eine Erhöhung der Treffähigkeit um 10 Proc. begleitet wäre, jemals die Ueberlegenheit an Feuergeschwindigkeit ausgleichen?1)

Aus einer derartigen Betrachtung ergibt sich, wie nothwendig es ist, alle einzelnen, anfänglich oft bedeutungslos erscheinenden Punkte, welche zu einer Steigerung der Feuergeschwindigkeit führen können, wie Verschlusseinrichtungen, Stehenbleiben der Visirlinie während des Schusses u. dgl. in Betracht zu ziehen.

In Vorliegendem erscheint manches abgekürzt, wie die Behandlung der äusserst wichtigen Verschlussfrage, anderes ist nicht erwähnt, so ist z.B. eine Vorrichtung nicht beschrieben, welche ein vorzeitiges Losgehen des Schusses verhütet, ferner ist noch nicht angedeutet, dass die Schnellfeuergeschütze meist mit elektrischen Zündvorrichtungen versehen sind, dass Einrichtungen zum Bewegen derselben mittels Elektromotoren getroffen worden sind, dass die Getriebe für die Seitenrichtung ausgeschaltet werden können, um ein schnelleres Drehen der Laffeten nach weit abliegenden neuen Richtungen zu gestatten; der Transport der Munition aus dem Schiffsinneren ans Geschütz durch |76| Paternosterwerke oder andere Einrichtungen müssten noch erwähnt werden.

Eine Erweiterung der vorliegenden Besprechung würde aber vielleicht nur für Fachleute bemerkenswerth gewesen sein. Hier sollte nur ein allgemeines Bild von der gewaltigen und plötzlichen Umgestaltung des Geschützwesens gegeben werden, welche lediglich durch die Privatindustrie hervorgerufen und durchgeführt worden ist.

(Als Quellen sind benutzt: Revue d'Artillerie, The Engineering, und The Engineer von 1891, ausserdem Notizen des Verfassers von der Londoner Naval Exhibition 1891.)

Auf dem Lande haben Schnellfeuergeschütze in den letzten Jahren bei Befestigungen Verwendung gefunden in Verbindung mit Panzerungen. Da die Industrie stark von diesen Arbeiten berührt worden ist, so verdienen die zur Zeit ausgedehntesten derselben eine Erwähnung.

Die belgische Maasbefestigung.

Zur Verteidigung der Maas hat Belgien Lüttich und Namur mit Forts ganz neuer Art umgeben lassen, welche beinahe fertiggestellt sind. Nach dem zwischen diesen Städten gelegenen Huy sollen vielleicht noch einige kommen und wahrscheinlich werden die Werke von Antwerpen der Waffenwirkung der Neuzeit entsprechend so umgearbeitet, dass dieser Ort wieder der Hauptplatz der Landesverteidigung wird, wie es früher der Fall war.

Textabbildung Bd. 285, S. 76
Die Forts werden von aussen wie riesige Betonblöcke von dreieckiger oder trapezförmiger, in den Ecken abgerundeter Oberfläche erscheinen, welche sich 3 bis 4 m über dem natürlichen Boden erheben. Das Mörtel werk ist bis 10 m in den gewachsenen Boden eingelassen, bietet einer Besatzung den nöthigen Hohlraum und dient zur Aufnahme von Panzerständen für Geschütze, Scheinwerfer (und vielleicht für den Feuerleitenden [Commandeur]). Diese Stände sind in brunnenartige Vertiefungen eingelassen und so eingerichtet, dass sie von aussen schwer zu bemerken sind, oder dass sie ganz nach unten verschwinden können, um im Gebrauchsfalle für kurze Zeit über der Betonmasse zu erscheinen. Bei Namur sind 9, bei Lüttich 12 solcher Forts angelegt mit zusammen 192 Panzerkuppeln, von diesen dient eine in jedem Fort für den Scheinwerfer, die übrigen für Geschütze und zwar 77 als versenkbare Panzerkuppeln für (leichte) Nordenfeldt- (Schnellfeuer-) Kanonen; Panzerstände sind eingerichtet für eine 21 cm-Haubitze, für zwei 15 cm- und für eine oder zwei 12 cm-Kanonen.

Die recht erheblichen Arbeiten zur Herstellung der Geschützpanzerstände waren an vier Gruppen von Fabriken übertragen worden und zwar an:

1) Cockerill (Seraing) und die Aciéries de la marine (St. Chamond).

2) Cockerill und das Grusonwerk (Buckau bei Magdeburg).

3) Atéliers de la Meuse (Lüttich), Marcinelle-Couillet (Hainaut) und Chatillon-Commentry.

4) van de Kerckhove (Gent) und Schneider (Le Creusot).

Krupp lieferte die 21 cm-Haubitzen und 15 cm-Kanonen, die belgische Staats-Geschützgiesserei die 12 cm-, Cockerill die Nordenfeldt-Kanonen, die Atéliers de la Meuse die Scheinwerferkuppeln (phares à éclipse).

Um eine Anschauung eines Panzerstandes zu geben, ist in Fig. 14 der Durchschnitt eines solchen für zwei 12 cm-Kanonen dargestellt. Er ist der Revue de l'armée beige vom October 1891 entnommen. Die Stände der 15 cm-Kanonen und 21 cm-Haubitzen ist nach bekannt gewordenen Angaben auch nicht sehr wesentlich abweichend. In dem brunnenartigen Einbau der Betonmasse ist ein Absatz gebildet, welcher die ganze Aushöhlung in drei Stockwerke zu theilen scheint. Auf denselben ist ein (kreisförmiger) eiserner Rand gelegt, um die Bahn für eine Anzahl von konischen Walzen zu bilden, auf welchen sich die Unterkante eines aus 2 cm dicken Eisenplatten bestehenden Hohlcylinders stützt und drehend bewegt. Derselbe trägt eine 20 cm dicke Panzerkuppel und bietet einen aus Eisenträgern, Balken und Bohlen bestehenden Zwischenboden zur Aufstellung der (beiden) Geschütze dar; er ist 2,2 m hoch und hat 5 m Durchmesser. Die sehr flache Panzerkuppel ist aus Walzeisen (fer laminé, nicht aus Hartguss); sie hat eine sehr kleine Scharte für die Geschützmündung und ein „Mannloch“ zum Eichten über ein auf der Aussenfläche befindliches Visir und Korn. Unter derselben liegen, sich anschmiegend, zwei starke Blechplatten. Jede Laffete besteht im grossen Ganzen aus zwei mit einander verriegelten Wänden; jede derselben hat einen (in der Zeichnung |77| nach rechts gerichteten) Ansatz, welcher zur Verbindung mit der Wand des panzertragenden Hohlcylinders dient und gleichzeitig den Drehpunkt für ein Verbindungsstück mit dem in der Scharte liegenden Vordertheil des Rohres abgibt. Die Wände sind mit dem Zwischenboden verschraubt. Sie dienen einem um das Rohr gelegten Mantel (einer sogen. „Schumann'schen Jacke“) als Führungscoulisse. Der Mantel reicht bei diesen 12 cm-Kanonen fast von der Mündung bis zu den Schildzapfen. In ihm kann sich das Rohr nach rückwärts (in der Zeichnung nach „links“) bewegen. Diese Bewegung wird durch eine Vorrichtung geregelt, welche sehr ähnlich der bei der Hotchkiss-Schnellfeuerkanone (mit Bremse „neben“ dem Rohre, Fig. 6) ist. Die Schildzapfen des Rohres stecken in einem Gehäuse, welches mit den Kolbenstangen zweier im Hintertheil der „Jacke“ neben dem Rohre liegenden Bremsen verbunden ist. Nuthen in diesem Gehäuse unter den Schildzapfen gleiten über Leisten, welche ebenfalls mit der „Jacke“ verbunden sind, und sichern die Führung des Rohres beim Rücklauf. Das Vorbringen desselben bewirkt eine Feder (récupérateur), welche aber hier nicht „neben“, sondern „unter“ dem Rohre liegt. Der Hintertheil der „Jacke“ ist so eingerichtet, dass er beim Schusse sich gegen entsprechende Leisten an der Innenseite der Laffetenwände lehnen kann; die gekrümmte Form der letzteren ist der Drehung des Rohres (und seines Mantels) um den dicht bei oder in der Scharte gelegenen Drehpunkt angepasst. Das Heben und Senken des Rohres wird mittels Zahnrad-Vorrichtung bewerkstelligt; es muss indess erwähnt werden, dass eine besondere Bremsvorrichtung nothwendig zu sein scheint, welche macht, dass die Jacke ihre Richtung beibehält, wenn das grosse Hintergewicht des zurück gelaufenen Rohres stark nach unten zieht. Der Rücklauf ist auf nur 14 cm (bei den 12 cm-Kanonen) bemessen. (Es war der Vorschlag gemacht worden, das Rohr unmittelbar an der Panzerkuppel zu befestigen; es ist dies aber nicht geschehen, um die Stütze und die Drehungsvorrichtungen derselben zu schonen und leichter machen zu können.)

Unter dem Zwischenboden sind an der Innenseite des Hohlcylinders zwei gezahnte Hohlräder über einander angebracht – dieselben dienen zum Drehen der Kuppel. Für gewöhnlich wird dies durch das Stirnrad einer Stange vermittelt, welche durch ein Handgetriebe im untersten Stockwerke in Bewegung gesetzt wird. Zum schnellen Richten kann ein anderes Handgetriebe auf dem Zwischenboden der Drehkuppel benutzt werden.

Zwischen den gezahnten Hohlrädern befindet sich an der Innenwand des Hohlcylinders eine Gradeintheilung, welche zum Einstellen der Kuppel in eine bestimmte Richtung dient.

Ein Munitionsaufzug führt vom unteren Stockwerke nach oben, ein Sprachrohr dient zur Verbindung der Stockwerke. Da der nach hinten aus dem Rohre austretende Pulverdampf sehr lästig wird, so ist ein besonderer Ventilator zum Wegschaffen desselben angelegt. – Um das Eindringen des giftigen Rauches platzender mit Melinit geladener feindlicher Geschosse zu verhindern, ist in der Kuppel der Raum zwischen Scharte und Rohrjacke durch besondere elastische Mittel geschlossen.

Um die Kuppel legt sich, eine Fuge frei lassend, ein Vorpanzer aus Hartguss. Es ist anzunehmen, dass diese Fuge in Wirklichkeit durch einen Blechring geschlossen wird, denn sonst würde der durch feindliches Feuer herumgeschleuderte Betonschutt durch die Erschütterungen der eigenen Schüsse ein Verkeilen herbeiführen, welches eine weitere Bewegung der Kuppel unmöglich macht. (Wenn in die Rohrmündung Sand oder kleine Steinstücke hineingeflogen sind, so schadet das dem Rohre nicht, sie werden durch das Geschoss des nächsten Schusses hinausgeschoben, wie Schweizer Versuche gezeigt haben.)

Nur sehr viele Treffer vermögen die Kuppel zu zerstören; einzelne erzwingen nur dann eine zeitweise Einstellung des Feuers, wenn sie die Rohrmündung treffen; nach dem Einlegen eines neuen Rohres kann aber das Schiessen wieder aufgenommen werden. Am meisten werden diese Forts mit Panzerständen durch die Zerstörung des Betons zu fürchten haben, welche durch alle auftreffenden, besonders durch die ein Kuppelziel verfehlenden Geschosse verursacht wird; die immerhin denkbare Durchbrechung der Betonmasse am und unter dem Vorpanzer würde einen ganzen Geschützstand wehrlos machen. 1000 15 cm- und 21 cm-Melinitgranaten, d. i. die Schussleistung von vier Angriffsbatterien während eines Tages, würden die Widerstandsfähigkeit eines Forts erheblich schwächen, wenn sie nur seine Betondecke träfen. Es unterliegt aber keinem Zweifel, dass ein derartiges Betonfort mit Panzerkuppeln eine Zeitlang, vielleicht einige Tage Widerstand leisten kann; ist es ein Sperrfort, so vermag es wohl auf diese Dauer ein Gelände für ein Heer zu sperren.

Es ist das eine bemerkenswerthe Thatsache; denn durch die Einführung der Turpin'schen Melinitgranate (seit 1886) waren die damaligen Befestigungsbauten sehr werthlos geworden, eine Beschiessung von wenigen Stunden würde sie in Trümmerhaufen verwandelt haben. Die Artillerie schien also, wenn man so sagen darf, die „Fortification“ nutzlos gemacht zu haben. Dies ist jetzt wieder geändert; letztere hat durch die neuesten Bauten ihre Daseinsberechtigung dargelegt.

Textabbildung Bd. 285, S. 77
Es darf nicht unerwähnt bleiben, dass gerade in Deutschland die Geschützpanzerstände durch die Thätigkeit eines verstorbenen Oberstlieutenants a. D. Schumann und durch das Grusonwerk auf ihren hoben Grad der Vollkommenheit gebracht worden sind. Genanntes Werk hat bekanntlich vor zwei Jahren eine Reihe von Versuchen mit Panzerständen ausgeführt (letztere wurden, wenn die Kuppel gewissermaassen als Laffete für das Rohr |78| diente, „Panzerlaffeten“ genannt). Bemerkenswerth ist vielleicht die Anordnung des Werkes, die Kuppel ein kurzes Stück (hydraulisch oder mechanisch) zu heben; dadurch wurde es möglich, die Fuge zwischen Kuppel und Vorpanzer fest zu schliessen; nur vor dem „Eichten“ wurde erstere einige Centimeter gehoben, um die nöthige Drehung zu erlauben. (Es ist noch nicht bekannt geworden, ob diese Einrichtung bei den belgischen Panzerständen für 21 cm-Haubitzen in Anwendung gekommen sei.)

Um gleichzeitig eine Vorstellung von den bei der Maasbefestigung angewandten versenkbaren Kuppeln für Nordenfeldt-Schnellfeuerkanonen kleinen Kalibers zu geben, sei hier die Beschreibung einer Verschwindungskuppel für Scheinwerfer gegeben (dieselbe kann wahrscheinlich im Bedarfsfalle zur Aufnahme eines Geschützrohres dienen).

An einem hoch gelegenen Punkte jeden Forts ist eine brunnenförmige Einlassung angebracht für einen kleinen (in Fig. 16 s. Fortsetzung dargestellten) Hohlcylinder mit Kuppel, Fussboden und Apparat zum Beleuchten des Vorgeländes. Der ganze Hohlcylinder wird hydraulisch gehoben oder so weit gesenkt, dass seine Kuppel zwischen dem Vorpanzer vollständig versenkt liegt; seine Drehung geschieht durch ein Handgetriebe. Der Beleuchtungsapparat steht in Verbindung mit einer besonders für solche Forts erbauten Maschine, welche auch die Beleuchtung des Inneren des Werkes auszuführen hat. Bei 60 cm Linsenweite kann das Gelände noch bis auf 4000 m genügend beleuchtet werden (bei 75 Ampère; nach neueren Versuchen kann vielleicht bei 85 noch über 6000 m weit geleuchtet werden).

Es muss hier eingeschaltet werden, dass Sorge getragen ist, Beleuchtungsapparate auch ausserhalb der Forts aufstellen und mit den dortigen Maschinen bedienen zu können. Die Benutzung der beschriebenen Verschwindungskuppel (coupole-phare cuirassée à éclipse) wird doch nur in wenigen Fällen angängig sein. Die 60 cm Durchmesser haltende Linse ist leicht verletzlich durch feindliche Schüsse und durch herumfliegende Mörtelstückchen (durch letztere wird sie „blind“). Dann aber würde ihre Benutzung den Truppen des Angreifers genau die Stelle des Forts angeben und letzterem dadurch von sehr grossem Nutzen werden.

(Da noch wenige Erfahrungen über elektrische Beleuchtung im Kriege vorliegen, so darf eine hierauf bezügliche Erfahrung aus den Jahren 1870/71 wohl eingeschoben werden. Die Angriffsbatterie 10 auf der Südfront von Paris sollte so gebaut werden, dass die Front-Brustwehr gegen Fort Vanves gerichtet lag; mehrere Schulterwehren sollten senkrecht zur Front eingebaut werden. Beim Anfange des Baues wurde der rechte Flügel der letzteren aus Befürchtung vor Flankenfeuer so weit zurückgelegt, dass sie mit der ursprünglich beabsichtigten Lage einen Winkel von ungefähr 20° bildete. Die Schulter wehren wurden aber unglücklicher Weise senkrecht zu dieser neuen, wirklichen Baufluchtlinie gelegt. Als der Bau schon fertig war, wurde eines Abends eine Latte nach dem in Fort Vanves auftretenden elektrischen Licht eingerichtet und festgelegt. Am anderen Morgen wurde die Lage der Schulterwehren danach untersucht; dieselbe war so, dass ein Schiessen nach dem befohlenen Ziele unmöglich gewesen wäre; es fand deshalb schleunigst ein Umbau statt. Ohne das elektrische Licht von Fort Vanves hätte die Batterie ihr Feuer dorthin zur festgesetzten Zeit nicht eröffnen können. Da es jetzt Grundsatz geworden ist, Batterien so gedeckt wie möglich gegen Sicht des Gegners anzulegen, und da die Zeit, um deren Schuss- und Fluchtlinien festzulegen, in der Regel sehr spärlich bemessen sein wird, so kann es häufig vorkommen, dass die Schusslinien dann, wenn das Feuer eröffnet werden soll, gar nicht oder unrichtig abgesteckt sind. Leuchtet nun während der Baunacht das demnächst zu beschiessende Ziel mit einem starken Licht gegen das Vorgelände, so ist der Batteriebauende meist im Stande, aus dem Lichtkegel seine Schusslinien dorthin leicht und gefahrlos festzustellen; und das kann ein Mittel sein, um möglicher Weise viele Zeit, viele Munition zu sparen, es kann unter Umständen die Hauptsache des Gelingens des ganzen Angriffs werden. – Um dem Angreifer durch Beleuchtungsapparate keine zu grossen Vortheile zu verschaffen, bleibt dem Vertheidiger nur übrig, seine Scheinwerfer so viel wie möglich vor-, rück- oder seitwärts der Forts an immer wechselnden hohen Punkten, auf Bäumen und leichten Gerüsten aufzustellen; eine Panzerung wird aber dann wohl nur gegen Shrapnelkugeln und Gewehrgeschosse möglich sein; als Vorbereitung würde aber im Frieden schon die Herstellung eines gesicherten Leitungsnetzes für starke Ströme nothwendig sein.)

Die vorliegenden Andeutungen geben vielleicht ein Bild davon, wie wichtig die Befestigungskunst und die Waffentechnik für die Thätigkeit der Privatindustrie werden kann. Der Umbau der Sperrforts in Frankreich, die Passbefestigung in der Schweiz, die rumänischen Befestigungen haben wahrscheinlich noch andere grosse Beschäftigung geliefert, ebenso vielleicht die Herstellung der kleinen transportabeln „Panzerlaffeten“ mit ihren Schnellfeuerkanonen kleinen Kalibers, welche vor zwei Jahren vom Grusonwerk zuerst gezeigt worden sind.

Es liefert die Gesammtbetrachtung über die Panzerkuppeln und die Schnellfeuerkanonen aber auch den Beweis von der Bedeutung der Privatindustrie für die Militär- und Marineverwaltung; nach den vorliegenden Thatsachen darf man wohl sagen: die Privatindustrie eröffnete der Befestigungskunst und der Artillerie ganz neue, bisher unbekannte Wirkungskreise.

(Schluss folgt.)

|75|

Die Annahme, welche diesem gedachten Gefechte zu Grunde liegt, stützt sich zum Theil auf die Erklärung des französischen Marineministeriums. Danach sollte zu Ende 1891 die französische Flotte mit 100 Schnellfeuerkanonen ausgerüstet sein. Nach Zeitungsnachrichten besass aber die englische Flotte schon um die Mitte des Jahres 400. Es wäre somit gar nicht unmöglich gewesen und würde im Augenblick (Anfang 1892) auch noch möglich sein, dass ein Kriegsschiff mit gewöhnlichen Kanonen einem mit Schnellfeuerkanonen ausgerüsteten begegnet.

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